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Kultur

Miniserie mit Hugh Grant

Der größte britische Politskandal - vor dem Brexit

Hugh Grant in seiner bisher besten Rolle: Die Serie "A Very English Scandal" erzählt einen wahren Fall von Hybris und Verrat. Was das mit dem Brexit zu tun hat? Sehen Sie hier exklusiv die erste Folge.

Foto: Sony Pictures
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Dienstag, 17.09.2019   19:16 Uhr

1965 im Speisesaal des britischen Unterhauses. Leise klappert das Geschirr, lautlos schenken livrierte Bedienstete Rotwein nach, gedämpft unterhalten sich ausnahmslos Herren in gediegenem Tweed über zweifellos Staatstragendes. Zwei unter ihnen haben ein besonderes Gesprächsthema: Sie gestehen sich gegenseitig, schon einmal Männer geliebt zu haben. "Shocking!", sagt der eine. "Ich glaube nicht, dass so etwas jemals zwischen diesen Wänden gesagt wurde."

Nein, die britische Mini-Serie "A Very English Scandal" dreht sich nicht um den Brexit. Es geht um eine andere, ebenso wahre Affäre epischen Ausmaßes, in die einer der beiden Männer, der von Hugh Grant gespielte Vorsitzende der Liberal Party, wegen seiner heimlich ausgelebten Homosexualität verwickelt war.

Nichts daran ist erfunden, alles tatsächlich so passiert. Und doch wird aus dem Dreiteiler eine scharfe Satire. Sie knöpft sich eine politische Kaste vor, die ihr Klassenbewusstsein als uraltes Anrecht zur Schau trägt und ihre Bigotterie unter überkommenen Ritualen versteckt. Immer fein ironisch, versteht sich.

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Serie "A Very English Scandal": Nach einem wahren Fall

Insofern ist die Serie so grundsätzlich, wie ihr Titel es ankündigt: Sie bereitet eine Theaterbühne für die very englishness, die das elende Brexit-Trauerspiel ja erst auf so fratzenhafte Weise unterhaltsam macht. Weil bizarre parlamentarische Zeremonien das unwürdige Gerangel zum Spektakel aufblasen. Weil das Nickerchen von Jacob Rees-Mogg, diesem näselnden Wiedergänger eines Fünfzigerjahre-Snobs, nur in einem mit kulturellen Codes bis unter die Decke vollgestellten Bedeutungsraum zur Ikone werden konnte.

Zeichenhaft ist auch schon die mimische Maske, die Hugh Grant sich für diese - seine bisher beste - Rolle zugelegt hat. Man muss sich kurz erinnern: Das ist jener Schauspieler, der früher in romantischen Komödien den tollpatschigen, einfach irrsinnig niedlichen chap spielte; auch schon einmal einen fiktiven Premierminister (in "Tatsächlich... Liebe"), dessen Charme selbst Polit-Popstar Tony Blair wie einen stocksteifen Technokraten wirken ließ. Dass Grant aber durchaus politisches Profil hat, bewies er zuletzt mit einem bissigen Tweet in Richtung Boris Johnson.

"Ich werde Dich jetzt küssen, und Du wirst es genießen"

In "A Very English Scandal" trägt dieser Hugh Grant als Liberal-Party-Chef Jeremy Thorpe nun eine sprichwörtliche stiff upper lip im Gesicht, die ihresgleichen sucht. Der Mann spricht praktisch ausschließlich mit der Unterlippe, fast wie eine Muppets-Puppe. Die Augen blitzen und verraten Gefühle, ansonsten bleibt sein Gesicht bar jeder Regung. Auch dann, als er zu dem wesentlich jüngeren Stallburschen Norman Scott (Ben Wishaw) sagt: "Ich werde Dich jetzt küssen, und Du wirst es genießen."

Die erste Folge der BBC-Produktion beschäftigt sich mit der Affäre, die sich aus dieser plumpen Anmache entspinnt, die Episoden Zwei und Drei mit den Folgen, die sich über Jahre hinziehen: Den immer neuen Erpressungsversuchen von Seiten Normans, der sich verraten und weggestoßen fühlt, stehen immer neue Versuche Thorpes gegenüber, sich wegzuducken, bloß keine direkte Verbindung zwischen ihm und Norman nachweisbar zu machen. Schließlich beginnt er entnervt und kaltblütig, einen Mordkomplott zu entwerfen.

Sehen Sie hier exklusiv die erste Folge von "A Very English Scandal" vor der TV-Premiere:

Foto: Sony Pictures

Einmal sieht man, wie dieser Jeremy Thorpe im Parlament eine heißblütige Rede hält, in der er Waffenlieferungen an Nigeria verurteilt, um gleich in der nächsten Szene sich und seinem Assistenten die Frage zu stellen: Wohin mit dem Körper des Ermordeten? Das ist schwarze Satire in bester britischer Tradition, zumal auch dem nichtbritischen Zuschauer schnell schwant, dass die amateurhaften Mordpläne nur in schlimmstem Durcheinander enden können.

Briten kennen den Ausgang der Geschichte ohnehin, die Thorpe-Affäre hat sich tief ins Bewusstsein der englischen Gesellschaft eingegraben. Vielleicht deshalb, weil in dem anschließenden Gerichtsverfahren, das die dritte Folge zeigt, das politische Establishment mit heruntergelassenen Hosen dastand. In aller Öffentlichkeit, denn aufgrund eines Verfahrensfehlers durfte die Presse jede Einzelheit aus dem Gerichtssaal berichten - und sie tat das mit ausführlicher Hingabe.

Am Rande geht es in "A Very English Scandal" von Regisseur Stephen Frears ("Die Queen") auch um den Umgang der englischen Gesellschaft mit Homosexualität, die in den Siebzigern, zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung, zwar nicht mehr gesetzlich verboten, aber noch immer stark tabuisiert war.

Aber überlagert wird diese Erzählung von einem Kampf der führenden Klasse um Macht und Einfluss. Thorpe verfocht liberale politische Ansichten, in einer Szene wird er als leidenschaftlicher Kämpfer für eine britische EU-Mitgliedschaft gezeigt. Aber sein Freigeist endete dort, wo seine Privilegien bedroht waren. Er steht beispielhaft als Protagonist für eine Elite, die nicht zögert, ihre Stellung bis aufs Blut zu verteidigen.


"A Very English Scandal" ist ab dem 19. September um 20.15 Uhr beim Sony Channel zu sehen (abrufbar unter anderem über Vodafone, Unitymedia, Amazon Prime Video Channels).

insgesamt 8 Beiträge
frida1209 17.09.2019
1. Superb
Hab mir die Miniserie auf DVD besorgt. British TV at its best. Man kann es kaum glauben, aber es ist alles wahr. Hugh Grant ist sensationell als Jeremy Thorpe, Ben Whishaw als sein Gegenpart hält locker mit. Die 3 Teile muss man [...]
Hab mir die Miniserie auf DVD besorgt. British TV at its best. Man kann es kaum glauben, aber es ist alles wahr. Hugh Grant ist sensationell als Jeremy Thorpe, Ben Whishaw als sein Gegenpart hält locker mit. Die 3 Teile muss man unbedingt in einem Zug sehen. Die Bezüge zum Brexit sind nicht zu übersehen. Thorpe war ja politisch liberal und an einem Anschluss an Europa interessiert. Trotzdem war es natürlich seine upper class Zugehörigkeit, die eine gerechte Strafe verhinderte. Ein Schelm, wer da an BoJo denkt... Ich wünschte mir, unser ÖR würde sowas auch mal auf die Reihe bekommen. Unbedingt empfehlenswert.
.patou 17.09.2019
2.
Ich hatte die Gelegenheit, die Serie letztes Jahr zu sehen. Wirklich ein absolutes Highlight. Dass Grant die Zeit der romantischen Komödien schon länger hinter sich gelassen hat und ein großartiger Schauspieler ist, hat man [...]
Ich hatte die Gelegenheit, die Serie letztes Jahr zu sehen. Wirklich ein absolutes Highlight. Dass Grant die Zeit der romantischen Komödien schon länger hinter sich gelassen hat und ein großartiger Schauspieler ist, hat man aber schon seit einiger Zeit beobachten können. Man schaue sich nur mal den letzten Paddington-Film an oder "Florence Foster Jenkins". Und auch wenn mir einige der frühen romantischen Komödien aufgrund seiner sich wiederholenden Manierismen mittlerweile etwas auf die Nerven gehen - "Love ... Actually" gehört immer noch zum alljährlichen vorweihnachtlichen Pflichtprogramm.
alleghieri 17.09.2019
3. Nicht nur in England
Eine scheinheilige politische Kaste, die ihre Privilegien für gottgegeben hält. Dies ist alles Gegenwart und nicht Vergangenheit und nicht abhängig vom Land und von der politischen Grundausrichtung. Denken Sie an Claudia Roth [...]
Eine scheinheilige politische Kaste, die ihre Privilegien für gottgegeben hält. Dies ist alles Gegenwart und nicht Vergangenheit und nicht abhängig vom Land und von der politischen Grundausrichtung. Denken Sie an Claudia Roth und Ihre Rekordflugmeilen als Bundestagsvizepräsidentin. Schlechtes Gewissen? Ach nee, nicht im mindesten!
Newspeak 18.09.2019
4. ....
Im Grunde zeigt sich die Lächerlichkeit der Macht. Herrschaft ist ein Luxus. Irgendwann wird die Menschheit sich hoffentlich dazu entwickeln, dass man darauf verzichten kann. Die Franzosen haben 1789 ja schon mal einen ersten [...]
Im Grunde zeigt sich die Lächerlichkeit der Macht. Herrschaft ist ein Luxus. Irgendwann wird die Menschheit sich hoffentlich dazu entwickeln, dass man darauf verzichten kann. Die Franzosen haben 1789 ja schon mal einen ersten Schritt in die richtige Richtung getan. Wir bräuchten einen zweiten Jakobinerclub und eine zweite Aufklärung.
forky 18.09.2019
5. Link fehlt
"Sehen Sie hier exklusiv die erste Folge." heißt es im Untertitel. Wo ist denn bitte der Link?
"Sehen Sie hier exklusiv die erste Folge." heißt es im Untertitel. Wo ist denn bitte der Link?

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