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Kultur

Schweinezucht-Roman "Tierreich"

Bestie Mensch

Seine Sprache hat Wucht und Schönheit. Doch die Geschichte eines Bauernhofs, die Jean-Baptiste Del Amo damit erzählt, ist voller Grauen. Den Appetit auf Schweinefleisch verdirbt "Tierreich" jedenfalls.

DPA

Schweine stehen auf einem Bauernhof im Stall

Von
Dienstag, 26.03.2019   17:23 Uhr

"Tiere sind Mitgeschöpfe, keine Wegwerfware" sagte Anfang Februar Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner bei der Vorstellung eines neuen staatlichen Tierwohl-Labels, das ab 2020 für Schweinefleisch eingeführt werden soll. Tatsächlich ist der Fleischverzehr in Deutschland rückläufig, doch wir essen pro Jahr noch immer 60 Kilo Fleisch und Wurst, davon 40 Kilo Schwein. In Frankreichsinkt die Nachfrage nach Fleisch ebenfalls; dort ging der durchschnittliche Jahresverzehr laut des Meinungsforschungsinstituts Crédoc im Zeitraum von 2007 bis 2016 um gut 12 Prozent auf 49 Kilo zurück.

Sollte der Roman "Tierreich" viele Leser finden, wäre es gut möglich, dass sich die Zahl der Fleischesser sprunghaft weiter vermindert. In dem Buch erzählt der Autor Jean-Baptiste Del Amo die Geschichte einer Familie von Schweinezüchtern von Anfang bis Ende des 20. Jahrhunderts. Sie leben im (fiktiven) Örtchen Puy-Larroque in der Gascogne und begehen 1898 ihr jährliches Schlachtfest, bei dem alle aus dem Dorf erst mit anpacken und danach feiern, zu Musik, Tanz und Wein werden Innereien, Blutwurst und Schwarten für die Kinder kredenzt.

Von Mensch zu Tier, von Mensch zu Mensch

Der Tochter der Schweinezüchter bekommt das nicht: "In dieser Nacht träumt Éléonore von einer Felsenklippe über dem See Genezareth, von der aus sich Schweine zu Tausenden in die Tiefe stürzen, dann von einem schwarzen Gewässer, in dem deren Leichen zu Tausenden herumtreiben und zu Tausenden in unergründliche Tiefseegräben hinabsinken."

Die Stimmung ist also düster, doch der 440 Seiten starke Roman wird noch krasser, in seiner Verhandlung des Verhältnisses von Mensch zu Tier, von Mensch zu Mensch und in der Sprache. Oft mit derber Wucht, manchmal mit erhabener Schönheit formuliert Del Amo, wie das dorfgemeinschaftliche Schlachten durch industrialisierte Massenzucht ersetzt wird.

Preisabfragezeitpunkt:
26.04.2019, 08:10 Uhr
Ohne Gewähr

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Jean-Baptiste Del Amo
Tierreich

Verlag:
Matthes & Seitz Berlin
Seiten:
440
Preis:
EUR 26,00
Übersetzt von:
Karin Uttendörfer

Die Übersetzerin Karin Uttendörfer (sie war mit "Tierreich" in der Kategorie Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert) hat den Roman plastisch und lustvoll übertragen: Da brennt eine Öllampe nicht einfach herunter, sie hechelt dabei, und die Dorfeiche hat Seele: "Die mächtige Eiche herrscht, völlig ungerührt von der Entwicklung der Menschen, von deren Leben und lächerlichem Sterben. Liebende haben ihren Samen ihr zu Füßen vergossen, betrunkene und stolze Kerle gegen ihren Stamm gepisst, Lippen haben Geheimnisse und Schwüre in die Furchen ihrer Rinde geflüstert."

"Endlose Agonie"

Éléonore, die Del Amo zur ersten Hauptfigur seines in vier Kapitel geteilten Romans erkoren hat, fühlt sich den Schweinen näher als ihrer Familie: "Aus frühester Zeit an der Grenze der Erinnerung bleibt ihr das Gefühl einer tröstlichen Verbundenheit". Sie, die mit ihrem kränklichen Vater "nicht mehr als hundert Worte gewechselt hat" und von der Mutter, die "Erzeugerin" genannt wird, nur das nötigste an Erziehung mitbekommt, muss schon als Fünfjährige mit anpacken. Die Erzeugerin schlägt sie und bringt die Kätzchen um, die Éléonore heimlich auf dem Heuboden hält. Das alles macht aus ihr eine harte Frau, die die Ställe weiter vergrößert, ohne ans Tierwohl zu denken.

Dabei hatte das Glück kurz um die Ecke gelugt, als sie als junge Frau mit dem stillen Marcel anbändelte, einem Cousin des Vaters, der zum Arbeiten auf den Hof kam. Doch Marcel wurde zum Ersten Weltkrieg eingezogen, und als er Jahre später heimkehrte, waren Gesicht und Wesen entstellt. Éléonore heiratete ihn trotzdem, bekam Henri, den Del Amo zur Hauptfigur der letzten zwei Kapitel aufbaut.

Dieser Henri ist so böse wie seine Eltern und erzieht seine Söhne Serge und Joël mit Härte: Sie müssen schon mit zehn ihr erstes Schwein töten. Als Henri alt und krank ist, übergibt er den Hof an sie. Serge, ein Trinker, ist eifersüchtig auf La Bête (die Bestie), den liebsten Zuchteber des Vaters. Seine kranke Frau Catherine wünscht sich nichts mehr, als "dieser endlosen Agonie auf einem baufälligen Bauernhof, gefangen im Geruch und Geschrei der Schweine und der Bestialität der Menschen" zu entfliehen.

Mit seinem Roman will Del Amo, der Gustave Flaubert als Vorbild nennt, die Welt verändern. Er ist Mitglied der französischen Tierrechtsgruppe L214, die vegane Ernährung promotet und Fälle von Tiermisshandlungen in Schlachthöfen aufdeckt. Del Amo, der vegan lebt, hat gleich nach "Tierreich" ein Buch über die Gruppe verfasst ("Une Voix pour les Animaux", Éditions Arthaud), auf Deutsch: Eine Stimme für die Tiere. Der Untertitel lautet: Eine andere Welt ist möglich. Nach dem Lesen dieses so schrecklichen wie wichtigen Buches sollte man das tatsächlich für bare Münze nehmen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Text-Version stand, der durchschnittliche Fleisch-Tagesverzehr in Frankreich sei auf 49 Kilo gesunken. Tatsächlich handelt es sich um den durchschnittlichen Jahresverzehr. Wir haben das korrigiert.

insgesamt 12 Beiträge
russenkind1 27.03.2019
1.
"In Frankreichsinkt die Nachfrage nach Fleisch ebenfalls; dort ging der durchschnittliche Tagesverzehr laut des Meinungsforschungsinstituts Crédoc im Zeitraum von 2007 bis 2016 um gut 12 Prozent auf 49 Kilo zurück." [...]
"In Frankreichsinkt die Nachfrage nach Fleisch ebenfalls; dort ging der durchschnittliche Tagesverzehr laut des Meinungsforschungsinstituts Crédoc im Zeitraum von 2007 bis 2016 um gut 12 Prozent auf 49 Kilo zurück." Jetzt soll noch einer sagen, die Franzosen hätten kein Schwein bei einem Jahresverbauch von beinahe 18 Tonnen Schweinefleisch pro Kopf/Jahr! Vielen Dank für den Hinweis. Wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
brandmauerwest77 27.03.2019
2. Wie im Kleinen so im Grossen
Schaut man sich den Zustand und die laufenden Zustände auf unserem Planeten vielerorts an, bekommt man so eine gewisse Ahnung, dass wir als Spezies unser eigenes Tun und Wirken nicht mehr ewig überleben werden können. Da [...]
Schaut man sich den Zustand und die laufenden Zustände auf unserem Planeten vielerorts an, bekommt man so eine gewisse Ahnung, dass wir als Spezies unser eigenes Tun und Wirken nicht mehr ewig überleben werden können. Da braucht man nicht mal Apokalyptiker zu sein. Nur schade und traurig, dass das Wüten des Menschen vermutlich andere unschuldige Arten, seien es Tiere oder Pflanzen, mit in den Abgrund reißen wird. Geht man nämlich davon aus, dass Tiere und Pflanzen auch zumindest durch ein gewisses allgemeines Bewusstsein in den Organismus Erde mit eingebunden sind, ist der Begriff Bestie Mensch durchaus nicht unbedingt übertrieben.
Christinaannelies 27.03.2019
3. Warum sollte der Appetit gehen?
Wer auf einem Bauernhof aufgewachsen ist und bis heute immer mal wieder in Ställe reingeguckt hat, weiß, was abgeht. Die Realität ist weder Bullerbü noch Tierrechtler-Filme. Nachts in Ställe einsteigen, Tiere aus dem [...]
Wer auf einem Bauernhof aufgewachsen ist und bis heute immer mal wieder in Ställe reingeguckt hat, weiß, was abgeht. Die Realität ist weder Bullerbü noch Tierrechtler-Filme. Nachts in Ställe einsteigen, Tiere aus dem Schlaf reißen und in Panik versetzen, der Dramaturgie wegen mit technischen Tricks arbeiten und gegebenenfalls ein totes Tier aus der Kadavertonne in die Buch reinschlurren. Fertig ist der Schocker mit hohem Nachrichtenwert. Und wenn sich hinterher rechtskräftig herausstellt, Nutztierhalter wurden für nichts und wieder nichts massenmedial fertig gemacht, erfolgt keine Rehabilitierung. Ich weiß nicht, was eine landwirtschaftsferne Öffentlichkeit sich unter "industrialisierter Massentierhaltung" vorstellt. Ich kenne die Intensivtierhaltung von heute, von gestern und die Geschichten von früher. Es ist kein Paradies. Aber wo haben wir das? Übrigens garantiert nicht auf der Weide, wenn der Wolf herumschleicht. Tierwohl ist heute. Ich esse Fleisch.
joernthein 27.03.2019
4. @ christaannalies #3
Erst einmal - Danke - für Ihren Beitrag. Wenn ich Sie richtig verstehe, plädieren Sie für ein "Weiter so" der von Ihnen "sogenannten" industriellen Massentierhaltung. Sollten "Tierrechtler" - so [...]
Erst einmal - Danke - für Ihren Beitrag. Wenn ich Sie richtig verstehe, plädieren Sie für ein "Weiter so" der von Ihnen "sogenannten" industriellen Massentierhaltung. Sollten "Tierrechtler" - so wie von Ihnen beschrieben - vorgegangen sein, ist dies natürlich infam. Das es generell so ist, kann ich mir angesi
joernthein 27.03.2019
5. Fortsetzung.
Das ein Vorgehen von Tierschutzaktivisten generell so ist, kann ich mir angesichts der realen Problematik aber nicht vorstellen. Sie haben aber Recht, das der von Ihnen geschilderte Fall (Aktenzeichen?) eine mediale/öffentliche [...]
Das ein Vorgehen von Tierschutzaktivisten generell so ist, kann ich mir angesichts der realen Problematik aber nicht vorstellen. Sie haben aber Recht, das der von Ihnen geschilderte Fall (Aktenzeichen?) eine mediale/öffentliche Aufarbeitung benötigt. Aber all das ändert nichts daran, das eine kritische Betrachtung (wie im besprochenen Buch) der industriellen Massenproduktion von Fleisch aus Massentierhaltung notwendig ist. Die kritische Diskussion kommt ja nicht von landwirtschaftlichfernen Menschen, sondern auch von Insidern. Stichwort ist hier: Nachhaltiges wirtschaften und nicht die maximale und rücksichtslose Möglichkeit der Produktion. Noch eine Frage: Wo gibt es Schweine in Freilandhaltung, die von "bösen" Wölfen gerissen werden. Kleiner Scherz am Rande: Das wäre doch etwas für den Heimat(-schutz)minister.
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