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Kultur

Negativrekord bei YouTube

Pro-Putin-Rapper kassiert 1,48 Millionen Dislikes

Timati ist russischer Hip-Hopper und Fan von Präsident Putin. Sein neues Video brach nun bei YouTube einen Negativrekord. Problematisch war nicht nur der Text - sondern auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung.

ALEXEY DRUZHININ/ AFP

Wladimir Putin (l.) mit Rapper Timati (im Jahr 2012): Einen Burger auf den Bürgermeister

Mittwoch, 11.09.2019   03:02 Uhr

Mit Diss-Tracks dürfte sich Timati als klischee-erprobter Hip-Hopper wohl auskennen. Seit einigen Tagen weiß er auch, wie das mit den Dislikes bei YouTube so funktioniert. Sein Lied "Moskow" kassierte zwischen dem 7. und 10. September 1,48 Millionen Mal den Daumen nach unten. Danach nahm Timati den Clip aus dem Netz.

"Moscow" kommt nun die so unrühmliche wie inoffizielle Ehre zu, der meistgehasste Clip bei der russischen Version von YouTube zu sein. Weltweit knackte das Video die Top30, wie die britische BBC berichtet. 85.000 Mal klickten Nutzer immerhin auf das "Gefällt mir"-Ikon.

Das Video zeigt Timati und Gast-Rapper Guf, die in allerhand altbekannten Rap-Posen vor dem Stadtbild Moskaus herumturnen. Dazu liefert "Moscow" Textzeilen wie "Ich geh nicht auf Demos, und ich verbreite auch keinen Scheiß" oder preist Moskau als "Stadt, wo es keine Schwulenparaden gibt". An einer anderen Stelle rappt Timati darüber, dass er "einen Burger zu Ehren von Sobjanin runterschlingt". Gemeint ist offenbar Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin.

Problematisch sind jedoch nicht nur die Texte selbst, sondern auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung. Timati, der schon mit tatsächlichen Genre-Größen wie Snoop Dogg und Fat Joe kollaboriert hat, stellte den Track einen Tag vor den Regionalwahlen online. Kritiker werfen ihm seitdem vor, er habe Einfluss auf den Urnengang nehmen wollen.

Nun ist Timati ob seiner Vergangenheit tatsächlich nicht unverdächtig. Er bekennt offen seine Affinität zu Präsident Wladimir Putin, von beiden existieren mehrere gemeinsame Fotos. 2015 hatte der Musiker ein Lied veröffentlicht, in dem der Präsident als "Superheld" bezeichnet wird. Das berichtet unter anderem der "Guardian".

Timati selbst erklärte zu dem YouTube-Debakel, er habe den Clip entfernt, um "die Welle der Negativität zu stoppen". Auf Instagram erklärt er, seine eigene Meinung über die Regierung zu haben. "Statt zu Demos zu gehen, sollte man lieber arbeiten und sich selbst verbessern." Später räumte er dann allerdings doch ein, dass der Text "etwas zu viel" gewesen sei und er niemanden habe verärgern wollen. Allerdings liebe er Moskau und habe nur seinen Dank dafür ausdrücken wollen, dass "die Stadt so gut aussieht wie nie in meinen 36 Lebensjahren".

Gast-MC Guf wählte einen anderen Weg der Erklärung. Ebenfalls auf Instagram verkündete er, reingelegt worden zu sein. "Ich bin schockiert, und es tut mir sehr leid", sagte er. Von den anstehenden Wahlen will er nichts gewusst haben.

jok

insgesamt 16 Beiträge
dasfred 11.09.2019
1. Verrappt
Putin-Kritik über Rapper dislike ist doch mal was neues. War das nichts das Geschäftsmodell von Rap, möglichst viele Kritiker zu sammeln? Da hat wohl jemand gedacht,wenn er sich hinter den "beliebtesten" Politiker des [...]
Putin-Kritik über Rapper dislike ist doch mal was neues. War das nichts das Geschäftsmodell von Rap, möglichst viele Kritiker zu sammeln? Da hat wohl jemand gedacht,wenn er sich hinter den "beliebtesten" Politiker des Landes stellt, färbt sein Glanz auf ihn ab. Ich glaube, Trump oder Merkel Rapper würde ein ähnliches Schicksal ereilen. Ist schon sehr peinlich, aber auch lustig, wenn jemand feststellen muss, daß das Netz und offizielle Huldigung nicht übereinstimmen.
issernichsüss 11.09.2019
2. Es stellt sich für mich die Frage, ob die beiden Rapper nur hilfs-
willige dumme Trolle sind, oder ob da auch materiell von Putin nachgeholfen wurde. Ich könnte mir gut vorstellen, passend zum Erscheinungstermin ein paar Tage vor der Wahl, dass Putin nach allen Mitteln greift um die Stimmung im [...]
willige dumme Trolle sind, oder ob da auch materiell von Putin nachgeholfen wurde. Ich könnte mir gut vorstellen, passend zum Erscheinungstermin ein paar Tage vor der Wahl, dass Putin nach allen Mitteln greift um die Stimmung im Volk für ihn zu verbessern. Was wäre da nicht ein geeignetes Mittel, als die Jugend per Rap zu erreichen. Und vielleicht springt ja im nahen Verwandtenkreis von Timati noch ein gut dotieres Pöstchen dabei heraus... Im internationalen Vergleich dürfte Timati nun auf einer Stufe mit Kayne West, dem tumben Bewunderer von Trump, stehen....
Leser_01 11.09.2019
3.
Es ist immer bedenklich, wenn sich Künstler auf die Seite der Macht stellen. Dass die "disklikes" jedoch anonym abgegeben werden können, vom wem auch immer, sollte dabei nicht vergessen werden. Man kann sie im Zweifel [...]
Es ist immer bedenklich, wenn sich Künstler auf die Seite der Macht stellen. Dass die "disklikes" jedoch anonym abgegeben werden können, vom wem auch immer, sollte dabei nicht vergessen werden. Man kann sie im Zweifel sogar über bestimmte Vermarkter kaufen. Hoffentlich wurde bei uns damit niemand auf ähnliche Ideen gebracht.
hansfrans79 11.09.2019
4. Was alle wollen
Wenn aber viele etwas gut finden, dann muss es auch gut sein, oder was soll Ihr Post aussagen?
Zitat von dasfredPutin-Kritik über Rapper dislike ist doch mal was neues. War das nichts das Geschäftsmodell von Rap, möglichst viele Kritiker zu sammeln? Da hat wohl jemand gedacht,wenn er sich hinter den "beliebtesten" Politiker des Landes stellt, färbt sein Glanz auf ihn ab. Ich glaube, Trump oder Merkel Rapper würde ein ähnliches Schicksal ereilen. Ist schon sehr peinlich, aber auch lustig, wenn jemand feststellen muss, daß das Netz und offizielle Huldigung nicht übereinstimmen.
Wenn aber viele etwas gut finden, dann muss es auch gut sein, oder was soll Ihr Post aussagen?
XYZBürger 11.09.2019
5. Fälschungen
Seltsam, dass wohl der wichtigste Grund, warum das Video so viele Dislikes bekommen hat, nicht erwähnt wird. Im Vorfeld der Wahlen wurden ziemlich alle beliebten oppositionellen Politiker von den Wahlen ausgeschlossen, viele [...]
Seltsam, dass wohl der wichtigste Grund, warum das Video so viele Dislikes bekommen hat, nicht erwähnt wird. Im Vorfeld der Wahlen wurden ziemlich alle beliebten oppositionellen Politiker von den Wahlen ausgeschlossen, viele bekamen zusätzlich sehr empfindliche Gefängnisstrafen. Die Menschen auf den (friedlichen) Protestdemos wurden auch massenweise zusammengeschlagen und verhaftet. Die Wahlen waren dann geprägt von massivsten Wahlfälschungen, die ich in diesem Ausmaß seit der Sowjetzeit noch nicht erlebt habe. "Die Beeinflussung der Wahlen" wird bei diesem Video also wohl das geringste Problem gewesen sein.

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