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Kultur

"Hart aber fair" zum Brexit

"Die Vernunft ist aus dem Fenster geworfen"

Frank Plasberg rief diesmal wegen des Brexits den Notstand aus: Ist er der "Anfang vom Ende Europas"? Die Gäste waren sich uneins - und erörterten die Frage, ob Angela Merkel auch noch am britischen EU-Austritt schuld ist.

WDR/Dirk Borm

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

Von Klaus Raab
Dienstag, 15.01.2019   10:46 Uhr

Das Jahr bei "Hart aber fair" begann, wie das alte aufgehört hatte: mit einer inoffiziellen Ausrufung des Notstands. Vor Weihnachten hatte Frank Plasberg gefragt: "Wie gespalten ist Deutschland?" und "Ist Deutschland ein Sanierungsfall?" Nun, am Abend bevor das britische Parlament über den Brexit-Vertrag abstimmt, lud Plasberg zum Gespräch über den "Brexit-Showdown": "Anfang vom Ende Europas?"

Die Frage wurde nicht beantwortet. Wenn irgendetwas ungewiss ist - und das wurde von der Runde recht sorgfältig herausgearbeitet -, dann, wie sich die Dinge noch entwickeln. Gibt es ein zweites Brexit-Referendum? Ein Misstrauensvotum gegen May? Tatsächlich einen ungeregelten Brexit? Könnte Großbritannien vielleicht zu einem mit der EU assoziierten Partnerland wie Norwegen werden? Wie lange werden die Staus zwischen London und Dover? Fordert die AfD irgendwann ein Referendum über den Verbleib Deutschlands in der EU?

Der Unternehmer Carl Martin Welcker, als Vertreter der deutschen Wirtschaft geladen, sagte: Der entscheidende Termin werde der 29. März sein, wenn der EU-Austritt Großbritanniens vollzogen werden soll. Er gehe aber davon aus, dass vor dem Abend des 28. März nichts wirklich entschieden sein werde. Das war so die Stimmung: Wir wissen doch auch alle nichts. Manfred Weber, Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei für die Europawahl, beklagte, dass man sich ein wenig hängen gelassen fühle von Großbritannien, was die Vermittlung von Ideen zur künftigen Zusammenarbeit angehe.

Video: Die wichtigsten Zahlen zum Brexit

Hätte die Redaktion eine Frage stellen wollen, auf die die Runde eine Antwort findet, hätte sie eher fragen müssen: "Wie groß ist das Chaos?" Es hätte gleich zwei konkrete Antworten darauf gegeben: a) sehr groß. Und b) gar nicht groß.

Antwort a gab Anthony Glees, ein den Konservativen nahestehender Politologe aus London. "Mein Land ist in tiefstem Chaos", sagte er. Einen "Irrsinn" nannte er den Brexit und forderte zwar, die Entscheidung zu respektieren, befand aber: "Weil eine Mehrheit etwas wählt, bedeutet das nicht, dass es richtig war." Man hörte Glees gern zu, vor allem deshalb, weil seine Mundwinkel verlässlich nach oben zeigten. Und weil so ein britischer Akzent in einer Fernsehsendung, in der regelmäßig die schlecht gelaunten Social-Media-Postings deutscher Couchkommentatoren vorgelesen werden, einfach was hermacht.

Antwort b kam von Beatrix von Storch von der AfD. Man selbst wolle ein Bündnis souveräner Nationalstaaten, in dem Entscheidungen nach einer Kosten-Nutzen-Kalkulation getroffen würden. Das "riiiesige Chaos", das beschworen werde, gebe es in Großbritannien nicht. Dem Land gehe es immer noch besser als Frankreich, sagte sie. Eine Rechnung, für die sie allgemeines Kopfschütteln erntete.

Und in diesen Modus der Demonstration von Unverständnis schaltete die Runde dann immer wieder.

Es hätte ein paar Möglichkeiten gegeben, auf ein anderes Diskussionsgleis zu wechseln, etwa als der Ökonom Hans-Werner Sinn in einem Einspielfilm vorrechnete, wie ein Brexit die innere Logik der EU zugunsten der mediterranen Länder verändern würde. Darüber, welche Folgen das hätte, hätte man länger reden können.

Stattdessen geriet die Diskussion stark zu einem Austausch von Grundsätzlichkeiten. Vor allem Weber und Storch schleuderten Blitze hin und her. Wenn er im Parlament mal wie sie gestimmt habe, habe er sich gefragt, ob er einen Fehler gemacht habe, so Weber. "Geht mir übrigens auch so", konterte Storch. Wodurch die Sendung zu einem weiteren Beleg dafür wurde, dass Talkshows in der Regel eher Show- als Talkcharakter haben, wenn die Gäste nicht miteinander reden, sondern offensichtlich vor allem Botschaften an ihre Fans vor den Bildschirmen senden wollen.

Storch praktizierte das eindrucksvoll. Nach einer halben Stunde gelang ihr das Kunststück, die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel auch noch für den Brexit verantwortlich zu machen - ein Gedanke, auf den dann fast zwangsläufig andere ansprangen.

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Julie Kurz etwa, ARD-Korrespondentin in London, fühlte sich bemüßigt, daran zu erinnern, dass die EU-Müdigkeit vieler Briten nicht erst 2015 eingesetzt habe. Es habe sich beim Brexit-Referendum auch um eine "Protestwahl gegen die Westminster-Elite" gehandelt, gegen Sozialkürzungen, es sei jedenfalls alles "viel komplexer". Und Manfred Weber klagte, da werde nun wieder alles zu einem "Brei an Stimmungen" zusammengerührt.

Unternehmer Welcker hielt schließlich ein Plädoyer für den Parlamentarismus - ebenfalls eine Reaktion auf Storch, die auch ihren anderen Schlager, das Lob des Referendums und der direkten Demokratie, gesungen hatte: Er halte es für falsch, "dass man immer, wenn es schwierig wird, das Volk entscheiden lässt".

Und nun? "Letzten Endes", sagte Anthony Glees über die Stimmung in Großbritannien, "geht es jetzt um Emotion. Die Vernunft ist aus dem Fenster geworfen." Man ahnte durchaus, was er meint.

insgesamt 142 Beiträge
MagittaW 15.01.2019
1. Den Ausschlag gaben schon die Bilder von 2015
Okay, das mag vielleicht für viele absurd klingen. Aber den Ausschlag, der die Stimmen gegen die EU kippen ließ waren meiner Meinung nach die Bilder der chaotischen, ungeregelten und [...]
Okay, das mag vielleicht für viele absurd klingen. Aber den Ausschlag, der die Stimmen gegen die EU kippen ließ waren meiner Meinung nach die Bilder der chaotischen, ungeregelten und massenhaften(hunderttausendfach/millionenfach) Grenzöffnung. Das waren dann eben die entscheidenden 5% der Briten, die dann doch gegen die EU und gegen Merkels Grenzöffnung zur Wahlurne gingen, die ohne dieses Ereignis einfach zu Hause geblieben wären. Immerhin hatten die Tories das Referendum in dem festem Glauben gestartet, die Abstimmung zu gewinnen! Und nach dem Referendum hätte das UK wieder 40 Jahre Ruhe gehabt. Die EU hat das ähnlich gesehen, deshalb gab es so gut wie keine Zugeständnisse, weil die Stimmung einfach völlig gleichgültig war - alle waren sich sicher, man würde das Referendum locker pro EU gewinnen. Tja, bis eben 6 Monate vor dem Referendum Angela Merkel die Grenzen öffnete, oder die Schließung der Grenzen verhinderte-wie auch immer....
tropfstein 15.01.2019
2. Frau Merkel hatte leider ihren Anteil
Ich arbeite in einem sehr multinationalen Unternehmen und habe viel mit Kollegen aus West- und Osteuropa gesprochen. Verheerend war vor allem Frau Merkels Versuch, die deursche Willkommenskultur den EU-Partnern aufzuzwingen. Ich [...]
Ich arbeite in einem sehr multinationalen Unternehmen und habe viel mit Kollegen aus West- und Osteuropa gesprochen. Verheerend war vor allem Frau Merkels Versuch, die deursche Willkommenskultur den EU-Partnern aufzuzwingen. Ich bin überzeugt, das hat zusätzliche antideutsche und aniti-EU-Prozentpunkte gebracht - in England, Polen und anderswo.
susa_pilar 15.01.2019
3. tolle Idee...
Frau v.Storch schlug eine EU der nationalen Interessen vor, in der man nur mitmacht wenn man direkte Vorteile hat! Tolle Idee: nur die Rosinen rauspicken! Das wird bestimmt ganz toll funktionieren! Frau v.Storch, unter uns: alle [...]
Frau v.Storch schlug eine EU der nationalen Interessen vor, in der man nur mitmacht wenn man direkte Vorteile hat! Tolle Idee: nur die Rosinen rauspicken! Das wird bestimmt ganz toll funktionieren! Frau v.Storch, unter uns: alle sollen davon profitieren und den aktuellen Wohlstand in Deutschland gibt es nicht trotz sondern Dank der EU...
jeby 15.01.2019
4.
Von Storch ist mit ihrer Meinung wirklich nicht alleine, dass Merkel auch ihren Anteil am Brexit hat. Anthony Glees hat ihr zugestimmt, was der Artikel nicht erwähnt. Selbst in der New York Times ist so ein Artikel erschienen. [...]
Von Storch ist mit ihrer Meinung wirklich nicht alleine, dass Merkel auch ihren Anteil am Brexit hat. Anthony Glees hat ihr zugestimmt, was der Artikel nicht erwähnt. Selbst in der New York Times ist so ein Artikel erschienen. https://www.nytimes.com/2018/09/26/opinion/is-merkel-to-blame-for-brexit.html
conjure 15.01.2019
5. Sie vergessen im Artikel zu erwähnen,
dass der Brite Glee der Aussage von Storch zugestimmt hat, dass die Flüchtlingspolitik Merkels zum Brexit beigetragen hat. Davon mal abgesehen sind wir dann heute Abend alle ein wenig schlauer hinsichtlich des Brexits.Mit [...]
dass der Brite Glee der Aussage von Storch zugestimmt hat, dass die Flüchtlingspolitik Merkels zum Brexit beigetragen hat. Davon mal abgesehen sind wir dann heute Abend alle ein wenig schlauer hinsichtlich des Brexits.Mit Sicherheit wird die EU nicht mehr die gleiche sein, so oder so. Einerseits schade, andererseits ergeben sich auch Chancen. Was Manfred Weber dazu befähigen soll, EU Präsident zu sein, erschliesst sich mir auch nach dem anschauen der Sendung nicht wirklich.

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