Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Abgehört - neue Musik

Make Punkrock great again!

Sie machen sich mit nichts und niemandem gemein: Priests läuten mit ihrem Debütalbum das Punk-Revival der Trump-Ära ein. Außerdem: Trap-Sensation Migos und das Comeback eines Grime-Stars.

Von und
Dienstag, 07.02.2017   14:15 Uhr

Priests - "Nothing Feels Natural"
(Sister Polygon Records, seit 27. Januar)

Is Punkrock going to be great again? Priests aus Washington D.C. haben sich für ihr Debütalbum viel Zeit gelassen, es nun aber auf den Punkt veröffentlicht: eine Woche nach der Inauguration Donald Trumps. US-Musikblogs und -Medien wie "Pitchfork", "Paste" und "Spin" feiern das Album, dessen soft-pinkes Cover hart mit der Rohheit des Inhalts kontrastiert, bereits als "vitalen Post-Punk für Trumps Amerika".

Dabei hatte die Band eigentlich noch ein Hühnchen mit dem Amtsvorgänger zu rupfen: "Barack Obama killed something in me, and I'm gonna get him for it", schrie Sängerin Katie Alice Greer noch vor drei Jahren am Ende der EP "Bodies And Control And Money And Power". Davor wütete sie 17 laute Minuten lang gegen den Überwachungsstaat, zu hohe Steuern, Ikea, Social Media und die geballten Ängste der Post-Millenniums-Generation.

Die Klaustrophobie angesichts der Irrealitäten und Zumutungen des 21. Jahrhunderts ist geblieben, der Sound von Priests hat sich allerdings entspannt und diversifiziert - und genau das hebt "Nothing Feels Natural" mitsamt seinem zeitgeistig präzisen Titel aus der Masse anderer Spät-, Post- oder Retro-Punk-Platten heraus. Gleich in "Appropriate", dem wütenden ersten Stück über den verlogenen Comsumer-Eskapismus reicher Freunde, gleitet das wüste Geknüppel über rauschendem White Noise in einen freien, plötzlich atmenden Jazz über - wer hätte gedacht, dass das Saxofon, meckernd und enervierend wie einst Alan Vegas Stimme, noch einmal eine prägnante Rolle im Punk spielen würde?

"JJ" bietet dann, nicht minder verblüffend, hibbeligen Surfrock, "Nikki" ergänzt das Spektrum mit Psychobilly-Anklängen, während es im Text säurespritzend gegen den Kapitalismus geht: "Keep your copper keep your pearls/ I'm the stubbornest girl in the world/ You'll never drive a harder bargain than me". Mit "Suck" haben Priests ganz zum Schluss auch noch einen Discopop-Hit parat, der Gossip auch gut gestanden hätte (Was wurde eigentlich aus denen?).

Priests geben sich unkorrumpierbar, sensationell schlecht gelaunt und schlagen sich mit ihrem aus Sonic Youth, Raincoats und Sleater-Kinney gleichermaßen befeuertem Furor erst einmal auf keine Seite, auch nicht die des Anti-Trump-Protests. Auch eine Frau als Präsident wäre ihnen suspekt gewesen: "A puppet show in which you're made to feel like you participate" ("Pink White House"). Erstmal müsse geklärt werden, was Identität in Zeiten des Zwangs zur ständigen Selbstvermarktung, alternativen Fakten und Fake News denn eigentlich ist. Im melancholisch-melodischen Titelsong träumt sich Greer in eine Dissidenz, die erst möglich wird, wenn man sich weit vom Grundrauschen der medialen Einflüsse entfernt und aufhört, anderer Leute Bedürfnisse zu erfüllen, dem System zu dienen: "Perhaps I will change into something/ Swing wildly the other way/ If I go without for days will I finally hallucinate a real thing".

ANZEIGE

Den Song schrieb sie, als sie nebenbei kellnern musste, um Geld zu verdienen, offenbar ein Job, der sie aushöhlte und frustrierte. Mit ihrer drängelnden, unbequemen Musik suchen Priests einen Ausweg aus dem demoralisierenden Teufelskreis der Marginalisierten und medial Verblendeten. Ein wohltuend unideologisches Plädoyer für das Ende der Desorientierung - darauf sollten sich doch eigentlich gerade alle einigen können. (8.2) Andreas Borcholte

Migos - "Culture"
(Quality Control Music, seit 27. Januar)

Es gibt Alltagssituationen, die schreien nach bestimmter Musik. Liebeskummer, Stress im Job, lange Autofahrten: Wer dazu nicht jeweils eine Playlist auf Spotify angelegt hat, hat sie mit Sicherheit zumindest im Kopf, Adele und Proclaimers lassen grüßen. Dann gibt es Lieder, die so besonders sind, dass sie sich für die herausragenden Momente eignen: Hochzeiten, Abschlüsse, die ersten Schritte des Kindes.

Und dann gibt es Songs, die so speziell sind, dass sie im Alltag eigentlich überhaupt keinen Platz haben. Sollte sich irgendjemand mal gefragt haben, welche Musik er spielen soll, während er im roten Bademantel und mit Sonnenbrille die Düsseldorfer Kö entlag schlendert, dabei seinen Tiger an der Leine hält, während seine Entourage Kekse an Passanten verteilt: Migos haben mit "Culture" den perfekten Soundtrack dafür geliefert.

So fair muss man all denen gegenüber sein, die mit Trap, dieser speziellen Spielart des Südstaaten-Raps, nicht vertraut sind: Songs wie "T-Shirt", "Bad and Boujee" und "Call Casting" sind nicht nur merkwürdig, sie sind absurd. Tipp für Ersthörer: Gar nicht erst versuchen, den Text zu verstehen, der zwischen purer Wortakrobatik und Kindergartenreimen balanciert.

Die Brillanz des vielleicht besten Hip-Hop-Albums seit Jahren liegt in den Tönen. Während sich Worte und Hi-Hats überschlagen, als würden sie kopfüber die Treppe runterrollen, schleppt sich die Bassline so faul hinterher, dass der Oberkörper sich in bester Klubmanier beim Hören sofort in die Horizontale schiebt.

ANZEIGE

Dass Migos schon mit ihrem 2013-Hit "Versace" in den Hip-Hop-Olymp gelobt wurden: egal. Dass Drake die Atlanta-Boys geremixt und die Fangemeinde sie mit den Beatles verglichen hat: auch egal. Dass Gucci Mane, einer der Wegbereiter des Trap, dem Track "Slippery" seine Stimme leiht: geschenkt.

Was bleibt: Die drei Migos Quavo, Offset und Takeoff haben mit "Culture" eine Platte geliefert, die nicht nur für Trap eine neue Zeitrechnung fordert, sondern für Hip Hop im Allgmeinen. Einigen mag der Sound zu abgedreht sein, alle anderen sollten sich zügig in den Bademantel werfen und eine Packung Kekse kaufen. (8.0) Kendra Stenzel

Andreas Borcholtes Playlist KW 6

SPIEGEL ONLINE

1. Priests: Suck

2. Anohni: Paradise

3. Depeche Mode: Where's The Revolution

4. Devlin: Cold Blooded

5. Lemur: Ballast

6. Hayiti & Die Achse: Single

7. Khalid: Location

8. Skott: Glitter & Gloss

9. Maggie Rogers: Alaska

10. Jesca Hoop: The Lost Sky

Devlin - "The Devil In"
(Devlin Music/Believe, ab 10. Februar)

James Devlin, Sohn eines Gabelstaplerfahrers aus Dagenham, hatte es eigentlich schon geschafft: 2010 unterschrieb er einen Plattenvertrag mit dem Major-Label Island, nachdem mehrere seiner Singles, darunter "London City" in die Charts gelangt waren. Sein Debüt-Album "Bud, Sweat & Beers" wurde ebenfalls ein Hit, die Presse nannte ihn den Eminem der damals in den Mainstream drängenden Grime-Szene, weil er ein white boy inmitten von Untergrund-Stars wie Skepta, Wretch 32 und Wiley war, mit denen er zeitweise im Kollektiv The Movement auftrat. Die anderen sind heute Stars, auch wenn Grime, eine Spielart des britischen Dubsteps, es nie wirklich zum Massenphänomen gebracht hat.

Devlin aber, damals kaum 20 Jahre alt, blieb irgendwo auf der Strecke - trotz Hits wie dem Dylan/Hendrix-Cover "Watchtower" mit seinem damals ebenfalls aufstrebenden Kumpel Ed Sheeran, das aktuell durch seinen Einsatz in der HBO-Serie "The Young Pope" neu entdeckt wird. Wer auf diesem Wege nun, Jahre später, auf Devlin und sein in aller Indie-Bescheidenheit veröffentlichtes Comeback-Album stößt, wird mit pointierten Reue-Tracks auf düster irrlichternden oder hektisch vorantreibenden Horror-Soundtracks belohnt.

Die erinnern in ihrer simplen Effizienz an John Carpenters selbstkomponierte Filmmusik und passen perfekt zur klassischen Grime-Paranoia. Darüber rappt der einstige Hoffnunsgträger mit galligem Stakkato über den Alkohol, die gleichgültige Industrie, die schicken Autos, die Konsum-Exzesse -das ganze trügerisch glitzernde Spiegelkabinett des Pop-Geschäfts, in das ihn der frühe Ruhm führte und in dem er sich schließlich verlor.

Bereits vor zwei Jahren erschien die Single "50 Grand", die er zusammen mit seinem alten Freund Skepta aufnahm - eine gnadenlose Ab- und Aufrechnung aller Preisschilder auf Luxusgütern, die für kurze Zeit sein immer oberflächlicher werdendes Leben definierten. An das aktuelle Blues-Revival klemmt er sich mit dem in die Charts schielenden Track "Blow Your Mind" (mit Gesang von Maverick Sabre), das beunruhigenderweise dem Oklahoma-Bomber Tim McVeigh gewidmet ist.

ANZEIGE

In "Bitches" kriegen auch jene Frauen eine (etwas zu) deftige Portion Hass und Bitterkeit ab, die dem jungen Popstar offenbar auch nicht vor Suff und Drogen zu schützen vermochten. "Just Wanna Be Me" lautet denn auch das wenig überraschende Fazit in der Mitte dieses energischen, nach Läuterung sehnendem Rundumschlag von einem, der an der Kreuzung den Teufel traf und die falsche Abzweigung nahm. (7.0) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

insgesamt 1 Beitrag
madpet 08.02.2017
1. Nikki Psychobilly?
Ich frage mich ja schon, wo der Herr Borcholte beim Song Nikki Parallelen zum Psychobilly sieht? Der eingesetzte Backbeat wird es wohl kaum sein. Habe mir echt Mühe gegeben das auch nur im Ansatz raus zu hören, leider [...]
Ich frage mich ja schon, wo der Herr Borcholte beim Song Nikki Parallelen zum Psychobilly sieht? Der eingesetzte Backbeat wird es wohl kaum sein. Habe mir echt Mühe gegeben das auch nur im Ansatz raus zu hören, leider vergeblich. Aber von Meteors bis Nekromantix, von Mad Sin bis Batmobile, von Peacocks bis Rezurex, egal welche Spielart des Psychobilly, hier erinnert wirklich gar nichts da dran. Auch ansonsten fand ich das Album beim ersten Hören eher anstrengend.
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP