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Kultur

Zum Tod des Musikers Scott Walker

Im Kaninchenbau des Irrsinns

Teeniestar mit den Walker Brothers, existenzialistischer Solist, schließlich experimenteller Einzelgänger: Im Leben machte es sich Scott Walker nicht leicht - den Hörern seiner Musik auch nicht.

AP

Scott Walker in den Sechzigerjahren

Ein Nachruf von
Montag, 25.03.2019   16:00 Uhr

Die Verletzlichkeit des Menschen und die gottlose Dunkelheit, die ihn umgibt. Dies wäre im Kern, was Noel Scott Engel als Künstler angetrieben hat. Immer schon. Zu hören ist das bereits auf dem ersten kleineren Hit, den er als Scott Walker mit den Walker Brothers hatte. Für "Love Her" musste er als Leadsänger einspringen, weil seine Stimme die nötige Tiefe für diese Liebeskummerballade hatte. "Love her like I should have done", croonte er wie ein waidwunder Sinatra.

1965 war das die üblicherweise überproduzierte Streichersahne, während drüben in England die Beatles mit "Help!" schon nicht mehr aus dem Grinsen herauskamen. Dort, in England, sollten die Walker Brothers richtig zünden - nie in den USA, wo sie herkamen und ihre musikalischen Wurzeln lagen.

Zu diesen Traditionen gehörte auch, dass die Walker Brothers ihre Hits selten selbst schrieben, sondern "nur" interpretierten wie die großen Sänger alter Schule. Das galt für "Love Her" von Barry Mann ebenso wie für "The Sun Ain't Gonna Shine (Anymore)" von Frankie Valli, das erst in der Version der Walker Brothers ein Welthit wurde. Andere Songs, etwa "Make It Easy on Yourself", steuerte Burt Bacharach bei.

Für eine kurze Zeit genossen die Walker Brothers in ihrer Festung adoleszenter Empfindsamkeit, umschlossen von einer betäubend schwelgerischen Wall of Sound, eine ähnlich hysterische Popularität wie die Beatles. Wobei es immer dieser melancholische Bariton war, der mühelos allen produktionstechnischen Aufwand mit Menschlichkeit konterte.

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Scott Walker bei "Top of the Pops"

Mit seiner Rolle als Idol der Jugend haderte Scott Walker aber damals schon, mit einer Hand in der Hosentasche und die Lippen gelangweilt zum Playback bewegend.

Einzelkind war er, Einzelgänger ist er geblieben

Vermutlich war Scott Walker 1967, als er der Gruppe den Rücken kehrte, auch das eigene Tun zu schematisch geworden. Einzelkind war er, Einzelgänger ist er geblieben. Hatte andere Interessen. Las Sartre, Kafka, sah Bergman und Kurosawa, hörte Miles Davis und den flämischen Poeten und Songwriter Jacques Brel. Dessen Chansons wird er auf seinen folgenden Soloalben immer wieder interpretieren.

Wobei diese Arbeit, nach dem Besingen jugendlicher Verletzlichkeit, mehr und mehr in die Dunkelheit führte. Seine Kunst war schon immer aus der Zeit gefallen. Nach dem kommerziellen Misserfolg von "Scott IV" und einer depressiven Phase schien er beschlossen zu haben, sich in diesem Abseits einzurichten. Die Siebzigerjahre waren nicht gut zu ihm. Es folgte Album auf Album mit Softpop und Country-Quatsch, keines davon erfolgreich.

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The Walker Brothers, 1976. V.l.n.r.: Scott Walker, John Walker, Gary Walker

Das änderte sich ausgerechnet mit den 1975 wiedervereinigten Walker Brothers. Erstmals seit den Sechzigern trat er auf "Nite Flights" von 1978 wieder als Songwriter in Erscheinung. "The Electrician" nahm nicht nur klanglich "Lodger" von David Bowie vorweg. Es handelte auch, je nach Interpretation, von Sadomasochismus oder den Folterknechten der argentinischen Junta. Keine leichte Kost.

Immer tiefer

"Climate Of The Hunter", sein nächstes Soloalbum von 1983, gilt denn auch als größte Pleite in der Geschichte seiner damaligen Plattenfirma Virgin. Ab da ging gar nichts mehr für Scott Walker, zwölf Jahre lang, über die er scherzte: "Ich bin zum Orson Welles der Musikindustrie geworden. Man will mit mir zu Mittag essen, aber niemand will den Film finanzieren".

Erst 1995 fanden sich Verrückte, die seine Vision finanzieren wollten. Beim Label 4AD erschien "Tilt", und damit war er endlich in der gottlosen Dunkelheit angekommen. Es gilt als das erste Album des 21. Jahrhunderts und ist Lichtjahre entfernt vom Frühwerk, in einer sehr kalten Ecke des Universums angesiedelt. Dabei waren die Neunziger wieder gut zu einem Außenseiter wie Scott Walker. Jetzt konnte er die Ernte seiner Weirdness einfahren. Thom Yorke von Radiohead verehrte ihn, 2000 produzierte er "We Love Life" von Pulp - und zeigte damit, dass er durchaus noch "anders" konnte.

Wollte er aber nicht. Tatsächlich gibt es in der zeitgenössischen Populärmusik nichts, was auch nur annähernd so abseitig klingt wie Walkers "finale Trilogie" aus "Tilt", "Drift" (2006) und "Bish Bosch" (2012). Hier verschwindet er immer tiefer im Kaninchenbau eines Irrsinns, der seinesgleichen sucht und nicht findet. Er selbst beschrieb seinen Ansatz so: "Große Blöcke aus Lärm und kein Versuch, das durch Arrangements glamouröser zu machen".

Wenn hier Humor am Werk ist, dann der des Dada

Für Ute Lemper schrieb er 2000 noch zwei Lieder, die noch eine Ahnung davon vermittelten, dass ihr Urheber Gesten der klassischen Oper mit der Atonalität der Neuen Musik verbinden wollte. Seine letzten drei Alben aber sind tonnenschwere Trümmer zersplitterter Cluster aus Klang, die in ihrer bedrückenden Atmosphäre an Gemälde von Francis Bacon erinnern. Er selbst verglich sie mit den alptraumhaften Illustrationen eines H.R. Giger.

Entsprechend düster und kryptisch sind zuletzt auch die Texte, in denen es um Seuchen und Genozide geht, um Mussolini oder einen Affen in Galway, um Zwiegespräche zwischen Elvis Presley und seinem toten Zwillingsbruder, nie aber Verständlichkeit: "Oh, the Luzerner Zeitung/ The Luzerner Zeitung/ Never sold out/ Never sold out". Wenn hier Humor am Werk ist, dann der grimmige des Dada.

Nicht einmal die Stimme war geblieben. Durch die katastrophischen Kulissen seiner letzten Platten huschte sie wie ein Gespenst seiner selbst, längst vom Bariton zum gequälten Tenor transzendiert. Dabei war er im persönlichen Gespräch zugewandt und freundlich. Nur seine Arbeit, die konnte er nicht erklären, sorry: "Ich habe es gemacht, wie ich es gemacht habe".

Vielleicht gibt es keinen Schlüssel, der sowohl zur existenzialistisch Früh- wie zur experimentellen Spätphase passt. Vielleicht gibt es ihn doch, und Walker hat ihn 1969 auf das Cover von "Scott IV" drucken lassen. Es ist ein Zitat von Albert Camus: "Die Arbeit eines Mannes ist nichts als der langsame Weg, um auf den Umwegen der Kunst die zwei oder drei großen und einfachen Bilder wieder zu entdecken, in deren Gegenwart sein Herz zuerst geöffnet wurde".

In der Nacht von Sonntag auf Montag ist Scott Walker in Los Angeles einem Krebsleiden erlegen. Er wurde 76 Jahre alt.

insgesamt 15 Beiträge
Florentinio 25.03.2019
1. The Sun
ain't gonna shine anymore
ain't gonna shine anymore
Frank_G 25.03.2019
2. "Climate of Hunter"
"Climate of Hunter", das als LP ziemlich untergegangen ist, hier bei YouTube in einer remasterten CD-Version: https://www.youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_nSvCrir8pqpzcwPStaq-MQ7LtJqi3UYJo (Laylist aller Songs) Ich [...]
"Climate of Hunter", das als LP ziemlich untergegangen ist, hier bei YouTube in einer remasterten CD-Version: https://www.youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_nSvCrir8pqpzcwPStaq-MQ7LtJqi3UYJo (Laylist aller Songs) Ich höre gerade die Original-LP, ein wenig trauernd. Sie war im Jahr meines Examens erschienen, das eine wichtige biografische Zäsur für mich dargestellt hat (wie es wohl für jeden mit seinem eigenen Examen ist) und in dem ich viele LPs gekauft hatte, die lebensbegleitend wichtig für mich wurden. "Climate of Hunter" war/ist eine davon. Toller und würdiger Nachruf!
fandorinmusic 25.03.2019
3. Traurig
Für mich die schönste Stimme der Popmusik. In der Rückschau ist "Tilt" doch gar nicht so sperrig. Viel Orchester, Orgel, große Melodien wie "Farmer in the City" Ps: Tilt ist nicht auf 4AD erschienen, das [...]
Für mich die schönste Stimme der Popmusik. In der Rückschau ist "Tilt" doch gar nicht so sperrig. Viel Orchester, Orgel, große Melodien wie "Farmer in the City" Ps: Tilt ist nicht auf 4AD erschienen, das war Chrysalis. (ja, pedantisch, ich weiß)
Schattenriss 25.03.2019
4. R.i.p.
Ein Song wie "Boy Child" ist reine unverständliche Schönheit, Walkers Stimme reines Gold. Rilke sagte, das Schöne ist des Schrecklichen Anfang, aber wie Scott Walker es spätestens seit "Tilt"schaffte, [...]
Zitat von fandorinmusicFür mich die schönste Stimme der Popmusik. In der Rückschau ist "Tilt" doch gar nicht so sperrig. Viel Orchester, Orgel, große Melodien wie "Farmer in the City" Ps: Tilt ist nicht auf 4AD erschienen, das war Chrysalis. (ja, pedantisch, ich weiß)
Ein Song wie "Boy Child" ist reine unverständliche Schönheit, Walkers Stimme reines Gold. Rilke sagte, das Schöne ist des Schrecklichen Anfang, aber wie Scott Walker es spätestens seit "Tilt"schaffte, eigentlich schon seit "The Electrician", reine Schönheit in reinen Schrecken zu verwandeln - verstandraubende Alchemie. Einer der Allergrößten.
House_of_Sobryansky 25.03.2019
5. Angst 5
Ich habe auch Angst vor Sozialisationen, die Spaß an der Ausrottung haben. Man kann nur froh sein, dass diese psycho-fatale Ausgestaltung keine Relevanz hat. Nur eine Evidenz der Bescheidenheit, die natürlich angesichts barocker [...]
Ich habe auch Angst vor Sozialisationen, die Spaß an der Ausrottung haben. Man kann nur froh sein, dass diese psycho-fatale Ausgestaltung keine Relevanz hat. Nur eine Evidenz der Bescheidenheit, die natürlich angesichts barocker Entgrenzungen, wie in den 70ern, diese nur mit Retroetikett goutieren und verstehen kann.

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