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Kultur

Comeback-Versuch von David Hasselhoff

Looking for Siechtum

Eine Generation Deutscher wird im Ausland ausgelacht, weil sie einst David Hasselhoff zujubelte. Oliver Trenkamp gehört dazu - und hat sich jetzt, zwei Jahrzehnte später, seiner Schuld gestellt: Er wagte sich noch einmal zu "The Hoff", zum Deutschland-Start der Comeback-Tour. Ein Selbstversuch.

dpa
Samstag, 12.02.2011   11:25 Uhr

Schwer zu sagen, ob der Mann, der einst ein Star war in Deutschland, zur Selbstironie überhaupt fähig ist. Ob er mit der Fransen-Lederjacke und dem Nietengürtel vielleicht nur sich selbst zitiert und hofft, dass jeder die Anführungszeichen erkennt. Oder ob er das alles ernst meint, das Glitzer-Jackett und den silbernen Anzug, den Leder-Smoking und die Sonnenbrille mit den blinkenden Leuchtdioden, die rote Baywatch-Jacke und die Rettungsboje.

Die Frage ist nicht, ob David Hasselhoff, 58, ein Clown ist. Die Frage ist, ob er ein tragischer Clown ist, der ernsthaft ein Comeback als Sänger versucht - wofür einiges spricht. Oder ob er über sich lachen kann, so wie sein schwankendes Publikum; wie die Männer in "The Hoff"-Shirts, die ihm "Schaa-lala-la-la" entgegengrölen und Bierbecher im Dutzend zur Bühne schleppen. Die vor der Show sagen: "Eigentlich wollten wir schon viel besoffener sein." Und die finden, Hasselhoffs Alkoholprobleme sind eher ein Grund für einen Konzertbesuch als dagegen.

Beim Deutschland-Start seiner Tour, in der Ballsporthalle Frankfurt am Main, trifft sich jene Generation, die im Ausland ausgelacht wird, weil sie einst David Hasselhoff zujubelte und ihn für Wochen in die Charts hievte; damals, vor gut 20 Jahren, bei seiner letzten Tour. Jene Generation, die aufwuchs mit "Knight Rider" und "Baywatch"; die zum ersten Mal seinetwegen "Bravo" kaufte und zum ersten Mal "Playboy" wegen Pamela Anderson.

An diesem Abend stelle ich mich meiner Schuld und bekenne: Ich gehöre dazu. Ja, auch ich habe damals das Album "Looking for Freedom" gekauft, vom Geld meiner Oma. Es war meine erste MC. Ja, auch ich habe mein Zimmer vollgehängt mit 65 Hasselhoff-Postern und einem kompletten "Bravo"-Starschnitt, auf dem er ein rotes "Knight-Rider"-Shirt trägt. Ja, auch ich habe mitgesungen, ohne die Texte zu verstehen, damals bei der Show in der Deutschlandhalle in Berlin. Es war mein erstes Konzert. Ich hatte meiner Mutter erlaubt, mich zu begleiten, und David Hasselhoff spielte zwischendurch ein Beatles-Medley für sie.

"Das singende Sandmännchen"

Freunde warnten mich davor, das alles öffentlich zu bekennen; von sozialem Selbstmord war die Rede. Aber erstens war ich damals erst zehn Jahre alt - und ich war damit nicht allein: Die "taz" überschrieb ihren Konzertbericht mit "Das singende Sandmännchen", weil so viele Kinder da waren. Zweitens kann man seiner Vergangenheit nicht entkommen.

Jetzt wollte ich wissen, wie es ist, wenn David Hasselhoff und meine Generation wieder aufeinandertreffen.

Auf den ersten Blick sind die Unterschiede eher klein. Wie damals hat der Veranstalter einen schwarzen Trans Am mitgebracht: Kitt, das sprechende Auto aus "Knight Rider". Nur diesmal ist es eine schlechte Kopie, die draußen im Regen steht - kein rotes Pendellicht unter der Motorhaube, dafür ein Schild hinter der Scheibe: "Bitte nicht berühren". Viele fassen trotzdem über das Absperrgitter, wenn der Wachmann wegguckt. "Allein deswegen hat sich das Konzert schon gelohnt", lallt jemand.

Zu Beginn der Show ist auf den Bildschirmen über der Bühne zu lesen: "The Man, The Myth, The Legend, The Hoff." Ein Film erklärt uns, warum wir eigentlich hier sind - wir sehen Hasselhoff an der Berliner Mauer singen, erfahren, dass er der meistgesehene TV-Held aller Zeiten ist und unzählige Platten verkauft hat. Eben ein echter Star.

Alles sieht aus wie damals

Das Stampfen und Hüpfen und Grinsen von Hasselhoff auf der Bühne - alles sieht aus wie damals, nur dass ihm der Bauch jetzt über den Gürtel quillt und er vielleicht nicht mehr ganz so tief in die Knie geht. Er ruft wie früher: "Isch liebe Eusch alle." Und musikalisch hat er sich in etwa so weiterentwickelt wie die Handlung einer Baywatch-Folge: Die Bademode wechselt gelegentlich, ansonsten bleibt alles, wie es ist.

Was sich verändert hat, ist die Haltung des Publikums. Jeder hier weiß von Hasselhoffs Abstürzen im Suff, jeder kennt das Youtube-Video, das seine Tochter aufgenommen hat: Wie er sich auf dem Boden wälzt und versucht, sich einen Cheeseburger in den Mund zu stopfen. "The Hoff", das ist zwar der "Held meiner Kindheit", sagen viele hier, vor allem Männer um die 30. Doch kaum einer würde "Crazy for you" oder "Limbo-Dance" im Auto hören. Viele haben sich die Konzertkarten von der Frau oder Freundin schenken lassen.

Bei "The Hoff" paaren sich ironisches Statement und Mitklatsch-Lust. Ein Sportlehrer, 27, der aus Köln angereist ist, sagt: "Wenn bei einer Party nichts mehr geht, dann geht David." Die müdesten und besoffensten Freunde würden bei Hasselhoff-Hits wieder munter - alternativ biete sich sonst noch Roxette an.

"The Hoff", das ist aber auch die Chance, vielleicht einen torkelnden 1,93-Meter-Hünen zu erleben, der fast von der Bühne fällt; wie Ende 2009 bei den MTV Europe Music Awards in Berlin. Da konnte sich der Sänger kaum aufrecht halten. Die heimliche Hoffnung auf Freakshow treibt viele der knapp 1900 Zuschauer her - Looking for Siechtum.

"I am too old for this"

Natürlich sind auch die Fans da, die das alles so ernst nehmen wie ich mit zehn. Aber es sind wenige. Eine Kellnerin aus Frankfurt, 30, sagt, ihr Lieblingslied sei schon immer "Crazy for you". Sie trägt ein Knight-Rider-Shirt und darüber eine Baywatch-Jacke, die ihre Cousine aus den USA mitgebracht hat. Ein Mechaniker aus Osnabrück, 36, sah dieselbe Show schon in Wien - und war so begeistert, dass er auch nach Frankfurt kam. Jetzt nervt ihn nur, dass er trotz teurer Karten, 65 Euro, nicht viel sehen kann: Auf den Plastik-Stühlen vor der Bühne stehen Leute, die sicher nur die billigen Karten für 30 Euro gekauft haben, vermutet der Mann. Aber es halte sich ja niemand an die Platzreservierung.

David Hasselhoff übersteht den Abend äußerlich unbeschadet. Er lässt sich auf die Schultern klopfen, als er zu "Looking for Freedom" die Halle betritt, in Lederjacke mit Nieten-Adler auf dem Rücken. Er ignoriert die Becher, die ab und zu auf die Bühne fliegen. Er stampft und grinst. Alles wie immer. Nur vor der letzten Zugabe sagt er: "I am too old for this." Es klingt fast nach Selbstironie.

insgesamt 76 Beiträge
Pepito_Sbazzagutti 12.02.2011
1. ....
Lasst ihn doch. Wer nach eigener Aussage mit "Looking for Freedom" so maßgeblich zum Zerbröseln der Berliner Mauer beigetragen hat, der wird doch wohl ein Comeback versuchen dürfen. Don't Hassel The Hoff!!
Lasst ihn doch. Wer nach eigener Aussage mit "Looking for Freedom" so maßgeblich zum Zerbröseln der Berliner Mauer beigetragen hat, der wird doch wohl ein Comeback versuchen dürfen. Don't Hassel The Hoff!!
Pnin 12.02.2011
2. .
Muss ein kurzes Konzert sein. Oder singt der 14x Looking for Freedom hintereinander?
Muss ein kurzes Konzert sein. Oder singt der 14x Looking for Freedom hintereinander?
Pepito_Sbazzagutti 12.02.2011
3. ....
Ja, aber 7x mit Bandbeleitung und 7x in einer Akustik-Version, der Abwechslung wegen.
Zitat von PninMuss ein kurzes Konzert sein. Oder singt der 14x Looking for Freedom hintereinander?
Ja, aber 7x mit Bandbeleitung und 7x in einer Akustik-Version, der Abwechslung wegen.
hardcoreatheist 12.02.2011
4. Misanthropwerdung
Ein Land das einem David Hasselhoff ein 'Comeback' ermöglicht und einen Dieter Bohlen zum Millionär gemacht hat trieb mich in die vollendete Misanthropie. Vergleichsweise hochgeistige Unterhaltung bietet mir dagegen mein [...]
Zitat von sysopEine Generation Deutscher wird im Ausland ausgelacht, weil sie einst David Hasselhoff zujubelte. Oliver Trenkamp gehört dazu - und hat sich jetzt, zwei Jahrzehnte später, seiner Schuld gestellt: Er wagte sich noch einmal zu "The Hoff", zum Deutschland-Start der Comeback-Tour. Ein Selbstversuch. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,744809,00.html
Ein Land das einem David Hasselhoff ein 'Comeback' ermöglicht und einen Dieter Bohlen zum Millionär gemacht hat trieb mich in die vollendete Misanthropie. Vergleichsweise hochgeistige Unterhaltung bietet mir dagegen mein Hund beim Stöckchenspiel. Bei jedem 'Wuff' höre ich die klassische Opernsängerausbildung heraus!
Porgy 12.02.2011
5. "KITT, ich brauch dich Kumpel!"
Vielleicht sollte er mal sein Auto singen lassen?
Vielleicht sollte er mal sein Auto singen lassen?

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