Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Sasa Stanisics Wunsch

Jugoslawienkriege sollten Schulstoff werden

Buchpreisträger Sasa Stanisic stellt fest, dass die Deutschen nur wenig über die Kriege im ehemaligen Jugoslawien wüssten. Auf der Buchmesse äußerte er sich auch zu seiner Kritik an Nobelpreisträger Peter Handke.

Tim Wegner/ DER SPIEGEL

Sasa Stanisic beklagt das fehlende Wissen über die Jugoslawienkriege

Donnerstag, 17.10.2019   17:29 Uhr

Der Träger des Deutschen Buchpreises 2019, Sasa Stanisic, wünscht sich den Jugoslawienkrieg auf dem Lehrplan deutscher Schulen. Das sagte er im SPIEGEL-Live-Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse. Nach 1945 waren die Jugoslawienkriege die größten Kriege in Europa. Sie seien "verdammt nah", sagte Stanisic - zeitlich wie räumlich. Doch würden Deutsche zu wenig darüber wissen.

Der in Bosnien geborene Schriftsteller, der den Krieg selbst miterlebt hat und davor nach Deutschland geflüchtet ist, berichtete von den Reaktionen, die er oft bekomme: "Das war uns alles gar nicht klar" und "Wir fahren ab und zu auch nach Kroatien in den Urlaub". Es sei eben kein Small-Talk-Thema, sagte der 41-Jährige.

Dieses Defizit an Wissen aufzuarbeiten, fordert Stanisic nun. Genügend Stoff gäbe es: Die fragwürdige Rolle von Deutschland und Europa während des Kriegs, die Verbrechen gegen die Menschenrechte und die verschiedenen Perspektiven, internationale wie die der einzelnen Ethnien vor Ort. "Ich würde mir total wünschen, dass das Schulstoff wäre", sagte Stanisic.

In seiner Rede zum Buchpreis für seinen Roman "Herkunft" hatte er Literaturnobelpreisträger Peter Handke für seine Haltung in Texten zu Bosnien und Serbien scharf kritisiert. Für Handkes Reaktion auf Journalistenfragen in Kärnten zeigte Stanisic allerdings Verständnis. Über Literatur habe der Nobelpreisträger reden wollen, doch "sie wollen wieder eine Reaktion, sie wollen eine Zuspitzung. Und dem entzieht er sich. Für mich total richtig."

Erst im Alter von 14 Jahren lernte Stanisic Deutsch. Eines seiner ersten Worte war "Garmisch-Partenkirchen". Die "Menge an Zeug in einem Wort" habe er geliebt. Die Neuwortbildungen, die durch eine Aneinanderreihung von Wörtern funktionierten, mag Stanisic besonders gern. Im Serbo-Kroatischen sei das nicht so elegant möglich. Seinen Sohn erzieht Stanisic bilingual. Mit zwei Sprachen aufzuwachsen, "ist ein Geschenk für jedes Kind", sagte er.

scw

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP