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Kultur

Selbstfindungsroman "weg"

Aufs Mopedfahren kommt es an

Im Studium waren Heidi und Georg ein Paar, lange her: Ihre gemeinsame Tochter ist erwachsen und in Asien verschwunden. Die Suche nach ihr beschreibt Doris Knecht in ihrem Roman "weg" - mit einem ungewöhnlichen Leitmotiv.

Johann Groder/ picture alliance/ EXPA/ APA /

Mopedfahrer (in Österreich)

Von Britta Schmeis
Freitag, 29.03.2019   17:23 Uhr

Es ist ein hübsches Bild, das Doris Knecht an den Anfang ihres Romans stellt: die Art des Mopedfahrens - allein, zu zweit, zu dritt, zu viert ein Kind vorne, ein Kind zwischen zwei Erwachsenen, mit Polster, ohne Polster, stillend oder telefonierend, Teenager, Alte, mit und ohne Helm - je nachdem, wo man lebt. Es ist ein Bild, ein Leitmotiv, das die Protagonisten auf ihrem gemeinsamen Weg begleiten wird: die erste Ausfahrt während des Studiums im Wiener Umland und Jahrzehnte später in Südostasien auf der Suche nach ihrer erwachsenen, psychisch labilen Tochter.

Es ist ein etwas wahnwitziges Unterfangen, dem sich Heidi und Georg in Knechts fünftem Roman "weg" stellen. Auf gut Glück reist Heidi aus ihrer scheinbaren Reihenhausidylle irgendwo in der Nähe von Frankfurt nach Ho-Chi-Minh-Stadt, einst Saigon. Georg, ihre Kurzzeitliaison aus Studienzeiten, startet aus Österreich, wo er mit seiner Frau und drei Kindern im Waldviertel den Familiengasthof führt.

Lange haben sich Heidi und Georg nicht mehr gesehen, kaum Kontakt gehabt, bis die gemeinsame Tochter Lotte plötzlich verschwunden ist. Voller Sorge machen sie sich auf die Suche nach ihr. Denn das Mädchen leidet an einer drogeninduzierten Psychose, einer Krankheit im Kopf, wie Heidi es nennt - und ein Erbe ihrer eigenen Familie.

Pamela Rußmann

Autorin Doris Knecht

Doris Knecht, die für ihren Debütroman "Gruber geht" 2011 für den Deutschen Buchpreis nominiert war, erzählt ihre Geschichte aus mehreren Perspektiven und auf mehreren Ebenen, dringt mit inneren Figurenkommentaren in die Gedankenwelt von Georg und Heidi, von Georgs Frau Lea, von Heidis Schwester Erika ein, lässt sie in personaler Rede von der Vergangenheit, in erlebter Rede von der Gegenwart berichten.

Mutter-Tochter-Roman, die Tochter kommt nicht zu Wort

Sie schafft damit komplexe Figurenbeschreibungen. Von Heidi, die schon damals wusste, dass der lebensfrohe Georg nicht zu ihr passt, die es gelernt hat, stoisch das Leben zu ertragen und zugleich die ganze Last des Alltags zu schultern - vor allem die Last der Tochter. Lotte, die wie Heidis Zwillingsbruder an dieser Krankheit im Kopf leidet, die sich schon in Kindertagen angeschlichen hat. Es schwingt eine gehörige Portion Selbstgefälligkeit in diesem Selbstbild von Heidi mit.

Und Georg, der mit seinem Leben doch ganz zufrieden ist, und auf der Reise durch Südostasien von Heidi mächtig genervt. Georg, der gutmütige Chaot, dem seine Platten und sein Moped wichtiger waren als ernsthafte Frauengeschichten - bis er in jenem Sommer auf Heidi traf. Doch das ist lange her, nun will er Geborgenheit, Gemeinsamkeit und ein Zuhause. Georg hat "Ruhe in sich" und gibt den Dingen "Zeit zur Selbstreparatur".

Es sind schöne Sätze, die Knecht für ihre Figuren findet, es sind schmerzende, entlarvende Sätze. Heidi, die glaubt, dass Lotte sie und Georg "zu lebenslänglich verurteilt hat" und ihr stets das Gefühl gegeben hat, "dass sie die falsche Tochter zugewiesen bekommen habe". Ein Mutter-Tochter-Roman ist es zuweilen, nur dass die Tochter - und das ist bezeichnend - nie selbst zu Wort kommt.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:23 Uhr
Ohne Gewähr

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Doris Knecht
weg

Verlag:
Rowohlt Berlin
Seiten:
304
Preis:
EUR 22,00

Mantraähnlich wiederholt die Autorin, 1966 im österreichischem Vorarlberg geboren, Namen und Schlüsselwörter, schafft damit einen beschwörenden Sound, der den Leser in die Gedankenwelt der Figuren, die Gerüche, die Stimmungen der Orte eindringen lässt. Sie erzählt von der kleinbürgerlichen Nachbarschaft in Heidis Reihenhaussiedlung, von dem vielen bunten Plastik in den vietnamesischen Garküchen, von dem Müll, dem immer gleichen Essen. Es ist auch ein Sound, mit dem sich auch Heidi immer wieder zu besänftigen versucht, dass schon alles wieder gut wird.

Doch leider schafft die Autorin, Journalistin und Kolumnistin Knecht damit nur noch mehr Klischees, die sie im Laufe der 300 Seiten nicht etwa auflöst, sondern mehr und mehr verfestigt. Die bemutternde Heidi, die vor lauter gutgemeinter Fürsorge, die Menschen stets verscheucht, oder Georg, der mehr oder weniger mit sich im Reinen ist und stets an das Gute glaubt.

Es sind Stereotype, die direkt einer mittelklassigen Frauenzeitschrift entnommen seien könnten. Der ironische Bruch oder das Überwinden dieser Klischees gelingt Knecht nicht. Und am Ende muss dann auch noch das Moped herhalten - für die vermeintlich gelungene Befreiung von den eigenen Zwängen.

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