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Kultur

Debütroman über das Erwachsenwerden

Zahnlos in der Wildnis

Wenn der Bewegungsradius an der Hecke aufhört: Im Roman von Helene Bukowski lebt ein Mädchen mit der restriktiven Mutter abgeschnitten vom Rest der Welt - doch sie begehrt auf.

Rabea Edel/ Aufbau

Autorin Helene Bukowski

Von
Donnerstag, 14.03.2019   17:40 Uhr

Für ihren Debütroman lebte Helene Bukowski angeblich mehrere Wochen in einer Hütte in der niedersächsischen Provinz. Ein Hund, ein paar Moorfelder, eine ältere Dame. Viel mehr gab es dort nicht, sagt sie. In ihrem Roman "Milchzähne" ist sogar der Weg nach draußen gekappt: Zwischen einem namenlosen Fluss und einer Nebelwand lebt ein Mädchen namens Skalde mit seiner Mutter Edith. Die Brücke haben Unbekannte vor langer Zeit abgerissen.

Damals soll es ein großes Unglück gegeben haben. Feuer, Staub, keiner weiß es genau. Noch immer flüchten Rehe aus einer Nebelwand. Skalde kam in einem Haus zwischen Kiefern und Brombeergestrüpp zur Welt. Der Vater ist tot. Weiter als zur Hecke darf Skalde nicht gehen. Warum? Das versteht das Mädchen selbst nicht. Die Regel gab ihr die Mutter mit. Eine Gefahr soll dort lauern. Das Haus ist dunkel, die Fenster sind mit Zeitung verklebt. Klar ist nur eines: Wenn "sie" kommen, sagt Edith, dann "knall ich sie ab".

Der Roman "Milchzähne" schwebt zunächst zwischen Postapokalypse und Robinsonade. Menschen werden zu Selbstversorgern. Hinterm Haus baut Skalde Gemüse an, füttert Kaninchen. Skalde kennt keine Zeit - nur Licht und Dunkelheit. Die Außenwelt scheint anfangs wie eine Bedrohung vor der Haustür zu lauern. Schon nach wenigen Seiten wird aber deutlich, dass die eigentlichen Probleme im Inneren liegen. Als Skalde den ersten Milchzahn verliert, kippt die Stimmung. Die unterschwellige Angst wendet sich in Hass gegen die restriktive Mutter.

Alle Bezugspunkte fehlen

Bukowski arbeitet dazu mit plastischen Bildern, zwischen die sie (alb)traumhafte Sequenzen montiert. Der Mantel der Mutter ist so schwarz "wie die Regentonne neben dem Haus". Insgeheim stellt sich Skalde immer wieder vor, die Mutter umzubringen. "Ich möchte den Körper der Mutter nehmen, im staubigen Sand platzieren und darüber mit dem Pick-up meine Runde drehen."

Das gemeinsame Haus mit seinen abgedunkelten Kammern bekommt so eine neue Dimension. Jeder Gegenstand ist wie in einem Stillleben drapiert: schwarze Kommoden. Von Leinentüchern verhüllte Schränke. Selbst die Mutter gehört irgendwie zur Möbelausstattung. Edith verbringt den kompletten Tag auf dem Sofa. Schläft, liest, starrt die Decke an. Das Sofa ist Ediths Revier, "der beigefarbene Bezug war abgewetzt, als hätte sich ein großes Tier daran abgerieben". Drumherum stehen Teller mit Essensresten.

In dieser unaufgeräumten und vormarkierten Umgebung versucht Skalde, irgendwie Sinn zu finden. Doch dazu fehlt jeder Bezugspunkt: Die Mutter kümmert sich nicht um sie. Kontakte zur Welt auf der anderen Flussseite fehlen. In dieser extremen Fixierung der Figur auf sich selbst - der Roman ist komplett in Ich-Perspektive geschrieben - schafft Bukowski ein beklemmendes Psychogramm.

Kein Befreiungsschlag

"Milchzähne" ist ein Buch übers Erwachsenwerden: Ein Mädchen entdeckt seine beschränkte Welt zwischen Speisekeller und Brombeerhecken. Gerade in der Umsetzung und dem sprachlichen Stochern jenseits von Hecken und Nebel ("Der Wald dahinter kam mir vor wie eine Kulisse.") bekommt die Geschichte ihren besonderen Reiz.

Allein schon das Setting erinnert an eskapistisch anmutende Romane wie Marlen Haushofers "Die Wand": Eine Frau wird von der Zivilisation abgeschnitten, um ihre Hütte in den Bergen verläuft plötzlich eine durchsichtige Wand. Auch bei Haushofer richtet sich die Protagonistin in der beengten Einöde ein, baut Kartoffeln an. Die Entwicklung der Hauptfigur geht bei Bukowski allerdings in eine andere Richtung. Skaldes Bewegungsradius vergrößert sich. Der Verlust der Milchzähne wird zur Ich-Erkenntnis.

Preisabfragezeitpunkt:
20.05.2019, 19:10 Uhr
Ohne Gewähr

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Helene Bukowski
Milchzähne: Roman

Verlag:
Blumenbar
Seiten:
256
Preis:
EUR 20,00

Ein Befreiungsschlag ist das trotzdem nicht. Bukowski spielt geschickt mit dem (Un-)Wissen der Erzählerin. Als Skalde ihren ersten Zahn verliert, liegt er "wie eine Perle" in ihrer Hand: "Dass sich ein Stück aus meinem eigenen Körper so einfach gelöst hatte, war für mich eine Ungeheuerlichkeit." Einfache Beobachtungen bekommen in dieser Isoliertheit etwas Magisches. Die "gleißende Helligkeit", der plötzliche blaue Himmel nach monatelangem Nebel wird zur Bedrohung: "Noch nie hatte ich mich so gefürchtet."

Manche Beobachtungen werden nicht weiter aufgelöst, an einigen Stellen verstrickt sich die Erzählerin sogar in Widersprüche (Woher kommen die benutzten Teller um das Sofa, wenn Edith doch angeblich nie aufsteht oder isst?). Manche Kapitel sind gerade einmal eine halbe Seite lang, stehen da wie Erinnerungsbruchstücke, ohne jeden Kontext.

Man könnte dem Roman deshalb vorwerfen, dass der rote Faden manchmal zerfleddert. Zum Konzept passt es aber dann irgendwie doch: Die Erinnerungen lassen sich nur in Teilen rekonstruieren und sind ein Versuch der Orientierung, wo die "Welt aus den Fugen geraten ist".

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