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Kultur

Gemüse und Gefühle

Achtsamkeit lernen mit Michelle Obama

Beschreibe deinen stolzesten Augenblick! Ausfüll-Besinnungsbücher sollen zu mehr Lebenszufriedenheit führen - jetzt hat auch Michelle Obama, die Posterfrau des Sein-Leben-auf-der-Reihe-Habens, eines verfasst.

Amy Harris/ AP

Michelle Obama wünschte, sie hätte ihre Entwicklung besser dokumentiert

Ein Selbstversuch von
Samstag, 23.11.2019   13:14 Uhr

Ich habe ein schwieriges Verhältnis zu Ausfüllbüchern, diesen Achtsamkeitskladden für ein bewussteres Leben, die in den vergangenen Jahren modern wurden und die ich mir manchmal versehentlich kaufe, wahrscheinlich aus demselben Reflex, aus dem sich Leute auch im Fitnessstudio anmelden, um dann niemals hinzugehen. Meistens liegen diese Bücher nämlich unausgefüllt bei mir herum, bis mich irgendwann ein Rappel packt und ich sie mit sehr ausführlichen, komplett unrealistischen Listen fülle, voll mit Maßnahmen, mit denen ich mein Leben sehr bald zu bessern gedenke. Um dann selbstverständlich nichts zu unternehmen.

Nun gibt es ein neues Besinnungsbuch, zusammengestellt und moderiert nicht von irgendwem, sondern von der Posterfrau des Sein-Leben-auf-der-Reihe-Habens, der Würdewahrerin schlechthin: Michelle Obama.

Ihrer Erfolgsbiografie "Becoming" hat sie nun ein ergänzendes "inspirierendes Ausfüllbuch" nachgelegt, voll mit Fragen und mit reichlich Raum für Notizen, die einem dabei helfen sollen, die "innere Stimme" zu hören. Warum so ein Buch nützlich ist, erklärt sie im Vorwort: "Irgendwann trug ich Ballkleider im Weißen Haus, ohne genau zu wissen, wie es dazu eigentlich gekommen war." Sie wünschte, sie hätte ihre Entwicklung dorthin besser dokumentiert. Und damit es mir nicht genauso geht, wenn ich mich eines Tages unversehens in einem sehr bequemen Regenten-Jogginganzug wiederfinde, beschließe ich, dem Ausfüllbuchgenre eine letzte Chance zu geben.

"Beschreibe deinen stolzesten Augenblick so detailliert wie möglich"

Es fängt dann aber schon schwierig an: "Wir müssen uns nicht an alles erinnern. Aber alles, woran wir uns erinnern, ist kostbar", behauptet Michelle. Und ich zweifele das an. Weil mir im Rückblick oft nur ziemlich unkostbar scheinende Sachen einfallen: Vom Wochenende mit dem damaligen Freund in Paris erinnere ich nur noch den Moment, als uns ein grässlicher französischer Versteckte-Kamera-Comedian in einem Pelzmantel umtanzte. Zu einer Reise nach Wien mit einer anderen Bekanntschaft fallen mir nur noch die ausgestellten Privatfamilienfilmchen im Sigmund-Freud-Museum ein, die den Giganten der Psychoanalyse im albernen Spiel mit seinen Chow-Chows zeigten.

Preisabfragezeitpunkt:
07.12.2019, 12:16 Uhr
Ohne Gewähr

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Obama, Michelle
BECOMING: Finde deine innere Stimme: Das inspirierende Ausfüllbuch

Verlag:
Goldmann Verlag
Seiten:
208
Preis:
12,95 €

Vielleicht ist aber auch das wieder total okay. Michelle schreibt, es gehe darum, die eigenen Erfahrungen und Gefühle "in ihrer ganzen Unzulänglichkeit und wertfrei" aufzuschreiben - um dadurch nicht unbedingt jetzt sofort zu einer Erkenntnis zu kommen, aber vielleicht später im Rückblick: "Vielleicht notierst du dir so etwas Banales wie das Geräusch eines Eiskratzers auf einer Windschutzscheibe an einem eiskalten Morgen in Chicago."

Cool, aber wie soll ich mit "Krrrrck, krrrck, krrck" die vorgesehene ganze leere Seite füllen? Einer ihrer liebsten eigenen Tagebucheinträge, schreibt Michelle, handele davon, "dass an einem ansonsten ereignisarmen Abend in einem Restaurant in der Nachbarschaft ein älterer Mann die perfekte Playlist in die Jukebox eingab".

Fragen, die ans Eingemachte gehen

Ich habe neulich in einem Restaurant die Bekanntschaft eines netten Foxterriers gemacht, dessen deutscher Besitzer, herrlich exzentrisch, nur Englisch mit ihm sprach und ihn aufs Schönste zur Räson rief, wenn er zu wild mit mir balgen wollte: "Oskar, don't exaggerate!"

Und habe jetzt trotz Michelles Ermutigung Hemmungen, das so einzutragen. Weil mir diese Erinnerung im Vergleich zum Hollywoodmoment "perfekte Playlist" doch schnöde vorkommt. Außerdem ist das Buch selbst so schön und würdig gebunden und der Titel "Becoming" auf dem Cover roségold geprägt.

Ich blättere weiter, viele Fragen gehen ziemlich ans Eingemachte - was einen seltsamen Effekt hat: Einerseits ist Michelle Obama einer der wenigen berühmten Menschen, mit denen ich mich tatsächlich gerne mal unterhalten würde, andererseits fühlt es sich irgendwie so an, als würde sie als imaginäre Fragestellerin auch die Antworten lesen. "Wie lautet deine Geschichte, und wie hast du gelernt, sie aufzunehmen?" Keine Simplizitäten, die man mal eben nebenbei ausfüllt wie ein Freundebuch, Lieblingsessen: Spaghetti, Lieblingsfarbe: blau.

Ein paar Seiten weiter soll ich meine größten Wünsche aufschreiben, dazu immer noch einen ersten Schritt, der sie auch wahrmachen könnte, sie also gleich auch realistischer machen soll. Also gut, ich schreibe "Raus aus Berlin", und darunter: "Immobilien in der Uckermark recherchieren".

"Nenne zehn Lieblingsgemüse und wie du sie am liebsten zubereitest"

Zwischen den tiefen Tauchgängen gibt es immer wieder kurze Schnorcheleien an der Oberfläche, zum Luftholen: Was sind die Lieblingsgerichte deiner Familie? Beschreibe deinen perfekten Tag von Frühstück bis Abendessen! Liste zehn lustige Dinge auf, die du gerne machst!

Diese Seiten füllen sich leicht, aber dann geht es schon wieder an die Substanz: Was würdest du gerne einen geliebten, aber schon toten Menschen fragen? Was für ein Mensch willst du werden, was zum Wohl der Welt beitragen? Ich ahne, dass es lohnend sein könnte, darüber nachzudenken, aber es kostet Anstrengung. Später vielleicht, ich ahne, dass da vieles im Unterbewussten weiterknabbern wird.

Manche Fragen verstehe ich nicht: "Wie bringst du deine eigene Geschichte, Kultur und Erfahrung in Bereiche, wo sie bis jetzt nicht vorgekommen sind?" Keine Ahnung, was das heißen soll, ich male mitten auf die leere Seite ein Tierchen, das mit den Achseln zuckt. Anderes würde auf Englisch wahrscheinlich besser klingen: "Was kannst du - als Individuum, Elternteil oder Angehöriger einer Gemeinschaft - tun, um mitzuhelfen, einen Teufelskreis aus Furcht und Versagen zu durchbrechen?"

Lieber über Rosenkohl reden

Ich rette mich vorerst zu "Nenne zehn Lieblingsgemüse und wie du sie am liebsten zubereitest" und notiere: "Rosenkohl, im Ofen geschmort", es fühlt sich ein bisschen wie mein Gemüsevermächtnis an, wer weiß, wer das einmal lesen wird. Aber das muss man ausblenden, wenn man Denkaufgaben wie "Was war dein größtes Opfer?" oder "Was würdest du in einer Rede Uniabsolventen raten?" beantworten will.

Manchmal tut "Becoming" ein bisschen so, als müsste man gar nicht erst etwas oder jemand werden, als sei man in Wahrheit eh schon ziemlich michellig. "When they go low, we go high" - wenn sie sich von ihrer schlechtesten Seite zeigen, zeigen wir uns von unserer besten. Wie setzt du dieses Motto in die Tat um? Ähm, ja.

Ich schreibe erst einmal an anderer Stelle, warum das Zeichentrick-Erdferkel namens Die blaue Elise für mich als Kind ein wichtiges Vorbild war. Und beschließe, falls ich Michelle wirklich einmal treffen sollte, einfach tatsächlich nicht über Gefühle, sondern nur über Rosenkohl zu reden.

insgesamt 5 Beiträge
Schartin Mulz 23.11.2019
1. Darf die das?
Sich über St. Michelle lustig machen?
Sich über St. Michelle lustig machen?
dasfred 23.11.2019
2. Fragen über Fragen
Fragen, die man sich nie selbst stellen würde, sind das Nachdenken nicht wert. Es kramt nur Erinnerungen hervor, die längst ihrem Platz in der hintersten Ecke der Rumpelkammer haben und dazu nötigen, diese ganzen Kammer der [...]
Fragen, die man sich nie selbst stellen würde, sind das Nachdenken nicht wert. Es kramt nur Erinnerungen hervor, die längst ihrem Platz in der hintersten Ecke der Rumpelkammer haben und dazu nötigen, diese ganzen Kammer der Erinnerung komplett aufzuräumen. Das will niemand so wirklich. Es muss Gedanken geben, die eines Tages mit mir für immer verschwinden. Rosenkohl ist ok aber bei anderen Dingen bin ich froh, sie gut verdrängen zu können. Das ist meiner Meinung nach eine Fähigkeit, die man nicht unterschätzen sollte.
herwescher 23.11.2019
3. Jedes Gemüse hat sein eigenes Gefühl ...
Da ist der rationale Spinat, immer nüchtern, nie erregt, der kecke Lauch, der immer sich immer über seine Mitgeschöpfe erheben will, der zu Besinnlichkeit neigende Rosenkohl, immer besorgt und nachdenklich ... Die lustigen [...]
Da ist der rationale Spinat, immer nüchtern, nie erregt, der kecke Lauch, der immer sich immer über seine Mitgeschöpfe erheben will, der zu Besinnlichkeit neigende Rosenkohl, immer besorgt und nachdenklich ... Die lustigen Möhrchen, gesellig und immer die Gemeinschaft der Erbschen suchend, die vor tiefsinnigem Witz gerne umherkullern ... Man findet Gemüse wie Menschen, man muss ihm nur zu hören und lernen. Demütig ...
Avagin von Varanasi 24.11.2019
4. Dafür gibt es immer Geld
Nun sie war auch schon Modeikone. Wo wir doch alle wissen, dass nur das minderjährige weiße Mädchen in superslim die höchsten Anforderungen an Grazie und Eleganz vermitteln kann. Im Anruf vollkommener Unberührtheit. Umhüllt [...]
Nun sie war auch schon Modeikone. Wo wir doch alle wissen, dass nur das minderjährige weiße Mädchen in superslim die höchsten Anforderungen an Grazie und Eleganz vermitteln kann. Im Anruf vollkommener Unberührtheit. Umhüllt vom Versprechen des Gegenteisl. Nun, was soll sie als offensichtlich Andere schon vermitteln können, als die Zufriedenheit im Ungenügenden? Dafür gibt es immer Geld!
5plus1 24.11.2019
5. Geld stinkt nicht
Ich bin sicher, dass Fr. Obama auf dem Weg ins Weiße Haus unentwegt über ihre zehn Lieblingsgemüse und wie man besser wird, wenn andre schlechter werden oder größer wenn andere kleiner oder dicker wenn andere dünner werden [...]
Ich bin sicher, dass Fr. Obama auf dem Weg ins Weiße Haus unentwegt über ihre zehn Lieblingsgemüse und wie man besser wird, wenn andre schlechter werden oder größer wenn andere kleiner oder dicker wenn andere dünner werden nachgedacht und diese wertvollen Gedanken auch notiert hat. Das Buch hat sie wahrscheinlich nicht mal selbst geschrieben, sondern nur ihren Namen dafür gegeben. Schade, eigentlich wollen ja alle daran glauben, dass die Obamas besonders edle Menschen sind. Sind sie aber nicht. Wenn Sie mit ihrem Namen Geld verdienen können, tun sie es auch. Ist nicht verwerflich, aber auch nichts besonders Edelmütiges, schon gar keine Lebensberatung. Ich denke nicht, dass es dem Fließbandarbeiter viel bringt, in Fr. Obamas Ausfüllbuch zu schreiben, dass er gerne Herzchirurg wäre. Es bringt aber Fr. Obama Tantiemen, wenn er das Buch kauft.
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