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Kultur

Comedy über Helikoptereltern

Hau mir ab mit heile Welt

Nichts ist so privat, nichts ist so politisch wie das eigene Kind: Die Mockumentary-Serie "Andere Eltern" zeigt genüsslich, wie sich Großstadt-Hipster für das Wohl ihrer Kinder gegenseitig zerfleischen.

TNT
Von
Dienstag, 19.03.2019   17:51 Uhr

Sie öffnet die Tür, und es ist klar: Hier wird etwas phänomenal gegen die Wand gefahren.

Wer die ideologisch leuchtenden Augen von Nina, 38, sieht, einer ehemaligen Kreativdirektorin einer Werbeagentur auf dem Weg zur Yogalehrerin, ahnt: Diese Frau meint es irre gut und will nur das Beste für ihre Kinder. Und, by the way: Alle anderen haben das gefälligst genauso zu meinen wie sie.

Nina (Lavinia Wilson) hat ein Problem: Keine Kita hält ihren Ansprüchen stand. Sie will deshalb mit anderen Eltern die perfekte Babywelt erbauen und diesen Prozess filmen lassen von Mutter Ini (Johanna Gastdorf), die das heutige Gewese um Globuli und Öko-Spielzeug allerdings nicht nachvollziehen kann. "Das Aufzuchtgelände wird millimetergenau dem Nachwuchs angepasst", ätzt Ini, "biodynamisch und nachhaltig." Hier wird gnadenlos optimiert, jeder Herzschlag überwacht und jeder Schritt ökologisch wertvoll geplant.

Tofu-Tiger und Gänseblümchen-Smoothie

Wenn sich Helikopter- Esoterik-Eltern aus gentrifizierten Stadtteilen zusammentun, um eine Kita zu gründen, birgt das schönsten Satire-Stoff. Produzent und Regisseur Lutz Heineking hat diesen überbemühten Hipstern nun eine eigene kleine Impro-Serie gewidmet; in Auftrag gegeben wurde sie aus dem Haus TNT, dessen Ableger TNT Serie auch schon innovative Formate wie die Gangster-Saga "4 Blocks" oder den Cyber-Thriller "Hackerville" auf den Weg gebracht hat. "Andere Eltern" verfolgt nun aus der fiktiven Perspektive der Dokumentarfilmerin, wie der Druck, perfekt zu sein, heutigen Thirtysomethings ein Leben in entspannter Elternschaft verbaut.

Denn die sind vor allem von Angst, Ehrgeiz und Intoleranz geprägt. Wer nicht in "Szene-Vierteln" wohnt oder keine urban-alternativen Medienleute mit Kindern kennt, wird zunächst ungläubig den Kopf schütteln über die bizarren Nebensächlichkeiten, für die hier verbissen gekämpft wird. Das wird schon bei der Gründung des neuen Vereins deutlich. Im Stuhlkreis beim Gänseblümchen-Smoothie muss abgestimmt werden, wie die Kita heißen soll. "Weil ich davon ausgehe, dass unsere Kita vegetarisch unterwegs sein wird, habe ich den Vorschlag 'Tofu-Tiger'", sagt Björn (Serkan Kaya), "Oder doch besser 'Die Globulis'?"

Der Spaß für den Zuschauer besteht nun darin, vorauszuahnen, welcher Helikopter-Typ sich hier mit wem als nächstes unerbittlich in die Rotoren kriegen wird. Denn eines ist klar: Total drüber sind hier alle - jeder und jede ein klein wenig anders.

Jeder ist sich selbst der Nächste

Während Grundschullehrerin Anita (Nadja Becker) und der rassistische Jurist Lars (Sebastian Schwarz) nur vorsorglich mitmachen und sich an jede erdenkliche Technik der Reproduktionsmedizin klammern, möchte Nina ihren Kita-Yoga-Raum völlig technikfrei halten. Der Kindergarten müsse außerdem mit den eigenen Händen gestaltet werden - nichts ist so gut wie selbst gemacht! - doch die betont coole alleinerziehende Musikproduzentin Nike feiert lieber auf Punkrockfestivals statt Wände mit Bio-Farben in beruhigenden Tönen zu streichen. Ein erster Eklat droht, als Nike den Kindergarten heimlich über Nacht von Schwarzarbeitern renovieren lässt. Yaa (Rebecca Lina) und Björn buchen dann auf eigene Faust einen Schamanen, um Räume und Eltern "reinigen" zu lassen - dafür wiederum hat der konservative Anwalt Lars nur Häme übrig.

In diesen Stresssituationen bröckelt der dünne Fassadenputz. Es wird klar, dass hinter dem Gutmenschentum der hippen Eltern vor allem viel Egoismus steckt. Bald gibt der überzeugte Öko-Hausmann Björn zu, dass er von Gemeinsinn nicht viel hält: Zwar lebt er mit seiner Familie in einer autofreien Siedlung, in der er nur wohnen darf, wenn er Kraftfahrzeugen abschwört - er findet aber nichts dabei, trotzdem heimlich ein Auto zu besitzen.

Schon nach der ersten Folge ist man von den heuchlerisch übermotivierten Weltverbesserern so genervt, dass man ihnen jeden Rückschlag gönnt. "Alles soll aus der Gruppe heraus entstehen", ruft Nina immer wieder und zwingt die Eltern zur Yoga-Probestunde. Doch die Grabenkämpfe und der Hass auf die anderen nehmen zu. Wie etwa sollten Nachgeburten korrekt verwendet werden? "Lasst uns in unserem Kitagarten einen heiligen Ort finden, wo wir die Plazentas vergraben und dann auf jeder ein Bäumchen pflanzen", schlägt Nina vor. "Total eklig", findet Yaa, "Plazentas isst man entweder auf, oder man macht Globulis draus!".

Jeder fängt bald an, hinter dem Rücken der Gruppe oder des Partners die eigenen Vorstellungen durchzudrücken. Elternschaft erscheint hier zu privat, um sich mit anderen Menschen über Grundsätzliches darüber zu einigen - sogar innerhalb der eigenen Familie. Eltern werden zu Einzelkämpfern für ihre Kinder. Man mag sich nicht ausmalen, was das mit deren Kindern macht. Doch die werden in "Andere Eltern" erst gar nicht gezeigt - aus Datenschutzgründen natürlich, erklärt Nina, "da legen wir total großen Wert drauf."


"Andere Eltern", dienstags 20.15 Uhr, TNT Comedy

insgesamt 4 Beiträge
Bin_der_Neue 20.03.2019
1. Dazu braucht's keine Comedy im TV
Die findet schon zur Genüge in der Realität statt, sobald man in Kindergarten oder Schule mit anderen Eltern zu tun hat. Trifft glücklicherweise nicht auf alle zu, aber auf erschreckend viele, Tendenz steigend.
Die findet schon zur Genüge in der Realität statt, sobald man in Kindergarten oder Schule mit anderen Eltern zu tun hat. Trifft glücklicherweise nicht auf alle zu, aber auf erschreckend viele, Tendenz steigend.
foxpwn 20.03.2019
2. Reingeschaut
Habe gestern mal die erste Folge geschaut. Sieht durchaus vielversprechend aus, zumindest wenn man selber Kinder hat. Dieser knochentrockene Humor und die Ernsthaftigkeit mit der die Figuren auch noch die absurdeste Handlungen [...]
Habe gestern mal die erste Folge geschaut. Sieht durchaus vielversprechend aus, zumindest wenn man selber Kinder hat. Dieser knochentrockene Humor und die Ernsthaftigkeit mit der die Figuren auch noch die absurdeste Handlungen rechtfertigen macht Spaß und erinnert mich z.B. an die geniale US Serie "The Office".
sikasuu 20.03.2019
3. JA! Der ganz reale tägliche Wahnsinn. Alltag halt, wenn man die Kids..
... vom 3-15 durch Kindergarten & Schule gebracht hat. . Das schlimme daran ist aber: Bei den "Beispielen zu Hause" haben die Kleinen gar keine Chance, können nur genau solche "Ego-Säuchen" werden, [...]
Zitat von Bin_der_NeueDie findet schon zur Genüge in der Realität statt, sobald man in Kindergarten oder Schule mit anderen Eltern zu tun hat. Trifft glücklicherweise nicht auf alle zu, aber auf erschreckend viele, Tendenz steigend.
... vom 3-15 durch Kindergarten & Schule gebracht hat. . Das schlimme daran ist aber: Bei den "Beispielen zu Hause" haben die Kleinen gar keine Chance, können nur genau solche "Ego-Säuchen" werden, weil ihnen jede Möglichkeit genommen wird "Sozialverhalten usw." zu lernen! . Erinnert mich sehr konkret an diverse Kindergeburtstage usw., bei denen die Kids sehr friedlich & ohne Stress zusammen waren, bis die/ein Eltern kamen & ein ruhiger Nachmittag in Stress endete! . Na ja, vielleicht stimmt ja der alte Spruch: Kinder & deren Erziehung ist viel zu wichtig, das man sie den Eltern überlassen darf :-(
ancoats 20.03.2019
4.
Ok, vorgemerkt. Gute Mockumentaries sind eine feine Sache. "The Office" ist übrigens eine geniale BRITISCHE Serie mit dem unvergleichlich schmierigen Ricky Gervais in der Hauptrolle. Das us-amerikanische Remake ist [...]
Zitat von foxpwnHabe gestern mal die erste Folge geschaut. Sieht durchaus vielversprechend aus, zumindest wenn man selber Kinder hat. Dieser knochentrockene Humor und die Ernsthaftigkeit mit der die Figuren auch noch die absurdeste Handlungen rechtfertigen macht Spaß und erinnert mich z.B. an die geniale US Serie "The Office".
Ok, vorgemerkt. Gute Mockumentaries sind eine feine Sache. "The Office" ist übrigens eine geniale BRITISCHE Serie mit dem unvergleichlich schmierigen Ricky Gervais in der Hauptrolle. Das us-amerikanische Remake ist - wie fast immer in vergleichbaren Fällen - nur ein ziemlich glatt gebügelter Abklatsch.

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