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Kultur

Gebär-Klamauk bei Sat.1

Lola im Kreischsaal

In der Sat.1-Klamotte "Es bleibt in der Familie" trägt Andrea Sawatzki als Punkröhre ihren eigenen Enkel aus. Ein Humordebakel, bei dem wirklich alles verrutscht ist.

SAT.1/ Daniel Schmid
Von
Dienstag, 18.12.2018   09:18 Uhr

Es kommt eher selten vor, dass man beim Betrachten zeitgenössischer TV-Komödien Neid auf spezielle Charaktereigenschaften der dargestellten Figuren verspürt. Nach dem ersten Viertel der Sat.1-Komödie "Es bleibt in der Familie" hätte man aber doch gern ein Schippchen von dem Gleichmut, mit dem die Fünfzigerin Lola darauf reagiert, dass eine täppische Frauenärztin ihr versehentlich nicht die gewünschte Spirale, sondern die befruchtete Eizelle ihrer eigenen Tochter Marie eingesetzt hat.

Lola braucht nur ein herzhaftes "Verfuckte Kackscheiße!", dann nimmt sie die ungewollte Spätschwangerschaft mit demselben Achselzucken, als hätte ihr eine Bäckereiverkäuferin statt des gewünschten Mohnbrötchens einen trockenen Dinkelbriegel in die Tüte gepackt.

Lola, gespielt von Andrea Sawatzki, ist Rocksängerin aus Berlin, und wie schrill und crazy sie ist, sieht man schon am nervösen Hüftgeschlängel, mit dem sie sich beim Frauenarzt aus dem roten Höschen windet. "Alle, die meine Muschi sehen dürfen, dürfen auch Lola zu mir sagen", bescheidet sie im Anschluss. Mehr Gegensatz zu ihrer Tochter (Jennifer Ulrich), der biederen Knifffrau mit sehnlichem, augenscheinlich unerfüllbarem Kinderwunsch, geht nicht. Genug Reibefläche also, um mit klassischem Komödienhandwerk reichlich unterhaltsame Funken schlagen zu können, eigentlich.

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Sat.1-Film mit Andrea Sawatzki: Vor der Geburt vertauscht

Unter dem ulkig gemeinten Ausgangsschlamassel liegt allerdings noch eine gruselige Psycho-Ebene: Die wilde, sträflich unmütterliche Lola hat sich früher nämlich lieber selbst verwirklicht, als gluckenartig über ihrem Kind Marie zu hocken, weswegen die gänzlich mit ihr gebrochen hat. Nun muss sie nach unausgesprochenem Ablassdeal das Baby ihrer erwachsenen Tochter ausbrüten. Bei Freud gibt es für diese Straffantasie sicher einen fetzigen Namen.

Worüber soll man hier bitte lachen?

Zum Ablassdeal gehört auch, im schwäbischen Spießerheim bei ihrer Tochter und deren Ehemann Benjamin (Oliver Wnuk) zu leben, mit wachsendem Bauch immer abgeriegelter von der Außenwelt - Marie schnallt sich nämlich derweil selbst einen aufblasbaren Gummibauch, um das Baby nach der Entbindung plausibel und nahtlos übernehmen zu können.

Humor mit verbissener Emo-Ebene, das funktioniert leider nicht gut. Ständig soll man obendrein über Dinge lachen, die doch eigentlich gar nicht lustig sind: die alternde, gescheiterte Musikerin, die nur noch auf Hochzeiten singen darf und wohnungslos im Bandbus übernachten muss. Die gebärfixierte schwäbische Familie, die den Wert einer Frau an den von ihr in die Welt gesetzten Kindern bemisst. Den Nachbarn mit Man-Cave, der Benjamin als "Vaginadiener" bezeichnet, weil der es nun schon seit drei Monaten aushält, dass Marie keinen Sex haben möchte.

Und dass Lola beständig pennälermäßige Scherze über den Nachnamen ihres Schwiegersohns macht, der, hi hi ho ho, "Ständer" heißt, findet wahrscheinlich auch nur der Drehbuchautor gleichen Nachnamens so richtig lustig. Eher unfreiwillig komisch geraten dagegen Lolas schwerst vermaunzter Gesangsauftritt auf einer Hochzeit, zu dem ein einsames Kind vor der Bühne einen Tanz aus dem Computerspiel "Fortnite" aufführt, und der arg protestantische Geburtstags-GV im Schlafshirt.

Das Happy End gerät am Ende dann exakt so, wie man es nach der ersten halben Stunde in einem versiegelten Briefumschlag beim Notar hinterlegen würde. Natürlich, natürlich kommt es nach der Entbindung bei der Spätgebärenden noch zu einer gänzlich überraschenden weiteren Schwangerschaft. Ein wirklich glückliches Ende, so die fade Schlussbotschaft, ist dann eben doch nur mit eigens ausgetragenem Kind denkbar.


"Es bleibt in der Familie", Dienstag, 20.15 Uhr, Sat.1

insgesamt 27 Beiträge
babs.lutz 18.12.2018
1. naja
Habe mich (wie immer) auf einen Artikel von Frau Rützel gefreut. Dieser aber weist leider ungewohnte sprachliche Schwächen auf (unvollständige Sätze etc.). Ich kann/mag mir kaum vorstellen, wie schlecht der Film gewesen sein [...]
Habe mich (wie immer) auf einen Artikel von Frau Rützel gefreut. Dieser aber weist leider ungewohnte sprachliche Schwächen auf (unvollständige Sätze etc.). Ich kann/mag mir kaum vorstellen, wie schlecht der Film gewesen sein muss, dass es ihnen tatsächlich die Sprache verschlagen hat...
gruenerfg 18.12.2018
2. Danke
Der Film ist also schlecht - gut, darüber geredet zu haben.
Der Film ist also schlecht - gut, darüber geredet zu haben.
barlog 18.12.2018
3.
Tut mir leid, Andrea Sawatzki ist für mich die Queen des Overacting und ich kann mir keinen Film vorstellen, den ich nicht spätestens dann abschalten würde, wenn sie ihren Kopf öffnet, um ihr charakteristisches Lächeln zu [...]
Tut mir leid, Andrea Sawatzki ist für mich die Queen des Overacting und ich kann mir keinen Film vorstellen, den ich nicht spätestens dann abschalten würde, wenn sie ihren Kopf öffnet, um ihr charakteristisches Lächeln zu zeigen.
julie.alfonsi 18.12.2018
4. Danke
Liebe Frau Rützel, ich entschuldige mich im Namen des ganzen Filmteams dafür, Ihnen offenbar Ihre kostbare Lebenszeit und ihre gute Laune mit diesem Humordebakel geklaut zu haben. Bedanken möchte ich mich für diese erhebende [...]
Liebe Frau Rützel, ich entschuldige mich im Namen des ganzen Filmteams dafür, Ihnen offenbar Ihre kostbare Lebenszeit und ihre gute Laune mit diesem Humordebakel geklaut zu haben. Bedanken möchte ich mich für diese erhebende Kritik, die unsere Entwicklungsarbeit von zwei Jahren innerhalb weniger, lieblos geschriebener Zeilen (da muss ich dem obigen Kommentar beipflichten) zunichte machen möchte. Von jemandem, der seine Magisterarbeit über Buffy geschrieben hat, hätte ich mehr erwartet. Also, von Herzen: Danke! Ich wünsche Ihnen weiterhin viel von jener diebischen Freude, die das Schreiben eines solchen Verrisses in Ihrem Journalistenherz auslöst! Solange es IHRE Laune wieder hebt... Beste Grüße von der Stoffentwicklungsabteilung
barlog 18.12.2018
5.
@julie.alfonsi: Um so eine Groschenromanstory zu einem Sat1-Film zu machen, bedarf es "zwei Jahren Entwicklungsarbeit"? Jetzt bin ich einigermaßen verblüfft.
@julie.alfonsi: Um so eine Groschenromanstory zu einem Sat1-Film zu machen, bedarf es "zwei Jahren Entwicklungsarbeit"? Jetzt bin ich einigermaßen verblüfft.

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