Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Misslungener Brecht-Zweiteiler

Dichter, Denker, Schwein

Brecht und #MeToo: Heinrich Breloers Zweiteiler sollte das große Porträt eines großen Intellektuellen werden - herausgekommen ist ein wackliges TV-Stück über einen eitlen Geck und ewiggeilen Dichterfürsten.

WDR/ Nik Konietzny
Von
Mittwoch, 27.03.2019   14:12 Uhr

Als der Dichter starb, hat er sich testamentarisch ausbedungen, "dass keine Musik gespielt wird" zu seiner Grablegung und bitte nur ein nackter, allein mit seinem Namen beschrifteter Stein über seiner Grube wache. Beide Gefallen mochte der unerbittliche Lobsänger Heinrich Breloer dem Testamentsverfasser Bertolt Brecht nicht tun. Breloer ist im deutschen Fernsehgeschäft als Dokumentarspielregisseur hochgeachtet und präsentiert nun mit lautem Tamtam einen zweiteiligen "Brecht"-Film. Am Freitag läuft er bei Arte, am 27. März im Ersten, dazu erscheint bei Kiepenheuer & Witsch ein bebildeter Buchziegel mit dem Titel "Brecht - Roman seines Lebens" - Autor, natürlich, Heinrich Breloer.

Der Fernsehfilm ist großzügig vollgejauchzt und zugedudelt mit Geigen-, Klavier- und Klarinettenmusik, der Buch-Brocken ist beschriftet mit gut gemeinten, aber erzpeinlichen Mutmaßungen über einen Schriftsteller: "Vielleicht hat es Brecht nicht als Lüge gesehen, sondern als Erfindung seiner Person, wenn er Szenen seines Lebens umschreibt", liest man beispielsweise.

Ein Riesenmonument hat der Regisseur Breloer, geboren 1942, dem Dichter Brecht da errichtet. In 180 Minuten spielt zunächst der smarte Hänfling Tom Schilling den jungen Bertolt Brecht, im ersten Teil mit dem Titel "Die Liebe dauert oder dauert nicht". Im zweiten Teil namens "Das Einfache, das schwer zu machen ist" verleiht dann Burkhart Klaußner sein famoses Knautschgesicht zigarrenmalmend an die Rolle des älteren Brecht. Die Spielfilmszenen, in denen die beiden Darsteller auftreten, sind aber im Grunde nur Füllmaterial, ebenso wie die meist schwarzweißen Dokumentarbilder vorzugsweise vom Ersten und vom Zweiten Weltkrieg.

Fotostrecke

Dokudrama von Breloer: YouToo, Brecht?

Der lohnende Kern des Breloer-Werks sind die hochinteressanten, herzbewegenden Interviews, die der Regisseur zum Teil schon in den Siebzigerjahren mit Weggefährten, Zeitgenossen und Geliebten Bertolt Brechts geführt hat.

Brechts Anbaggerversuche

Man sieht also Paula Banholzer, die erste große Liebe Brechts in Augsburg, als nicht mehr junge Frau mit Goldzahn begeistert schwärmen von dem ersten Kuss, den ihr der Dichter in den Auen des Flusses Lech abgerungen hat. Man betrachtet einen Augsburger Jugendfreund Brechts als älteren Herrn, wie er die Frechheit und den Charme seines junggenialischen Schulkameraden lobt. Vor allem aber darf man vielen Schauspielerinnen und Regieassistenten zugucken, wie sie von offenbar oft freudig erlittenen Brecht-Anbaggerversuchen, von Brecht-Probenerlebnissen, von Brechts politischer Verzagtheit, manchmal Feigheit in den DDR-Jahren erzählen.

Das Bild, das aus diesen Dokumentaraussagen entsteht, ist das eines ebenso rücksichtslosen wie gerissenen Egomanen, der munter Frauen verführt, Kinder zeugt, Künstlerfreunde manipuliert und Helferinnen ausnutzt, während er die eigene schriftstellerische Arbeit über alles stellt. Dass er ein großer Dichter sei, "das letzte deutsche Genie", hat Brecht angeblich in jungem Ungestüm gesagt, als er sich in Augsburg auf einem Denkmalsockel fotografieren ließ.

Mehr zum Brecht-Zweiteiler

Wenn man in den vielen Brecht-Biografien, von denen die zweibändige, in den Achtzigerjahren noch in der DDR erschienene von Werner Mittenzwei bis heute die anschaulichste ist, von solchen Anekdoten liest, dann bleibt im besten Fall in der Schwebe, wie viel von Brechts demonstrativem Hochmut Pose war - wie viel von seiner hämischen Arroganz als Theaterkritiker, seinem unbekümmerten Drang zum Ruhm, seinem großkotzig abfälligen Gerede über Frauen vielleicht doch nur dem Verbergen der eigenen Gefühle diente, dem Schutz jener Sensibilität und Empathie, die sich beispielsweise in Brechts Gedichten oft hinreißend offenbart.

Brecht, der bänkelsingende Filou

In Breloers Spielszenen ist alles eindeutig. Der junge Brecht, den er Tom Schilling spielen lässt, ist ein dauerlächelnder und manchmal bänkelsingender Filou, dem alles Schroffe und Unverschämte fehlt. In Brechts frühem Stück "Mann ist Mann" heißt es: "Herr Bertolt Brecht beweist auch dann/ dass man mit einem Menschen beliebig viel machen kann/ Hier wird heute Abend ein Mensch wie ein Auto ummontiert."

Eine solche Montagearbeit betreibt auch Brechts Filmbiograf Breloer, indem er nach angeblich acht Jahren Recherche (mutmaßlich waren es sogar mehr) für den Schriftsteller Brecht und dessen Leben die allerbanalsten Illustrationsbilder erfindet.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Heinrich Breloer
Brecht: Roman seines Lebens

Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Seiten:
528
Preis:
EUR 26,00

Wenn Breloer, zweifellos von leidenschaftlicher Liebe zum Dichter getrieben, eine Auseinandersetzung des jungen, vom Schulverweis bedrohten Brecht mit seinem Vater, der in Augsburg eine Papierfabrik leitet, vorführen will, dann wirft der Vater im Zorn bekritzelte Manuskriptseiten seines Sohnes in Luft. Wenn Brecht mit dem Theatermann und Autor Lion Feuchtwanger parliert, dann haben beide Faschingsschmuck auf dem Kopf, Feuchtwanger eifersüchtelt neben seiner Brecht-begeisterten Gattin und nennt den jungen Nebenbuhler einen "Menschenfresser". Ist Brecht mal im Schreibstress, dann himmelt ihn seine Co-Autorin Elisabeth Hauptmann (Leonie Benesch) mit rotglühenden Wangen an, und er selbst raunzt über seinen Verleger: "Der Kiepenheuer sitzt mir im Genick."

Glotzen Sie nicht so romantisch!

Ausgerechnet Brecht, der große Ausnüchterer der deutschen Literatur, wird in "Brecht" auf eine Weise zum ewig brünstigen Sentenzen-Schleuderer ummontiert, dass man unentwegt rufen möchte: Meister Breloer, glotzen Sie nicht so romantisch!

Breloer hat sich in früheren Filmen Männern wie Herbert Wehner ("Wehner - die unerzählte Geschichte", 1993) und Albert Speer senior ("Speer und er", 2004) gewidmet. Die Vermischung von Spielszenen und dokumentarischem Material ist das Metier, das ihn bekannt machte. Früher schien sein Blick darauf aus, eine Balance herzustellen zwischen dem Wirken und dem Privatleben der porträtierten Figuren. In "Brecht" verengt sich Breloers Sicht mehr und mehr auf den Erotomanen, den ewiggeilen Dichterfürsten. Wenn der Filmemacher die späten Jahre Brechts am Berliner Ensemble zeigt, dann sind die offenbar teils eigens fabrizierten Szenen aus Stücken wie "Mutter Courage" oder "Galileo Galilei" nur grotesk sterile Staffage. Das Interesse des Films scheint fast ausschließlich den Liebschaften zu gelten, mit denen Brecht seine Frau Helene Weigel, die von Adele Neuhäuser wirklich hinreißend gespielt wird, piesackt bis zur äußersten Verbitterung.

Vielleicht ist es zu viel verlangt von einer Fernsehbiografie, dass sie die Kunst des Dramatikers Brecht, seine Irrtümer, seine nicht bloß politische, sondern auch theaterideologische Rechthaberei einer kritischen Prüfung unterzieht. Aber wenigstens annähernd plausibel darstellen könnte man Brechts Arbeit, statt sich derart obsessiv mit seinen - klar: eitlen bis psychopathologischen - sexuellen Umtrieben zu beschäftigen.

Breloers "Brecht", vom im Skandal um den Ex-Fernsehspielchef Gebhard Henke einschlägig durchgeschüttelten WDR produziert, wirkt wie ein Produkt des MeToo-Zeitalters. Doch was genau erzählt dieser Film über Brechts heutigen Rang eines halb vergötterten, halb verachteten Jahrhundertautors? Erst Helene Weigel habe den Brecht richtig groß gemacht, sagt der Schauspieler Erwin Geschonneck hier einmal sinngemäß über die postmortale Denkmal- und Nachlasspflege der Dichterwitwe. Über die Verklärungsarbeit dieses Fernsehporträts mit Buchbegleitung kann man mit Fug und Erschöpfung sagen: Heinrich Breloer hat den Brecht recht klein gemacht.


"Brecht": Freitag, 22. März, 20.15 Uhr, Arte + Mittwoch, 27. März, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 14 Beiträge
desitka 21.03.2019
1.
Man kann sich des Eindrucks kaum erweheren, daß hier Autor Höbel einfach Schwierigkeiten damit hat, dasß Breloer Brecht von seinem mamorsockle genommen und als "Mensch" dargestellt hat. Brecht selbst hätte dafür [...]
Man kann sich des Eindrucks kaum erweheren, daß hier Autor Höbel einfach Schwierigkeiten damit hat, dasß Breloer Brecht von seinem mamorsockle genommen und als "Mensch" dargestellt hat. Brecht selbst hätte dafür vermutlich erheblich mehr Sympathie. Der verriß wird jedenfalls die Anzahl der Zuschauer nach oben treibe. Schon allein deshalb: Glückwunsch Herr Breloer! ich werds mir ansehen. Bisher stand Breloer für ausgezeichnete Unterhaltung mit historischem Wert.
doktor-nötigenfalls 21.03.2019
2.
Kann mich meinem Vorredner nur anschließen. Breloers Ansinnen war es sicherlich nicht, ein zerstrittenes Grüppchen von Brechtexperten zu bedienen. Es geht Breloer, wie beispielsweise schon in seiner Arbeit über die Manns, [...]
Kann mich meinem Vorredner nur anschließen. Breloers Ansinnen war es sicherlich nicht, ein zerstrittenes Grüppchen von Brechtexperten zu bedienen. Es geht Breloer, wie beispielsweise schon in seiner Arbeit über die Manns, immer auch um ein Stück Unterhaltung. Und das ist ihm bisher ohne Ausnahme bestens gelungen. Also: Ein SPON-Veriss ist (wie übrigens auch beim letzten Münster-Tatort) das beste Indiz für einen gelungenen TV-Abend. Ich freu mich!
House_of_Sobryansky 21.03.2019
3. Gnadengesuch
Die Ödnis der Signature. Der Gegenstand ist ohne Bedeutung. Alles dreht sich um die sich bis in alle Ewigkeit repetierende Formel eines einstigen Erfolgs. Ein veritables Gnadengesuch am Hof der Öffentlich-Rechtlichen. Da bleibt [...]
Die Ödnis der Signature. Der Gegenstand ist ohne Bedeutung. Alles dreht sich um die sich bis in alle Ewigkeit repetierende Formel eines einstigen Erfolgs. Ein veritables Gnadengesuch am Hof der Öffentlich-Rechtlichen. Da bleibt man doch lieber gleich bei Doris Day.
Newspeak 21.03.2019
4. ....
Brecht ist der Grossdichter der Studienräte. Und die werden Breloers Film sicher gut finden. Es ist der Abglanz all dessen, was sie nicht sind, den sie lieben.
Brecht ist der Grossdichter der Studienräte. Und die werden Breloers Film sicher gut finden. Es ist der Abglanz all dessen, was sie nicht sind, den sie lieben.
ackermart 21.03.2019
5. Leben und Werk ....
liegen oft eben sehr weit neben einander, sind also nicht zu einen an der Idee eines "Gesamtkunstwerkes" wie es erst die Popkultur für Leute erfand, die alten Käse an der Wand zu von dessen Stunk abgewandter Kunst [...]
liegen oft eben sehr weit neben einander, sind also nicht zu einen an der Idee eines "Gesamtkunstwerkes" wie es erst die Popkultur für Leute erfand, die alten Käse an der Wand zu von dessen Stunk abgewandter Kunst verklärten. Wer sich B.B. wirklich erschließen will, muss die Mühen der Ebene beim ihn sich erlesen durchschreiten. Und da ist weit mehr Erlesenes zu finden als je auf die Bretter jener Bühne kam, die man da wohl nur in einer kleinen Ensemblewelt für weltbedeutend hielt. Nur die Tribünen von Tribunen können die Welt erschüttern, was sich lehrstückhaft erst heute wieder – wie bei Nero mit unfreiwilliger Komik verbunden - wiederholt. Brecht hätte dabei wohl auch heute über jene gelacht, die er damit an fremde Herrscher etwa hätte denken gemacht. In jedem Falle hätte das dialektische Schandmaul aber auch uns fremde, zumindest aber befremdende Herrschaften - innen - mit erweiterten Sinnen für der Welt ganz große Bühne gemeint.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP