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Kultur

"Black Mirror"-Schöpfer Charlie Brooker

"Immerhin musste ich noch keinem Zombie den Kopf abschlagen"

Die britische Serie "Black Mirror" zeigt makabre Zukunftsvisionen unserer Mediengesellschaft: Hier erklärt der britische Humorist und TV-Autor Charlie Brooker, wie die Gegenwart seine Horrorszenarien einholt.

Getty Images

Serien-Schöpfer und Comedian Charlie Brooker

Ein Interview von
Montag, 07.11.2016   11:28 Uhr

Zur Person

Charlie Brooker, 1971 in Reading geboren, ist ein TV-Autor und Humorist, der in Großbritannien vor allem durch seine "Wipe"-Shows bekannt wurde, in denen er das TV-Programm und die Nachrichten satirisch sezierte. 2008 begeisterte der ehemalige Videospiele-Rezensent die TV-Kritiker mit seiner an "Big Brother" angelehnte Zombie-Serie "Dead Set". Seit 2011 schreibt und produziert er die makabre Anthologie-Serie "Black Mirror".

SPIEGEL ONLINE: Herr Brooker, 2013 trat in der "Black Mirror"-Episode "Die Waldo-Kandidatur" ein pöbelnder, populistischer Cartoon-Bär im Fernsehen auf, der zum erfolgreichen Politiker wird. Man fühlt sich an den aktuellen US-Wahlkampf erinnert. Sind Sie ein Prophet?

Brooker: Ich hatte eher Boris Johnson im Kopf, als ich die Waldo-Geschichte schrieb. Johnson wurde ja in England vor allem dadurch berühmt, dass er in Comedy-Shows auftrat. Die Leute lachten einfach über alles, was er tat, er wurde nie wie ein normaler Politiker behandelt, sondern stets als ein "Charakter". Das machte ihn lange unverwundbar. Heute fühlen sich die Leute tatsächlich eher an Donald Trump erinnert.

SPIEGEL ONLINE: Macht es Ihnen Angst, wenn Menschen sich auch in der Realität zunehmend von Demagogen wie Trump, Johnson oder Nigel Farage manipulieren lassen?

Brooker: Ach, das war eigentlich schon immer so. Interessant ist ja nur, dass wir damals, als das Internet aufkam, dachten, es würde Barrieren einreißen und wir alle würden diese kuschelige große Weltfamilie werden. Wir hofften darauf, mit unterschiedlichen Sichtweisen konfrontiert zu werden und unseren Horizont erweitern zu können. Was aber tatsächlich zu geschehen scheint, ist, dass die Leute stärker zum Polarisieren neigen und ihren Standpunkt umso erbitterter verteidigen. Das sagt vermutlich viel über die menschliche Natur aus. Gleichzeitig verschanzen sich viele in Filter Bubbles, das macht sie anfällig für Manipulation oder Desinformation. Nach dem Brexit waren vielen Remain-Anhänger erstaunt über den breiten Zuspruch für die Leave-Kampagne. Sie hatten es schlicht nicht mitgekriegt, wie groß die Anti-EU-Gefühle geworden waren, denn sie waren im Internet immer nur mit ihren eigenen Ansichten konfrontiert. Wenn ich immer nur auf einen Newsfeed starre, der nach meinen Vorlieben kuratiert wurde, dann bekomme ich einen Tunnelblick.

SPIEGEL ONLINE: Alle reden aneinander vorbei, statt miteinander. Wie lässt sich das lösen?

Brooker: Ich glaube, dass in Tools wie Social Media noch viel Potenzial schlummert. Wir wissen schlicht noch nicht, wie man diese Dinge richtig benutzt und ich hoffe, dass wir künftig lernen, wie wir mit modernen Medien besser umgehen. Großbritannien stellt da im Moment gerade eine schöne Mahnung an die Welt dar - wenigstens eine positive Sache, die man dem Brexit abgewinnen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Gewöhnlich malen Sie die Zukunft weitaus schwärzer aus.

Brooker: Ja, man würde nicht darauf kommen, wenn man "Black Mirror" anschaut: Ich versuche immer, optimistisch zu bleiben. Im Grunde meines Herzens bin ich aber natürlich ein chronischer Bedenkenträger. Ich neige dazu, mir immer das Schlimmste auszumalen. Sogar hier in diesem Hotelzimmer überlege ich, wo ich stolpern könnte und mir den Kiefer brechen könnte oder ob wie schmerzhaft es wäre, hier aus dem Fenster zu fallen.

SPIEGEL ONLINE: Wird es zunehmend schwieriger, sich futuristische Horrorszenarien auszudenken, wenn die Gegenwart schon verrückt genug erscheint?

Zur Sendung

Brooker: Einerseits schon, andererseits gibt es so noch viel, viel mehr, was mich inspiriert. Es stimmt, die allererste "Black Mirror"-Episode, "Der Wille des Volkes"…...

SPIEGEL ONLINE: … ... in der der britische Premierminister erpresst wird, live im Fernsehen Geschlechtsverkehr mit einem Schwein auszuüben…

Brooker: … ...die Schweine-Ficken-Episode, genau, die würde heute eher wie eine Dokumentation wirken. Besonders dieses Jahr scheint die Welt sehr schnell sehr surreal geworden zu sein. Manchmal fühlt es sich an, als befände sich "Black Mirror" in einem ständigen Wettlauf mit der Realität. Vielleicht versucht sie gerade, aufzuholen und hat sich die Laufschuhe angezogen.

SPIEGEL ONLINE: Das muss sie als Dauersorgenträger doch beunruhigen.

Netflix

Szene aus "Black Mirror", 3. Staffel, Episode 1 (mit Mackenzie Davis, Gugu Mbatha-Raw)

Brooker: Wenn ich an Donald Trump denke? Oder den Brexit? Oh ja, wenn ich die Nachrichten sehe, denke ich oft, morgen geht die Welt unter. Ich muss mich dann immer ganz langsam wieder beruhigen, normalerweise brauche ich 48 Stunden dafür, um wieder sagen zu können: Wird schon gut gehen.

SPIEGEL ONLINE: "Black Mirror" ist, ähnlich wie andere Endzeit-Szenarien im Fernsehen, sehr populär. Angesichts einer immer erschreckender werdenden Realität, müssten wir nicht eigentlich viel lieber Serien oder Filme ansehen, die uns eine bessere Welt vorgaukeln?

Brooker: Statt "Game of Thrones", wo sich alle gegenseitig abschlachten? Wahrscheinlich ist es dann doch sehr tröstlich, so etwas wie "The Walking Dead" zu gucken und dabei zu denken: Immerhin musste ich noch keinem Zombie den Kopf abschlagen. Noch nicht!

SPIEGEL ONLINE: Also hilft Ihnen "Black Mirror" auch ganz persönlich, mit Ihrer ständigen Sorge umzugehen?

Brooker: Ja, vielleicht hat es tatsächlich einen therapeutischen Wert für mich. Dann wiederum haben alle meine Geschichten ihre Wurzel in dem, was gegenwärtig geschieht, meistens sind es Allegorien auf unsere Lebenswirklichkeit - und nicht immer spielen sie in der Zukunft oder behandeln Science Fiction: Eine der neuen Episoden spielt komplett im Jetzt und Heute. Und es sind diesmal auch nicht unbedingt alle Folgen fies und trostlos.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte? Was ist denn mit Ihnen los?

Brooker: Es geht nur darum, unkalkulierbar zu bleiben. Wenn Sie "Black Mirror" gucken und die ganze Zeit denken: Wie kann diese oder jene Situation am grausamsten enden für die beteiligten Charaktere, dann fängt die Serie an, vorhersehbar zu werden. Wir haben also angefangen, die Dinge ein bisschen mehr durchzumischen. Es gibt diesmal ein bisschen mehr Licht und Schatten, statt ausschließlich Düsternis.

insgesamt 2 Beiträge
Sankari66 07.11.2016
1. Falsche Bildbeschriftung
Das letzte Bild stammt nicht aus S03E01 sondern aus S03E04 (San Junipero).
Das letzte Bild stammt nicht aus S03E01 sondern aus S03E04 (San Junipero).
forenuser 07.11.2016
2.
Was ist an der Serie denn Endzeit? :o Aber egal, die dritte Staffel war wieder sehr gut. Nur leider sind die immer so kurz :/ Besonders die erste Folge(?) mit den ganzen Bewertungsgedoens war doch recht bedrueckend. [...]
Was ist an der Serie denn Endzeit? :o Aber egal, die dritte Staffel war wieder sehr gut. Nur leider sind die immer so kurz :/ Besonders die erste Folge(?) mit den ganzen Bewertungsgedoens war doch recht bedrueckend. Wahrscheinlich weil es gar nicht so unvestellbar ist das es einestages tatsaechlich so kommen koennte.

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