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Kultur

Abgehört 2018

Das ist die beste Musik des Jahres

Ein gewichtiger Jazz-Prophet, eine Rockband auf dem Mond, eine Rapperin ohne Namen, genderfreier Cyberpunk und deutsche Lärm-Katharsis: Die besten Popalben des Jahres. Heute: Teil 1.

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Dienstag, 18.12.2018   17:19 Uhr

Kamasi Washington - "Heaven And Earth"
(XL Recordings/Beggars, erschienen im Juni)

Manchmal, erzählte Kamasi Washington zu Beginn dieses Jahres im Interview, fühle er sich, als würde er einen Berg hinaufsteigen. Das ist keine ganz leichte Sache, wenn man ein körperliches Schwergewicht ist wie der 37-jährige Saxofonist und Bandleader aus Los Angeles. Seine Musik jedoch, eine elektrisierende, beständig groovende Fusion aus Spiritual-, Modal-Jazz, P-Funk und dezenten Hip-Hop-Elementen hebt jede Gravitation auf. Auf "Heaven and Earth", einem Doppelalbum, das auf diesem Aufstieg zum Gipfel der Erlösung von irdischer Pein eine Rast auf halber Strecke genau dort markiert, wo sich die graue Wolkendecke allmählich einem verheißungsvoll blauen Himmel öffnet, gelingt Washington dieses Epiphanische erneut nach seinem Triple-Meisterwerk "The Epic" (2015). Es ist eine letztlich hoffnungsvolle Erzählung über den alltäglichen Struggle der afroamerikanischen Community gegen alle gesellschaftlichen Widerstände.

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Washington und seine vielköpfige junge Band geben sich in dieser nicht minder epischen Fortsetzung noch weniger traditionsverhaftet, sondern mutig experimentell und explizit politisch. So wie im Eröffnungsmotiv "Fists of Fury", das die Sentimentalität und Cheesyness einer alten Martial-Arts-Filmmusik mit anschwellenden Chören und seelenvollen Gastvokalisten zu einer eindringlichen Botschaft für soziale Gerechtigkeit arrangiert - eine Art Alternativ-Soundtrack zum afrofuturistischen Kino-Blockbuster "Black Panther". Kamasi Washington bleibt der Prophet des neuen Jazz-Zeitalters.

Noname - "Room 25"
(Eigenveröffentlichung auf Bandcamp, erschienen im September)

Zwei tolle, emanzipatorische Rap-Erzählerinnen gab es in diesem Jahr: Die eine sehr prominent und in den Charts, die andere eher unter dem Radar; und deshalb soll letztere auch hier noch einmal gewürdigt werden. Nicht, weil die New Yorker Ex-Stripperin Cardi B mit ihrem Debüt "Invasion of Privacy" keine nachhaltige Wirkung erzielt hätte, sondern weil Fatimah Warner alias Noname mit ihrem zweiten Album nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, wie sie verdient hätte. Das liegt auch daran, dass Warner, die bewusst auf eine Plattenfirma und einen Markennamen verzichtet, so etwas wie die Antithese zum lauten und schrillen Beben aus der Bronx darstellt, das Cardi B auslöste. Die aus Chicagos Bronzeville stammende Rapperin, die auch einen besinnlich abgeklärten Gesang beherrscht, nahm "Room 25" mit einer zwölfköpfigen Liveband auf, es klingt aber so intim, als wäre es im Schlafzimmer unter der Bettdecke entstanden.

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In wortgewandten Vignetten zwischen Hip-Hop, R&B und Jazz erzählt Warner berührend von ihrer sterbenden Mutter ("Don't Forget About Me"), träumt sich als Bossa-Muse nach "Montego Bay" oder vertont in "Blaxploitation" einen Essay über die gesellschaftliche Misere des schwarzen Amerikas als treibenden Retrofunk. "My pussy teachin' ninth-grade English/ My pussy wrote a thesis on colonialism" rappt sie in ihrem Intro-Manifest "Self", und dann folgt eine amüsiert hingekicherte Punchline, mit dem sie sich den Platz unter den Top Ten des Jahres letztgültig verdient hat: "And y'all still thought a bitch couldn't rap, huh?".

Die Nerven - "Fake"
(Glitterhouse/Indigo, erschienen im April)

"Es ist, so viel steht schon jetzt fest, eines der eindringlichsten deutschen Alben des Jahres", schrieben wir im April über "Fake", und so ist es auch geblieben. Sorry, liebe Freunde von Tocotronic, aber Euer Nostalgie-transzendentes Manifest ewiger Adoleszenz, "Die Unendlichkeit", war uns nicht gegenwärtig genug in diesem Jahr, dass gesellschaftlich und politisch so verkrampft und verkorkst war. Die Nerven aus Stuttgart konterten die allgemeine Verunsicherung, die Auflösung von Wahrheiten und Gewissheiten auf ihrem vierten Album mit einem kathartischen, aus Post-Punk und Hardcore geformten Lärm, den keine andere hiesige Rockband zurzeit in dieser gleißenden Intensität beherrscht. Wenn alles "Fake" ist, die News ebenso wie die Selbstdarstellung auf Instagram und Twitter, das von Zeitgeist-Medien propagierte Dogma der Lebensoptimierung ebenso wie das programmatische Dagegen-sein oder selbst der eigene Indie-Fame, dann liegt die einzig gültige Dissidenz darin, niemals zu sich selbst zu finden, wie es die Band im Selbstgespräch "Niemals" formuliert - und dabei schon fast Toco-diskursiv wirkt. Es gibt mehr musikalische Varianz auf "Fake", aber auch mehr Ohnmacht und Orientierungsverlust: "Wir machen alles falsch/ Wir machen alles richtig", heißt es jovial in "Alles falsch".

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Der aufwallende Trotz gegen das postmoderne Paralysegefühl ("Explosionen, wir waren dabei") ist fast körperlich spürbar beim Hören, aber eine Lösung ist noch nicht in Sicht: "Lass alles los/ Gib alles frei/ Nichts bleibt!" brüllen Max Rieger, Kevin Kuhn und Julian Knoth dieser Welt aus Lügen ihren aus Frust geborenen Nihilismus entgegen. Ein Kraftakt, der Versuch einer Befreiung.

Sophie - "Oil Of Every Pearl's Un-Inside"
(Transgressive/Pias, erschienen im Juni)

Je mehr sich zerstörerische Kräfte der Gesellschaft in überwunden geglaubte Haltungen zurückziehen (Faschismus, Nationalismus, Homophobie, Rassismus, Misogynie) und sich per Boss-Transformation für den Kulturkampf gegen "Geschlechterwahn" und andere angeblich "linksgrünversiffte" Dinge stählen, desto mehr wurde die Popmusik in diesem Jahr zu einem Safe Space für Transmenschen und queere Künstler, aus dem heraus ergreifende Manifeste für Diversität, Freiheit und Toleranz formuliert wurden: John Grants "Love Is Magic" gehört dazu, ebenso musikalische Ermächtigungen von Planningtorock und Lotic.

Abgehört im Radio

Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Am wirkungsvollsten bleibt jedoch das vom Experimentellen weit in den Pop hineinreichende Album der britischen Musikerin Sophie, wobei man gleich dazu sagen muss: Wie sich Sophie selbst identifiziert, ist offen und soll uns eben auch egal sein. Wenn man phonetisch etwas genauer hinhört, entpuppt sich der seltsame Albumtitel als programmatische Ansage: I love every person's insides - ich liebe alle Personen, unabhängig von ihrem Äußeren. Eine Utopie, klar, aber wie eine Popmusik klingen kann, die sich von geschlechtlichen Zuschreibungen weitgehend freimacht, demonstriert Sophie (oder ihr mit verfremdeter Stimme singender Avatar) in hymnischen, manchmal brutal aneinander klirrenden, manchmal ganz anschmiegsamen Elektronik-Kompositionen, die ihren akzelerationistischen Alien-Sounds von früheren Veröffentlichungen mehr Struktur und ein Narrativ geben.

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Das Album ist eine Cyberpunk-Reise vom Leid der eigenen Otherness-Erkenntnis und erlebten Ausgrenzung ("It's Ok To Cry") über die Persönlichkeits-Zersplitterung und digitale Neuerfindung ("Faceshopping", "Immaterial") bis zum euphorisch-kakophonischen Versprechen einer "Whole New World/Pretend World". Der Sound einer besseren Zukunft.

Arctic Monkeys - "Tranquility Base Hotel & Casino"
(Domino/Goodtogo, erschienen im Mai)

Wer würde sich nicht gerne in ein nobles, aber leider nur erträumtes Spa- und Casinohotel auf dem Mond zurückziehen, um dem irdischen Tumult zu entfliehen? Die britischen Arctic Monkeys unter Führung ihres Sängers und Songwriters Alex Turner unternahmen dieses Jahr eine Exkursion ins lunare "Meer der Ruhe" und ersetzten ihren schwitzig-nervösen Rock'n'Roll mit einem eklektischen Breitwand-Sound, der das Symphonische eines Brian Wilson ebenso umarmt wie Las-Vegas-Grandezza und die plüschige Retrofuturistik eines Danger Mouse.

Turner, der hier die exaltierte Haltung und den affektierten Duktus eines Revue-Erzählers einnimmt, schrieb fast alle der gemächlich perlenden, luxuriös ausgreifenden und letztlich sehr hinreißenden Songs allein im stillen Kämmerlein in L.A. am Piano, bevor er seine Bandkollegen mit diesem charmanten Stilwechsel konfrontierte. Die staunten, sahen dann aber wohl ein, dass der altgediente Sound des letzten Hitalbums "AM" trotz Erfolg ins Nirgendwo der aktuellen Rock-Ratlosigkeit führt.

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Live reproduzierten die Arctic Monkeys ihre amüsante Neuerfindung mit energischen Shows, an deren Ende Alex Turner dann doch noch die Pomade aus dem Haar rutschte und das Salonlöwen-Sakko in die Ecke flog. Über der Bühne dieses heißen Häutungsprozesses prangte übrigens nur noch "Monkeys" in schönen, großen Leuchtbuchstaben. Geben wir dafür "Four stars out of five" wie Turner sich im besten Song des Albums über Popkritiker und ihre Wertungen mokiert? Mindestens.


Andreas Borcholtes Top-Songs 2018 (International)

SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1 Childish Gambino: This Is America

 2 Kamasi Washington: Fists Of Fury

 3 Rosalía: Malamente

 4 Tamino: Habibi

 5 Farai: This Is England

 6 Kids See Ghosts: Kids See Ghosts

 7 Yves Tumor: Noid

 8 Noname: Blaxploitation

 9 Justin Timberlake feat. Chris Stapleton: Say Something

 10 Sophie: It's Ok To Cry

 11 Martyn: Try To Love You

 12 Prince: Cold Coffee & Cocaine

 13 Arctic Monkeys: Four Out Of Five

 14 Low: Always Trying To Work It Out

 15 Lonnie Holley: There Was Always Water

 16 Georgia Anne Muldrow: Overload

 17 Little Simz: Boss

 18 Pusha T: Come Back Baby

 19 Blood Orange: Charcoal Baby

 20 Lana Del Rey: Venice Bitch

Lesen Sie am Donnerstag Teil 2 der "Abgehört 2018"-Ausgabe mit fünf weiteren wichtigen Alben des Jahres und den besten Songs aus Deutschland.

insgesamt 71 Beiträge
deep_within 18.12.2018
1. wir wohl langsam Zeit ...
... das Herr Bocholte mal wieder ein paar Konzerte besucht, bei denen man die Hausschuhe vorher auszieht. ;-)
... das Herr Bocholte mal wieder ein paar Konzerte besucht, bei denen man die Hausschuhe vorher auszieht. ;-)
madde666 18.12.2018
2. Nachhilfe
Ab und an, aber höchst selten, hat der Herr Borcholte ja mal 'ne Perle dabei. Kamasi Washington mag ich auch sehr. Aber mal was von "Sons of Kemet - Your queen is a reptile" gehört? Mein persönliches Überalbum des [...]
Ab und an, aber höchst selten, hat der Herr Borcholte ja mal 'ne Perle dabei. Kamasi Washington mag ich auch sehr. Aber mal was von "Sons of Kemet - Your queen is a reptile" gehört? Mein persönliches Überalbum des Jahres. Die blasen alles hier Vorgestellte mal locker weg.
ambulans 18.12.2018
3. mein gott,
dass >noname (leider) ziemlich weniger gut ist als so einige ihrer vorgänger (to name only: blowfly "firstblack black president"), ist doch nicht das problem - sowas kann man problemlos per "weltnetz" [...]
dass >noname (leider) ziemlich weniger gut ist als so einige ihrer vorgänger (to name only: blowfly "firstblack black president"), ist doch nicht das problem - sowas kann man problemlos per "weltnetz" herausfinden. und, musikalisch (liegt inzwischen ca. 30 jahre zurück) dann auch noch einiges hinzu lernen ...
freddykruger 18.12.2018
4. Beste Musik des Jahres?
Liegt wohl ehr im Ohr jedes einzelnen Hörers was er als die beste Musik des Jahres empfindet und bezeichnet. Nun ja, ich hab allerdings auch nichts anderes erwartet als das hier Kamasi Washington erwähnt wird. Auch wenn hier [...]
Liegt wohl ehr im Ohr jedes einzelnen Hörers was er als die beste Musik des Jahres empfindet und bezeichnet. Nun ja, ich hab allerdings auch nichts anderes erwartet als das hier Kamasi Washington erwähnt wird. Auch wenn hier evtl. die Jazz Grufties (Sorry, sollte Fans heißen) aufheulen, Heaven And Earth ist super. Trotzdem, in meinen persöhnlichen Jahresranking ist Firepower von Judas Priest ungeschlagen die Nr.1. Wer jetzt etwas anderes behauptet, ist ein Helene Fischer Fan. Mal sehen was Teil 2 bringt.
freddykruger 18.12.2018
5. @ambulans
Hallo Doc, wat gäht ab ey? Schön mal wieder was von dir zu lesen. Wollte schon einen Nachruf schreiben. Tja, so toll war das musikalische Jahr im großen und ganzen wohl nicht. Was waren den deine persönlichen Highlights?
Hallo Doc, wat gäht ab ey? Schön mal wieder was von dir zu lesen. Wollte schon einen Nachruf schreiben. Tja, so toll war das musikalische Jahr im großen und ganzen wohl nicht. Was waren den deine persönlichen Highlights?
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