Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Neue Nummer eins der SPIEGEL-Bestsellerliste

Sag doch mal was Nettes über Jussi Adler-Olsen

Der ideale Thriller fürs Ferienhaus oder doch so durchschnittlich wie seine Leser? Jussi Adler-Olsens "Verheißung" ist die neue Nummer eins der SPIEGEL-Bestsellerliste. Die entscheidende Frage: Und das soll ich lesen?

Martin Hangen

Jussi Adler-Olsen: Innere Leere dank intellektueller Unterforderung

Von und
Donnerstag, 19.03.2015   16:54 Uhr

An dieser Stelle nehmen wir uns jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder den höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste vor - im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle. Diesmal "Verheißung" von Jussi Adler-Olsen, der neue, sechste Band der Reihe um Carl Mørck: Neue Nummer eins der SPIEGEL-Bestsellerliste und laut "Buchreport" zudem der derzeit meistverkaufte Titel auf dem deutschen Buchmarkt überhaupt.

Hammelehle: Musstest du bei diesem Buch auch an Outdoorjacken denken?

Keller: Nicht ganz. Aber an dunkelgraue Wollmäntel mit - wichtig - hochgeklappten Krägen. Der Assoziationsraum ist also wohl ziemlich eindeutig: viel Wind, viel skandinavische Thriller-Kälte, viele Inseln mit düsteren Geheimnissen. Jussi Adler-Olsen beschreibt definitiv ein anderes Dänemark als das, was man von seinem jüngsten Strand-Kurztrip ins Reetdachferienhaus kennt.

Hammelehle: Wobei mir das Land, das er in "Verheißung" und in den meisten anderen seiner Bestseller beschreibt, auch als Scheinwelt erscheint. Mit der Realität der dänischen Gesellschaft dürfte sie ebenso wenig zu tun haben wie dein Ferienhäuschen auf Rømø.

Keller: Hoffentlich. Im Zentrum dieser Scheinwelt steht Carl Mørck aus dem Sonderdezernat für alte, ungeklärte Fälle. Adler-Olsen hat Mørck seinen Durchbruch zu verdanken. Erfüllt dieser Mørck deine Erwartungen an einen skandinavischen Thriller-Ermittler?

Hammelehle: Das einzige, was mir von ihm in Erinnerung geblieben ist, ist, dass er raucht. Und, dass er einen muslimischen Assistenten hat. Aber ich glaube, es ist Teil von Jussi Adler-Olsens Erfolgsgeheimnis, dass seine Hauptfigur genauso langweilig ist wie seine Leser.

Keller: Vielleicht kommt dir Mørck aber auch nur so langweilig vor, weil er in "Verheißung" mit einem Sektenguru zu tun hat, einem obsessiven Polizeikommissar, der sich zum Dienstabschied in den Kopf schießt und einer Frauenleiche, die nach einem Unfall mit Fahrerflucht in einer Baumkrone hängt.

SPIEGEL-Bestseller-Listen

Hammelehle: Ist das nicht das Konstruktionsprinzip fast aller Bücher von Jussi Adler-Olsen? Der freundlichen Durchschnittlichkeit des dänischen Alltags wird ein Verbrechen gegenüber gestellt, das nicht aus der Mitte der Gesellschaft kommt, sondern eine exotische Randgruppe betrifft. Daraus ergibt sich der maximale Beruhigungseffekt für den Leser: Nicht nur, dass der Kriminalfall im Roman aufgeklärt wird, er ist zudem derart außergewöhnlich, dass das Verbrechen keinem den Schlaf raubt - weil es so sehr fern der eigenen Lebenswelt ist.

Keller: Dann lautet deine Antwort auf die Frage "Und das soll ich lesen?" also: höchstens zur Beruhigung!

Hammelehle: Beruhigung? Diese leutseligen, pseudo-lebensnahen Dialoge. Diese doch recht weit her geholte Konstruktion. Diese passiv-aggressive Verteidigung des Mittelstand-Status-Quo. Beruhigt habe ich mich nicht gefühlt, eher deprimiert. Und auch ein bisschen paralysiert. Innere Leere dank intellektueller Unterforderung. Hat das Buch damit seinen Zweck erfüllt? Sag' du doch bitte einmal etwas Nettes über Jussi Adler-Olsen.

Keller: Wie widerwillig Carl Mørck in diesen Fall hinein gezogen wird und über wie viele Jahre und Orte diese Geschichte angelegt ist, ist alles andere als langweilig. Und liest sich an so einem ruhigen Abend im Ferienhäuschen bestimmt ziemlich gut. Außerdem: Adler-Olsen ist Sohn eines Psychiaters und hat in seiner Kindheit angeblich heimlich Elektroschocktherapien und Autopsien beobachtet und später als Journalist gearbeitet hat. Was hätte er im Leben werden sollen, wenn nicht Bestseller-Thrillerautor?

Hammelehle: Daraus würde ich folgern: Nicht nur jedes Verbrechen hat seine Wurzeln in einer unglücklichen Kindheit - sondern auch jeder missratene Thriller.

Maren Keller ist Redakteurin beim KULTUR SPIEGEL. Ihre dänische Lieblingsinsel ist Fanø. Auf SPIEGEL ONLINE hat sie zuletzt "Die Glücklichen" von Kristine Bilkau rezensiert.

Sebastian Hammelehle ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Er fragt sich noch immer, warum die Hamburger so gern nach Dänemark fahren .

Vergangenes Mal in Und das soll ich lesen?: "Unterwerfung" von Kiera Cass.

Alle Bestsellerkolumnen finden Sie hier.

LITERATUR SPIEGEL auf Facebook

Die 20 wichtigsten Romane im Frühjahr 2015

Wie Polo sich aus dem Proletenmilieu freistrampelt: In "Mein Vater ist Putzfrau" erzählt Saphia Azzeddine mit viel Situationskomik von einem Jugendlichen aus der Pariser Banlieue. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Kiffer im Weltall: In "Planet Magnon" erzählt Leif Randt von einem Sonnensystem des Wohlstands und der unterdrückten Gefühle - eine faszinierende Allegorie auf die emotionale Unterkühlung des Westens. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Das eigene Unglück wird am Hindukusch bekämpft: In "Die Sprache der Vögel" erzählt Norbert Scheuer von einem Sanitätsgefreiten. Den hat die Flucht vor sich selbst nach Afghanistan geführt. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Zur Waffen-SS oder zur rumänischen Armee? Ursula Ackrill erzählt in ihrem Roman "Zeiden, im Januar" von Siebenbürgen in der NS-Zeit. Ihr Roman ist die Überraschung auf der Shortlist des Leipziger Buchpreises. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Verschwörungstheoretiker werden an Martin Suters "Montecristo" ihre Freude haben: Ein Journalist deckt einen Bankenskandal auf - und gerät selbst ins Visier mächtiger Hintermänner. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Rainer Maria Rilke als die Drama-Queen des Jahres 1905? Klaus Modicks historischer Roman "Konzert ohne Dichter" steigt in der SPIEGEL-Bestsellerliste auf Platz sechs ein. Wir beantworten die entscheidende Frage: Und das soll ich lesen? Lesen Sie hier unsere Rezension.

"Stoner" war die Wiederentdeckung der vergangenen Jahre, jetzt gibt es die nächste Neuauflage von John Williams: "Butcher's Crossing" lässt die Welt der Büffeljäger aufleben. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Mit dem Flow eines guten Films: Rachel Kushner, in den USA gefeiert, erzählt in "Flammenwerfer" mitreißend von einer Heldin, für die das Leben wie ein Kunstwerk ist. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Israels berühmtester Schriftsteller erzählt vom Verrat als kreativem Prozess: Amos Oz' "Judas" kann auch als Anregung gelesen werden, sich im Nahost-Friedensprozess von eingefahrenen Denkmustern zu lösen. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Echte Kerle sind hart im Nehmen, prügeln sich, saufen - und verachten Schwule: In "Das Ende von Eddy" erzählt Édouard Louis herzzerreißend von den Geschlechterrollen im Hinterland. In Frankreich ist das Buch ein Riesenerfolg. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Ein verliebter Student wird zum Ziel einer RAF-Intrige - weil sein Onkel Nazi-Täter war: In "Das Lächeln der Alligatoren" erzählt Michael Wildenhain vielschichtig vom Terrorismus in den Siebzigern. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Wie ein Boxer auf Speed: Mit "Perfidia" beginnt James Ellroy ein Epos von Gier und Grausamkeit - ein höllischer Spaß auf 940 Seiten. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Ein Plädoyer fürs Scheitern: Mit "Das Gegenteil von Einsamkeit" gelang Marina Keegan ein Porträt ihrer Generation - sie wurde in den USA gefeiert, hat diesen Erfolg aber nicht erlebt. Mit 22 Jahren starb sie bei einem Unfall. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Molly Antopol erzählt in "Die Unamerikanischen" von anti-kommunistischer Paranoia, dem heutigen Israel - und davon, wie die Abgründe des 20. Jahrhunderts unser Familienleben prägen. Lesen Sie hier unsere Rezension.

In seinem Familienepos "Wir sind nicht wir" erzählt Matthew Thomas die Geschichte seines Vaters, der früh an Demenz erkrankte. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Unterschwellig tobender Liebeskrieg: Stephan Thome, erfolgreicher Meister des Beziehungsromans, erzählt in "Gegenspiel" sein rheinisch-portugiesisches Ehedrama fort - diesmal aus der Sicht der Frau. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Bevor Boko Haram für Angst und Schrecken sorgt: Der New Yorker Teju Cole reiste für "Jeder Tag gehört dem Dieb" nach Nigeria und fand ein Land, das zermürbt ist von sich selbst. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Der preisgekrönte Bestseller-Autor Arno Geiger hat einen steifen Studenten zum Helden seines neuen Romans "Selbstporträt mit Flusspferd" gemacht. Der lernt, nachdem sich seine Freundin von ihm getrennt hat, die aufregende Aiko kennen. Lesen Sie hier unsere Rezension.

"Old Nobody" auf Odyssee durch das Berliner Nachtleben: Jochen Distelmeyer, gefeierter Songschreiber der Band Blumfeld, veröffentlicht seinen Debütroman "Otis". Viel hat er mitzuteilen. Nur wenig zu sagen. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Michel Houellebecqs neuer Roman "Unterwerfung" ist nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" das Buch der Stunde. Ein Schreckensszenario von einer islamischen Herrschaft über Frankreich aber zeichnet es nicht. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Anzeige

insgesamt 26 Beiträge
ttmtom 19.03.2015
1. Schlechtgelaunte Langeweile
Schon nach dem zweiten Buch Jussi Adler-Olsons habe ich es aufgegeben, einen Thriller von diesem Autor zu erwarten. Einen dritten Versuch habe ich noch während des Lesens aufgegeben. Ich kann nicht verstehen, dass solche Bücher [...]
Schon nach dem zweiten Buch Jussi Adler-Olsons habe ich es aufgegeben, einen Thriller von diesem Autor zu erwarten. Einen dritten Versuch habe ich noch während des Lesens aufgegeben. Ich kann nicht verstehen, dass solche Bücher Bestseller werden können. Die Storys sind ziemlich langweilig und vorhersehbar. Der Kommissar und sein arabischer Assistent sind keine originellen Typen, sondern nur schlechtgelaunte Langweiler. Auf die Frage: "Und das soll ich lesen?", kann ich nur antworten: "Auf keinen Fall! Sonst verdirbst man sich den Urlaub!". Etwas Gutes hat das Buch allerdings: Sein Wiederverkaufswert ist recht gut. (ca. 7,50€ bei Momox) Dadurch schmerzt die Geldausgabe nicht ganz so sehr.
boppard 19.03.2015
2.
Oh man - der Erfolg dieses Autors spricht für sich - auch wenn sich einige selbsternannte SPON-Vordenker das anders sehen und viele ihrer Leser mit diesem Artikel beleidigen!
Oh man - der Erfolg dieses Autors spricht für sich - auch wenn sich einige selbsternannte SPON-Vordenker das anders sehen und viele ihrer Leser mit diesem Artikel beleidigen!
fraluxx 19.03.2015
3. @boppard
der Erfolg solcher grob zusammengebastelter Bestseller spricht höchstens vom armseligen Geschmack seiner Leser_ siehe auch shades oft grey...
der Erfolg solcher grob zusammengebastelter Bestseller spricht höchstens vom armseligen Geschmack seiner Leser_ siehe auch shades oft grey...
vollhonk666 19.03.2015
4. Ich lese seine Bücher ...
... gerne.
... gerne.
hubertrudnick1 19.03.2015
5. Bestseller
Ich habe noch nie ein Interesse an solchen Bestsellern gehabt, sie sind für mich nur oberflächliche Bücher, immer wenn ich so was angeboten bekomme, dann lehne ich dankend ab.
Zitat von fraluxxder Erfolg solcher grob zusammengebastelter Bestseller spricht höchstens vom armseligen Geschmack seiner Leser_ siehe auch shades oft grey...
Ich habe noch nie ein Interesse an solchen Bestsellern gehabt, sie sind für mich nur oberflächliche Bücher, immer wenn ich so was angeboten bekomme, dann lehne ich dankend ab.
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Projekt Gutenberg

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP