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Kultur

Buchpreis-Kandidat "Winterbienen"

Die perfekte Welt im Fluge

Norbert Scheuers neuer Eifel-Roman hat es auf die Buchpreis-Shortlist geschafft: Der Autor erzählt in "Winterbienen" von zwei Brüdern in der Nazizeit. Widerstandskämpfer gibt es keine - aber eine Parallelwelt: die der Bienen.

Daniel Karmann / DPA

Bienenvolk (Symbolbild): gute Typen, reine Herzen

Von
Montag, 14.10.2019   11:06 Uhr

Zwei erwachsene Brüder sitzen nebeneinander im Zimmer des einen und lesen Zukunftsromane. Es ist Krieg, Januar 1944, ein Dorf in der Eifel. "Sternenfahrer" will der eine, Alfons, werden, irgendwann nach dem Krieg. Jetzt probt er schon für diese große Zeit danach. Er ist Kampfpilot, zahlreiche Abschüsse hat er schon gefeiert, viele, viele tote Gegner, er ist hochdekoriert, gilt als Kriegsheld. Politik ist ihm egal, sagt er.

Der andere, Egidius, hat in diesen Zukunftsromanen ganz andere Hoffnungen für sich gelesen: auf dem Boden bleiben. Bienen züchten. Frauen lieben. Bücher lesen. Und irgendwie am Leben bleiben. Er leidet unter Epilepsie. In der Nazizeit eigentlich ein Todesurteil. "Unwert" heißt so ein Leben. Glück für Egidius, dass sein Bruder ein Fliegerheld ist. Das schützt ihn eine Weile lang vor dem Zugriff der Macht.

Fritz-Peter Linden/ C.H. Beck

Schriftsteller Norbert Scheuer hat einen Natur- und Gesellschaftsroman geschrieben

Norbert Scheuer schreibt seit vielen Jahren in Romanen über die Eifel. Die Gegend um das Städtchen Kall, die Menschen dort, die Steine, die Landschaft. Wie so viele deutsche Schriftsteller erhebt er seine scheinbar so abgelegene Region zum Zentrum seines Schreibens. Und es ist ja auch nicht vor allem die Eifel, die er beschreibt, es sind Möglichkeiten des Lebens und des Lesens.

Wie jetzt in seinem neuen Buch, das auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht, in dem die Brüder in den Zukunftsbüchern lesen und darin so unterschiedliche Lebensentwürfe finden. Alfons, der Flieger, kommt immer nur kurz vorbei, meist tritt er nur als Briefschreiber in Erscheinung. Er fliegt, er tötet, er darf nicht schreiben wo und wann er fliegt und kämpft. Aber er schickt Medikamente, die den kranken Bruder am Leben halten.

Der Lärm des Krieges kann den Bienen nichts anhaben

Der Bruder, Egidius, steht im Zentrum des Romans. Er war Lehrer, wurde aufgrund seiner Krankheit entlassen, erforscht die alte Geschichte seiner Familie. Er war immer der leisere, untüchtigere der Brüder. Nur in einem war er Alfons voraus: Die Bienen, die ihr Vater züchtet, mögen ihn. Und er mag die Bienen. Sein Bruder, der keinen Tod und keinen Gegner fürchtet, hat vor ihnen Angst. Das verschafft Egidius einen Vorteil im ungleichen Bruderkampf: Er ist dem Vater, der seine Bienenvölker mit Leidenschaft liebt, durch diese gemeinsame Leidenschaft nah.

Norbert Scheuer hat einen Natur- und Gesellschaftsroman geschrieben. Wir lernen enorm viel über Bienen, Königinnen, Formationsflüge, Harmonie und Schönheit. "Vielleicht ist es einfach nur die Schönheit der Welt, vielleicht haben Bienen einen Sinn für sie, sind sogar deren Ursprung", heißt es im Roman. Ihre Welt ist die Gegenwelt: "Der Lärm der Angriffe scheint den Bienen nichts auszumachen; sie leben in einer anderen, wie es scheint, friedlichen Welt, sie interessiert der Krieg nicht."

Auch aus selbstsüchtigen Motiven kann man Gutes tun

Manchmal balanciert der Roman auf der Kitschgrenze. Immer dann, wenn es so fein geordnet scheint: hier die freundlichen Bienen, der Honig, die Schönheit, die Unschuld. Dort: Krieg, Nazis, Lärm. Hier die zarten, gestreiften Friedensflieger, dort die harten, grauen Kampfflieger. Da haben die Leser nicht viel Entscheidungsspielraum.

Einmal, als der Held einen ihm anvertrauten Schützling und ihr neu geborenes Baby nicht gut genug beschützt, das Baby stirbt und kurz darauf die Bienen ihn "plötzlich attackieren", er weiß auch nicht, warum - da ist man kurz davor, das Buch wegen übertriebener Naturmystik und Bienenbegeisterung beiseite zu legen. Aber Scheuer fängt uns dann doch wieder ein.

Preisabfragezeitpunkt:
10.10.2019, 14:08 Uhr
Ohne Gewähr

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Norbert Scheuer
Winterbienen: Roman

Verlag:
C.H.Beck
Seiten:
319
Preis:
EUR 22,00

Denn auch sein Held und Bienenfreund hat nicht nur aufrechte Motive. Er schmuggelt Juden über die Grenze nach Belgien, aber er tut es vor allem, um damit Geld zu verdienen. Für seine Medikamente. Dieser Egidius ist ein recht egoistischer, romantischer Nutznießer der Weltlage. Die Frauen des Dorfes liegen ihm geradezu zu Füßen. Wohl nicht in erster Linie, weil er so ein umwerfender Bienenversteher ist, sondern weil die Ehemänner alle im Krieg sind. Oder Naziuniformen durch die Welt tragen. Oder tot sind. Egidius ist zur Stelle und hat mitunter Mühe, seinen erotischen Verpflichtungen nachzukommen.

Widerstandskämpfer gibt es hier keine. Eher Pragmatiker und Spötter, Mörder und Egoisten, auch aus selbstsüchtigen Motiven kann man offenbar Gutes tun. Norbert Scheuer hat mit "Winterbienen" einen eigenwilligen, eindringlichen Gesellschaftsroman am Rande der Welt geschrieben. Eine egoistische, kranke, liebessüchtige Gesellschaft hat er da entworfen. Zur einen Hälfte. Zur anderen Hälfte eine Art Idealgesellschaft: Das ist der Gesellschaftsroman der Bienen. Gute Typen, reine Herzen, perfekte Welt im Fluge.

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