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Kultur

Popikone Peaches

"Genitalien müssen gezeigt werden"

Die kanadische Sängerin Peaches feiert ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum mit einer Ausstellung und einer Varieté-Show. Im Gespräch blickt sie auf ihre Karriere zurück - und verrät, wie sie Sexspielzeug zu einem eigenen Willen verhilft.

Magda Wosinska/ Kampnagel
Von
Sonntag, 11.08.2019   12:44 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Peaches, Sie feiern in diesem Jahr 20-jähriges Bühnenjubiläum. Woran denken Sie vor allem zurück?

Peaches: An viel Arbeit. Immer weitermachen. Nicht abheben. Ich habe ein Album gemacht und bin dann zweieinhalb Jahre getourt, wieder ein Album gemacht und wieder zweieinhalb Jahre getourt. So ging das gefühlt die ganze Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch konstant daran gearbeitet, die Geschlechtergrenzen aufzubrechen. Manche bezeichnen Sie als die Sex-Ikone der Subkultur, Grand Dame der Queerness oder Skandalsängerin. Trotz Hits wie "Fuck the Pain Away" sind Sie aber nie zu einem Superstar geworden. Hätten Sie sich das gewünscht?

Peaches: Auf gar keinen Fall. Ich kenne viele sehr bekannte Personen,und sie kennen mich, das reicht. Ich bin zum Glück kein Mensch, den alle jeden Tag im Fernsehen sehen wollen. Das macht mich frei, deshalb fühle ich mich wohl und sicher.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Warum genau?

Peaches: Ich erlebe jetzt die einmalige Situation, alles machen zu können, was ich will. Dafür werde ich sehr respektiert, inzwischen auch für meine musikalische Arbeit. Und das ganz ohne einen Zwang von außen. Die einzigen Erwartungen an mich, die kommen von mir selbst.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie von sich?

Peaches: Zum Beispiel immer wieder Neues auszuprobieren.

SPIEGEL ONLINE: Ich habe einigen Freunden erzählt, dass ich Sie zum Interview treffe, und die erste Reaktion war immer: Ah, toll, die mit den Genitalien!

Peaches: Das stimmt natürlich. Das wiederholt sich bei mir: Penis, Vagina und was es sonst noch so gibt - das muss alles gezeigt werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie hüllen sich auf der Bühne in Stoffgenitalien und reißen sie sich während der Show vom Leib. Oder gehen im Video zu dem Song "Dick in the Air" in einem gehäkelten Ganzkörperanzug mit baumelndem Penis joggen.

Peaches: Ich will damit zeigen, wie wir reduziert werden. Unsere Beziehung zu unserem eigenen Körper ist derartig fremdbestimmt, das lässt mich nicht los. Das ist extrem politisch und eine Form der Kontrolle. Ich glaube nicht, dass wir uns in unserer Haut wohlfühlen sollen. Wir sollen uns vor uns fürchten und danach streben, einem gesetzten binären Standard zu entsprechen.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen tragen junge Frauen in der Uni T-Shirts mit Vulva-Aufdruck. Ist die Gesellschaft Ihrer Meinung nach nicht auf dem richtigen Weg?

Peaches: In manch einer Blase vielleicht. Es ist ein guter Trend, aber hat deswegen die ganze Welt das Prinzip verstanden? Als vor fünf Jahren mein letztes Album rauskam, hieß es in allen Interviews: Oh wie schön, du musst gar nicht mehr kämpfen! Das war aber kurz bevor Trump gewählt wurde. Danach sagten dann alle: Wie wichtig, dass du diese Musik machst, jetzt mehr noch als je zuvor. Das ist schon merkwürdig. Man denkt immer, Fortschritt verläuft in eine Richtung: Hoch, und alles wird immer besser. Das stimmt aber gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem hat sich aber ja einiges verändert, seit Sie Ihr erstes Album "The Teaches of Peaches" herausgebracht haben.

Peaches: Meine Ideale sind immer gleich geblieben. Körperbehaarung ist nichts Schlimmes, jeder soll sich in seinem Körper wohlfühlen und tun können, worauf er Lust hat, es gibt auch weibliche Lust - so was halt. Sie wurden über die Jahre bestätigt, das freut mich natürlich sehr. Erst war es aber einige Jahre hart für mich. Als ich anfing, war ich sehr isoliert.

SPIEGEL ONLINE: Woran lag das?

Peaches: Es gab immer sehr viele verschiedene Meinungen zu mir. Die Leute haben mich und meine Kunst nicht verstanden, weil sie vieles nicht einordnen konnten. Sie haben sich gefragt: Ist das nun eine Performance? Oder ist das ein Witz? Ist das Musik? Ist das nicht viel zu pornografisch?

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer ersten großen Soloausstellung in Hamburg widmen Sie sich nun ausgerechnet einem Sexspielzeug. Versteht man das heute besser?

Peaches: Ach, keine Ahnung. Ich habe zufällig dieses Video gesehen, in dem ein eher unsympathischer Mann einen Doppelmasturbator vorstellt. Er wirkt, als hätte er noch nie in seinem Leben Sex gehabt, und bespricht die Vor- und Nachteile von diesem Sexspielzeug. Das hat mich inspiriert. Den Begriff "Spielzeug" mag ich allerdings gar nicht, deswegen habe ich diese Objekte in "Fleshies" umbenannt.

SPIEGEL ONLINE: Übersetzt heißt das so viel wie "Fleischies". Die sind eine Art Silikonschlauch, in etwa so groß wie ein Ziegelstein, bei dem am einen Ende ein Gummimund und am anderen eine Gummivagina penetriert werden können.

Peaches: Und wie finden Sie die?

Fotostrecke

Brüste, Penisse und Sexspielzeug: So feiert Peaches ihr Bühnenjubiläum

SPIEGEL ONLINE: Merkwürdig körperlos.

Peaches: Total merkwürdig! Diese Dinger sind Löcher im Raum, geschaffen nur zu einem einzigen Zweck. Deshalb wollte ich sie befreien. Ich dachte an diese alte Songzeile von mir, "Whose Jizz Is This?", so wie jetzt auch die Ausstellung heißt.

SPIEGEL ONLINE: Die stammt aus dem Song "Dick in the Air". "Jizz" heißt übersetzt Wichse.

Peaches: Und da habe ich mich gefragt: Vielleicht können die Fleshies ja selbst wichsen, anstatt andauernd von anderen gefüllt zu werden. Die Ausstellung beginnt mit dem Video und führt dann durch die Geschichte der Emanzipation der Fleshies.

SPIEGEL ONLINE: Am Ende erreicht man einen Brunnen, in dem sich übergroße Doppelmasturbatoren gegenseitig mit weißer Flüssigkeit bespritzen. Inwiefern ist das befreiend?

Peaches: Na, weil es nur für sie selbst ist! Sie können sich gegenseitig genießen und vollspritzen, es braucht da niemanden anderen mehr. Sie sind jetzt frei, vereint und selbstbewusst. Also nicht mehr nur passive Dinger, die am Boden vergessen werden. Das klingt alles etwas düster, aber eigentlich ist es auch lustig.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt große Skulpturen, Licht- und Toninstallationen. Haben Sie sich ausgetobt?

Peaches: Ich habe da alles vereint, was ich aus den 20 Jahren auf der Bühne gelernt habe. Warum sollte ich nun etwas in eine Vitrine stellen? Das passt nicht zu mir. Die "Fleshies" stehen auf Bühnenelementen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird Ihre neue Bühnenshow sein?

Peaches: Die ist ganz anders. Da wollte ich alles machen, was auf Tour nie geht!

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nicht schon alle Grenzen eingerissen?

Peaches: Es gibt immer noch etwas zu tun, aber so meine ich das gar nicht. Normalerweise bin ich ja nur mit zwei Tänzern unterwegs. Jetzt sind 43 Leute dabei: viele Musiker und viele Tänzer und Performer. Es ist eine gute Möglichkeit, mal maximal zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Auftritt ist gleichzeitig als Varieté-Show, inspiriert von den Auftritten der Siebzigerjahre-LGBTIQ-Ikonen Bette Midler und Liza Minelli, sowie als futuristisches Bühnenhappening angekündigt. Wie geht das zusammen?

Peaches: Ich liebe es, Menschen zu überraschen. Sie zu unterhalten. Ihnen alles zu geben: Politik und Spaß und Tiefe und Körper. Alles, was ich will.


Ausstellung "Peaches - Whose Jizz Is This?" vom 10.8.-20.10. im Kunstverein in Hamburg.
Varieté-Show "There's Only One Peach with the Hole in the Middle" 15.8., 16.8., 17.8. Kampnagel K6, Hamburg.

insgesamt 19 Beiträge
Pfaffenwinkel 11.08.2019
1. Sexspielzeug gehört zur Intimsphäre
Nein, ich bin als "68er" sicher nicht verklemmt. Aber muss man denn alles in die Öffentlichkeit zerren?
Nein, ich bin als "68er" sicher nicht verklemmt. Aber muss man denn alles in die Öffentlichkeit zerren?
angst+money 11.08.2019
2.
Jeder hat die Freiheit, nicht - oder eben doch - hinzugehen. Wenn Sie daran was ändern möchten, müssen Sie eben 'gewisse' Parteien wählen. Ich könnte das gleiche schließlich schreiben über: Helene Fischer, Heino, [...]
Zitat von PfaffenwinkelNein, ich bin als "68er" sicher nicht verklemmt. Aber muss man denn alles in die Öffentlichkeit zerren?
Jeder hat die Freiheit, nicht - oder eben doch - hinzugehen. Wenn Sie daran was ändern möchten, müssen Sie eben 'gewisse' Parteien wählen. Ich könnte das gleiche schließlich schreiben über: Helene Fischer, Heino, Xaver Naido oder Heidi Klum. Nur mal so als Beispiel. Merrill Nisker äußert sich im Interview jedenfalls differenzierter als oben genannte Beispiele... und andere
reiner160367 11.08.2019
3. Huch
Wo lebt die denn? War die mal auf einem CSD? Selbst im prüden Amerika gibt es da keine Grenzen mehr! Oder Internet usw., die ist nichts besonderes mehr sondern Mainstream. Prüde ist heute Rebellion und Außenseiter.
Wo lebt die denn? War die mal auf einem CSD? Selbst im prüden Amerika gibt es da keine Grenzen mehr! Oder Internet usw., die ist nichts besonderes mehr sondern Mainstream. Prüde ist heute Rebellion und Außenseiter.
scherzischerzissimi 11.08.2019
4. Sehr geehrte Frau Peaches, ...Selbstermächtigung
... findet statt, wenn ScherziScherzissimi sich dazu ermächtigt, ein keusches, spießiges Leben zu führen. Weil es ihm gefällt. Oder auch es zu beenden, auf welche Art auch immer. Sexualmoral ist kultureller Schrott. Es gibt [...]
... findet statt, wenn ScherziScherzissimi sich dazu ermächtigt, ein keusches, spießiges Leben zu führen. Weil es ihm gefällt. Oder auch es zu beenden, auf welche Art auch immer. Sexualmoral ist kultureller Schrott. Es gibt nicht da einen Verstoß, wo es keinen Geschädigten gibt. Frau Peaches, Sie erschaffen sich selbst aus sich selbst, und das ist gut so. Konstatiert ScherziScherzissimi
vera gehlkiel 11.08.2019
5. @Pfaffenwinkel
Hier geht es gerade um die Rückeroberung der Privatsphäre, dem Austritt aus jenem kommerziellen Zurichrungsregime, das auch unsere Sexualität komplett im Griff hat. Dass hier die revolutionäre Methode "Späße [...]
Zitat von PfaffenwinkelNein, ich bin als "68er" sicher nicht verklemmt. Aber muss man denn alles in die Öffentlichkeit zerren?
Hier geht es gerade um die Rückeroberung der Privatsphäre, dem Austritt aus jenem kommerziellen Zurichrungsregime, das auch unsere Sexualität komplett im Griff hat. Dass hier die revolutionäre Methode "Späße Machen" ist, müssten Sie als Altachtundsechziger doch erfreulich finden?! Oder sind die Anzüge in dem Clip etwa nicht zum Schreien komisch?! Mein Zugang zu Peaches kam über den magisch atavistischen Elektropunk, der einem direkt in die Beine geht, das Vergnügen an der Person, ihrer Verkleidungslust und dem sozialpolitischen Engagement ganz ohne Doziererei, dafür mit umhauendem Verve, kamen so zwanglos dazu, dass ein Konzert von ihr echt zu einer Offenbarung von musikalischem Erlebnis als echter Solitär geworden ist, wie man es mit um die Vierzig fast nicht mehr erwartet. Ich bin da rumgehuepft wie ein Teenie, unbedingt empfehlenswert, diese abgebrühte Schwester... Ausdrücklich auch für Rocker und Fernfahrerinnen... Geschlechtliche Orientierung?! Wer Peaches erlebt hat, kann das fast nicht mehr ohne Schmunzeln denken... Wobei das ausdrücklich auch für die Kategorie "... Ich will nur in Ruhe Hetero und treu sein" gilt. Das ist ja das Weltbewegende an dieser Frau... Sehen Sie, jetzt hab ich schon wieder eine schwaermerische Liebesnovelle hingeschrieben...

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