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Kultur

Schriftstellerin über ihre Erkrankung

Brustkrebs, verzieh dich!

Mit dem Krebs findet sich Ruth Schweikert nicht ab. Ihr neues Buch "Tage wie Hunde" ist ein ermutigendes Beispiel für den Sieg über Krankheit und Vergänglichkeit. Schreiben hilft dabei.

Getty Images

Frau bei Mammografie-Untersuchung

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Donnerstag, 28.03.2019   17:28 Uhr

Schlaflose Nächte, immer wieder dieselben Statistiken und große Angst im Kopf: vor dem Kontrollverlust und den Stunden, die viel zu schnell vergehen. "(…) ich sterbe; 2017 wird mein Todesjahr", lesen wir in dem wohl ergreifendsten Buch des Frühjahrs. Glücklicherweise hat Ruth Schweikert ihre Krankheit, deren Verlauf sie in ihrem autobiografischen Werk "Tage wie Hunde" verarbeitet, überlebt.

Mit der Diagnose vom 9. Februar 2016 ändert sich alles: "Ich habe Krebs, Brustkrebs; Tittenfäule, wie später ein Freund sagen wird." Es beginnt die Entfremdung vom eigenen Körper und ein Ringen mit der Zeit. Während vormals nur das Schreiben den Tag der Autorin strukturierte, sind es nun Arztgespräche, Gewebeproben und Bestrahlungen. Wie ein Dämon nehmen die bösartigen Zellen Besitz von der Icherzählerin und erklärt alle Kontinuitäten für obsolet.

picture alliance/ Erwin Elsner

Ruth Schweikert im Oktober 2016

Statt für eine lineare Erzählweise hat sich die 1965 in Lörrach geborene Schriftstellerin für eine sehr raffinierte Ästhetik der Risse entschieden. Neben gecutteten Sätzen und falsch geschriebenen Wörtern fällt dabei vor allem die fragmentarische Textgestaltung auf.

Notizartig mischen sich unter die zahlreichen Reflexionen über den alles beherrschenden Krebs allerlei philosophisch-essayistische Abschweifungen. Etwa über den "Bauchnabel als Sitz der Scham", die Transparenzgesellschaft, die Geschichte des Wintertourismus oder die spätmoderne Bahnhofsarchitektur, an der sich die Beschleunigung der Zeit ablesen lässt. Zäsuren und Episoden und wieder Zäsuren, dazwischen auch zahlreiche Passagen Schweikerts über den Tod ihres Vaters oder naher Freunde - die Krankheit droht alles zu zersetzen, ganze Familien und eben selbst die Kommunikationsfähigkeit und das Denken.

Die Literatin gibt sich jedoch nicht der Depression hin, sondern stellt sich der Herausforderung: "Während ich tanze, singe und weine, sehe ich den Krebs plötzlich vor mir; nicht außerhalb, ein inneres Gegenüber, das mich fortan begleitet; nie mehr werde ich allein sein, denke ich, und beginne, den Rucksack zu schultern und jenen Berg zu besteigen, den ich vor mir sehe, dem Kilimandscharo ähnlich; seltsam frohgemut". Es sind solcherlei treffende Bilder, die trotz aller Gefährdung ein Aufbegehren in der Sprache dokumentieren.

Eine Form für das Chaos des Daseins

Schweikert wird den Kampf vorerst gewinnen und stellt sich mit ihrem ingeniösen Durchhaltewerk in eine Reihe mit Autoren wie Urs Faes, David Wagner, Kathrin Schmidt und Arno Geiger. Sie alle haben den Text als Verhandlungsort für Krankheiten entdeckt und gezeigt, wie Literatur in diesem Sujet ganz neue Räume der Fantasie zu erschließen imstande ist.

Weder sie noch die in der Schweiz lebende Autorin sind, wie sie es selbst nennt, an einer klassischen "Betroffenheitsprosa" interessiert. In einem von vielen bereichernden Zitaten aus literarischen Quellen zu pathologischen Zuständen - von Thomas Bernhard bis Jörg Steiner - begegnet uns die "Krankheitsgeschichte als Instrument des Überlebens", und zwar im Sinne einer Ordnungsfindung.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:20 Uhr
Ohne Gewähr

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Ruth Schweikert
Tage wie Hunde

Verlag:
S. FISCHER
Seiten:
208
Preis:
EUR 20,00

Schreiben ermöglicht es, eine Form für das Chaos des Daseins zu finden. Wenn Schriftsteller erzählen, stellen sie Zusammenhänge her und können potenzielle Auswege aus der oftmals defizitären Realität aufzeigen. Zu einer der schönsten poetologischen Äußerungen des Textes gehört daher die Einsicht, dass "das Freiheitsmoment (…...) in der Selbstvergessenheit der Hingabe an einen Stoff (liegt), der sich, indem er Satz für Satz Gestalt annimmt, verwandelt, und verwandelt entlässt er auch den Autor".

Die Literarisierung des Krebses bedeutet somit zugleich ein Freischreiben von dessen mentalen und physischen Fängen. Er wird klein, zu einem Phänomen des Übergangs, auf den Neues folgen wird. Für dieses starkes Buch muss man Dankbarkeit empfinden. Es macht Hoffnung und vermag der Vergänglichkeit des Seins einen tiefen Moment des Innehaltens abzutrotzen.

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