Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Tiefe Streicher

Wenn der Bass erstaunen lässt

Solokonzerte mit dem Kontrabass als Mittelpunkt gehören eher zu den Raritäten im Konzertsaal. Anders, wenn Ödön Rácz zum großen Bogen greift. In den höheren Lagen überzeugt Alexander Ramm mit Brittens Cellosuiten.

Dmitry Masleev
Von
Sonntag, 10.02.2019   07:06 Uhr

Als Solobassist muss man sich am besten selbst um seine Konzertliteratur kümmern. Eine Erkenntnis, die der berühmte Kontrabassist Giovanni Bottesini (1821-1899) - italienischer Kontrabassist, Komponist und Dirigent - rasch in die Taten umsetzte. Eine Fülle von Werken, kleinen kammermusikalischen Juwelen bis hin zu Konzerten und veritablen Bravourstücken umfasst sein Katalog, zu dem Solisten gern greifen.

Zwei Könner von den Berlinern

Jetzt nahmen sich Ödön Rácz, Konzertmeister der Wiener Philharmoniker und sein Kollege aus der ersten Reihe des Orchesters, der Violinist Noah-Bendix Balgley, das munter bis nachdenkliche "Gran Duo Concertante" vor. Und das klingt gar nicht wie innige Meditationen, sondern eher wie ein Tanz zweier Soloinstrumente, die es wissen wollen.

Sie beschreiben die Liebe und Enttäuschung mit empathischem Glanz und tänzerischer Fantasie. Lustvolles Ergebnis: eine gute Viertelstunde voll glänzenden Saitenspiels. Mehr als nur unterstützt werden die beiden vom erfahrenen Franz Liszt Chamber Orchestra (gegründet 1963), das sich unter Stabführung der römischen Dirigentin nur zu gern zu diesem Tänzchen verführen lässt.

Empathischer Glanz durch die römische Dirigentin

Vom Jazz kamen wesentliche Einflüsse der modernen Tango-Musik Astor Piazzollas, aber ebenso von Igor Strawinski und Béla Bartók. Alles, nur keine Folklore. Ödön Raczs Intonation, seine flexible Spielart und latenter Swing dürften Piazzolla gefallen haben, vor allem im Kontrast mit dem klassisch geprägten Franz Liszt Chamber Orchestra.

ANZEIGE

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier.

Völlig unterschiedliche Stücke

Die oft beschworene Reibung der Kulturen, hier gelingt sie nicht nur als Gewürz, sondern als Reibung. Großbritanniens wichtigster Komponist des letzten Jahrhunderts, Benjamin Britten (1913-1976), hinterließ ein breit gefächertes Werk, zu dem auch drei völlig unterschiedliche Cellosuiten gehören.

Getreu seinem Vorbild Johann Sebastian Bach, steckte Britten viele Aspekte seines OEuvres in Stücke, die sowohl die Möglichkeiten des Instruments als auch seine Innovationskraft darstellen.

Tango ganz anders

Immerhin begrüßte Brittens Komponisten-Kollege Dimitri Schostakowitsch sie als eines der größten Ereignisse der "Kleinen Form" im 20. Jahrhundert. Ihre Widmung soll dem großem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch gelten, obwohl dies nicht 100-prozentig belegt ist. Zumindest gibt es von ihm eine maßgebliche Interpretation der ersten beiden Suiten.

ANZEIGE

Ganz im Sinne von Rostropowitschs Temperament und technischer Brillanz hat sich der junge russische Cellist Alexander Ramm (Jahrgang 1988) genau dieser Dritten angenommen. Seine Aufnahme vereinigt die gefasste Fröhlichkeit mit dem kontrastierenden Ernst, die "leichten" mit den meditativen Momenten und bannt durch seinen kraftvoll-sensiblen Ton das Spezielle dieser Suite. Natürlich spielte er auf dieser CD auch die ersten beiden Suiten ein, was den Rostropowitsch-Vergleich noch reizvoller gestaltet.

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP