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Kultur

Abgehört

Die wichtigste Musik der Woche

Abel Tesfaye alias The Weeknd ist noch nicht der neue King of Pop, sein tolles neues Album macht ihn aber zum Thronanwärter. Außerdem: Tex Rubinowitz über Ghost, Dan Auerbachs Solo-Projekt The Arcs im Vorab-Stream - und das Debüt einer Hamburger Techno-Heroine.

Von , Tex Rubinowitz und
Dienstag, 01.09.2015   16:29 Uhr

The Weeknd - "Beauty Behind The Madness"
(Republic/Universal, seit 28. August)

Abel Tesfaye kleckert nicht. Am Anfang seiner Karriere, 2011, veröffentlichte der Kanadier äthiopischer Abstammung, der sich The Weeknd nennt, kurz hintereinander drei Mixtapes im Netz, das herausragende "House of Balloons" sowie "Thursday" und "Echoes of Silence", insgesamt 27 Gratis-Tracks, die ihm, gepusht von seinem Landsmann Drake, reichlich Kritiker-Lob und zahlreiche Fans bescherten. Damals wirkte es, als wollte dieser schüchterne Twentysomething die verhältnismäßig anonyme Bühne des Internets nutzen, um mit dieser Fülle an sehr guten, sehr eigenen und abgründigen R&B-Stücken zu sagen: Leute, hört mir zu. Ich kann's.

Auch Jahre später ist Kleckern kein Wort, das zu The Weeknd passt. Nach den Mixtapes, der sogenannten "Trilogy", kamen die von Hall und Nebel überlagerten Gigs, die Festivals, die Touren, der Deal mit einem Major-Label und das erste Studioalbum, "Kiss Land", soundgewordene Bilder des Grauens à la John Carpenter; es kamen die Interviews mit den großen Magazinen, und allmählich, so schien es, verflüchtigte sich Tesfayes Schüchternheit. Vor einem Monat erst sagte er zu einem Reporter des "New York Times Magazine": "Diese Kids haben keinen Michael Jackson. Sie haben keinen Prince. Sie haben keine Whitney. Wen gibt's noch?" Eine rhetorische Frage. Schließlich gibt es The Weeknd.

Vor allem Jacksons Schatten hängt über Tesfaye, nicht nur über seiner Frisur die wie ein Kunstwerk wirkt, auch seine Tanz-Bewegungen und seine Stimme und sein Flow erinnern oft an den King of Pop, nur ist Tesfayes Gesang zerbrechlicher, immer schwingt ein Zweifeln mit. Er zitiert ihn, aber mit Vorsicht und Understatement. Tesfaye ist nicht der neue Michael Jackson und nicht der neue Prince. Noch nicht, aber seine Bedeutung wächst mit "Beauty Behind the Madness", seinem neuen Album.

Der Titel ist Programm. "Beauty Behind the Madness" ist lange nicht so düster wie sein Vorgänger und die Mixtapes. Die Motive des neuen Albums sind zwar die alten - Frauen und Drogen, Fame und Familie - aber Tesfaye lässt mehr Pop zu, und der steht ihm gut. Ein Highlight des Albums ist "Can't Feel My Face", aktuell Platz eins der US-Charts. Ein unbestreitbarer Hit, der klingt, als hätte Quincy Jones den Titelsong für ein "Blade Runner"-Remake produziert. Man meint, die Fingerschnipser in der ersten Minute dieses Tracks kämen von Außerirdischen, so seltsam ist dieser Sound, und doch: so catchy!

Womit Tesfaye hier zum Glück nur kleckert, sind Pomp und Pathos. Sein Sound besteht noch aus minimalistischem R&B mit hymnenhaften Gesangslinien und überraschenden Harmoniefolgen, unterlegt von einem diffusen, verstörenden Unwohlsein. Kontrast ist Pflicht: Im Opener "Real Life" versuchen Streicher behutsam die jaulenden Gitarren zu zähmen, und in "The Hills", wo Tesfaye in den Strophen müde und gequält von einer Affäre berichtet, gibt ein beständiger Bass im Refrain ihm Halt, um eine Oktave hochzuspringen und zuzugeben: "When I'm fucked up, that's the real me."

Es ist wohl ein Zeichen, dass man, jedes Mal, wenn Tesfaye auf seinem Album kurz schweigt und einen namhaften Gast ans Mikrofon lässt, mal Lana Del Rey ("Prisoner"), mal Ed Sheeran ("Dark Times"), The Weeknd sofort vermisst. Tesfaye ist zwar noch kein König, aber ein dunkler Ritter. Ein melancholischer Prinz. Und sein Einfluss wächst. (8.9) Jurek Skrobala

The Weeknd - "Beauty Behind The Madness"

The Weeknd: Beauty Behind The Madness auf tape.tv.

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Ghost - "Meliora"
(Spinefarm/Universal, seit 21. August)

Von Scott "Wino" Weinrich gibt es ein lesenswertes Buch (in meinem Kopf), das im Untertitel "Why People get Doom but don't get Doomed" heißt, als Beispiel dafür, dass sich die weniger avanciert Verdammten schon mit Etiketten zufrieden geben. Ist ja auch egal, alles diffundiert letztlich in alles und Konsequenz ist auch nur ein Wort mit, mal nachzählen, zehn Buchstaben (zehn biblische Plagen).

Hauptsache man kennt sich ein bisschen in der paradoxen Anatomie des Metals aus. Kein musikalisches Genre ist wohl gleichermaßen so innovativ verspielt wie stur rückwärtsgewandt, gleichermaßen diebisch wie authentisch, hast du einmal begriffen, wie der Hase läuft, ist er auch schon wieder weg. Pedro Almodóvar hat gesagt "Nur durch geistigen Diebstahl können wir authentisch werden." Und der hört vermutlich in erster Linie Montserrat Caballé und Henry Purcell. Ghost, für all die zu spät geborenen, Duracell-Batterien lutschenden Häschen, ist ein permeables Metalprojekt, ja, so muss man das nennen, ein genredurchlässiger Geheimbund, dessen maskentragende Mitglieder alle "Nameless Ghouls" sind und dessen Sänger der Papa Emeritus ist - der aber dauernd ausgetauscht wird. Wir sind momentan beim dritten Papst.

Ghost sind elegante Satanisten, und wenn sie live auftreten, bläst der entpflichtete Papa auch schon mal einen Kamm. Das Genre ist Occult Metal, aber auch größenwahnsinniger Classic Rock, der mit düsteren Schlagermotiven kombiniert wird, etwa jenen von Volker Lechtenbrink ("Du hattest keine Tränen mehr"). Ghost ist wie Goblin, die kleinen Typen, die für Dario Argento die käsigen Filmsoundtracks geliefert haben, nur dass Ghost Schweden sind, die so tun als seien sie Wichtel aus dem Wasserhahn.

"Meloria", das dritte Album seit 2010, das erste seit "Infestissumam" (2013), ist ein Meisterwerk. Höhepunkt ist die Hommage an den Satan "He is", ("He's the shining in the night without whom I cannot see. And He is Insurrection. He is spite"), natürlich eine Paraphrase auf Al Hibblers "He" ("He can touch a tree and turn the leaves to gold. He knows every lie that you and I have told"), kann man aber auch umdrehen: Wenn Ghost über Gott singen würden, stellen sie das Motiv auf den Kopf, und der Herr wird zum Gehörnten. Hibbler war blind, er konnte ja gar nicht sehen, wie sich die Blätter verfärben. Oh, ist ja grad' Herbst, was für ein Zufall! Also wenn nicht Platte des gesamten Jahres, dann wenigstens des sterbenden letzten Viertels. (9.0) Tex Rubinowitz

Ghost - "Meliora"

Ghost: Meliora (Albumstream) auf tape.tv.

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Helena Hauff - "Discreet Desires"
(Werkdiscs/Rough Trade, ab 4. September)

Gästen der wegen blöder Streitereien leider von der Schließung bedrohten Hamburger Alternativ-Disko "Golden Pudel Club" dürfte die schmolllippige Frau mit den schwarzen Haaren und dunkel geschminkten Augen schon öfter aufgefallen sein, nicht nur, weil sie selbst eine Erscheinung ist, sondern weil ihr Sound beim Vinylplattenauflegen bei aller vordergründigen Unaufdringlichkeit sehr distinguiert ist. "Discreet Desires" ist das erste vollständige Album von Helena Hauff, das durch eine Zufallsbekanntschaft auf dem Label des britischen Avantgardisten Actress erscheint.

Opener "Triparite Pact" passt mit seinem sinisteren Spannungsaufbau, seinen zerrenden Synthie-Sounds und einem um die Ecken pfeifenden Geisterton sehr gut zu den cinematischen Geräusche-Fieldtrips ihres Labelbosses, überhaupt scheint Hauff ein Fan der minimalistisch-atmosphärischen Horror-Soundtracks zu sein, mit denen Amateur-Musiker und Indie-Regisseur John Carpenter seine Filme zu Suspense-Klassikern überhöhte. In "Spur" wird es melodischer, erinnert die Melodieführung fast an frühe Depeche Mode, während eine oszillierende Synthesizer-Fläche das Stück in der Mitte durchteilt, als gehe es darum, Musik für das bevorstehende "Blade Runner"-Sequel zu erfinden, mit dezenten Vangelis-Zitaten.

Dezent ist, analog zum geheimnisschwangeren Titel, eigentlich alles an diesem weit in die Vergangenheit greifenden Romantik-Techno, der liebevoll an alten Roland-Geräten erstellt wurde: Throbbing Gristle, Cabaret Voltaire, vergessene EBM-Pioniere wie Portion Control wollen sich als Referenz aufdrängen, doch dann entgleitet einem dieser wundersame, gothic-düstere Sound wieder, driftet davon ins Weltall wie "Pinback" Dan O'Bannon einst am Ende von "Dark Star" auf seinem zum Surfboard umfunktionierten Trümmerteil. Dann wieder bevölkern androide Kunstwesen einen vernieselt-nächtlichen Noir-Film, der "L'Homme Mort" heißt. Tristesse, Tod und verführerische Nachtgestalten… der Winter kann kommen. (7.7) Andreas Borcholte

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The Arcs - "Yours, Dreamily"
(Nonesuch/Warner, ab 4. September)

"Forever stuck in Mississippi, cause Mississippi's stuck in me", singt Dan Auerbach nach knapp zwei Dritteln seines neuen Quasi-Solo-Albums. Ist natürlich Quatsch: Auerbach, der neben Jack White bekannteste, wenn nicht beste White-Boy-Blueser Amerikas, kann sich noch so oft im Schlamm des Ole Man River wälzen oder sich tagelang an einen Schaufelraddampfers ketten - er wird seine weißbrotige Geburtsstadt Akron, Ohio nie loswerden. Deshalb ist es eigentlich unfair, "Yours Dreamily" mit den beiden echten, deepen Südstaaten-Blues-Alben dieses Jahres zu vergleichen, dem fiebrigen Debüt-Album von Algiers sowie "Sound & Color" von Alabama Shakes. Aber dass man es überhaupt in einem Atemzug mit diesen beiden Platten nennen kann, ist allein schon eine kleine Sensation.

Ob die Pause von den Black Keys nötig war oder nicht, können nur Pat Carney und Auerbach selbst beurteilen, vielleicht ist der bis hierhin schon unwahrscheinlich genug scheinende Weg dieser Blues-Revivalband ja auch mit "Turn Blue" zuende, dem letzten, in alle möglichen Pop-Richtungen explodierenden Album. Auerbach jedenfalls nutzte die Zeit, um aus seiner Hobby-Band, die er nebenbei mit seinen engsten und längsten Freunden betrieb, ein recording project zu machen: The Arcs bestehen neben Auerbach und Keys-Tourbassist Richard Swift (The Shins) aus Keyboarder Leon Michels (Truth & Soul Records, Lee Fields), Daptones-Mitglied Homer Steinweiss, Amy-Winehouse-Bassist Nick Movshon, Country-Gitarrist Kenny Vaughan sowie den Damen der Vokalgruppe Mariachi Flor De Toloache. Es galt das von Auerbach im Studio ohnehin bevorzugte Konzept der Konzeptlosigkeit: Morgens ging man ins Studio, abends wusste man, was man hatte.

Voreiligen Hörern mag das Album zunächst vorkommen wie eine Light-Version der Black Keys, denn Opener "Outta My Mind" klingt auf langweiligste Weise wie eine Nummer Sicher aus dem B-Seitenschränkchen. Auch "Put A Flower In Your Pocket" und "Pistol Made Of Bone", beides keine üblen Songs, könnten noch experimentelleres Keys-Material sein. Erst beim schelmisch Richtung Bryan Adams nickenden New-Orleans-Trauermarsch "Everything You Do (You Do For You)" merkt man, dass hier ein komplett anderer Film läuft. Plötzlich sind die Melodien ganz filigran, schwelgen Orgeln, seufzen Bläser, geistern unerhörte Geräusche durch das weiße Rauschen im Hintergrund.

"Stay In My Corner" bleibt auf diesem weich-wabernden Psychedelik-Blues-Teppich mit einer schönen Hommage an Ettas "I'd Rather Go Blind". Spätestens aber nach "Cold Companion", einem coolen Desert-Blues mit Eagles-Echo, hebt das Album ab, sind stilistisch keine Grenzen mehr gesetzt: "Nature's Child" und "Chains Of Love" kommen dem Siebzigerjahre-Funk und Yacht-Rock näher als dem Fuzz-Garagenrock, "Rosie (Ooh La La)", der Liebesbrief eines Kriegers vom Schlachtfeld an seine Geliebte, ist dann, kurz vor Schluss, ein Space-R&B, der auch auf einem Album von OutKast nicht weiter auffallen würde.

Worum es in den Texten geht, vorrangig Blues- und Soul-Klischees, ist hier gar nicht wichtig, "Yours, Dreamily" ist ein Album von Musikern für Musiker: Hier sitzt jeder Ton, jedes Zischen und Wischen, jeder akribisch gesetzte Hall hat hier seinen liebevoll ausgewählten Platz - und trotzdem steht die Vitrine, in der Auerbach sein beeindruckendes, dann eben doch weit über die Uferbänke des Mississippi reichendes Spektrum als Musiker und Produzent weit offen für alle, die mal ein Stückchen herausnehmen wollen, um es in der Hand zu drehen und zu begutachten, auf der Suche nach dem geheimnisvollen blauen Schimmer - "searching the Blue", wie es im Schlussstück träge und mit wohliger Erschöpfung heißt. (7.9) Andreas Borcholte

The Arcs - "Your's Dreamily" (mit Album-Prelistening)

The Arcs: Yours, Dreamily, The Arcs (Albumstream) auf tape.tv.

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insgesamt 1 Beitrag
Kezman9 02.09.2015
1. Abel Tesfaye!
The Weeknd ist die dunkle Seite von Michael Jackson. So eine Stimme...Eargasmic!
The Weeknd ist die dunkle Seite von Michael Jackson. So eine Stimme...Eargasmic!
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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche

Andreas Borcholtes Playlist KW 36

  • SPIEGEL ONLINE

    01. Helena Hauff: L'Homme Mort (Track)

    02. Miley Cyrus & Her Dead Petz: BB Talk

    03. The Weeknd: Can't Feel My Face (Track)

    04. Petite Noir: MDR (Track)

    05. Romano: Sextrain (Track)

    06. Empress Of: How Do You Do It (Track)

    07. Tame Impala: The Less I Know The Better

    08. The Arcs: Chains Of Love (Track)

    09. The Juan Maclean: Running Back To You (Track)

    10. Destroyer: Times Square (Track)

"Abgehört" und "Amtlich" live

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