Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Griechenland-Talk bei Maybrit Illner

Spiel auf ein Tor

Das Finale im Schuldendrama um Griechenland steht kurz bevor. Bei Maybrit Illner durfte sich noch einmal eine Syriza-Vertreterin gegen die Angriffe deutscher Politiker verteidigen. Eine Spielanalyse.

ZDF

Hardliner Manfred Weber, Journalistin Kaki Bali: Kopfschütteln über die angeblich alternativlosen Spardiktate

Von
Freitag, 10.07.2015   10:16 Uhr

Eine Spielanalyse würde ergeben, dass an diesem Abend alle auf ein einziges Tor zustürmten. Das Geld ist weg, das Land braucht die Hilfe der europäischen Familie, so oder so. Aber wie genau? Mit einem Grexit? Mit einem dritten Hilfsprogramm? Vor dem großen Finale am Sonntag ging es bei "Maybrit Illner" nur noch um Nuancen.

Die Mannschaftsaufstellung?

Wirtschaftsforscher Clemens Fuest gab den Hardliner und Griechenland keine andere Chance als den Grexit. Diese Rolle teilte er sich mit Manfred Weber, CSU, der für die konservative Fraktion EVP im europäischen Parlament sitzt und dessen jüngstes Gewetter gegen Tsipras sich viral verbreitete. Er beharrte ebenfalls auf dem Grexit, von einem Schuldenschnitt - egal, wie man den dann nennen möge - könne keine Rede sein.

Henrik Enderlein von der Hertie School of Governance differenzierte hier noch ein wenig herum, teilte als quasipräsidiale Stimme der Vernunft die allgemeine Position, nun müsse man den Karren gemeinsam aus dem Dreck ziehen.

Katrin Göring-Eckardt war Katrin Göring-Eckardt.

Im Tor, auf das alle stürmten, stand eine kopfschüttelnde Kaki Bali. Der Journalistin und europapolitischen Beraterin der Regierung Tsipras war der Verdruss darüber anzusehen, dass jede Alternative zur Austeritätspolitik und aufgezwungenen Spardiktaten vom Tisch ist.

Als Göring-Eckardt, ausnahmsweise im Sturm, Veränderungen in der Verwaltung und ein Ende der Vetternwirtschaft forderte, stellte sich Bali müde an den Pfosten und ließ den Ball ins Netz kullern: "Ach kommen Sie! Es hat keinen Sinn, darüber zu reden!" In einer Talkshow.

Der stärkste verbale Clash?

Fragte besorgt der Mann von der Berliner Schule für gutes Regieren, die von einem Kaufhaus gesponsert wird: "Haben Sie verstanden, wie gefährlich ein Grexit sein könnte?" Antwortete die linke Journalistin aus Athen: "Das erleben wir jeden Tag!"

Ähnlich trocken konterte Bali den anderen Ökonomen, Clemens Fuest, Nachfolger von Hans-Werner Sinn beim Ifo-Institut, als der die ausufernde Verwaltung in Athen beklagte: "Wie viele Leute hat diese Regierung überhaupt eingestellt? Wie viele sind das? Haben sie Namen? Und Adressen?"

Das Eigentor des Abends?

Derer gab es gleich zwei, als nämlich Manfred Weber und Katrin Göring-Eckardt der Versuchung nicht widerstehen konnten, Griechenland wahlweise die Programme der CSU oder der Grünen ans Herz zu legen. Weber äußerte die Hoffnung auf eine "Regierungsumbildung", und dann komme vielleicht die konservative Nea Dimokratia ans Ruder, also "meine Partei".

Göring-Eckardt würde Griechenland am liebsten von der Heinrich-Böll-Stiftung regiert und das Prinzip der ökologischen Marktwirtschaft verwirklicht sehen: "Dort geht 'n Wind, dort scheint die Sonne ohne Ende, und ich verstehe nicht, weshalb es nicht einen Green New Deal gibt!" Das verstehe wahrlich, wer will.

Die fieseste Grätsche?

Enderlein ging auf einen Spieler los, der längst schon wieder auf der Bank sitzt, verband sein Foul aber nicht ohne perfide Eleganz mit einem Appell an die Fairness. Man dürfe jetzt den Griechen "nicht die Tür vor der Nase zuschlagen", nur weil "uns ein halbverrückter Finanzminister jetzt als Terroristen bezeichnet".

In eine ganz ähnliche Kerbe schlug Göring-Eckardt mit einem vielleicht nicht ganz unbegründeten Einwurf: "Dieser Regierung in Griechenland hätten ein paar Frauen ganz gut getan, da wären nicht so viele Macho-Veranstaltungen vorgegangen." Genau! Ohne Lederjacken tragende Motorradfahrer im Amt hätten in Athen wahrscheinlich die emotionale Intelligenz und Sensibilität von Frauen wie Angela Merkel oder Christine Lagarde obsiegt.

Die eleganteste Einzelleistung?

"Ich hab's richtig satt", polterte Kaki Bali: "Wenn ich das Wort Hausaufgabe höre!" Der angesprochene Weber hatte zuvor schon "den Ball in Athen" gesehen und Tsipras zur Vorsicht bei der Frage geraten, "mit wem er ins Bett steigt".

Nachdem aber Bali sich zu Recht über den allzu elterlichen Hinweis auf "Hausaufgaben" beschwert hatte, zeigte sich der bayerische Floskelfex plötzlich flexibel - und wünschte sich fürderhin in Athen "einen Partner, der seine Aufgaben erledigt … wenn ich das Wort Hausaufgaben nicht verwenden darf". Bei den Aufgaben aber blieb er.

Hat der Schiri gut gepfiffen?

Illner hat ein wenig nachspielen lassen und ansonsten gerne auf die Uhr geschaut, leicht beschwipst von der eigenen Aktualität. "Wir haben seit zehn Minuten die neuen griechischen Reformvorschläge auf dem Tisch". Später informierte sie, diese Vorschläge lägen "seit 15 Minuten", seit "inzwischen 30 Minuten", ja, "seit gut einer Stunde" vor. Ansonsten navigierte sie tadellos, präzise und fair durch die nicht unkomplizierte Materie, immer mit diesem spöttisch-skeptischen "Ich werde Ihnen vermutlich kein Wort glauben, aber reden Sie trotzdem mal"-Blick.

Und: Was nehmen wir mit vom Platz?

Griechenland hat nicht nur die Wahl zwischen Skylla und Charybdis, es könnte neuerlich auch einfach jämmerlich ertrinken. Die Frage ist nur noch, wer wann den Rettungsring wirft und wie groß der sein wird.

insgesamt 70 Beiträge
WOLF in USA 10.07.2015
1. europapolitischen Beraterin der Regierung Tsipras?
Es wird halt auch in dem Bereich Zeit fuer Griechenland mal würdige Vertreter mit dieser Funktion zu betrauen. Frau Kaki Bali ist ja echt peinlich - fuer Griechen sicher noch mehr, wenn sie wüssten, was die Frau in Europa fuer [...]
Es wird halt auch in dem Bereich Zeit fuer Griechenland mal würdige Vertreter mit dieser Funktion zu betrauen. Frau Kaki Bali ist ja echt peinlich - fuer Griechen sicher noch mehr, wenn sie wüssten, was die Frau in Europa fuer ein Bild und Eindruck abgibt. Unprofesionell ist da noch harmlos ...
Grummelchen321 10.07.2015
2. Das waren
doch auch nur Worthülsen von den Politikern.So langsam gehen diese Talkshows einem auf den Geistnur nichts sagende Polemik und Ausflüchte nur damit man die Leute auf Ihre aussagen nicht festnageln kann.
doch auch nur Worthülsen von den Politikern.So langsam gehen diese Talkshows einem auf den Geistnur nichts sagende Polemik und Ausflüchte nur damit man die Leute auf Ihre aussagen nicht festnageln kann.
joG 10.07.2015
3. Es ist schon irgendwie merkwürdig. ....
....hier immer zu hören von den Vertretern eines Landes zu hören Verträge wären zu bedienen und man müsse sparen, das die Verträge in keinem einzigen Jahr seit Unterschriften eingehalten hat und den Weg aus der Stagnation [...]
....hier immer zu hören von den Vertretern eines Landes zu hören Verträge wären zu bedienen und man müsse sparen, das die Verträge in keinem einzigen Jahr seit Unterschriften eingehalten hat und den Weg aus der Stagnation mit innert des Stabilitätpakts illegal überhöhten Defiziten bezahlte. Noch merkwürdiger ist, wenn man von Schuld spricht, wenn die eigene Regierung damit den Euro begann indem sie die Treue zu seinen eigenen Volk gebrochen hat. Immerhin vermutete die Bundesbank die griechische Bilanz stimme nicht und hat sie aber nicht geprüft. Für ein sehr ähnliches Handeln wurden Urteile gegen Oppenheim Manager wegen Untreue gefällt. Und dort waren die Schäden verschwindend gering im Vergleich. Die Griechen haben eine Chance vertan, ohne Frage. Wenn aber hier mit dem beliebten moralischen Finger gewendelt wird, ist das peinlich verlogen und dient nur die Schuld bei anderen zu suchen um von der eigenen, eher größeren abzulenken.
qewr 10.07.2015
4. An Maybrit lllner & Co.:
Warum stellen die ModeratorInnen den Teilnehmern nicht die beiden folgenden simplen Fragen? 1) Wenn Sie die Entscheidung hätten, allein über die griechische Krise zu befinden, was würden Sie konkret tun? 2) Wieviele Euro [...]
Warum stellen die ModeratorInnen den Teilnehmern nicht die beiden folgenden simplen Fragen? 1) Wenn Sie die Entscheidung hätten, allein über die griechische Krise zu befinden, was würden Sie konkret tun? 2) Wieviele Euro würden Sie persönlich wann in Griechenland investieren?
lordofaiur 10.07.2015
5.
Der Artikel ist eine Frechheit und entspricht nicht der Wahrheit. Bis auf den Ökonomen wollte keiner den Grexit, nicht mal der CSU-Mann Weber, was iihm innerhalb der Partei sicher Ärger einbringt. Diese tendenziöse [...]
Der Artikel ist eine Frechheit und entspricht nicht der Wahrheit. Bis auf den Ökonomen wollte keiner den Grexit, nicht mal der CSU-Mann Weber, was iihm innerhalb der Partei sicher Ärger einbringt. Diese tendenziöse Berichterstattung ärgert mich langsam etwas. Der beste Satzw ar von Göring-Eckart. Der 20jährige jugendliche Arbeitslose auf Kreta interessiert sich genauso wie der 20jährige arbeitslose JUgendliche aus Brandenburg. Da weiß man was man von unseren Politikern halten kann. Dem deustchen Volke... hat diese Dame nicht mal aus diesen Satz geschworen?

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Anzeige

Anzeige

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP