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Kultur

Erinnerungspädagogik

Wie erklärt man Achtjährigen den Zweiten Weltkrieg?

Die SWR-Produktion "Der Krieg und ich" richtet sich an Kinder. Sie traut sich, nah an die Ungeheuerlichkeiten der Nazi-Diktatur heranzugehen - und findet dennoch Momente der Hoffnung in hoffnungslosen Zeiten.

Andreas Wünschirs/ SWR
Von
Samstag, 31.08.2019   14:28 Uhr

Anton will zur Hitlerjugend. Nichts Wunderbareres kann der Junge sich vorstellen, als mitzumarschieren, "Unsere Fahne flattert uns voran" zu singen, die Uniform zu tragen, Lagerfeuer zu machen, im Zelt zu übernachten. So sehr wünscht er sich, ein Hitlerjunge zu sein, dass er dafür seinen Vater verrät. Denn der will den Mitgliedsantrag nicht unterschreiben.

Eine Kindheit in den frühen Dreißigerjahren in Deutschland: Das Gift der nationalsozialistischen Ideologie wirkt schnell, zersetzt Beziehungen, dringt in feinste Kapillare des Familienlebens vor. Die Serie "Der Krieg und ich" zeigt, wie Kinder damals aufwuchsen, woran sie glaubten, was sie erlebten, wie sie überlebten.

Es ist keine Serie über Kinder für Erwachsene. Sondern es sind kleine Geschichten, die sich laut des produzierenden SWR direkt an junge Zuschauerinnen und Zuschauer ab acht Jahren richten. Zu sehen sind die acht Folgen zunächst beim Kinderkanal (Kika), im November dann im Ersten.

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"Der Krieg und ich": Kinderreise in die Vergangenheit

Anlass ist der deutsche Überfall auf Polen und damit der Beginn des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren. Kann man Kindern zumuten, sich mit den ungeheuerlichen Grausamkeiten der Nazi-Diktatur auseinanderzusetzen? Überfordert man sie nicht damit?

Der Philosoph Theodor W. Adorno, neuerdings wieder hochaktuell wegen einer Vorlesung über Rechtsextremismus, die er 1967 hielt, machte sich ein Jahr zuvor schon Gedanken über die "Erziehung nach Auschwitz". So betitelte er sein Manuskript für einen Rundfunkbeitrag. "Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei", schrieb er dort eingangs, "ist die allererste an Erziehung. Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug."

Adorno ging es um eine Erziehung zur Mündigkeit, Selbstbestimmung und Resilienz gegenüber populistischen Vereinfachungen. Um eine Erziehungsaufgabe also, die weit über eine schulische Vermittlung von Fakten hinausgeht. Dieser Aufgabe und ihren Schwierigkeiten stellt sich nun "Der Krieg und ich" auf beeindruckende Weise. Etwa in der Episode über die 13-jährige Sandrine in Frankreich, die mit ihrer Familie verfolgte Juden versteckt. Ergreifend, mit welch einfachen Mitteln die Macher hier Mitmenschlichkeit und Güte in den Mittelpunkt stellen.

Wie schwierig die Abwägung zwischen historischer Genauigkeit und einer auf das Versöhnliche angewiesenen pädagogischen Vermittlung ist, zeigt die Episode um den zehnjährigen Anton und seinen Vater. Die Familie positioniert sich schließlich gemeinsam gegen Hitler und verhilft sogar einer befreundeten jüdischen Familie zur Flucht. Die Tatsache, dass die meisten Deutschen sich der Diktatur nicht widersetzten wollten oder konnten, wird in den begleitenden Off-Kommentar delegiert.

Insgesamt aber ist das Konzept der Serie über jeden Zweifel erhaben und beschönigt keinesfalls zugunsten leichter Verdaulichkeit. Dazu ist das Konzept zu ausgefeilt: Die acht Episoden erzählen nicht nur von deutschen Kindern, sondern nehmen die Erfahrungen von Kindern aus ganz Europa in den Blick.

Spielszenen, die die Geschehnisse ganz nah heranholen, wechseln sich ab mit einer aus Modellen gebauten Welt, die eine größere innere Distanz zulässt. Und schließlich sind die Geschichten flankiert von Tagebucheinträgen und Briefen von Kindern der damaligen Zeit sowie einem einfühlsamen Kommentar, der Kontexte erklärt.

Für Erwachsene vielleicht bedrückender als für Kinder

So begleiten die jungen Zuschauer die kleine Vera, die in der Sowjetunion ohne ihre Eltern auf der Flucht ist, den 15-jährigen Justus, der sich als Kindersoldat den US-amerikanischen Truppen entgegenstellt, und sogar die 14-jährige Eva, die in Auschwitz überlebt, weil sie singen kann.

Gut möglich, dass diese Reise in die Vergangenheit für erwachsene Zuschauer, die sie unbedingt mit ihrem Kind gemeinsam machen sollten, bedrückender wird als für den Nachwuchs. Denn Krieg, Verfolgung, massenhafter Mord und Zerstörung werden zwar nicht in aller Grausamkeit gezeigt, aber in ganz einfachen Worten erklärt - eben so, als hätte man davon noch nie zuvor gehört. Auf eine unerwartet berührende Weise hebelt dieser pädagogische Ansatz all das Wissen aus, das Erwachsene zu diesem Thema schon angesammelt haben, all die Bilder und Texte, die Filme und Analysen, und stellen das Unbegreifbare auf eine viel direktere Weise in den Raum.

Gerade der vermeintlich naive Kinderblick, in dem eine kranke Welt aufscheint, die es so eigentlich niemals hätte geben dürfen, führt kraftvoll die monumentale Ungeheuerlichkeit vor Augen, die zwölf Jahre Nationalsozialismus über die Welt brachten. Niemand hat behauptet, die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit sei einfach. Umso wichtiger ist sie gerade deshalb.


"Der Krieg und ich": Am 31. August, 1., 7. und 8. September, 20 Uhr im KiKA. Im November im Ersten

insgesamt 96 Beiträge
dasfred 31.08.2019
1. Für mich ist seit über fünfzig Jahren zweiter Weltkrieg
Seit ich denken kann, wird man mit dem Thema konfrontiert. Effekt: Man stumpft ab. Es ist einem mittlerweile egal. Ist passiert, kann und konnte ich nicht ändern, warum soll ich mich damit belasten. Genauso wird es den [...]
Seit ich denken kann, wird man mit dem Thema konfrontiert. Effekt: Man stumpft ab. Es ist einem mittlerweile egal. Ist passiert, kann und konnte ich nicht ändern, warum soll ich mich damit belasten. Genauso wird es den allermeisten Kindern gehen. Erstmal ist es neu und dann gewöhnt man sich daran und sobald sie volljährig sind geht ihnen die Geschichte am Allerwertesten vorbei. Ich finde, man wollte Kinder nicht vorsätzlich mit der Thematik konfrontieren. Der Effekt ist wie ein Besuch im Schlachthof. Einige kotzen, einige werden Vegetarier und der Rest geht weitere zu McD. Einen Film zu senden, um ein paar Kinder nachhaltig zu verstören, finden ich unmöglich.
oldisepp 31.08.2019
2. Man erklärt den ersten Weltkrieg
Alles steht und fällt mit der Zeit des ersten Weltkrieg und dem Versailler Vertrag. Wer weis was in den Verhandlungen zum Versailler Vertrag passiert ist, und warum der erste Weltkrieg ausgebrochen ist, der kann auch den zweiten [...]
Alles steht und fällt mit der Zeit des ersten Weltkrieg und dem Versailler Vertrag. Wer weis was in den Verhandlungen zum Versailler Vertrag passiert ist, und warum der erste Weltkrieg ausgebrochen ist, der kann auch den zweiten Weltkrieg erklären. Da der zweite Weltkrieg eine Folge des ersten ist. Daher ist es immer falsch nur den zweiten Weltkrieg zu beleuchten. Die Kinder verstehen das oftmals recht gut. Da es in der Welt auch immer nur geht, wie im Kindergarten, wer hat mehr und vor wem haben alle Angst. Und das ist bis heute so geblieben.
vo2 31.08.2019
3. Ich bin gespalten
Möchte ich meinen Kindern Angst machen, dass so eine Zeit wieder kommen könnte? Auf der anderen Seite wenn ich sehe, wie die deutschen Innenminister mit ihren Polizeigesetzen die BRD langsam aber sicher wieder in einen [...]
Möchte ich meinen Kindern Angst machen, dass so eine Zeit wieder kommen könnte? Auf der anderen Seite wenn ich sehe, wie die deutschen Innenminister mit ihren Polizeigesetzen die BRD langsam aber sicher wieder in einen faschistischen Staat umbauen, gehört Wachsamkeit mehr den je zur obersten deutschen Bürgerpflicht.
großwolke 31.08.2019
4. Tribalismus vermitteln
Die Nazi-Zeit mit all ihren Schrecken ist in meiner Schulzeit von der dritten Klasse bis zum Abitur dauerpräsent gewesen, man könnte sagen, sie wurde bis zum Erbrechen widergekäut worden. Trotzdem habe ich bis weit ins [...]
Die Nazi-Zeit mit all ihren Schrecken ist in meiner Schulzeit von der dritten Klasse bis zum Abitur dauerpräsent gewesen, man könnte sagen, sie wurde bis zum Erbrechen widergekäut worden. Trotzdem habe ich bis weit ins Erwachsenen-Alter nie richtig verstanden, warum es eigentlich so gekommen ist. Da wurde mit verletztem Nationalstolz nach dem angeblich demütigenden Versailler Frieden argumentiert, mit der Wirtschaftskrise und den Konstruktionsfehlern der Weimarer Republik. Aber nichts davon erklärt, wie jemand auf die Idee kommen kann, sich selbst als Angehöriger einer überlegenen Rasse zu betrachten. Wie man allen Ernstes etwas Sinnvolles darin sehen kann, industrielle Menschenvernichtung zu betreiben. Man muss den Kindern meiner Meinung nach gar nichts vom Krieg erzählen. Man sollte ihnen viel mehr darüber erklären, wie es kommt, dass wir Menschen, die sich speziell kleiden oder fremdartige Bräuche praktizieren, nicht mehr als Menschen betrachten, sondern als "die Anderen". Man sollte ihnen klar machen, dass es nicht ausreicht, die Moralkeule zu schwingen und zu sagen, dass sich das nicht gehört, sondern dass das in uns allen drinsteckt und jederzeit aktiv werden kann, wenn wir es nicht absichtlich und bewusst im Zaum halten.
lumberjack-xxl 31.08.2019
5.
Tja ihr AFDler, hält euch das System-TV mal wieder den Spiegel vor. Und was seht ihr? Die Fratze des häßlichen Deutschen, eure Fratze! Wie immer schwer zu ertragen, nicht wahr? Seht sie euch an, denkt mal nach und besudelt [...]
Tja ihr AFDler, hält euch das System-TV mal wieder den Spiegel vor. Und was seht ihr? Die Fratze des häßlichen Deutschen, eure Fratze! Wie immer schwer zu ertragen, nicht wahr? Seht sie euch an, denkt mal nach und besudelt nicht wieder das Forum. Eure Übersprungshandlungen voller Selbstekel braucht hier niemand.

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