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Kultur

Wiener "Tatort" über Machtmissbrauch

Im finsteren Herzen der Alpenrepublik

Österreich, deine Verliese: Im Wiener "Tatort" untersuchen Eisner und Fellner eine Tat, die Assoziationen zum Verbrechen an Natascha Kampusch und zum Fall Amstetten wachruft - die Spur führt in höchste Kreise.

ARD
Von
Freitag, 28.02.2014   16:52 Uhr

Fünf Jahre wurde sie in einem Kellerloch festgehalten, dann konnte sie fliehen, der mutmaßliche Entführer schmiss sich danach vor die Bahn. Jetzt soll das Horrorhaus im niederösterreichischen Gieselbrunn, wo die junge Geisel Melanie Pölzl missbraucht wurde, endlich abgerissen werden. Die Bagger haben ihr Werk schon halb verrichtet, ruhen soll die Geschichte, die Offiziellen der Stadt feiern vor den Kameras der Reporter den Neuanfang. Da taucht eine weitere Leiche im freigelegten Untergeschoss des Hauses auf.

Die Österreicher und ihre Verliese. Die ersten Szenen des neuen "Tatort" rufen unweigerlich Assoziationen mit dem Entführungsfall Natascha Kampusch und dem Inzestfall von Amstetten wach; der Ort des systematisierten Missbrauchs ist durch diese Ereignisse im kollektiven österreichischen Gedächtnis eben immer ein Loch, eine Grube, ein Keller. Die Verantwortlichen des Wien-"Tatort" nutzen dieses abgründige Bild allerdings, um ihre Geschichte direkt in die höheren Kreise der österreichischen Gesellschaft zu führen.

Die Tote im tiefen Inneren des niederösterreichischen Horrorhauses, das die Bagger freigelegt haben, ist die Chefermittlerin der einstigen "Soko Melanie Pölzl", die nicht daran geglaubt hat, dass der Fall des entführten Mädchens wirklich sauber gelöst wurde. Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) hatte mit ihr mal ein Verhältnis. Sie hat für ihn ihren Mann verlassen, er gab damals wieder den beziehungsgestörten Brummbären und wandte sich von ihr ab. Und nun liegt die Frau da im Schutt, anscheinend ist sie in dem Kellerloch verdurstet. Der Rest des Polizeiapparats behauptet, sie sei wahnsinnig über den Fall geworden, der im Übrigen eben doch schon lange abgeschlossen war.

Systematisierte österreichische Schlamperkeit

Aber war der Fall wirklich abgeschlossen? Getrieben von Schuldgefühlen forscht Eisner nach. Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser), die weiß, wie es sich anfühlt, wenn man einen ermordeten Menschen vor sich liegen hat, den man eigentlich hätte beschützen sollen, steht ihm grimmig zur Seite. Offensichtlich gibt es einige Unregelmäßigkeiten in den Akten, oder wie Fellner die systematisierte österreichische Schlamperkeit auf den Punkt bringt: "Hinweise verschlampt, Beweismittel vernichtet, Zeugen bestochen, Akten frisiert. Wahnsinn."

Drehbuchautor Uli Brée und Regisseur Harald Sicheritz haben gemeinsam schon die "Tatort"-Episode "Ausgelöscht" umgesetzt, in der Neuhauser ihre ersten großen Auftritte in der Rolle der Fellner hatte, einer Ex-Sitte-Ermittlerin mit Alkoholproblem und Strizzi-Freunden. Brée hatte die Figur im engen Zusammenspiel mit Neuhauser entwickelt. Anknüpfend an die ersten ORF-"Tatorte" mit Fellner sieht man sie jetzt wieder mit einem flammenverzierten, ständig absaufenden Pontiac über die Landstraßen heizen, einer Leihgabe vom schon legendären Luden "Inkasso-Heinzi". Regisseur Sicheritz zeichnete außerdem auch für die starke Folge "Zwischen den Fronten" verantwortlich, in der Eisner und Fellner auf höchster politischer Ebene Magistern und Ministern mit Wiener Schmäh den Titelpanzer sprengen.

Auch hieran wird in "Abgründe" angeknüpft, Fellner und Eisner bewaffnen sich noch mal mit einer Extraportion Schmäh. Wie sich die Ermittler in diesem Winterkrimi mit kurzen, hocherhitzten Dialogen durchs dreckige Eis des Wiener Umlands schlagen, das hat schon was. Die Spuren im Missbrauchsfall führen schon bald zurück in den Beamtenapparat. Dabei verzichten die Filmemacher auf explizite Szenen; die Beunruhigung im Zuschauer rufen sie überwiegend durch die Beschwörung des kollektiven Bildergedächtnis im Fall Kampusch und im Fall Fritzl hervor.

Die Handlung - die, zugegeben, kleine Hänger aufweist - erschließt sich fast ausschließlich über unterschiedliche Formen des Gesprächs. Oder was man in Wien so Gespräch nennt. Aggressive Attacken auf Kollegen, zynische Kommentare, verächtliche Anklagen, die das angegriffene Gegenüber aus der Reserve locken - dieser "Tatort" ist großes Sprechtheater. Oder besser: formvollendete Verbal-Action.

Im Kofferraum von "Inkasso-Heinzis" flammenwerfendem Pontiac liegt zu Major Eisners großer Verärgerung auch noch ein nicht angemeldetes Gewehr. Die beiden Ermittler brauchen sowas wirklich nicht, jedes ihrer Worte reißt Wunden wie eine Schusswaffe.


"Tatort: Abgründe", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 7 Beiträge
gyrosesser 28.02.2014
1. Adele Neuhauser
Die Tatorte mit Harald Krassnitzer gehörten bei mir schon zu den besseren. Seit Adele Neuhauser dabei ist: Nr. 1 mit Abstand. Die Frau spielt genial.
Die Tatorte mit Harald Krassnitzer gehörten bei mir schon zu den besseren. Seit Adele Neuhauser dabei ist: Nr. 1 mit Abstand. Die Frau spielt genial.
h.klinge-klinge 28.02.2014
2. Ich mag...
die Wiener Tatort-Folgen sehr gerne, am schönsten sind die Szenen wenn sein Vorgesetzter mal wieder zu ihm Sagt:" Sag a moi Eisner, spinnst du" ? Generell sind Krassnitzer und Neuhauser tolle Schauspieler.
die Wiener Tatort-Folgen sehr gerne, am schönsten sind die Szenen wenn sein Vorgesetzter mal wieder zu ihm Sagt:" Sag a moi Eisner, spinnst du" ? Generell sind Krassnitzer und Neuhauser tolle Schauspieler.
LapOfGods 28.02.2014
3. Österreich for Dummies (Deutsche und so)
Die 2 sind richtig gut. Wenn die Story stimmt, was sie meistens tut, umso mehr. Der Wiener Tatort hat schon eine hohe Qualitätsgarantie. Und man kann sie sogar mitten in Deutschland noch problemlos verstehen. Das war ja [...]
Die 2 sind richtig gut. Wenn die Story stimmt, was sie meistens tut, umso mehr. Der Wiener Tatort hat schon eine hohe Qualitätsgarantie. Und man kann sie sogar mitten in Deutschland noch problemlos verstehen. Das war ja (früher) nicht immer so. Und - tief im Westen - kann man schon was lernen. Klischees vielleicht, aber besser als nix. Hey Ösis, das ist ein echtes Kompliment. Alle 3 Punkte.
Uwe S. 01.03.2014
4. 2 Topschauspieler...
...d i e Garantie für einen guten Tatort. Und i.d. R. sind die österreichischen Drehbücher auch gelungen. :-)
...d i e Garantie für einen guten Tatort. Und i.d. R. sind die österreichischen Drehbücher auch gelungen. :-)
fpwinter 02.03.2014
5. optional
....schade, daß nicht Sophie Rois die Tote spielt, dann wüßte man endlich, was aus Eisners Partnerin Roxane Aschenwald geworden ist. Aber den kompletten Austausch der Film-Tochter hat uns ja auch keiner erklärt...
....schade, daß nicht Sophie Rois die Tote spielt, dann wüßte man endlich, was aus Eisners Partnerin Roxane Aschenwald geworden ist. Aber den kompletten Austausch der Film-Tochter hat uns ja auch keiner erklärt...

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