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Kultur

Krimi-Blockbuster "The Chain"

Wie du meinem Kind, so ich deinem

Von seinen klugen Nordirland-Krimis konnte Adrian McKinty nicht leben. Nun klingeln die Kassen mit "The Chain" - einem Brachial-Thriller über Kindesentführungen, die nach Prinzip des Kettenbriefs funktionieren.

Getty Images

Entführtes Kind (Symbolbild): Die schlimmste Angst aller Eltern

Von
Sonntag, 08.09.2019   19:46 Uhr

Verlage kokettieren in den Kurzbiografien, die sie auf die Schutzumschläge ihrer Bücher drucken, gern mit den vielen Jobs, die ihre Autoren machen mussten, bevor sie vom Schreiben leben konnten. Deutlich ungewöhnlicher ist der Werdegang des irischen Schriftstellers Adrian McKinty. Er schreibt seit fast 20 Jahren Kriminalromane, sammelte Preise und gute Kritiken, wurde ins Deutsche und Französische übersetzt, verkaufte gar nicht mal schlecht.

Nur eben nicht gut genug.

Und so wurden McKinty und seine Familie vor zwei Jahren aus ihrem Haus geworfen, und der gefeierte Krimiautor fing mit fast 50 Jahren an, in diversen Jobs zu arbeiten: Tresenkraft, Fahrradkurier, Uber-Chauffeur. Vielleicht hätte McKinty so schnell keinen weiteren Roman geschrieben, wenn ihn nicht eines Nachts ein Anruf von Shane Salerno geweckt hätte. Salerno ist der Agent, der zuvor Don Winslow zum Bestsellerautor geformt hatte, und er überredete McKinty weiterzumachen.

Nur eben anders.

Zuletzt hatte McKinty einen bislang siebenteiligen Romanzyklus um den Polizisten Sean Duffy geschaffen. Wer wirklich wissen will, wie das Leben in Nordirland war in den Achtzigerjahren, als "the troubles" Alltag waren, der kommt um diese Reihe nicht herum. Sie zeigt eindrucksvoll, warum der Kriminalroman das ideale Medium ist, um soziale Verwerfungen zu thematisieren. Mit Witz und Wucht lässt McKinty seinen Cop von einer Zeit erzählen, als der Tod ständiger Begleiter war - und im Radio viel zu oft Phil Collins lief.

Mainstream waren weder Sean Duffy noch sein Schöpfer Adrian McKinty. Ganz anders als "The Chain", der Roman, der ihm jetzt den Durchbruch gebracht hat. Platz sieben auf der Bestsellerliste der " New York Times", die Filmrechte angeblich für eine siebenstellige Summe verkauft.

Ein verdienter Erfolg. Nur eben für das falsche Buch?

"The Chain" ist einer dieser Thriller, die von der Art Idee leben, die Hollywood-Agenten so sehr lieben, weil man sie Geldgebern auf Fahrstuhlfahrten pitchen kann. Dieser Elevator Pitch könnte in etwa so gehen: "Ein Kind wird entführt. Die Eltern müssen nicht nur Lösegeld zahlen, sondern auch ein weiteres Kind entführen. Und an dessen Eltern wiederum die gleiche Forderung stellen. Das geht so lange gut, bis eine Mutter beginnt, sich zu wehren. Eine perfekte Rolle für Jennifer Lawrence."

Das Wertesystem kollabiert

Die Idee scheint erst einmal nicht schlecht zu sein, originell sogar. Weil sie mit den schlimmsten Ängsten fast aller Eltern spielt: Was, wenn meinem Kind etwas passiert? Weil das Wertesystem der Eltern angesichts dieser extremen Bedrohung kollabiert und aus braven Bürgern Entführer und manchmal sogar Mörder werden. Gleichzeitig Opfer und Täter, gefangen in einer moralischen Zwickmühle.

Für die Hintermänner wiederum ist das eine Goldgrube: "Es ist das Uber im Kidnapping-Geschäft, bei dem die Kunden die meiste Arbeit selbst erledigen. Wenn sie es als Unternehmen meistbietend an die Börse bringen könnten, wäre es glatt zig Millionen Dollar wert."

Das Problem bei dieser im ersten Moment so clever scheinenden Idee: Sie ist komplett absurd. Wie könnte eine solch massive Entführungsserie in und um Boston jahrelang unbemerkt bleiben? Ob nun die traumatisierten entführten Kinder etwas ausplaudern oder ihre Eltern den Druck nicht mehr aushalten und sich der Polizei oder einem Priester anvertrauen - irgendwann redet immer irgendjemand.

Preisabfragezeitpunkt:
04.09.2019, 14:39 Uhr
Ohne Gewähr

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Adrian McKinty
The Chain - Durchbrichst du die Kette, stirbt dein Kind: Thriller

Verlag:
Knaur TB
Seiten:
352
Preis:
EUR 14,99
Übersetzt von:
Anke und Eberhard Kreutzer (aus dem Englischen)

Aber vielleicht sehen routinierte Thrillerleser über diesen Mangel an Plausibilität einfach hinweg, und immerhin: McKinty macht es ihnen leicht, weil er von Anfang an den Lautstärkeregler nach rechts dreht. "The Chain" knallt wie ein AC/DC-Konzert. Viel zu laut und ein bisschen monoton, aber irgendwie auch geil.

Eine weitere Schwäche von "The Chain" mag dem Kalkül des Erfolgsagenten Salerno geschuldet sein. Der wollte von seinem neuen Klienten McKinty, so schreibt dieser im Nachwort zu "The Chain", einen "amerikanischen Roman" haben. Greller und emotionaler und simpler gestrickt.

Jede Menge Schulden auf dem Karma-Konto

Eine so unrealistische Hauptfigur wie Rachel Klein zu erfinden, wäre für McKinty früher undenkbar gewesen: eine alleinerziehende Mutter, die sich trotz abgeschlossenen Philosophiestudiums mit miesen Jobs über Wasser hält und gerade von ihrer zweiten Krebsdiagnose erfahren hat, deren Kind entführt wird, die innerhalb weniger Tage das Lösegeld auftreiben und selbst ein Kind entführen muss, und deren einziger Freund und Verbündeter im Kampf gegen die finsteren Verbrecher ihr Ex-Schwager ist, ein ausgemusterter Soldat, der seine posttraumatische Belastungsstörung mit Heroin therapiert.

Puh, einmal durchatmen. Und Kraft sammeln für Banalitäten wie: "Es gibt so viele schlechte Menschen auf der Welt, mit jeder Menge Schulden auf dem Karma-Konto. Warum musste jetzt ausgerechnet ihr so etwas passieren, nach allem, was sie in den letzten Jahren ohnehin schon durchgemacht hat?" Von diesen Erklärbärpassagen wimmelt es in "The Chain" so wie in altbackenen TV-Krimis, in denen das gerade Geschehene noch einmal zusammengefasst wird, damit auch diejenigen es mitkommen, die kurz weggenickt waren oder sich einen Snack geholt haben.

"The Chain" ist literarisches Fastfood, das durchaus munden kann, wenn man nicht darüber nachdenkt, was man da gerade isst. Aber vielleicht bekommen die Leser ja Appetit auf McKintys Filetstücke. Die gute Nachricht: Er hat inzwischen bereits zwei weitere Duffy-Romane fertiggestellt.

insgesamt 1 Beitrag
DrStrang3love 09.09.2019
1.
---Zitat--- ...eine alleinerziehende Mutter, die sich trotz abgeschlossenen Philosophiestudiums mit miesen Jobs über Wasser hält... ---Zitatende--- Was ist daran unrealistisch?
---Zitat--- ...eine alleinerziehende Mutter, die sich trotz abgeschlossenen Philosophiestudiums mit miesen Jobs über Wasser hält... ---Zitatende--- Was ist daran unrealistisch?
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