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Kultur

Madonna beim ESC

Ein Tiefpunkt ihrer Karriere. Vielleicht sogar der Endpunkt

Der Auftritt Madonnas sollte der Höhepunkt des Eurovision Song Contest sein. Sie hätte also hustend die Showtreppe runterfallen und liegenbleiben können - und es wäre ein Spektakel gewesen. Es kam aber schlimmer: Sie sang.

Michael Campanella/Getty Images
Von
Sonntag, 19.05.2019   07:49 Uhr

Es muss kein geschmäcklerischer Griesgram sein, wer auch beim diesjährigen ESC sechsundzwanzig Beispiele für irrelevanten Trash gehört haben will. Zeug halt, das verzweifelt an gesamteuropäische Erwartungen appellierte, technisch die Traditionen des Wettbewerbs reproduzierte oder diffus ins Modernistische zielte. Das Übliche, überzuckert vom Kontinuum der guten Laune. Und dann kam Madonna.

Das Hineinrauschen der Ikone in die Veranstaltung, für eine kleine Millionensumme finanziert von einem israelisch-kanadischen Geschäftsmann, hätte eigentlich eine sichere Nummer sein müssen. Für den ESC. Und für Madonna selbst, die mit "Madame X" ein neues Album zu promoten hat.

Seit den Achtzigerjahren ist es das Geschäftsmodell der Frau, zur best music money can buy das jeweils überreife Tabu der Stunde zu brechen. Das machte sie nicht nur zur ideologischen Übermutter der queeren Kernzielgruppe, sondern auch zum großen Vorbild all der Eintagsfliegen, die diese Veranstaltung verlässlich produziert. Und war ihre Karriere nicht ein permanenter Kostümwechsel, von der Lolita über die Domina und das Cowgirl bis zur mystischen Kabbalistin?

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ESC: Mamadonna

Schon ihr Abflug in New York war von Raunen begleitet, ging sie doch vollverschleiert zum Gate am JFK-Airport. Mit 35 Sängerinnen und Sängern und einem Equipment von 30 Tonnen soll sie dann gelandet sein in Israel - um sich im Dan Hotel in Tel Aviv zu verschanzen. Selbst für ihre Proben wurde die Halle geräumt, Großes durfte erwartet werden.

Für erste - und zunächst noch ganz erfrischende - Irritationen sorgte das kurze Interview, das Assi Azar aus dem vierköpfigen Moderatorenteam mit dem Weltstar führen durfte. Madonna war wächsern, trug Augenklappe und wirkte auch sonst wie einem "Piraten der Karibik"-Cosplay entsprungen.

Den israelischen Fanboy ließ sie mit angetäuschtem Geflirte schnippisch auflaufen. Wie sich das für eine Diva gehört. Danach orchestrierte sie ein nicht sonderlich textsicheres Publikum zu einer Songzeile aus ihrem alten Song "Music" von 2000 und verkündete, ihren aktuellen Song "Future" zitierend: "Musik bringt die Menschen zusammen".

Ihr eigentlicher Auftritt dann war ein Tiefpunkt ihrer Karriere. Zunächst interpretierte sie das 30 Jahre alte "Like A Prayer" in verschärft katholisierter Variante, ergänzt um gregorianische Choräle. Sichtlich zu Schaffen machte ihr das Herabsteigen der Showtreppe. Nicht nur traf Madonna kaum einen Ton. Ihr Vortrag war auch noch so kurzatmig, dass man kein Kritiker ihrer Arbeit sein musste, um Mitleid zu empfinden.

Nun gehört es beim ESC zur kunstfernen Sitte, die stimmlichen Leistungen der Interpreten danach zu bewerten, ob sie hohe Noten treffen oder auch sonst parasportliche "Leistungen" zu erbringen hätten. Als Zuschauer fühlt man sich bisweilen, als wohnte man einer Regionalmeisterschaft im Bodenturnen bei: "Im Abschluss war das nicht ganz sauber!"

Ein Profi wie Madonna aber hätte genau darauf gefasst und vorbereitet sein müssen, dass weder ihre Aufmachung noch ihr Gesang dem Wettbewerb gewachsen war. Wie unter dem Brennglas wurde deutlich, wo ihre Schwächen liegen. Erstens war ihre Kostümierung immer schon ein Spiel mit Freizügigkeiten, zweitens ihre Stimme schon immer dünner und alles andere als ein Ereignis. Auf ihrer eigenen Bühne und nach ihren eigenen Gesetzen mag das kein Problem sein. In Tel Aviv wurde es zum Trauerfall.

Erschwerend hinzu kam, dass sie die Enttäuschung über "Like A Prayer" mit ihrem neuen Song nicht abfedern konnte. "Future" schaukelte auf einem handelsüblichen Reggae daher. Die Verstärkung durch den Rapper Quavo genügte nicht, ihre Stimme war bis zur Unkenntlichkeit durch Autotune entstellt - ein Korrekturprogramm, das ursprünglich einmal falsches Singen korrigieren sollte und zu einer Mode wurde, die inzwischen aber auch schon wieder vorbei ist.

Darüber hinaus war, was an diesem Abend geschah, auch ein frontaler Crash gegensätzlicher Unterhaltungskulturen. Zu ungeschriebenen Gesetzen des ESC gehört es, dass Interpreten ihrem Publikum in aufgekratzter Unterwürfigkeit begegnen. Eine Madonna hingegen ist ein richtiger Star. Das Publikum hat dankbar zu sein, ihr lauschen zu dürfen.

Im Alter zum Gespött gemacht

Dieses verhängnisvoll kostbare Selbstbild im goldenen Rahmen offenbarte sie unlängst in der "Vogue". Es gäbe für eine Madonna "kein lebendes Rollenmodell", denn keine andere Frau sei "in der Position, in der ich mich befinde" als Kreative, Künstlerin, politische Aktivistin und Mutter. Immer sei ihr mangelndes Talent, mangelnde Stimme, mangelnde Schönheit vorgeworfen worden - und nun ihr hohes Alter: "Ich werde dafür bestraft, 60 geworden zu sein".

Patti Smith, Kate Bush, Grace Jones und eine ganze Reihe anderer Musikerinnen werden das womöglich ähnlich sehen. Und doch haben diese Künstlerinnen es bisher vermieden, sich im Alter zum Gespött zu machen. Ganz im Gegenteil. Und so wirkte sogar Madonnas subversive Geste hilflos bis wohlfeil, auf den Rücken zweier ihrer Tänzer - und wider das strikt unpolitische Reglement - die palästinensische und die israelische Fahne, Arm in Arm, in die Veranstaltung geschmuggelt zu haben.

Für den ESC als paneuropäisches Spektakel über alle Geschmacksgrenzen hinweg wäre ein Auftritt von Madonna selbst dann noch ein historischer Höhepunkt gewesen, wenn sie nur hustend die Showtreppe heruntergefallen und dort liegen geblieben wäre. Für eine Madonna war es, gemessen an ihren eigenen Ansprüchen, ein Tiefpunkt ihrer Karriere.

Vielleicht sogar der Endpunkt.

insgesamt 306 Beiträge
moriar 19.05.2019
1. Wahnsinn!
Ihr habt es geschafft, ich habe einen Artikel über diesen lahmen Wettbewerb fast zu Ende gelesen, wegen Madonna..... Warum?
Ihr habt es geschafft, ich habe einen Artikel über diesen lahmen Wettbewerb fast zu Ende gelesen, wegen Madonna..... Warum?
inmado 19.05.2019
2. Sensationsheischender Kommentar...
Nach diesem drastischen Kommentar musste ich mir den Auftritt Madonnas erst einmal ansehen. Was ich gesehen habe, war ein professioneller Auftritt ohne Makel. Über Geschmack lässt sich streiten. Aber von dem Drama, das Herr [...]
Nach diesem drastischen Kommentar musste ich mir den Auftritt Madonnas erst einmal ansehen. Was ich gesehen habe, war ein professioneller Auftritt ohne Makel. Über Geschmack lässt sich streiten. Aber von dem Drama, das Herr Frank beschreibt, habe ich nichts, aber auch rein gar nichts entdecken können.
ge1234 19.05.2019
3. So so...
.... Arno (wer ?) ist also der Meinung, Madonna hätte ein dünnes Stimmchen, wäre dem ESC nicht gewachsen und überhaupt das "Vorbild aller Eintagsfliegen" (sic) in diesem Geschäft? Und Madonna wäre ein [...]
.... Arno (wer ?) ist also der Meinung, Madonna hätte ein dünnes Stimmchen, wäre dem ESC nicht gewachsen und überhaupt das "Vorbild aller Eintagsfliegen" (sic) in diesem Geschäft? Und Madonna wäre ein "richtiger" Star! Nein, Arno (wer?), Madonna ist kein "richtiger Star", sondern zusammen mit Michael Jackson DER Superstar der Popmusik der letzten 50 Jahre, ob Arno (wer?) ihr jetzt, aus welchem Grund auch immer, eine einschenken will oder nicht!
heikoaushamburg 19.05.2019
4. Ich fand es gut
Es ist halt Kunst gemischt mit Musik.Für manche ist das zu hoch, da selten bei uns.
Es ist halt Kunst gemischt mit Musik.Für manche ist das zu hoch, da selten bei uns.
jjcamera 19.05.2019
5. Aufhören
Irgendwie passte der Auftritt Madonnas sehr treffend zum Gesamtkonzept des ESC: man sollte am Höhepunkt der Karriere aufhören, und nicht an ihrem Tiefpunkt. So mancher Boxer kann das bestätigen.
Irgendwie passte der Auftritt Madonnas sehr treffend zum Gesamtkonzept des ESC: man sollte am Höhepunkt der Karriere aufhören, und nicht an ihrem Tiefpunkt. So mancher Boxer kann das bestätigen.

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