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Kultur

Videotagebuch einer Star-Geigerin

Die harte Arbeit hinter dem Glamour

Die amerikanische Weltklasse-Violinistin Hilary Hahn veröffentlich auf Instagram Videos von ihren täglichen Übungen. Sie gewährt einen faszinierenden Einblick hinter die Kulissen der Klassikszene.

Michaela Rihova/ CTK/ AP

Hilary Hahn 2018: "Das ist meine Welt"

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Mittwoch, 10.07.2019   16:12 Uhr

Als Sergej Prokofjew sein erstes Violinkonzert im Herbst 1917 zur Uraufführung bringen wollte, tobte die Revolution; erst im Oktober 1923 sollte das Werk in Paris seine Premiere erleben. Der russische Künstler hatte Mühe, einen Solisten zu finden. Später berichtete er, dass Geiger es abgelehnt hätten, "diese Musik" einzustudieren: Einigen war das Konzert nicht avantgardistisch genug. Anderen war aber auch der Solopart zu kompliziert, den schließlich der Konzertmeister des Orchesters übernahm.

Wer einen Eindruck davon haben möchte, was die Partitur Solisten technisch abverlangt, hat nun die Möglichkeit dazu. Unter dem Hashtag #100daysofpractice ("100 Tage Übungen") stellt die Weltklasse-Geigerin Hilary Hahn auf Twitter und Instagram kurze Videos von ihren täglichen Übungen ins Netz, darunter sind auch Studien zu Prokofjews Komposition. Einmal schreibt Hahn dazu: "Langsame, sanftmütige Version von zwei der widerborstigsten Passagen von Prokofjews 1. Das Üben hat heute keine Priorität, aber ich habe es trotzdem getan."

Die Amerikanerin gewährt einen faszinierenden Einblick in den Alltag einer Spitzenmusikerin, der sonst im Verborgenen bleibt. Mit Glamour oder Starkult hat das nichts zu tun. "Das ist meine Welt", sagt die Musikerin im Gespräch mit dem SPIEGEL. Viele Videos zeigen eine völlig in sich gekehrte Virtuosin in sterilen Hotelzimmern.

Manchmal ist Hahn beim Einspielen in Garderoben der Konzerthallen kurz vor dem Auftritt oder beim Soundcheck in Sälen noch ohne Publikum zu sehen. Naheinstellungen, die oft nur Hände, Bogen und das Instrument oder allein den Geigenhals zeigen, nimmt die Musikerin selbst auf. Bei allen anderen bittet sie Kollegen oder Freunde, sie zu filmen.

Inspiriert wurde die 39-Jährige von Künstlern, die auf Instagram 100 Tage lang ihren Arbeitsprozess an einem einzigen Werk gezeigt hatten. Wie Hahn erzählt, war sie beeindruckt von dem Projekt und dachte darüber nach: "Wie kann ich meine Verbundenheit zu diesen Leuten zeigen und mit Musik etwas Ähnliches machen?" So kam die Geigerin auf "100 Tage üben". "Weil das sowieso jeden Tag passiert".

Cati Cladera/ DPA

Hilary Hahn: "Sobald ich anfange, genieße ich es"

Von der Resonanz zeigt sie sich überrascht. "Ich hätte nicht gedacht, dass die Leute es lieben würden, sondern dass die Videos größtenteils unbemerkt bleiben oder sogar nerven", sagt sie. Inzwischen veröffentlichen jedoch auch andere Musiker unter dem Hashtag Filme zu den Mühen, ihr Instrument bestmöglich zu beherrschen.

"So entsteht eine Gemeinschaft aus einer ansonsten eher einsamen Sache. Das ewige Wiederholen der Noten bringt generell viel Stress und Zweifel mit sich und es ist beruhigend , wenn man sieht, dass auch ein Profimusiker auf völlig unschrille, ganz gewöhnliche Weise übt."

Es ist dann auch gerade die Alltäglichkeit, die den Reiz der Videos ausmacht. Man sieht und hört: Es ist ein hartes Stück Arbeit - Tag für Tag. "Ich musste lernen, wie man effektiv arbeitet, egal, wo ich bin", erzählt Hahn. Gerade der Kontrast zwischen der Musik und der Eintönigkeit der Räume verleiht den kurzen Sequenzen eine besondere Note. Viele Aufnahmen - vor allem die Schnipsel aus Sonaten von Johann Sebastian Bach - verströmen einen Hauch von Melancholie.

Interessant ist, wie sich der Charakter der Kompositionen ändert, wenn Soloparts einmal wirklich solo, also ohne Orchesterbegleitung, zu hören sind. Man könnte von Kammermusik der besonderen Art sprechen. Manchmal fügt Hahn kurze Erklärungen an, die helfen sollen, das Werk, seine Herausforderungen und ihren Interpretationsansatz besser zu verstehen. So erläutert sie zum Violinkonzert des Finnen Jean Sibelius: "Ich bin nicht sicher, ob den Leuten klar ist, wie sehr Sibelius den Solisten ständig bis zum Äußersten seiner technischen Möglichkeiten fordert."

Manchmal sei der Start schwierig, sagte sie. "Sobald ich anfange, genieße ich es. Das Üben hilft mir, den Kopf frei zu bekommen und meine Gedanken zu sortieren, nicht nur meine Gedanken zur Musik."

Eine Ausnahme der Reihe ist Tag 47, aufgenommen nach einer Probe in Paris. Das Video ist das einzige, in dem die Violinistin ohne Instrument zu sehen ist. Sie wirkt erschöpft, gähnt sogar. Dazu schreibt sie: "Zum Üben gehört das Sitzen und Nachdenken. Also habe ich das gemacht."

insgesamt 3 Beiträge
Medardus 10.07.2019
1. Ein angenehm unaufgeregter Artikel,...
...sachlich, unaufdringlich und ohne reißerischen Glamouraspekt in Inhalt und Sprachgebung. Und zudem ohne fachliche Fehler. Gerne mehr davon.
...sachlich, unaufdringlich und ohne reißerischen Glamouraspekt in Inhalt und Sprachgebung. Und zudem ohne fachliche Fehler. Gerne mehr davon.
freidenker! 10.07.2019
2. Wie schön ...
Wirklich ein schönes Bild. Und wenn man weiß wie hart die Arbeit ist, die da investiert wurde um dieses Bild zu erhalten, dann ist es beeindruckend. Klassische Musik hat vielleicht die Chance die Menschen zum Guten zu [...]
Wirklich ein schönes Bild. Und wenn man weiß wie hart die Arbeit ist, die da investiert wurde um dieses Bild zu erhalten, dann ist es beeindruckend. Klassische Musik hat vielleicht die Chance die Menschen zum Guten zu verändern. Die Kunst hat überhaupt diese einzigartige Möglichkeit. Was macht den Menschen menschlicher? "Schönheit", sagte einst der frz. Maler Gauguine. Klassische Musik ist vielleicht Schönheit in musikalischer Form. Aber so schön es auch ist, es bleibt eine Traurigkeit. Diese Erkenntnis verbleibt oder bleibt in der Regel nur bei reichen Kulturmenschen hängen. Die gigantische Masse der Bevölkerung auf dieser Welt interessiert sich nicht sonderlich dafür, falls sie überhaupt davon Notiz nimmt. Sie hat andere Sorgen, was aber dieser Art von Musik nicht schadet. Es bleibt die Hoffnung, dass dies irgendwann einmal anders wird. Aber wird lange dauern, sehr lange ...
freidenker! 21.07.2019
3. Sehr schade ...
Das dieser Artikel nur zwei Meinungsäußerungen aufweist ist sehr schade. Es zeigt wie es um die Menschen steht. Das laute Getöse der Welt ist ungleich stärker als ein schönes Bild mit klassischer Musik.
Das dieser Artikel nur zwei Meinungsäußerungen aufweist ist sehr schade. Es zeigt wie es um die Menschen steht. Das laute Getöse der Welt ist ungleich stärker als ein schönes Bild mit klassischer Musik.

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