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Kultur

Romandebütantin Sarah Kuttner

"Simsalabim, guck mal, Witz!"

Schluss mit lustig? Als quasselnde Göre revolutionierte Sarah Kuttner das Musik-TV. Jetzt hat sie mit "Mängelexemplar" ihren ersten Roman geschrieben - über die Volkskrankheit Depression. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht sie über ihre ernsten Seiten, Angstattacken und kalkulierte Tabubrüche.

Freitag, 13.03.2009   12:34 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Frau Kuttner, Sie haben mit "Mängelexemplar" einen Roman über die Volkskrankheit Depression geschrieben. Verwandeln Sie sich vom lustigen Musikfernseh-Mädchen zur literarischen Ratgebertante?

Kuttner: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Das Buch ist kein Ratgeber. Ich erzähle einfach die Geschichte von jemandem, der wie wir alle ist - und trotzdem ein bisschen kaputt geht. Meine depressive Hauptfigur Karo ist ja kein Wrack, sondern ein normaler Mensch mit normalen Lebensumständen. Ein "Mängelexemplar" eben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben immer wieder betont, Sie könnten niemals einen Roman schreiben. Wie kam es doch dazu?

Kuttner: In erster Linie fehlte mir wohl immer ein Thema. Und dann wurde ich ein wenig von meinen Freunden inspiriert. Keiner von ihnen ist ein Freak und isst seine Haare oder sammelt Pferdeköpfe. Trotzdem leiden viele Menschen in meinem Umkreis auf irgendeine Art unter psychischen Problemen. Eine Freundin erzählte mir mal, dass ihr Psychiater gesagt hätte, eine Depression sei ein "fucking event". Das fand ich einen unverschämten, aber tollen ersten Satz für ein Buch! Im Auto hat es mich dann blitzmäßig erwischt: Über das Thema will ich schreiben! Also bin ich direkt nach Hause gefahren, habe mich hingesetzt und die ersten zwei Seiten geschrieben. Danach flutschte es.

SPIEGEL ONLINE: Keine Angst zu scheitern?

Kuttner: Doch, natürlich! Ich war mir bis zum Schluss nicht sicher, ob ich es zu Ende kriege. Deshalb habe ich kaum jemandem davon erzählt. Dem Verlag habe ich es zwischendurch nur kurz gezeigt, um sicher zu gehen, dass es nicht kompletter Mist ist. Aber es funktionierte und jetzt bin ich stolz und glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Karos Panikattacken sind sehr plastisch beschrieben. Woher wussten Sie, wie so was abläuft?

Kuttner: Ich habe zwar Psychiater getroffen, aber das war eher, um ein paar grundsätzliche Dinge zu kapieren. Der Rest ist sehr subjektiv. Ich habe viel mit betroffenen Bekannten gesprochen. Eine Depression kann auf 100 verschiedene Arten wahrgenommen werden - mein Glück, da konnte ich nicht so viel falsch machen. Außerdem hatte ich selber mal zwei oder drei Panikanfälle. Die waren zwar schnell wieder weg, aber ich weiß ungefähr, wie sich das anfühlt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind vor Kurzem 30 geworden. Wollten Sie mit dem Roman zeigen, dass Sie erwachsen geworden sind?

Kuttner: Das hat gar keine Rolle gespielt. Es ist schon erstaunlich, wie viele Gedanken sich Außenstehende machen. Ich bin da unbedarft hineingeschlittert und habe zum Beispiel nie an autobiografische Parallelen gedacht. Selbst der Verlag sagte irgendwann: Frau Kuttner, nur dass Sie vorbereitet sind, die Leute werden glauben, das sei autobiografisch. Und ich habe reagiert, als wäre ich fünf Jahre alt: Wirklich? Warum sollten Sie?

SPIEGEL ONLINE: Beim Lesen kommt einem tatsächlich schnell der Gedanke, dass die Geschichte autobiografisch sein könnte.

Kuttner: Viele Leute versuchen jetzt, ganz tief bei mir zu pulen. Aber da gibt es nichts zu pulen. Dann heißt es: Das kann man sich doch nicht ausdenken! Und ich sage: Warum nicht? John Irving hat sich ja auch ausgemalt, wie das ist, von einem Löwen die Hand abgebissen zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Hauptfigur ist witzig und versteckt sich hinter ihren Gags - genau wie die Moderatorin Sarah Kuttner.

Kuttner: Es gibt ja auch bei mir zwei Facetten: Sarah, wenn sie einen Job macht, mit Menschen, denen sie nicht emotional verbunden ist. Und Sarah im Privatleben. Da bin ich anders und verstecke nicht viel. Ich zeige, wenn ich traurig bin und ich fordere Zuneigung genauso stark ein, wie ich sie gebe.

SPIEGEL ONLINE: Coolness ist wichtig. Macht ihre Generation lieber einen flotten Spruch, als dass sie Schwächen offenbart?

Kuttner: Ich will nicht stellvertretend für eine Generation sprechen, aber ich kann den Charakterzug total nachvollziehen. In Momenten, in denen man das Gefühl hat, man will zu viel, nervt oder bringt Leute in Verlegenheit, lenkt man lieber ab: "Simsalabim, guck' mal, Witz!" Das mache ich auch, aber nicht so oft. Ich rüge auch mal Leute, wenn sie Sachen verwitzeln. Manchmal ist es ja wichtig, Klartext zu reden.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem liest sich das Buch wie ein Appell, hinter Ihre lustige Fassade zu blicken.

Kuttner: Nein, Quatsch. Ich kann mein Image nicht ändern, und die private Sarah geht im Grunde ja auch niemanden etwas an. Seit Jahren sage ich in Interviews, dass ich nicht ausschließlich so bin, wie alle immer vermuten. Und trotzdem fragen die Leute immer wieder, ob ich zu Hause auch so viel rede. Kaum einer ist bereit, in Erwägung zu ziehen, dass ich auch andere Seiten habe. Viele Leute sind oft unverschämt zu mir, aus einer Erwartungshaltung heraus. Die wollen mir auf demselben Coolness-Niveau begegnen und drücken mir einen Spruch rein. Das finde ich fürchterlich und unhöflich. Ich bin ein Mensch mit einem starren, fast konservativen Wertesystem.

insgesamt 16 Beiträge
sam clemens 13.03.2009
1. Werbung
Sarah Kuttner ist nicht nach meinem Geschmack. Das heißt ja noch lange nicht, dass sie nichts drauf hat, aber trotzdem drängt sich angesichts von Interviews und Ankündigungen der Eindruck auf, als ob man eine ins Trudeln [...]
Sarah Kuttner ist nicht nach meinem Geschmack. Das heißt ja noch lange nicht, dass sie nichts drauf hat, aber trotzdem drängt sich angesichts von Interviews und Ankündigungen der Eindruck auf, als ob man eine ins Trudeln gekommene Medienkarriere jetzt mit aller Macht (und mit reichlich kollegialer Unterstützung) wieder aufs richtige Gleis schieben will. Für einen Autor ist zu Recht alles wichtig, was er schreibt. Aber ist es auch mitteilenswert?
autoralexanderschwarz 13.03.2009
2. Mainstream
Die eigentliche Tragik unserer Zeit besteht darin, dass es inzwischen vollkommen egal ist, ob man moderiert, modelt, Bücher schreibt, Filme dreht, Musik macht. Scheinbar zählt nichts anderes als die erworbene Popularität und [...]
Die eigentliche Tragik unserer Zeit besteht darin, dass es inzwischen vollkommen egal ist, ob man moderiert, modelt, Bücher schreibt, Filme dreht, Musik macht. Scheinbar zählt nichts anderes als die erworbene Popularität und der Wille sie bestmöglich zu vermarkten. Das die Print- und Onlinemedien solche Kampagnen fortwährend stützen ist traurig aber wohl Ausdruck des Zeitgeistes.
Foul Breitner 13.03.2009
3. Glaub,
ich schreibe auch mal ein Buch.
ich schreibe auch mal ein Buch.
Masado 13.03.2009
4. noch ein Buch...noch ein Buch
toll, bestimmt ganz was neues zu dem Thema, noch dazu von einer Autorin mit viel Expertenerfahrung und Lebenserfahrung sowieso. Wird bestimmt ein Bestseller, genauso wie das von diesem Dieter B. oder wie hieß das Buch noch von [...]
toll, bestimmt ganz was neues zu dem Thema, noch dazu von einer Autorin mit viel Expertenerfahrung und Lebenserfahrung sowieso. Wird bestimmt ein Bestseller, genauso wie das von diesem Dieter B. oder wie hieß das Buch noch von dem Dingsbums über Dings...hach vergessen...
john_o 13.03.2009
5. Wozu?
Weshalb ein Interview zu einem Roman, dessen einzige Existenzberechtigung der Name der Autorin ist, deren einziger Verdienst es war, auf den sekundären Vermarktungssendern weniger negativ aufgefallen zu sein als einige [...]
Weshalb ein Interview zu einem Roman, dessen einzige Existenzberechtigung der Name der Autorin ist, deren einziger Verdienst es war, auf den sekundären Vermarktungssendern weniger negativ aufgefallen zu sein als einige Kolleginnen? Gut, die Frage erübrigt sich, aber wo blieben die kritischen Fragen zur Marktplatzierung? Feuchtgebiete erreichte viele Leser über die Bekanntheit von Charlotte Roche, die dank naiver Fragen einige Künstler aus der Reserve locken konnte, und sich ungekünstelt selber darstellt. Das war erfrischend in einer Fernsehlandschaft, in der auf jugendlich getrimmte Moderatoren brav die Selbstdarstellung von Verlagsmusikern erlaubten. Das Buch selber war kaum bahnbrechend, die geplante und erreichte Verbreitung des Stoffes um so mehr. Hier hätte sich ein Kommentar zum momentanen Buchmarkt in Deutschland angeboten. Die Rolle der Vermarktung scheint einen bisher unerreichten Stellenwerk in unserer Kultur eingenommen zu haben. Musik kennen wir aus dem Radio, Bücher aus dem Fernsehen. Ein Netz der Intertextualität lässt sich so bequem neu spannen, und Verweise auf ein modernes Selbstverständnis und populäre Kultur erhalten Marktwert. Oder übt Kuttner Kritik an der Verbreitung einer modernen Medienideologie? Die Depression als Symptom einer medial motivierten Selbstentfremdung? Fragen über Fragen. Immerhin weiß ich nun, dass die Moderatorin eine andere Person ist als die Privatperson, und dass man bei Kuttners zuhause nur morgens liest.
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