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Kultur

"Anne Will" zur Hessenwahl

Streit, endlich

Anne Will diskutierte mit ihren Gästen über die Landtagswahl in Hessen. Robert Habeck und Christian Lindner widersprachen einander unentwegt - und führten vor, was CDU und SPD fehlt: Streitkultur.

NDR/Wolfgang Borrs

Moderatorin Will (M.) mit ihren Gästen

Von Klaus Raab
Montag, 29.10.2018   06:41 Uhr

Man kann sich um die Volksparteien Sorgen machen, man kann sich um die Demokratie Sorgen machen - beide Sorgen wurden in der Talkshow von Anne Will formuliert, die mit dem ungewohnt thesenlosen Titel "Nach der Landtagswahl in Hessen" überschrieben war. Aber um Robert Habeck und Christian Lindner, die Parteivorsitzenden von Grünen und FDP, muss man sich keine Sorgen machen. Sie könnten, wenn ihre Politikkarrieren einmal vorüber sein sollten, immer noch mit einem gemeinsamen Bühnenprogramm auftreten. Sie duzten sich, sie fielen einander ins Wort und widersprachen sich unentwegt. Und einmal, als Habeck Applaus erhielt, lachte Lindner, deutete ins Publikum und sagte: "Da sitzen deine drei Fans." Es gab schon langweiligere Talkshows.

Nun können politische Prozesse nicht nach Unterhaltsamkeit bewertet werden. In diesem Fall aber war die Performance der beteiligten Personen organisch mit dem Thema verbunden. Anne Will interessierte sich, außer für den Abstieg von CDU und SPD, vor allem für den Aufschwung der Grünen, dessen Ursachen - im Gegensatz etwa zu Gründen für den Aufstieg der AfD - in Talkshows noch nicht viele Male durchgekaut worden sind. Kurze Zusammenfassung: Die Grünen leiden nicht unter den Querelen der Bundesregierung, sind pragmatischer geworden, profitieren auch von der Schwäche der anderen. Doch zu einem heimlichen Hauptgegenstand der Runde entwickelte sich im Rahmen dieser Diskussion auch die Präsentation von Politik.

Und da zeigte das Fernsehen, was es kann. Bebilderte Vorführungen legten sich über das bloß Gesagte und gewannen die Oberhand: Das Fernsehen übermittelte Darbietungen von Personen, die zeigten, wie relevant für die öffentliche Debatte Darbietungen von Personen sind.

Landtagswahl Hessen 2018

Endgültiges Endergebnis

Zweitstimmenergebnis
Anteile in Prozent
CDU
27
-11,3
SPD
19,8
-10,9
Grüne
19,8
+8,7
Die Linke
6,3
+1,1
FDP
7,5
+2,5
AfD
13,1
+9
Sonstige
6,5
+0,9
Sitzverteilung
Insgesamt: 137
Mehrheit: 69 Sitze
9
29
29
11
40
19
Quelle: Landeswahlleiter

Auf der einen Seite saßen der stellvertretende SPD-Vorsitzende Olaf Scholz und CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer und demonstrierten, warum sie gerade keinen Stich machen. Eine Viertelstunde lang redeten Not und Elend aufrecht, aber unbewegt über parteiinterne Maßnahmen, die nun zu ergreifen seien. Kramp-Karrenbauer sprach über Zusammenhalt, die Professionalisierung des Apparats und den Bundesparteitag; Scholz über den künftigen "Fahrplan", "Konstanz und Stringenz" und nicht vermittelte Erfolge im Kleingedruckten der politisch-medialen Debatte.

Einmal, als Anne Will ihm vorhielt, dass er immer die gleiche Antwort gebe, erwiderte Scholz, er sage "nicht aus Unterhaltungsgründen" jedes Mal etwas anderes. Will, spitz: "Sehr gut." Und während Kramp-Karrenbauer über "die Menschen" und Scholz über "die Bürgerinnen und Bürger" redete, dürften just diese zu Hause vor allem von Will wachgehalten worden sein, die aufgebaute Pappkameraden auf Standfestigkeit abklopfte.

NDR/Wolfgang Borrs

Habeck und Lindner bei "Anne Will"

Auf der anderen Seite, rechts von Will, saßen Lindner, krawattenlos, und Habeck, der bildstark die Stirn kräuselte. Als sie ins Gespräch einbezogen wurden, dauerte es nicht lange, bis es nach Leben roch. Während Lindner das Erfolgsrezept der Grünen sinngemäß als Beliebigkeit unter Vorgaukelung von Antworten bezeichnete, charakterisierte Habeck es grob als Radikalität unter Anwendung von Vernunft. Aber entscheidend war an diesem Abend vor allem, dass sie sich heißredeten.

"Bin ich taub, oder was?"

"Nö!" - "Robert, Robert, ist doch alles gut." - "Das finde ich wirklich unangenehm, wenn du uns mit der AfD in einen Topf wirfst." - "Nein, Moment." - "So redest du die ganze Zeit." - "Nö, so rede ich gar nicht." - "Doch, auch heute Abend, ich mein, bin ich taub, oder was?" - "Vielleicht hast du eine interessengeleitete Erinnerung." Und so weiter. Habeck wollte nicht so gern cremig genannt werden, Lindner nicht populistisch. "Ihr seid Klimanationalisten!" - "Da nehme ich lieber cremig, fürs Protokoll." Es hätte leicht etwas Unangenehmes haben können, hätte man nicht bei den Einlassungen von Scholz und Kramp-Karrenbauer vorher die ganze Zeit gedacht: Jetzt hängt euch doch mal rein!

Den "Fahrplan" der SPD etwa, mit dem die künftige Beteiligung an der Regierungskoalition im Bund bewertet werden soll, pries Olaf Scholz fast wie ein Konzept an. Er bedeutet aber nur "die Vertagung einer Entscheidung", wie es der Politikwissenschaftler Hans Vorländer bezeichnete, der zusammen mit Christiane Hoffmann, der stellvertretenden Leiterin des SPIEGEL-Hauptstadtbüros, die Diskussion mit unabhängiger Expertise versorgte.

Was also vorgeführt wurde, war auf der einen Seite ein routiniert technischer Volkspartei-Sound. Und auf der anderen ein angriffslustiger Zirkusstil, der phasenweise ins Waldorf-und-Statlerhafte tendierte, ohne ins Seehoferisch-Fiese abzugleiten - mit dem es Habeck und Lindner aber gelang, wenn auch nicht die Details ihrer Angebote, so doch ihre Unterschiedlichkeit deutlich zu machen. Im Prinzip sah man auf der einen Seite Menschen, die auf Fahrpläne starren. Und auf der anderen, wie philosophisches Kolloquium und Bock auf Party darum stritten, ob sie mit dem Elektroroller oder der Limousine in die Nacht hinausfahren sollten.

Nun kann es natürlich sein, dass eigentlich alles ganz anders ist, viel komplizierter, klar. Aber das war es, was das Fernsehen am Sonntag nach der Landtagswahl in Hessen erzählte.

insgesamt 93 Beiträge
LorenzSTR 29.10.2018
1. Natürlich
Wenn das bei Ihnen als philosophisches Kolloquium und Bock auf Party durchgeht, dann haben Sie beides noch nie gehabt. Außer neoliberalem Quatsch, den Herr Habeck und Lindner sowieso, ein bisschen anderes verpacken, war auch in [...]
Wenn das bei Ihnen als philosophisches Kolloquium und Bock auf Party durchgeht, dann haben Sie beides noch nie gehabt. Außer neoliberalem Quatsch, den Herr Habeck und Lindner sowieso, ein bisschen anderes verpacken, war auch in dieser Runde nichts zu hören. Ich werde mir insbesondere diese Sendung auch nicht mehr geben. Das ist Politik zum Abgewöhnen, da schon die Gästeauswahl einseitig ist und stets im neoliberalen Diskursrahmen bleibt. Von seltenen Ausnahmen wie dem ostdeutschen Psychiater vor einigen Monaten abgesehen.
schamot 29.10.2018
2. Lindner sticht
Und pisackt unerzogen unterbrechend durchweg von der Seite. Echte Konzepte, die sich von CDU und SPD unterscheiden würden, liefert er nicht.
Und pisackt unerzogen unterbrechend durchweg von der Seite. Echte Konzepte, die sich von CDU und SPD unterscheiden würden, liefert er nicht.
wasistlosnix 29.10.2018
3. etwas positives
das Ergebnis läßt Verlierer als Wahlsieger übrig und wird diese so einlullen das es einfach so weiter geht. Irgendwann merkeln die Wähler, das sich nichts ändert. Die letzten Reformen werden die unter Schröder gewesen [...]
das Ergebnis läßt Verlierer als Wahlsieger übrig und wird diese so einlullen das es einfach so weiter geht. Irgendwann merkeln die Wähler, das sich nichts ändert. Die letzten Reformen werden die unter Schröder gewesen sein.
Listkaefer 29.10.2018
4. Diese Beschreibung von Anne Wills ...
... Talkshow verteilt die Sympathien auf die falschen Seiten. Ich fand die klare Sachlichkeit von Scholz und KKK Vertrauen weckend. Lindner trat mal wieder als der ewige politische Leichtmatrose und Parteivorsitzenden-Darsteller [...]
... Talkshow verteilt die Sympathien auf die falschen Seiten. Ich fand die klare Sachlichkeit von Scholz und KKK Vertrauen weckend. Lindner trat mal wieder als der ewige politische Leichtmatrose und Parteivorsitzenden-Darsteller mit flotten, unausgegoren Sprüchen auf - im Kontrast zu dem besonneneren Habeck. Lindner erinnert vom Stil an Gregor Gysi: Unentwegt besserwisserisch aus der Hecke schießend, aber vor der Verantwortung ständig das Weite suchend. Das ist zwar kurzweilig, aber vonseriöser Politik weit entfernt. Politik ist nicht die Unterhaltung der Massen, sondern das beharrliche Gehen unzähliger Schritte in die richtige Richtung. Lindners Sache ist das nicht. Habeck ist noch nicht sehr weit gegangen, und die etablierten Parteien der GroKo müssen den Karren weiter ziehen. Klamauk und Volksbespaßung können sie sich nicht leisten. Muss man sie deshalb abstrafen? Nein. Seehofer in Rente schicken und dann etwas solider weiter so, bitte.
MioMioMimi 29.10.2018
5. Zeit für neuen Wind
CDU und SPD haben es sich lange genug bequem auf ihren Posten gemacht. Es es Zeit für frischen Wind, wie auch immer der Aussieht. Es ist mir inzwischen auch egal woher er kommt(solange der frische Wind nicht AfD heißt). [...]
CDU und SPD haben es sich lange genug bequem auf ihren Posten gemacht. Es es Zeit für frischen Wind, wie auch immer der Aussieht. Es ist mir inzwischen auch egal woher er kommt(solange der frische Wind nicht AfD heißt). Hauptsache es ändert sich was. Eine Minderheitsregierung der CDU wäre das richtige gewesen. Aber dann müsste man ja überzeugende Vorschläge bringen und argumentieren können.
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