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Kultur

Vea Kaisers "Rückwärtswalzer"

Der Kitsch reist mit

Das nächste Epos: Die österreichische Bestsellerautorin Vea Kaiser mischt Familiensaga, Klamotte und Rührstück - und rettet sich mit ihrer Fabulierkunst gerade so über die Zielgerade.

Getty Images

Auf Überlandfahrt (Symbolbild)

Von
Sonntag, 31.03.2019   11:28 Uhr

Es gibt ein paar Stellen in diesem Buch, da hat man als Leser den Eindruck, Vea Kaiser möchte sich entschuldigen. Sie lässt das Lorenz erledigen, den Erzähler: Der denkbar erfolglose, aber stets sympathische Schauspieler soll mit einem Fiat Panda die Leiche von Onkel Willi in dessen Heimat Montenegro überführen; notdürftig verkleidet als schlafender Senior, auf dem Rücksitz die drei ältlichen Tanten.

Diese Geschichte, aus der heraus die anderen Geschichten erzählt werden, vergleicht Lorenz immer wieder scheinbar höchst verwundert mit einem Film. Er hat recht: Die Ausgangsposition von "Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger" ist so überdreht wie eine Achtzigerjahre-Klamotte.

Nun hat Vea Kaiser ihre Romane bisher nie sonderlich nah an der Realität angelegt, beziehungsweise: Sie hat in der Realität immer genug Platz für kleine Wunder gelassen und ihren Protagonisten entsprechende Möglichkeitsräume. Vor allem das 2012 erschienene "Blasmusikpop" war ein schöner Mix aus Heimatroman und Groteske, aus Coming Of Age und Familienepos, gefällig und dennoch originell aufgeschrieben, angereichert nicht nur mit diversen Spezialbegrifflichkeiten aus dem österreichischen Sprachraum - damit bereitet man dem deutschen Leser ja immer eine Freude -, sondern auch mit einer guten Portion Geisteswissenschaft.

Ingo Pertramer¿

Autorin Kaiser

Auch in "Rückwärtswalzer" verlässt sie sich auf diese Anordnung. Diesmal sind es Mirl, Wetti und Hedi, drei Schwestern, die im Mittelpunkt der Geschichte stehen. Sie wachsen in der unmittelbaren Nachkriegszeit auf einem Bauernhof im niederösterreichischen Waldviertel auf, Untermieter auf dem Anwesen sind Soldaten der russischen Besatzungsmacht und deren dressierter Bär.

Angemessene Schrulligkeit

Ebenso prekär ist die Jugend von Onkel Willi, der eigentlich Koviljo heißt und seine Kindheit in den montegrinischen Bergen erlebt. Als er durch eine Verkettung glücklicher Umstände ans Meer zieht und dort nicht nur auf einen neuen Vater, sondern auch auf eine neue Schwester stößt, nimmt sein Leben eine Wendung.

Die zweite folgt einige Jahre später im Krankenhaus, wo er nach einem schlimmen Unfall gesundgepflegt wird - von Hedi, die als Klosterschwester eigentlich schon mit dem weltlichen Leben abgeschlossen hat. Die beiden verlieben sich und ziehen nach Wien, wo die beiden Schwestern ebenfalls ein neues Leben gefunden haben; Mirl als mäßig glücklich Verheiratete und Wetti als verschrobene Einzelgängerin, die im Naturkundemuseum putzt.

Preisabfragezeitpunkt:
20.04.2019, 05:40 Uhr
Ohne Gewähr

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Vea Kaiser
Rückwärtswalzer: oder Die Manen der Familie Prischinger

Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Seiten:
432
Preis:
EUR 22,00

Vea Kaiser kann erzählen. Und so ist es durchaus vergnüglich, ihr zu folgen, wie sie all diese Geschichten mit Farbe auffüllt. Wie sie ihre Protagonisten nicht unbedingt mit Tiefe, immer aber mit der angemessenen Schrulligkeit versorgt und wie sie es schafft, kleine Situationen das große Ganze erklären zu lassen.

Arg großzügig abgemessene Portionen unerfüllter Liebe

Eine bäuerliche Essenstafel in der Nachkriegszeit; gedeckt von Mutter Maria für die womöglich irgendwann einmal nützliche Bekanntschaft aus der Stadt: "Suppe steht für unser Land! So wie man im Krieg nur dünnes Wasser mit den letzten Resten der Kräuter der Erde haben konnte, so wie in der Nachkriegszeit ein jedes Hühnerbein hunderte Male ausgekocht wurde, so beugt sich der österreichische Tisch nun wieder unter der Schwere der Einmachsuppe, Frau Maria, gehaltvoll und stark, bereit, der neuen Zukunft entgegenzutreten", lässt Vea Kaiser den Wiener Großkotz deklamieren. Später erzählt sie von der Politik: Waldheim wird Bundespräsident, Wetti, die eine uneheliches Tochter mit einem Diplomaten aus Kamerun hat, ist entsetzt vom Rassismus, der dem Kind entgegenschlägt. Und Hedi macht Wahlkampf für Kreiskys SPÖ.

Fiat

Überführungsfahrzeug Fiat Panda

Leider montiert Vea Kaiser diese Geschichten aber von Anfang an mit einer Überdosis Schicksal. Nicht nur einen dramatisch hingetuschten Todesfall, sondern gleich zwei hat sie ihren Protagonisten aufs Kreuz gebunden, dazu kommen Krankheiten und arg großzügig abgemessene Portionen unerfüllter Liebe. Was dem Roman vermutlich eine zusätzliche Ebene geben soll, nimmt ihm leider viel Dynamik und führt ihn bisweilen gefährlich nah an die Kitschgrenze.

So ist der Teil der Geschichte, der anfangs so muffig erscheint, nämlich die Überführung einer langsam auftauenden Leiche über 1000 Balkan-Autobahnkilometer, das Schönste an diesem Buch. Dieses literarische Roadmovie mit all seinen Irrungen und Wirrungen wird von Vea Kaiser clever aufgebaut. Und wo man an anderer Stelle oft schon weiß, wohin sie den Leser führen wird, gelingt ihr hier ein durchaus überraschendes Ende.

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