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Kultur

Streit über Festival

Fusion - aber nicht mit der Polizei

Für die Besucher des Fusion-Festivals ist Selbstentfaltung wichtig. Doch ein Streit zwischen Polizei und Veranstaltern gefährdet das linksalternative Event.

Katherine Rydlink/ SPIEGEL ONLINE

Fusion Festival (Archivbild): Sonnenuntergang hinter der Turmbühne

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Freitag, 17.05.2019   15:18 Uhr

Feine Töne wabern durch die feiernde Menge vor der Turmbühne. Auf den umliegenden Hangars stehen Menschen mit Glitzer im Gesicht, Bierflaschen in der Hand. Einige halten bunte Regenschirme, mit Lichterketten verzierte Gießkannen oder an Stäben befestigte Discokugeln in die Höhe.

Dann setzt der Bass ein. Gießkannen und Regenschirme tanzen plötzlich wild auf und ab. Die Fusion ist eröffnet, die Menge schwelgt im Glück.

So hätte man die Stimmung auf dem Fusion-Festival in den vergangenen Jahren in einer Reportage beschreiben können. Nur war dies von Seiten der Veranstalter nicht erwünscht. Journalisten waren in den vergangenen 22 Jahren angehalten, von Berichten oder gar Filmen über das Festival an der Müritz abzusehen, um die Privatsphäre der Besucher nicht zu beeinträchtigen. Die meisten Medien hielten sich an diese Bitte.

Nun ist alles anders, die Veranstalter suchen gezielt die Öffentlichkeit: Seit einigen Monaten schwelt ein Streit mit den örtlichen Behörden. Ob das Festival 2019 überhaupt stattfinden kann, ist offen.

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Fusion in Gefahr: Ein Ort der Selbstentfaltung

Was ist geschehen? Wie in jedem Jahr hatte der Verein Kulturkosmos Müritz die Veranstaltung, die auf einem alten russischen Militärflugplatz in Mecklenburg-Vorpommern stattfindet, beim Ordnungsamt Röbel/Müritz beantragt. Nur wurde das Sicherheitskonzept in diesem Jahr nicht genehmigt. Denn das Polizeipräsidium Neubrandenburg äußerte Bedenken.

Im November schon forderten Polizei und Landkreis die Veranstalter auf, Mängel am Sicherheitskonzept zu beheben. Die Behörden monierten etwa unzureichende Fluchtwege und fehlende Beschallungsanlagen. Die Forderung, die schließlich zum Disput führte: Das Neubrandenburger Polizeipräsidium will Beamte auf dem Fusion-Gelände in einer mobilen Wache stationieren.

Eine sogenannte anlasslose Bestreifung der Fusion wollen die Veranstalter jedoch nicht akzeptieren. Am Donnerstag nun hat der Kulturkosmos ein überarbeitetes Sicherheitskonzept vorgelegt - über die genauen Details will der Verein nicht sprechen. Linus Neumann, einer der Sprecher der Fusion, sagt aber zum SPIEGEL: "Es gab bestimmte Hausaufgaben, die wir machen mussten, das haben wir auch eingesehen. Jetzt sind wir davon überzeugt, dass das Sicherheitskonzept in dieser Form nicht mehr zu beanstanden ist. Aber auch in unserem neuen Konzept ist eine Polizeiwache auf dem Gelände nicht vorgesehen."

Eigenverantwortliche Selbstentfaltung

Um zu verstehen, warum die Veranstalter sich so vehement gegen etwas wehren, das bei anderen Festivals als selbstverständlicher Standard dazugehört, muss man das Konzept der Fusion begreifen. Die Fusion ist nur bedingt vergleichbar mit anderen Großveranstaltungen, wie etwa dem "Hurricane-Festival oder "Rock am Ring".

Bodo Marks/dpa

Ortsschild von Lärz, wo die Fusion jedes Jahr stattfindet

Das linksalternative Festival gleicht eher einem Feriendorf mit Erlebnisspielplätzen, Wellnessbereichen und vielen Bühnen. Auch politische Workshops werden angeboten. Es gibt keine Headliner, keine Werbung und kein Fleisch. Das Programmheft wird erst beim Betreten des Festivalgeländes ausgehändigt.

Vor allem will die Fusion einen Gedanken transportieren: Sie bietet für fünf Tage die Freiheit der eigenverantwortlichen Selbstentfaltung."Das Sicherheitsgefühl entsteht dadurch, dass kleinste Abweichungen von dieser Kultur sozial geächtet werden", sagt Neumann. "Eine Umgebung setzt den Rahmen, wie Menschen sich verhalten. Bei einem Fußballderby zum Beispiel ist eine ganz andere Atmosphäre als auf einem Weihnachtsmarkt, obwohl auf beiden Veranstaltungen viele Menschen sind."

In bestimmten Situationen entstehe Sicherheit, so Neumann, gerade dadurch, dass es keine autoritäre Kontrolle gebe. "Auf der Fusion gilt es als cool, ordentlich miteinander umzugehen", sagt der 36-Jährige. Für viele, auch das ist klar, gehört auch freier Drogenkonsum zu diesem Konzept. Entgegen der Mythen, die über die Fusion kursieren, werden dort jedoch keine illegalen Substanzen von den Veranstaltern verteilt oder beworben.

DPA

Einer der HaHangarsuf dem Festivalgelände

Rund 10.000 ehrenamtliche Helfer organisieren das Festival. Sie kümmern sich um die Künstlerauswahl, das Theaterprogramm, die Kunstprojekte, Komposttoiletten, die Ticketverlosung - und eben auch um die Sicherheit der Besucher.

Es gibt ein medizinisches Zentrum mit etwa 160 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Die Organisation "Eclipse" kümmert sich um Festivalbesucher, die etwa zu viele Drogen oder Alkohol konsumiert haben. Es gibt ein Team, das sich gegen sexistische und diskriminierende Übergriffe einsetzt, Rettungsschwimmer an den Badestellen und sogar eine Tierpsychologin.

Nach Aussagen der Veranstalter gab es in den vergangenen 22 Jahren Festivalgeschichte durchschnittlich 2,5 Straftaten pro Fusion, bei rund 70.000 Besuchern. "In den wenigen Fällen, wo die Polizei zu uns gerufen wurde, haben wir sie auch aufs Gelände gelassen", sagt Neumann. Die Polizei selbst berichtete, der Einsatz während der Fusion 2018 sei "wie auch in den vergangenen Jahren ohne besondere Vorkommnisse verlaufen".

"Wir wollen die Fusion ja gar nicht verbieten", sagte der seit 2016 zuständige Polizeipräsident Hoffmann-Ritterbusch auf einer Pressekonferenz. Jedoch wolle man "eine gefahrlose Veranstaltung durchführen" können. Dazu gehöre auch, dass Sicherheitsbehörden und Polizei jederzeit einen freien Zugang zum Gelände haben müssten.

Hoffmann-Ritterbusch stand aktuell nicht für ein Gespräch zur Verfügung, eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Neubrandenburg sagte dem SPIEGEL aber: "Der freie Zugang war in der Vergangenheit leider nicht immer der Fall. Teilweise mussten die Beamten erstmal eine Stunde diskutieren, bevor sie aufs Gelände durften - obwohl es Hinweise für einen Sprengkörper auf dem Gelände gab." Man habe sich also gedacht, es sei einfacher, wenn Beamte schon einmal drinnen stationiert seien. Wie eine Sprecherin des Ordnungsamts Röbel/Müritz dem SPIEGEL sagte, begründen die Behörden ihre Forderung mit einer neuen Versammlungsstättenverordnung in Mecklenburg-Vorpommern, die im Februar 2018 als Reaktion auf das Unglück bei der Loveparade in Duisburg 2010 in Kraft getreten sei.

"Vertrauen ein Stück weit gestärkt"

Ob nicht doch vor allem Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz ein Anlass sind, dass die Polizei auf dem Gelände präsent sein will? "Nein", sagt die Polizei-Sprecherin. "Wir wissen, dass das ein friedliches Festival ist, und wir wollen nicht auf das Gelände, weil wir dort Straftaten vermuten." Festivalbesucher, die gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen, würden hauptsächlich durch die Verkehrskontrollen aufgegriffen: "Die kommen schon zu uns, die müssen wir nicht suchen", sagte die Sprecherin. Es gehe um Vertrauen, dass der Wille bestehe, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. "Dieses Vertrauen wurde aber jetzt ja auch ein Stück weit gestärkt, da die Veranstalter ihr Konzept überarbeitet haben."

Jörg Carstensen/dpa

Pressekonferenz des Kulturkosmos

Das neue Sicherheitskonzept, das die Veranstalter am Donnerstag vorlegten, sehe eine Wache an einem gut erreichbaren Ort unmittelbar vor dem Festivalgelände vor, sagt Fusion-Sprecher Neumann. Alle weiteren Kritikpunkte seien angegangen worden.

Ob der Vorschlag, die Wache vor dem Festival einzurichten, von der Polizei angenommen wird, bleibt damit die Gretchenfrage. Ist das Polizeipräsidium weiterhin nicht bereit, den Vorschlag anzunehmen, will der Kulturkosmos rechtliche Schritte einleiten. Sprecher Neumann: "Wir haben mehr als 20 Jahre lang diese Verhandlungen im gegenseitigen Einvernehmen und kooperativ geführt. Es drängt sich der Eindruck auf, dass es hier gar nicht so sehr um die Sicherheit der Besucher geht, sondern um eine polizeiliche Forderung nach Kontrolle. Wenn das der Fall ist, dann werden wir das in der Reaktion auf unser neues Konzept sehen."

Eine Entscheidung wollen die Behörden frühestens Mitte nächster Woche bekannt geben.

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