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Kultur

Posthume Single

So klingt Aviciis "SOS"

Die Familie hat zugestimmt, die Erlöse gehen an ihre Stiftung zur Suizidprävention: Knapp ein Jahr nach dem Tod von Avicii ist ein unveröffentlichter Song des Elektromusikers erschienen. Ein Album folgt im Juni.

Amy Sussman/ AP/ DPA

Avicii: Neue Musik nach dem Tod

Mittwoch, 10.04.2019   22:19 Uhr

Es erscheint fast unausweichlich: Nach dem Tod eines Musikers beginnt die Suche nach seiner Hinterlassenschaft. Gibt es noch unbekannte Lieder? Vergessene Aufnahmen? Songskizzen? Und es kommt die Frage: Wenn es tatsächlich etwas gibt, wie soll man damit umgehen?

Als das Leben des Tim Bergling am 20. April 2018 in Oman endete, hinterließ er, der als DJ und Produzent unter dem Namen Avicii bekannt geworden war, natürlich keinen Tresorraum voller Aufnahmen so wie Prince mit seinem berühmten Vault. Aber der 28-Jährige hatte an Songs gearbeitet, bei einer Telefonkonferenz kurz vor seinem Tod habe man besprochen, welche auf ein zukünftiges Album kommen sollten, sagt die Plattenfirma heute.

Hinterlassen hat Avicii Audiospuren auf Computern, Midi-Tracks von seinen Keyboard-Einspielungen, Material, aus denen seine Co-Produzenten die Songs zu rekonstruieren und zu vervollständigen versucht haben. Das Ergebnis wird im Juni auf dem Album "Tim" zu hören sein. Ein erster Vorgeschmack wurde nun bereits mit dem Song "SOS" als Vorabsingle veröffentlicht.

Nach ein paar Synthesizertönen erklingt schon die Stimme von Aloe Blacc, er sang auch auf dem kommerziell größten Erfolg der musikalischen Karriere von Avicii, "Wake Me Up". "Can you hear me SOS", singt Aloe Blacc, mit deutlich mehr Soul in der Stimme als einst Aviciis schwedische Landsleute von Abba bei deren "SOS"-Song: "Help me put my mind to rest".

Melancholisch ist die Stimmung der Strophen, doch sie klart auf im zweiten Teil: "I don't need my drugs", beteuert der Sänger, "we could be more than just part time Lovers". Es folgt eines dieser für Avicii so typischen Melodiethemen, die sich sofort im Kopf festsetzen.

"Der Text handelt offenbar von einigen Kämpfen, die er durchzustehen hatte", sagt Aloe Blacc in einem Begleitvideo zur Entstehung des Songs . "I get robbed of all my sleep", heißt es in der zweiten Strophe, all diese Gedanken "I'd let go but I don't know how" - ich würde ja loslassen, aber ich weiß nicht wie.

Zeilen, die einen tiefen dramatischen Beiklang gewinnen durch das Wissen um den frühen Tod des Musikers; die Familie geht von einem Suizid aus, dass Tim Bergling psychische Probleme hatte, war seinem Umfeld bekannt.

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Es ist bemerkenswert, in einer ja so funktional aufgebauten Musik wie der von Avicii letztlich einen so deutlich ausgesprochen Hilferuf herauszuhören. Dabei ist der Song "SOS" ziemlich kontrolliert in seiner Struktur. Manche Avicii-Songs drehten an der Steigerungsschraube über das Maß herum, um das Gefühl von Kontrollverlust zu vermitteln. Dies geschieht hier nicht. Vielleicht, weil seine Co-Produzenten nichts falsch machen wollten. Und natürlich ist es müßig zu spekulieren, was Tim Bergling selbst noch aus dem Song herausgeholt hätte.

Was finanziell aus "SOS" und dem folgenden Album herausspringen wird, soll jedenfalls einem guten Zweck dienen. Tim Berglings Eltern, die dem Albumprojekt ausdrücklich zustimmten, haben eine Stiftung gegründet mit dem Ziel der Suizidprävention und der Behandlung von psychischen Erkrankungen.

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feb

insgesamt 4 Beiträge
multimusicman 10.04.2019
1. Schöne Idee Aviciis begonnene Songs
posthum auszuarbeiten und zu veröffentlichen. Es wird aber sofort klar, dass es in der Single nicht gelungen ist, seiner Extrovertiertheit beim Produzieren nahezukommen. Das fehlt ganz klar und macht den Song leider zum [...]
posthum auszuarbeiten und zu veröffentlichen. Es wird aber sofort klar, dass es in der Single nicht gelungen ist, seiner Extrovertiertheit beim Produzieren nahezukommen. Das fehlt ganz klar und macht den Song leider zum Mittelmaß. Avicii war auf seinem Gebiet ein absolutes Ausnahmetalent.... letztendlich zu sensibel. Ich vermisse ihn musikalisch sehr.
Nette Schnecke 11.04.2019
2. Telefonseelsorge Links
Die Seite im letzten Absatz: "Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. " ist veraltet. Die Links auf der Seite führen auf die alte Webseite der Telefonseelsorge. Die neue [...]
Die Seite im letzten Absatz: "Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. " ist veraltet. Die Links auf der Seite führen auf die alte Webseite der Telefonseelsorge. Die neue Webseite lautet: https://online.telefonseelsorge.de/
kai-ser210 11.04.2019
3. Doku
Wenn man die Dokumentation über sein Leben auf Netflix gesehen hat, die übrigens noch vor seinem Tod fertiggestellt war und dementsprechend dieses Thema nicht behandelt, so sieht man doch, dass sein gesamte Lebensweise bedingt [...]
Wenn man die Dokumentation über sein Leben auf Netflix gesehen hat, die übrigens noch vor seinem Tod fertiggestellt war und dementsprechend dieses Thema nicht behandelt, so sieht man doch, dass sein gesamte Lebensweise bedingt durch seine harte, stressgefüllte Arbeit wohl maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass seine psychische Erkrankung noch verstärkt wurde. Er selbst wollte oft gerne etwas zurückschrauben, wurde jedoch von seinen Produzenten immer weiter von Konzert zu Konzert gehetzt. Die Doku zeigt einen sensiblen, hochtalentierten jungen Menschen, der unter die Räder der Millionen-Industrie des Musikgeschäfts gerät. Wohl leider nicht der erste und auch nicht der letzte.
1911 11.04.2019
4. Gehen die Gewinne
Der Plattenfirma auch an wohltätige Zwecke?
Der Plattenfirma auch an wohltätige Zwecke?

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