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Kultur

Cellist Johannes Moser

"Vor Inhaftierten habe ich Sachen erlebt, die in Konzerthallen niemals passieren würden"

Johannes Moser spielt mit Spitzenorchestern, aber auch an Orten, wo klassische Musik eher selten stattfindet - warum Hauptschüler ein gnadenloses Publikum sind und Brahms im Gefängnis besonders berührt, erzählt er hier.

Lawrence K. Ho/ Los Angeles Times/ Getty Images

Johannes Moser (Archivbild): Die Auftritte sind extrem ergebnisoffen

Ein Interview von Thomas Schmoll
Samstag, 25.05.2019   19:41 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Moser, Sie gehören zu den Cellisten der Weltklasse, treten aber nicht nur in Konzerthäusern, sondern auch in Gefängnissen auf. Wie kam es dazu?

Moser: Als Student habe ich mich bei der von Yehudi Menuhin gegründeten Organisation "Live Music Now" engagiert, auch um etwas zu verdienen. Sie schickt Musiker an Orte mit Menschen, die nicht ins Konzert gehen, weil sie kein Geld haben oder nicht können: Altenheime, Krankenhäuser, Hospize, Waisenhäuser, Einrichtungen für Behinderte und Gefängnisse. Das war damals und ist heute jedes Mal eine tolle Erfahrung, weshalb ich es weiter ehrenamtlich mache und überall anbiete, wo ich für eine bestimmte Zeit fest engagiert bin.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr Motiv?

Moser: Geld ist nicht mehr der Grund. Man kann diesen Elfenbeinturm, in dem sich die Klassik und die Hochkultur insgesamt befindet, nicht wegdiskutieren. Er existiert sehr wohl - und diese Struktur hat auch Ihren guten Grund. Durch Konzerte in Seniorenheimen oder Gefängnissen erlebe ich einen Querschnitt durch den Teil der Gesellschaft, der sonst für mich unsichtbar ist. In einem städtischen Altersheim mit Vierbettzimmern trifft man völlig andere Menschen als in einem privaten Seniorenstift. So etwas bereichert mein Leben. Noch dazu sind die Auftritte extrem ergebnisoffen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Moser: Wenn ich in einem großen Saal vor zahlendem Publikum die Cellokonzerte von Haydn oder Dvorak spiele, ist mir Beifall garantiert. Da bin ich seelenruhig. Wenn ich aber vor 30 Neuntklässlern einer Hauptschule auftrete, ist mein Puls auf 180. Dann ist es - wie ich aus eigener Erfahrung weiß - alles andere als sicher, die jungen Leute zu begeistern. In Gefängnissen werde ich erst einmal ziemlich durchgecheckt. Die wollen wissen, wer ist der Kerl, der normalerweise nicht hierhergehört. Vor Inhaftierten und Obdachlosen habe ich Sachen erlebt, die in Konzerthallen niemals passieren würden.

SPIEGEL ONLINE: Erzählen Sie.

Moser: Vor Jahren hatte ich im Hamburger Frauengefängnis einen Auftritt mit einer Sängerin. Als wir Johannes Brahms' Wiegenlied "Guten Abend, gut' Nacht" spielten, ging es ganz bald ans Eingemachte. Mehrere Frauen verließen den Raum, weil sie es nicht ertragen haben. Ich bin sicher, sie dachten in diesem Augenblick an ihre Kinder außerhalb der Gefängnismauern. In Portland im US-Bundesstaat Oregon habe ich vor Wohnungslosen gespielt. Da kam ein Herr, der in seine Decke gehüllt war, und fragte: "Können Sie bitte das Stück von Bach spielen, das Yo-Yo Ma immer spielt?" Da dachte ich: Mensch, was geht hier ab!

SPIEGEL ONLINE: Er meinte bestimmt den ersten Satz der ersten Cello-Suite von Bach.

Moser: Ja, genau. Das hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, diesen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und nicht von oben herab nach dem Motto: Ich, der große Künstler, spende euch jetzt Kultur und widme euch eine Stunde meines Lebens. Der wichtigste Teil ist für mich deshalb auch das Gespräch danach. Dafür ist die Musik ein sehr guter Türöffner.

SPIEGEL ONLINE: Worum drehen sich diese Gespräche?

Moser: Das ist sehr unterschiedlich. An einer deutschen Schule habe ich einmal eine halbe Stunde mit der Klasse über Stille gesprochen, wie es ist, einmal zwei Minuten nur still zu sein und der These von John Cage nachzuspüren, wonach es keine komplette Stille gibt. Denn mindestens hört man sich selbst. Ich bin immer wieder erstaunt, welche Bilder Noten in den Köpfen der Zuhörer entstehen lassen. Gerade bei zeitgenössischer Musik. Wenn ich mit dem polnischen Komponisten Lutoslawski komme, wird es immer sehr spannend.

SPIEGEL ONLINE: Regt Witold Lutoslawski besonders zu Interpretationen an?

Moser: Nach meiner Erfahrung ist es so. Überhaupt bei Neuer Musik. Die Begeisterung, dazu Bilder zu entwerfen und Geschichten zu erzählen, ist exorbitant. Ein Fünftklässler erkannte in der Musik Lutoslawskis einen Elefanten, der von einem Privatdetektiv gejagt wird, der von einer Biene gestochen wurde. Die Erfahrung, wie sehr Musik Fantasie anregen kann, zeigt, wie wichtig es ist, so etwas zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Aber kein Knacki wird sagen: Los, spielen Sie mal was von Lutosawski oder Dutilleux!

Moser: Das passiert eher seltener, ja. Meistens wollen sie Popsongs hören. Oder neuerdings "Game of Thrones". Die Musik kannte ich nicht, da ich die Serie nicht schaue. Das Stück musste ich mir erst einmal anhören und einstudieren. Als Erstes spiele ich meistens etwas von Bach, kombiniert mit der Frage "Ratet mal, wie alt mein Cello ist?" Dann heißt es: 20, 30 Jahre. Nein, antworte ich, das ist aus der Bach-Zeit, also 300 Jahre alt. Das Erstaunen darüber macht es leichter für alle.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:32 Uhr
Ohne Gewähr

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SPIEGEL ONLINE: Was Sie erzählen, passt nicht zum Image der klassischen Musik, elitär zu sein.

Moser: Nicht die klassische Musik ist elitär, die spricht so gut wie jeden an. Elitär ist das Konzert, weil es sich nicht jeder leisten kann.

SPIEGEL ONLINE: Am 30. Mai haben Sie alle Cellisten, die wollen, zum gemeinsamen Musizieren auf das Tempelhofer Feld eingeladen. Ist das ebenfalls ein Versuch, Klassik unters Volk zu bringen?

Moser: Ich finde es toll, wenn Menschen jeder Couleur, die sich nicht kennen, gemeinsam musizieren. Früher war es völlig normal, dass Musik eine Community schafft und etwas Soziales ist. An diesen Gedanken möchte ich anknüpfen. Das muss nicht perfekt wie im Konzertsaal werden. Es soll Spaß machen und Menschen zusammenbringen.


Am 28. und 29. spielt Johannes Moser Pop-up-Konzerte, unter anderem in einer Wohnungslosenhilfe. Am 30. Mai präsentiert er ein Mitmachkonzert für Cellisten auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Mehr Informationen dazu finden sich auf der Homepage des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin.

insgesamt 15 Beiträge
az150 25.05.2019
1. Soziale Qualität
Das Engagement Mosers ist lobenswert. Und es wird deutlich, welchen unschätzbaren Wert Musik, wenn sie in ihrer Vielfalt akzeptiert und verbreitet wird für jeden einzelnen und für das soziale Miteinander haben kann. Gerade die [...]
Das Engagement Mosers ist lobenswert. Und es wird deutlich, welchen unschätzbaren Wert Musik, wenn sie in ihrer Vielfalt akzeptiert und verbreitet wird für jeden einzelnen und für das soziale Miteinander haben kann. Gerade die ausgeprägte soziale Komponente ist eine Eigenschaft, die sie unter den anderen Künsten heraushebt. Mosers Engagement macht sich genau diese Qualität zunutze.
Vanagas 25.05.2019
2. Mein Gott, wie banal
Würde der Mann jeden Tag im Knast Konzerte spielen wäre die "Magie" auch dahin. Banale Binsenweisheit! So bleibt es ein erquickendes Unikum eines verquasteten Künstler erzählbar bei Canapés in der Mantinee um anzugeben!
Würde der Mann jeden Tag im Knast Konzerte spielen wäre die "Magie" auch dahin. Banale Binsenweisheit! So bleibt es ein erquickendes Unikum eines verquasteten Künstler erzählbar bei Canapés in der Mantinee um anzugeben!
torpedofrog 25.05.2019
3. Danke, Johannes Moser !!!
... und das von ganzem Herzen. Da hat einer doch tatsächlich verstanden, worum es bei Musik geht... Als Bach seine Stücke geschaffen hat, gab es Begriffe wie "Klassik" oder "ernste Musik" nämlich nicht... [...]
... und das von ganzem Herzen. Da hat einer doch tatsächlich verstanden, worum es bei Musik geht... Als Bach seine Stücke geschaffen hat, gab es Begriffe wie "Klassik" oder "ernste Musik" nämlich nicht... Mozart würde wohl protestieren, wenn da einer seine Zauberflöte der "ernsten" Musik zugeordnet hätte... Solcherlei Begriffe wurden von Leuten kreiert, die selbst gern "ernst" genommen werden wollen... Musik - das war und ist immer ein Weg zur Erbauung der Menschen und eine Verbeugung vor der Schöpfung. Und da ist Johann Sebastian näher bei Rammstein, als irgend ein Kritiker... Und wer die Gabe und Großherzigkeit besitzt, tatsächlich für die Ohren seiner Zuhörer zu spielen, erlebt dann solch wundervolle Reaktionen...
HC Ahlmann 25.05.2019
4. Absolute Stille
Selbst wenn es keine absolute Stille gibt, wie John Cage sagt, so selten sind die Momente nahezu absoluter Stille. Ich habe es nur einmal im Harz nach einer Nacht mit Schneefall erlebt. Wir waren zu zweit in der Loipe am Rehberg, [...]
Selbst wenn es keine absolute Stille gibt, wie John Cage sagt, so selten sind die Momente nahezu absoluter Stille. Ich habe es nur einmal im Harz nach einer Nacht mit Schneefall erlebt. Wir waren zu zweit in der Loipe am Rehberg, nachdem wir nicht mehr schauften und der Puls wieder normal war, hörten wir nichts, kein Tier, kein Wind, kein abrutschender oder knirschender Schnee, kein Verkehr, kein plätscherndes Wasser – wirklich nichts. EIn stiller Konzertsaal tost vor raschelnder Kleidung, scharrenden Füße, explodierendem Husten oder Niesen oder flüsterndem Publikum.
rechercher 25.05.2019
5. Hmmm
Ihnen ist aber der etwas schräge Miesmachercharakter Ihres Beitrages schon bewußt? Und wozu der überhaupt dienen soll, wissen vermutlich nur Sie allein. Weshalb Johannes Moser verquast sein sollte, ist wohl auch nur Ihnen [...]
Zitat von VanagasWürde der Mann jeden Tag im Knast Konzerte spielen wäre die "Magie" auch dahin. Banale Binsenweisheit! So bleibt es ein erquickendes Unikum eines verquasteten Künstler erzählbar bei Canapés in der Mantinee um anzugeben!
Ihnen ist aber der etwas schräge Miesmachercharakter Ihres Beitrages schon bewußt? Und wozu der überhaupt dienen soll, wissen vermutlich nur Sie allein. Weshalb Johannes Moser verquast sein sollte, ist wohl auch nur Ihnen allein klar. Um es klarzustellen: ich bezeichne mich aufgrund verschiedener historischen Ereignisse und politischer (Rück)Entwicklung vieler, leider sehr vielen Menschen keineswegs als bedingungsloser Menschenfreund. Aber etwas, was zugunsten und zum Wohle von Jugendlichen, von Benachteiligten, von Gescheiterten, von teils hoffnungslos Verlorenen unternommen wird zu verunglimpfen und mit Hohn zu kommentieren, halte ich für unfassbar primitiv.

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