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Kultur

Kaffee in der Klassik

"Wir zähmen den Schlaf durch deine glückliche Hilfe"

Bach warnte einst vor lasterhaftem Koffeingenuss, war dem Kaffee aber vermutlich selbst nicht abgeneigt - der Barockspezialist Olivier Fortin zeichnet den Weg des Getränks aus dem Orient musikalisch nach. Ein Genuss!

Jean-Baptiste Millot
Von
Montag, 09.09.2019   18:21 Uhr

Olivier Fortin mag Kaffee. In jeder Stadt, in der der kanadische Musiker gastiert, macht er sich auf die Suche nach einem besonders guten Café: "Vor fünf Jahren begann ich, mich mit Herkunft, Herstellung und historischen Handelswegen zu beschäftigen. Ich finde die Geschichte des Kaffees faszinierend", sagt der Musiker.

Die Begeisterung ging so weit, dass der Barockspezialist jetzt mit seinem Ensemble "Masques" eine Platte aufnahm, die den Weg des Kaffees nach Europa musikalisch nachzeichnet: "Routes du Cafe" schlägt einen Bogen von den Kaffeehäusern in Metropolen des Osmanischen Reichs Anfang des 16. Jahrhunderts bis zur Etablierung der Einrichtungen mehr als 100 Jahre später in Europa. Das erste Café an der Schwelle zwischen Orient und Okzident eröffnete 1554 in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Der Handel brachte die Idee weiter nach Westen. Das erste Kaffeehaus Europas entstand 1645 in Venedig, 1673 feierte das Konzept in Bremen deutsche Premiere.

"Wir zähmen den Schlaf durch deine glückliche Hilfe"

Die Cafés wurden Orte für geselliges Zusammensein, Spiele, Musikaufführungen und - ganz besonders in England - politische Diskussionen. "Ab Ende des 17. Jahrhunderts kam nichts und niemand um Kaffee herum. Sein Konsum entwickelte sich zum Gesellschaftsphänomen", sagt Fortin, der am Tafelmusik Baroque Summer Institute in Toronto Cembalo und Kammermusik unterrichtet. Das Getränk wurde zur Mode, zunächst vor allem beim Adel. Nach und nach erfasste die Sitte des Kaffeetrinkens in den eigenen vier Wänden das Bürgertum. Das Gebräu musste man sich damals leisten können.

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Barockspezialist Olivier Fortin: "Coffee, Coffee muss ich haben"

Den Kern der CD bilden zwei Kompositionen, die den Kult wiederspiegeln. Zum einen - der Name spricht für sich - die "Kaffeekantate" von Johann Sebastian Bach (1685-1750). "Sie kannte ich selbstverständlich. Dann hörte ich von einer Kaffeekantate des französischen Bach-Zeitgenossen Nicoals Bernier", sagt Fortin dem SPIEGEL. "Somit hatte ich die Basis für die Platte."

Im Werk Berniers (1664-1734) werden die Vorzüge des Kaffees in barocken Wortgirlanden gepriesen: "Wohltuender Saft, von dem meine Seele begeistert ist", heißt es da. "Wir zähmen den Schlaf durch deine glückliche Hilfe", wird das Getränk als Wachhalter und Mittel gegen den Kater gelobt: "Du bekämpfst das verhängnisvolle Gift des Safts der Flasche." Die Kantate wurde mehrfach auf Schloss Versailles aufgeführt. Sie entstand mindestens zwei Jahrzehnte vor Bachs, was auch damit zu tun haben dürfte, dass die Kaffeewelle Paris deutlich früher erfasste als Sachsen.

Das erste Kaffeehaus in Leipzig eröffnete 1694. "Das Getränk erfreute sich schon damals großer Beliebtheit, was den Leipzigern den Spitznamen 'Kaffee-Sachsen' einbrachte", berichtet eine Sprecherin des Bach-Archivs. Bach, seinerzeit Thomaskantor in der Messestadt, schuf die Kaffeekantate, die eigentlich den offiziellen Titel "Schweigt stille, plaudert nicht" trägt, für die wöchentliche Konzertreihe der Leipziger "Collegia Musica". Uraufgeführt wurde sie 1734 - wahrscheinlich unter Leitung des Komponisten persönlich - im "Zimmermannschen Kaffeehaus", das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Spannende Kontraste

Das Werk, eine Art Mini-Oper, gehört zu den im 18. Jahrhundert populären weltlichen Kantaten mit moralischem Zeigefinger, die sich mit dem Thema Jugend und Laster befassten. Ein Herr Schlendrian streitet mit seiner Tochter Liesgen über deren Kaffeekonsum. Sie gesteht: "Coffee, Coffee muss ich haben." Erst als der Vater ihr eine baldige Heirat verspricht, gibt sie nach. "Doch Liesgen streuet heimlich aus", dass sie nur einen Mann will, der ihr den Kaffee lässt. Denn: "Die Katze lässt das Mausen nicht", wie es zum Ende der Kantate heißt. Wir wissen ja, wie so etwas endet: Der "alte Schlendrian" schleicht sich bald wieder ein.

Preisabfragezeitpunkt:
04.09.2019, 14:15 Uhr
Ohne Gewähr

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Routes du Café - Werke von Bach, Bernier, Dede u.a

Label:
Alpha (Note 1 Musikvertrieb)
Preis:
EUR 15,99

Spannend ist die CD auch wegen ihrer Kontraste: Der französische Barockstil ist tänzelnd und ausladend, der deutsche geradliniger und weniger opulent. Die Kantaten sind von europäischer und osmanischer Instrumentalmusik jener Epoche umrahmt. Das ermöglicht etwa den Vergleich des Klangs einer arabischen Rohrflöte und einer europäischen Traversflöte, wie sie in Liesgens Arie "Ey! Wie schmeckt der Coffee süße" zu hören ist, gesungen von der tschechischen Sopranistin Hana Blazíková, eine der weltbesten Interpretinnen vokaler Musik des 18. Jahrhunderts.

Bleibt die Frage, wie die Komponisten zum Kaffee standen. Dass Bernier ihn mochte, liegt angesichts des hymnischen Textes, den er vertonte, nah. Bach besuchte nachweislich Leipziger Cafés. Wie er es daheim hielt, ist nicht bekannt. In seinem Nachlass aufgeführte "Geräthe" deuten aber auf beträchtlichen Kaffeekonsum hin. In der "Verlaßenschafft des am 28. July 1750 seelig verstorbenen Herrn Johann Sebastian Bachs, weyland Cantoris an der Schule zu St. Thomae in Leipzig" sind aufgeführt jeweils "1 große" und "1 kleinere Coffee Kanne" sowie "1 Coffee Teller" aus Silber und "1 meßingene Coffee Kanne. 1 dito kleinere, 1 dito noch kleinere".

insgesamt 3 Beiträge
gerhard.bytof 10.09.2019
1. Kleine Korrektur
Die Formulierung im einleitenden Text ist etwas unsauber: Bach kann noch nicht vor "lasterhaftem Koffein" gewarnt haben, sondern bestenfalls allgemein vor einer vermeintlichen Wirkung des Kaffees. Schließlich wurde [...]
Die Formulierung im einleitenden Text ist etwas unsauber: Bach kann noch nicht vor "lasterhaftem Koffein" gewarnt haben, sondern bestenfalls allgemein vor einer vermeintlichen Wirkung des Kaffees. Schließlich wurde Coffein erst 1820 (d.h. 70 Jahre nach JS Bachs Tod) durch Friedlieb Ferdinand Runge extrahiert und erst dann als solches benannt. Runge hatte kurz zuvor aus der Hand JW v Goethes einige Kaffeebohnen erhalten, mit der Aufforderung, "die Base" des Kaffees zu finden, was ihm dann auch gelang.
Cpt. Miller 10.09.2019
2.
Es ist aber schon allgemein bekannt, dass Kaffee eine Droge ist wie jede andere auch? Sogar mitkörperlicher Abhängigkeit und Entzugserscheinungen. Immer diese unterschiedlichen Maßstäbe...
Es ist aber schon allgemein bekannt, dass Kaffee eine Droge ist wie jede andere auch? Sogar mitkörperlicher Abhängigkeit und Entzugserscheinungen. Immer diese unterschiedlichen Maßstäbe...
Newspeak 10.09.2019
3. ....
"Es ist aber schon allgemein bekannt, dass Kaffee eine Droge ist wie jede andere auch? Sogar mitkörperlicher Abhängigkeit und Entzugserscheinungen. Immer diese unterschiedlichen Maßstäbe..." Unterschiedliche [...]
"Es ist aber schon allgemein bekannt, dass Kaffee eine Droge ist wie jede andere auch? Sogar mitkörperlicher Abhängigkeit und Entzugserscheinungen. Immer diese unterschiedlichen Maßstäbe..." Unterschiedliche Maßstäbe sind sinnvoll, wenn man Unterschiedliches misst. Durch Kaffeekonsum gibt es absolut keine wirklichen Probleme.

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