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Kultur

"Black Earth Rising"-Schöpfer im Interview

Wie verfilmt man einen Genozid, Herr Blick?

"Black Earth Rising" thematisiert den Völkermord in Ruanda und ist die wohl meistdiskutierte Politserie, die derzeit bei Netflix abrufbar ist. Autor Hugo Blick wird dafür gefeiert - und verunglimpft.

Netflix
Ein Interview von
Donnerstag, 04.04.2019   11:40 Uhr

Die Massaker in Ruanda begannen im April 1994, vor fast genau 25 Jahren. Bis zum Juli des Jahres ermordeten Hutu mindestens 800.000 Menschen, die überwiegend der Volksgruppe der Tutsi angehörten, die Weltgemeinschaft sah tatenlos zu, bis heute dauert die Aufarbeitung an. Am Sonntag wird der Internationale Tag des Gedenkens an den Völkermord in Ruanda begangen.

"Black Earth Rising" zeigt die Auswirkungen des Genozids bis in die unmittelbare Gegenwart. Die Politserie ist aus der Perspektive einer jungen schwarzen Völkerrechtsanwältin erzählt; mit jeder der acht Folgen steigt die Hauptfigur tiefer in das Verbrechen hinab, aber auch tiefer in die eigene Geschichte, die eng mit dem Genozid verknüpft ist. Die Serie nähert sich dem Thema aus britischer Perspektive, schrittweise öffnet sich der Erzählhorizont Richtung Ostafrika. Die Massaker von 1994 selbst kommen nur in stilisierten gezeichneten Schwarz-Weiß-Rückblenden vor.

Autor, Regisseur und Produzent Hugo Blick nimmt für seine Serie, eine Koproduktion von BBC und Netflix, die Verstrickungen des Westens ebenso ins Visier wie den brüchigen Frieden in Ruanda. Ein atemberaubendes Unterfangen, das ihm viel Beifall, aber auch heftige Kritik einbrachte. Auf dem SeriesMania-Festival in Lille, dem wichtigsten Debattenort für Fernsehkunst, sprach er öffentlich über "Black Earth Rising" und antwortete auf die Frage, was ihn zu seinen aufwendigen Serienprojekten antreibt: "Wut." Unser Interview fand ebenfalls in Lille statt.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Blick, ein weißer Brite dreht eine Fernsehserie, die den größten Massenmord von Afrikanern an Afrikanern erklärt - können Sie nachvollziehen, dass Ihre Serie auf massive Kritik gestoßen ist?

Blick: Ich habe es zumindest vorhergesehen. Allerdings ist festzuhalten: Ich habe nicht den Anspruch, den Völkermord in Ruanda erklären oder aufklären zu können. Ich spreche nicht für Afrika, das steht mir nicht zu. Ich nähere mich dem Verbrechen bewusst aus einer westlichen Perspektive, ich versuche die Auswirkungen des Genozids auf die Gegenwart zu verstehen und wie er 25 Jahre später immer noch das Verhältnis zwischen Ruanda und der Weltgemeinschaft prägt, die damals auf unterschiedliche Weise versagt hat. Das ist ja kein abgeschlossenes Kapitel.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Serie beginnt mit einer Szene, in der ein schwarzer Student einer weißen Anklägerin des Internationalen Gerichtshof in Den Haag vorwirft, dort würde weiterhin Recht nach kolonialen Maßstäben gesprochen. Europa hat nach dieser Logik immer noch die Deutungshoheit über Verbrechen in Afrika - und Sie sind ein Repräsentant Europas. Schwierige Erzählerposition, oder?

Blick: Sehr schwierig. Aber kein Grund für mich, die Serie nicht zu drehen. Drei Jahre habe ich an ihr gearbeitet, ein halbes Jahr habe ich ausschließlich mit der Recherche verbracht. Es war eine ergebnisoffene Reise, es fühlte sich an, wie auf Reispapier zu gehen, immer wieder brach ich zu neuen Wahrheiten durch. Ich hatte ja keine Agenda - was für den Autor einer fiktionalen Serie erst mal paradox ist, denn der will ja immer eine bestimmte Agenda durchsetzen. Meine Recherchen kreisten immer wieder um die Möglichkeiten und Grenzen, die Europa bei der Aufarbeitung des Genozid hat.

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Netflix-Serie über Völkermord: "Horror ist nicht relativ"

SPIEGEL ONLINE: Was genau meinen Sie?

Blick: Es gibt immer noch keinen einheitlichen Umgang mit dem Genozid in Ruanda. Deutschland kam zuletzt Auslieferungsgesuchen Ruandas von mutmaßlichen Tätern nach, Großbritannien nicht. Sie wurden mit Verweis auf Paragraf 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention verweigert, nach dem jeder Mensch das Recht auf ein faires Verfahren hat. Das sahen die britischen Behörden in Ruanda nicht gewährleistet. Da sind also zwei westliche Länder mit ausgeklügelten Rechtssystemen, die sich bei der Aufarbeitung des Völkermords ganz unterschiedlich verhalten.

SPIEGEL ONLINE: Im Verlauf der Serie dringen Sie mit Ihrer Heldin tief in die unaufgearbeiteten Folgen des Genozid vor. Im Ostkongo entdeckt die Juristin Massengräber von Hutu, also von jener Ethnie, die eigentlich für den Massenmord an den Tutsi verantwortlich war. Offenbar fielen sie der Rache bewaffneter Tutsi zum Opfer. Sahen Sie bei dieser Darstellung keine Gefahr der Relativierung?

Blick: Horror ist nicht relativ. Wir müssen des Massenmordes an den Tutsi gedenken, aber wir müssen auch an die Grausamkeiten erinnern, zu denen es danach gekommen ist. Ruanda ist noch immer zutiefst gespalten. Die Regierung versucht, die Erzählung über die Ereignisse von 1994 zu kontrollieren; sie instrumentalisiert den Genozid, um damit den politischen Pluralismus zu unterdrücken.

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SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Blick: Wann immer Kritik an der Regierung geäußert wird, kritisiert derjenige im Narrativ der Regierung diejenigen, die den Völkermord beendet haben. Wer die Regierung infrage stellt, leugnet nach dieser Logik automatisch den Massenmord. Auch mir werfen die Leute vor, ein Genozid-Leugner zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit diesem Vorwurf um?

Blick: Ich bin jüdisch-deutscher Herkunft, der Begriff Genozid-Leugner ist mir unerträglich. Ich will mit der Serie zeigen, was der Versöhnung Ruandas noch im Weg steht. Das Land muss weiter zur Wahrheit vordringen, um wirklich eine starke Gemeinschaft zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Von wem genau kommt die Kritik an Ihrer Serie?

Blick: Sie kommt hauptsächlich aus der ruandischen Diaspora, die glaubt, ich würde ihr mit "Black Earth Rising" die Erzählung eines geeinten Ruandas rauben. Aber auch vielen Europäern kommt meine Serie ungelegen. Ruanda ist ja ein Everybody's Darling unter den afrikanischen Staaten. Aber man muss sich klarmachen, dass mit Präsident Paul Kagame ein echter Despot regiert. Leute werden wegen ihrer politischen Ansichten verhaftet, es gibt so gut wie keine Opposition, Kagame wurde bei der letzten Wahl mit knapp 99 Prozent der Stimmen gewählt. Aber in Europa sieht man nur das erstaunliche Wirtschaftswachstum von bis zu acht Prozent pro Jahr - auch wenn keiner so genau weiß, wie das eigentlich zustande kommt.

SPIEGEL ONLINE: Daher rührt ja der Glaube des Westens an Ruanda - in all dem Afropessimismus scheint das Land ein leuchtendes Gegenbeispiel abzugeben.

Blick: Und das zeige ich ja auch. Der Staat ist in vielen Dingen sehr fortschrittlich, im Parlament sitzen zum Beispiel so viele Frauen wie in kaum einem anderen afrikanischen Land. Ich habe bei meiner Fiktionalisierung deshalb eine Frau zur Präsidentin gemacht...

SPIEGEL ONLINE: …...die der britischen Völkerrechtsanwältin bei einer Begegnung deutlich macht, dass diese als Fremde kein Recht habe, sich über die ruandischen Verhältnisse zu äußern, weil sie nicht wisse, wie man ein Land mit einer solch blutigen Geschichte wieder zusammenführt.

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Blick: Das ist natürlich auch eine vorweggenommene Kritik an mir, dem weißen Dramaturgen, der afrikanische Geschichte verarbeitet. Ich maße mir nicht an, die Logik des Massenmords in Ruanda aufschlüsseln zu können. Aber ich maße mir an, die Verhältnisse in Ruanda zu kritisieren, und ich maße mir an, eine Gesellschaft zu zeigen, die noch keinen Frieden mit sich selbst gefunden hat.

SPIEGEL ONLINE: Werden in Afrika in der Zukunft eigene große Fernseherzählungen entstehen, auch zu schwierigen politischen Themen?

Blick: Sicherlich. In Nigeria und Südafrika existieren hocheffiziente Filmindustrien, es besteht die Hoffnung, dass es die Produzenten und Künstler schaffen, mithilfe von Streaming-Plattformen wie Netflix neue, weltweite Verbreitungsformen zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Im Dezember hat Netflix mit "Queen Sono" in Südafrika seine erste afrikanische Produktion in Auftrag gegeben. Weltweit setzt das Unternehmen verstärkt auf lokale Produktionen - wohl auch als Strategie gegen die neuen Mitbewerber Apple und Disney. Afrika mit seiner in bestimmten Regionen rapide wachsenden Mittelschicht und die hohe Verbreitung von mobilen Endgeräten auf dem Kontinent scheinen ideal für Netflix.

Blick: Und Netflix ideal für afrikanische Kreative. Sie saugen neueste, nuancierte Erzählformen von der Plattform und wandeln sie für ihre Zwecke um. Ich bin mir sicher, dass da in kürzester Zeit eine große neue Fernsehkultur entstehen wird und ein Publikum, das auch schwierige Stoffe zu konsumieren versteht. Und das Beste: Netflix lässt sich staatlich schwer kontrollieren, was hilfreich ist bei einer Debatte wie der über den Völkermord in Ruanda. Man muss Netflix nicht nur gut finden - Propagandashows aber findet man dort nicht im Programm.

insgesamt 3 Beiträge
frank.huebner 04.04.2019
1. Hervorragende Serie
Ich habe die Serie gesehen und kann sie nur jedem empfehlen! Man bekommt andere Sichtweisen über die Vielfältigkeit der politisichen Intrigen, Ziele etc. Dazu noch hervorragende Schauspieler.
Ich habe die Serie gesehen und kann sie nur jedem empfehlen! Man bekommt andere Sichtweisen über die Vielfältigkeit der politisichen Intrigen, Ziele etc. Dazu noch hervorragende Schauspieler.
brain_user 04.04.2019
2. Ruanda Genozid/Hutu Tutsi
Habe die Serie im Original gesehen. Sehr gutes Lehrstück in Sachen Völkermord und deren Langzeitfolgen. Sehr empfehlenswert!
Habe die Serie im Original gesehen. Sehr gutes Lehrstück in Sachen Völkermord und deren Langzeitfolgen. Sehr empfehlenswert!
krautundrueben 04.04.2019
3. Treffende Beschreibung
Ein Interview, das die Situation treffend beschreibt. In der Tat nutzt die hiesige Regierung (ich lebte bis vor Kurzem lange Jahre in Ruanda) den Genozid für Propagandazwecke und um abweichende Meinungen zu kriminalisieren. Macht [...]
Ein Interview, das die Situation treffend beschreibt. In der Tat nutzt die hiesige Regierung (ich lebte bis vor Kurzem lange Jahre in Ruanda) den Genozid für Propagandazwecke und um abweichende Meinungen zu kriminalisieren. Macht und Vermögen befinden sich in den Händen einer kleinen Elite um die ehemaligen Tutsi-Kämpfer der RPF, während die Landbevölkerung in Armut lebt. Die vielbeschworene Aussöhnung findet leider nur oberflächlich statt. Die Grundlage für weitere Konflikte wird so gelegt.

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