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Kultur

Take-That-Musical

Kumpelinen for good

Pop als Tröster und Lebenskitt: Im Musical "The Band" werden zwar die Lieder von Take That gesungen, doch im Mittelpunkt steht die Geschichte einer gebeutelten Frauenfreundschaft.

Stage Entertainment
Von
Freitag, 12.04.2019   09:36 Uhr

Die Schwankemumie! Die Luftsäge! Der Migräne-Kniefall! Das Musical "The Band" ist gerade mal ein paar Minuten alt, da erkennt der Take-That-Fan der ersten Stunde mit mühsam unterdrücktem Quieken schon die ersten Moves aus der Original-Choreografie von "Pray", dem ersten Nummer-Eins-Hit der Band aus dem Jahr 1993.

Auch wenn sich das Musical nicht um die britische Popband dreht, nicht einmal vage ihre Geschichte erzählt - das muss man als Disclaimer dringend vorausschicken - rieseln einige solcher Nostalgieschnipsel durch die folgenden zwei Stunden. Natürlich werden die größten Hits gesungen, aus beiden Karrierephasen der Band, auch ihr Logo mit den beiden umgekehrten, tetrishaft aufeinander gestapelten Ts prangt groß auf der Bühne.

Das Beste am britischen Musical "The Band", das am Donnerstagabend im Berliner Theater des Westens seine Deutschlandpremiere feierte, ist glücklicherweise nicht die Disneyfizierung einer real ja noch bestens funktionierenden Band. Stattdessen sind ihre Lieder, gesungen von einer jungen, glatten Boyband, vor allem Staffage für eine Geschichte über Frauenfreundschaften, das Erwachsenwerden und die wunderschöne, von jeglicher ironischen Distanz unbehelligte Hysterie des Popfanwesens.

"Haben die Jungs einen Song, der dazu passt?"

Erzählt wird diese Geschichte entlang fünf Mädchen, die Anfang der Neunzigerjahre vor allem ihre Besessenheit für diese eine namenlos bleibende Band teilen. Sie spielen ihre Musikvideos nach, zum Beispiel "das am Strand, wo sie so beten und so knien", eine prägnantere Beschreibung für das begleitende Filmchen zu "Pray" kann man sich tatsächlich nicht ausdenken, und stehlen sich heimlich zu einem Konzert, als "Die Band" tatsächlich in der Nachbarschaft spielt.

Ein Todesfall und das Leben reißt sie schließlich auseinander, bis sie sich 25 Jahre später wiedersehen, um ihre Lieblingsgruppe bei ihrem Wiedervereinigungskonzert in Prag zu besuchen. Der weibliche, durchwegs sehr fidele und selbst in äußersten Begeisterungsmomenten angenehm dosiert spielende Cast tritt also in Doppelausführung auf: Einmal als Teenie-Ausgabe, einmal als gegenwärtige Um-die-Vierzigerinnen.

Geschrieben wurde "The Band" von Tim Firth, der tatsächlich ganz in der Nähe von Take-That-Musikhirn Gary Barlow aufgewachsen ist und mit ihm zusammen schon "The Girls" schrieb, die Musical-Adaption von "Calendar Girls". "The Band" wird von den verbliebenen Take-That-Mitgliedern koproduziert, zum PR-Termin vergangene Woche gaben sie die freundlichen Grüßgottauguste.

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"The Band": Freundschaft? Niemals vergessen!

Doch man muss nicht unbedingt ein Fan von ihnen sein, um schnell in die Geschichte gezogen zu werden: Wie eine Band im täglichen Leben eines Fans eingewoben ist, mal aus dem Schulspind purzelt, mal den Elternstreit mit einer laut geschmetterten Ballade überschmalzt, das kann jede nachvollziehen, die sich grob an ihre Jugend erinnert. Pop kann kleben, trösten, retten, so die schnell vermittelte Botschaft - aber Musik ist auch nicht allmächtig: Als sich die Freundinnen beim verbotenen Konzertausflug ewige Kumpelinenschaft schwören, suchen sie nach einem Lied aus dem Repertoire der Band, das sie zu diesem Anlass festlich anstimmen könnten. "Haben die Jungs einen Song, der dazu passt?" - "Nö."

Schulterschluss mit dem jüngeren Ich

Während die Geschichte der Mädchen, dann Frauen, erzählt wird, bleibt die eigens zusammengestellte Boyband (besetzt unter anderem mit "Deutschland sucht den Superstar"-Gewinner Prince Damien) überraschend schemenhaft - selbst die klassische Boyband-Gewaltenteilung ist nicht erkennbar, es gibt keinen Süßen, keinen Sensiblen, keinen Albernen, die Band bleibt glatte Fläche - die charakterliche Diversifizierung übernehmen die Mädchenfiguren.

Erleichternd, dass die Band nicht mit dem naturgemäß unerreichbaren Original kokettiert, selbst wenn sie ernsthaft bemüht deren Choreografien nachtanzt und dabei einige besondere Bilder schafft, etwa, wenn ihre Silhouetten für ein paar Sekunden das Evolutions-Albumcover von "Progress" nachbilden. Dabei hilft ihnen das clevere, extrem variable Bühnenbild, das ohne große Materialschlacht Flugzeuge starten und Springbrunnenfontänen bersten lassen kann.

Am stärksten ist "The Band" aber, wenn eine echte Umdeutung, eine sanfte Übernahme der altbekannten Lieder stattfindet. Und sie nicht von der Band gesungen werden, sondern von den erwachsenen Frauenfiguren mit all ihren Dellen, deren Geschichten gerade so klischeehaft sind, dass man sie noch aushalten kann - natürlich erfüllte das Leben ihnen in der Zeit, die sie ohne einander zubrachten, nicht alle Wünsche und Träume.

In der besten Nummer des Musicals wird so aus dem großen "Back for Good" ein sehnender, reuevoller Schulterschluss mit dem jüngeren Ich, mit den eigenen, verronnenen Jahren: Die Frauenbesetzung singt ihn zusammen mit ihren Mädchenversionen im Nachtbus, bei jedem "want you back" schmiegen sich die beiden Varianten desselben Lebens enger aneinander. Das rührt, weil es so nachfühlbar ist, und diese Stelle auch mehr bietet als das wohlige Nostalgiegefühl, das weite Teile des Musicals trägt.

Moppelwitz-Zielscheibe

"The Band" ist so keine kreischige Abfeierei weiblicher Schmachtohnmacht, sondern tatsächlich ein Stück, in dem die Frauen die Dramaturgie bestimmen. Leider bleiben ihre Lesarten mitunter klischeehaft, die Flamme des Empowerments züngelt ein bisschen schwächlich, Schmerz wird eher angedeutet, als wirklich tief zu bohren: Zum Happy End braucht es eben nicht nur das neu geknüpfte Frauenfreundschaftsband, sondern auch noch eine Hochzeit.

Und so schön es zu sehen ist, dass die Frauenfiguren nicht nur mit normschlanken Musicalkörpern besetzt wurden, so ärgerlicher ist es, dass diese am Ende doch wieder als korrekturbedürftig dargestellt werden: Claire, die im Laufe der Jahre verdickte, früher so zierliche Kunstturmspringerin, verkündet den anderen am Ende stolz, wie viele Kilo sie schon abgenommen hat, und bedankt sich für ihre motivierende Unterstützung, den anderen dient sie trotzdem weiterhin als Moppelwitz-Zielscheibe.

Am Ende kann einen, da haben wir es noch mal, eben auch großer Pop nicht von allen gesellschaftlichen Unbillen befreien - never forget.


"The Band" läuft bis Herbst im Berliner Theater des Westens, anschließend in München.

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