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Kultur

ARD-Thriller über Clans

Die großen Unbekannten

Banden-Kriminalität, die Zweite: Nach dem ZDF zeigt jetzt auch die ARD mit "Der Auftrag" einen Film, in dem kriminelle Großfamilien eine Rolle spielen. Spannend, aber atemberaubend ignorant.

Stephan Rabold/ ARD
Von
Samstag, 30.03.2019   18:31 Uhr

Man kennt das aus Hollywood. Manchmal kommen kurz nacheinander zwei Filme in die Kinos, die das gleiche Thema haben. Die beiden "Robin Hood"-Versionen von 1991 etwa, oder zwei Truman-Capote-Biopics im Jahr 2006. Ein ähnliches Phänomen ist jetzt bei ARD und ZDF zu beobachten: Die Sender zeigen zwei Filme zum Thema Clan-Kriminalität, im Abstand von nur vier Tagen. Das ZDF legte am Montag mit "Gegen die Angst" vor, jetzt folgt der ARD-Thriller "Der Auftrag".

Eigentlich ist es immer so, dass am Ende einer der beiden Filme als Sieger vom Platz geht. Wer war der definitive Robin Hood der Neunzigerjahre? Kevin Costner, wer erinnert sich noch an Patrick Bergin? Und wer blieb als Capote im Gedächtnis? Natürlich Philip Seymour Hoffman, nicht Toby Jones. Beim Clash der Clan-Filme dagegen ist kein eindeutiger Sieger auszumachen. In ihrer Herangehensweise sehr unterschiedlich, ähneln sie sich umso stärker in einem Punkt: der Ignoranz ihrem Thema gegenüber.

Man könnte sich beide hintereinander ansehen ("Gegen die Angst" steht noch bis zum 21.6. in der ZDF-Mediathek) und hätte doch nichts gelernt über Familien, die vor Jahrzehnten nach Deutschland einwanderten und hier kleine Reiche errichteten, in denen nicht der deutsche Staat das Recht durchsetzt, sondern kriminelle Großväter, Väter, Onkel, Cousins. Das Desinteresse an diesen Menschen und ihrer Geschichte, das ihre Machenschaften erst begünstigte, es setzt sich fort in diesen beiden Filmen.

In "Gegen die Angst" äußerte sich die Entpolitisierung in einem seifenoperhaften Plot; in "Der Auftrag" von Regisseur Florian Baxmeyer und Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt werden kriminelle Clan-Mitglieder noch stärker an den Rand der Erzählung gedrängt. Hier sind sie nur mehr Chimären oder, besser noch: handlungstreibende Elemente. Sie dienen dazu, die zentralen Figuren zu bedrohen und einen finsteren Thriller-Mechanismus in Gang zu setzen. "Entweder heißen sie Ahmed oder Mohammed - nie weiß man, über wen man eigentlich redet", sagt hier ein LKA-Beamter. Viel genauer will es auch der Rest des Films nicht wissen.

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"Der Auftrag": Am Rand der Erzählung

Darum steht im Mittelpunkt der Geschichte auch die Personenschützerin Sarah Brandt (Anna Bederke), die gleich bei ihrem ersten Einsatz für das Landeskriminalamt Berlin mit einem dramatischen Fall konfrontiert wird. Der 16-jährige Miki (Aaron Hilmer) hat den Mord an einem Spitzel beobachtet, den das LKA im Sayed-Clan installieren wollte. Der Jugendliche will gegen den Gangsterboss Ahmed Sayed (Timur Isik) aussagen und schwebt nun in akuter Lebensgefahr. Deshalb wird er gemeinsam mit seinen geschiedenen Eltern (Anja Kling, Gregor Bloéb) in die Nähe von Rom gebracht, wo ein gemischtes deutsch-italienisches Team ihn vor Anschlägen der Verbrecher beschützen soll.

Was natürlich, den Gesetzen des Genres folgend, mehr schlecht als recht klappt: bald sind zwei Beamte tot und die Familie landet stark lädiert wieder in Deutschland. Der Sayed-Clan lässt eben nicht mit sich spaßen, und es dauert noch einige überraschende Plot-Wendungen, bis Sarah Brandt mit ihrem alkoholkranken Kollegen Lobeck (großartig lakonisch: Oliver Masucci) das Leck lokalisiert hat, über das sich die Kriminellen mit Informationen versorgen.

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"Der Auftrag" ist vor allem im letzten Drittel ein durchaus spannender Krimi, der auf ein drastisches, düster-abgründiges Finale zusteuert. Im Blick auf die Sayeds zeigt sich allerdings eine bedenklich Ungenauigkeit. Der Film zeigt kein reales Milieu, er ordnet nicht kritisch die Geschäfte der Kriminellen und ihre Folgen ein. Stattdessen reduziert das Drehbuch die Zugewanderten zu klassischen Film-Bösewichten, und es arbeitet dabei mit klassischen Stereotypen der Filmgeschichte, die durchaus rassistisch grundiert sind. Orientalische Weisheiten dürfen sie zum Besten geben und perfide Drohungen ausstoßen, furchterregend mit den Augen rollen und ein möglichst vulgäres Deutsch sprechen. Eine eigene Geschichte aber, die gesteht das Drehbuch ihnen nicht zu.

Mitglieder krimineller Großfamilien sind hier und im ZDF-Pendant "Gegen die Angst" die anderen, die Ausländer, die unbekannten Zugewanderten. Ein wenig mehr Willen zur Differenzierung sollte man öffentlich-rechtlichen Produktionen eigentlich zutrauen. Das deutsche Fernsehen war schließlich schon einmal weiter, siehe "4 Blocks".


"Der Auftrag". 30. März, ARD, 20.15 Uhr

insgesamt 18 Beiträge
peterregen 30.03.2019
1.
"Man könnte sich beide hintereinander ansehen ("Gegen die Angst" steht noch bis zum 21.6. in der ZDF-Mediathek) und hätte doch nichts gelernt über Familien, die vor Jahrzehnten nach Deutschland einwanderten und [...]
"Man könnte sich beide hintereinander ansehen ("Gegen die Angst" steht noch bis zum 21.6. in der ZDF-Mediathek) und hätte doch nichts gelernt über Familien, die vor Jahrzehnten nach Deutschland einwanderten und hier kleine Reiche errichteten, in denen nicht der deutsche Staat das Recht durchsetzt, sondern kriminelle Großväter, Väter, Onkel, Cousins. Das Desinteresse an diesen Menschen und ihrer Geschichte, das ihre Machenschaften erst begünstigte, es setzt sich fort in diesen beiden Filmen." Wir sind also selber schuld. Danke, keine weiteren Fragen...
skylarkin 30.03.2019
2.
Möglicherweise korrekte Kritik, aber würde man disese Differenzierung auch fordern wenn es um andere Kriminalität, Bedrohung oder Gewalt ginge? Beispielsweise von rechts, aus dem Rocker- oder Hooliganmillieu? Oder würde das [...]
Möglicherweise korrekte Kritik, aber würde man disese Differenzierung auch fordern wenn es um andere Kriminalität, Bedrohung oder Gewalt ginge? Beispielsweise von rechts, aus dem Rocker- oder Hooliganmillieu? Oder würde das wiederum als falsche weil möglicherweise entschuldigende Differenzierung kritisiert? Bin mir da nicht sicher.
Gweg 30.03.2019
3. Falsche Überschrift
Guten Abend, Herr Kaever, da hat sich ein Fehler in Ihre Überschrift eingeschlichen "ARD Thriller über Clans". In meinem Drehbuch geht es um Mordzeugen und ihre Zeugenschützer. Hätte ich den Fokus auf den Clan [...]
Guten Abend, Herr Kaever, da hat sich ein Fehler in Ihre Überschrift eingeschlichen "ARD Thriller über Clans". In meinem Drehbuch geht es um Mordzeugen und ihre Zeugenschützer. Hätte ich den Fokus auf den Clan gelegt, hätte ich nicht nur 5% Erzählzeit auf ihn verwendet. Sie analysieren doch selbst ganz richtig, dass so ein Clan auslösendes Moment ist und Damoklesschwert. Genau dazu dient er in dramaturgischer Hinsicht und zu nicht mehr. Sie dichten Buch und Film ein Manko an, weil beide nicht den Fokus dorthin legen, wo Sie ihn gerne hätten. So funktioniert sinnvolle Filmkritik nicht. Wir haben uns entschieden, den Fokus auf die Familie und die Zeugenschützer zu legen. Dann könnten Sie "Der unsichtbare Dritte" ja auch ankreiden, es sei ein Film über Staatsgeheimnisse, über die man leider nie was erfährt. Was völlig am Film vorbeiginge. Holger Karsten Schmidt
Franz Medardus 30.03.2019
4. Danke für diese Einsichten in die Innenansicht verschaffende...
...Antwort, lieber Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt. Berufskritiker schreiben nie von innen nach außen, sondern immer von außen nach...außen...denn weiter kommen sie nicht, sonst wären sie ja keine Kritiker. Daher lesen [...]
...Antwort, lieber Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt. Berufskritiker schreiben nie von innen nach außen, sondern immer von außen nach...außen...denn weiter kommen sie nicht, sonst wären sie ja keine Kritiker. Daher lesen sich Kritiken, selbst wenn sie "fachfremd" sind, von Innenstehenden wie G. B. Shaw, R. Schumann, N. A. Herbst soviel gewinnbringender als die derer, denen ihre Rezensionen ausschließliches Mittel zum Broterwerb sind...
stefan.martens.75 30.03.2019
5. Ich rieche Doppelmoral
Klar kann man die Kritik so stehen lassen. Stereotype Araber funktionieren halt komischer Weise immer noch. Obwohl sie sich nach zig Staffeln 24 eigentlich längst überholt haben müssten. Dennoch. Wie hier schon erwähnt [...]
Klar kann man die Kritik so stehen lassen. Stereotype Araber funktionieren halt komischer Weise immer noch. Obwohl sie sich nach zig Staffeln 24 eigentlich längst überholt haben müssten. Dennoch. Wie hier schon erwähnt stellt sich doch die Frage warum man sich mit Gängstern soziologisch in Filmen beschäftigen sollen muss? Klar kann man das mit allen Subkulturen des Hasses und der rohen Männlichkeit. American History, American Gangster, Sopranos oder The Shield haben das auch bestens hingekommen. Man muss das aber nicht! Auch nicht bei Ausländern! Man kann Verbrecher, Gewalttäter und Asoziale auch einfach ablehnen und den Kampf gegen sie zeigen ohne irgendein Verständnis oder Relativierung zu bemühen. Wenn ich den Kampf gegen Nazis thematisiere und nicht den Weg zum Molotowwerfer analysiere, dürfte mir jedenfalls keine Kritik begegnen. Wo ist der Unterschied?

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