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Kultur

Neues Maischberger-Format

Hölzchen, Stöckchen - aber der Puls ist oben

Die erste Frage nach der Polittalk-Sommerpause ist gestellt: "Was war Ihr Aufreger der Woche?" Wobei, Polittalk, na ja... "maischberger. die woche" ist eher ein Hybrid aus Halbzeitpausengesabbel, Rateshow und Comedy.

Max Kohr/ WDR

Ex-Bundespräsident Joachim Gauck: Toleranz ist nicht gleich "gut finden"

Von Klaus Raab
Donnerstag, 15.08.2019   07:21 Uhr

Die Sommerpause der politischen Talks ist vorbei, Sandra Maischberger ist als erste wieder zurück. Und sie eröffnet die Saison mit der Frage: "Was war Ihr Aufreger der Woche?" Wer von einer Gesprächssendung Tiefe und Erkenntnisgewinn erwartet, wird das unter Umständen nicht für das beste Zeichen halten - tut dem Format allerdings unrecht: Wer hat denn was von einer "Gesprächssendung" gesagt?

"maischberger. die woche" - der Sommertestballon, der derzeit Maischbergers klassischen Sitzmöbeltalk ersetzt - ist dreieinhalb Formate in einem. Ein Hybride aus Gespräch, Halbzeitpausengesabbel mit angeschlossener Rateshow, Comedy und, zum Abschluss, einem Duell. Man stelle sich vor, die ARD hätte noch Elemente eines Krimis untergebracht - es wäre auf dem Papier todsicheres öffentlich-rechtliches Erfolgsfernsehen.

Die Sendung beginnt mit der Kabarettistin Idil Baydar sowie den Publizisten und gut geölten Thesenmaschinen Wolfram Weimer und Hans-Ulrich Jörges - drei Meinungsprofis, die nacheinander die Fragen nach dem "Aufreger" (Tönnies-Debatte), dem "Gewinner" (Greta Thunberg) und dem "Verlierer der Woche" (Matteo Salvini) beantworten. Wie es der Zufall oder dergleichen will, kommen sie just in der Nähe der drei Sendungsthemen heraus, die Maischberger eingangs angekündigt hat: Rassismusdebatte, Klimapolitik und Wahlen.

Zum Vorglühen funktioniert das. Man darf nur nicht auf die Suche nach frischem Gedankengut gehen. Benutzte Analysen reihen sich zehn Minuten lang an gebrauchte Meinungen. Weimer etwa erhebt Thunberg - "ein Kind, das man in die Atlantikfluten stürzt" - zwar zur Gewinnerin der Woche, um von dort aus dann mit ein, zwei rhetorischen Kniffen erwartungsgemäß den vermeintlich grünen Weltgeist anzuprangern - und konspirativ die Monate alte Frage draufzusatteln, wer "dieses Mädchen" führe.

Jörges, der dagegen findet, dass Klimaschutz "mindestens das Jahrhundertthema" sei (und "auch bleiben" werde!), nutzt die politischen Entwicklungen in Italien tatsächlich, um Silvio Berlusconis Schönheits-OPs aufzuwärmen. Der Weg führt ihn im Verlauf der folgenden Stunde wieder zurück zum Klimathema - dank Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der vor einem Jahr "noch Kruzifixe aufgehängt" habe, nun aber "Bienenvölkern Asyl" anbiete. Bis Maischberger zur Einhaltung der Rollen ruft: "Eigentlich ist Frau Baydar die Kabarettistin in der Runde." Baydar derweil, die später nach einem "grünen Kapitalismus" verlangen wird, meint nun erst einmal, was Schalke-Aufsichtsratschef Tönnies gesagt habe, sei "selbstverständlich" rassistisch gewesen: "Es ist 2019."

Hölzchen. Stöckchen. Und zwischendurch tralala. Aber danach ist der Puls oben.

Es folgt das Herzstück der Sendung: das Einzelgespräch. Dieser Teil hat das Zeug, interessant zu werden, weil Maischberger sowas halt kann. An diesem Abend ist der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck da, der noch einmal die Thesen seines Buchs über "Toleranz Richtung rechts" (Maischberger) zusammenfasst. Zu erfahren ist, dass Gauck die AfD nicht möge, aber im Umgang mit ihr zwischen Gefühlen und politischer Vernunft unterscheide, und dass Toleranz nicht "gut finden" bedeute. Interessanter mutet an, was er über Zusammengehörigkeitsgefühle sagt, die er in der DDR erlebt habe ("Diese engere Bindung als in einer offenen Gesellschaft wird von vielen Menschen heute vermisst"). Jedenfalls: fast eine halbe Stunde ohne große Faxen.

Dann aber: huschi-huschi wieder rüber zur Dreierrunde, die nun - wo man doch eben bei der AfD war - meinen darf, welches Pärchen als SPD-Spitze geeignet wäre. Weimer fordert Olaf Scholz. Jörges nutzt einen Joker, beruft sich auf die Parteizentrale und sagt, das Duo Heiko Maas/Sawsan Chebli werde heiß diskutiert, er setze aber auf Stephan Weil und Franziska Giffey. Das ist nun der Rateshow-Teil der Sendung.

Aber längst nicht alles. Denn nun kommt noch das Duell.

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Charles M. Huber, der gerade aus der CDU ausgetreten ist, weil Parteifreunde Tönnies' rassistische Aussagen relativiert hätten - gegen Simone Baum von der konservativen WerteUnion, die Rassismus als "Herabsetzung von Menschen einer anderen ethnischen Herkunft" definiert und sowas hier nirgends entdecken kann. Dieses zusammengeschusterte Duell ist allerdings ein großer Eimer Sülze. Baum kritisiert eine vermeintliche Beliebigkeit des angewandten Rassismusbegriffs, bringt sonst aber nichts vor, was man auch nur im Ansatz als Argument missverstehen könnte.

Huber klagt, die Verteidigung der Tönnies-Sprüche sei in der CDU "kein singuläres Ereignis". Als er aber beginnt, über Angela Merkels Afrika-Beauftragten Günter Nooke zu sprechen, schreitet Maischberger ein - weil der sich in Abwesenheit nicht verteidigen könne. So endet ein Gespräch, das nie recht begonnen hat.

Und eine Sendung auf Adrenalin, an der man schon auch noch ein wenig feilen könnte.

insgesamt 23 Beiträge
Dazed with grief 15.08.2019
1. Bite it. Forget it.
Die Rezeptionsinnovationen der sozialen Medien gebieten die Versnackung. Bite it. Forget it. Das gefällt einer Audienz, die sich eh nichts mehr merken will oder kann. Alles rauscht durch. Für die Anstalten selbst ist das [...]
Die Rezeptionsinnovationen der sozialen Medien gebieten die Versnackung. Bite it. Forget it. Das gefällt einer Audienz, die sich eh nichts mehr merken will oder kann. Alles rauscht durch. Für die Anstalten selbst ist das Speerspitze! Das ist doch toll!
ALEMANNE2 15.08.2019
2. Ersatzlos streichen
Nochmal so eine unnütze und total überflüssige Laber-Show. Bitte abschaffen, speziell die sog. politischen Talkshows, in welchen mit der Aufgabe meist hoffnungslos überforderte narzisstische Moderatoren/*innen eine Gruppe der [...]
Nochmal so eine unnütze und total überflüssige Laber-Show. Bitte abschaffen, speziell die sog. politischen Talkshows, in welchen mit der Aufgabe meist hoffnungslos überforderte narzisstische Moderatoren/*innen eine Gruppe der meist gleichen publicitysüchtigen Gäste über irgendwelche schon 150 Mal breitgetretene Themen schwadronieren lässt. Die einzigen akzeptablen Sendungen in diesem Bereich sind der 'PresseClub' sowie dessen Vorgänger 'Der Internationale Frühschoppen'.
poetnix 15.08.2019
3. Leerstellensendung
Eine sehr schöne Definition dieser völligen Leerstelle der Programmplanung !
Eine sehr schöne Definition dieser völligen Leerstelle der Programmplanung !
watcher57 15.08.2019
4. Das nächste Format
..wird da vermutlich lauten "Erlesener Stuß zum Sendeschluß", oder so ähnlich...
..wird da vermutlich lauten "Erlesener Stuß zum Sendeschluß", oder so ähnlich...
thompopp 15.08.2019
5. Lebendiger Talk
ich fand den Talk unterhaltsamer als die üblichen Runden. Herr Gauck hat mir gut gefallen, nur sein Gedruckse als es um seine Meinung zu den Grünen ging habe ich nicht verstanden. Herr Huber war m.E. auch ganz klar in seiner [...]
ich fand den Talk unterhaltsamer als die üblichen Runden. Herr Gauck hat mir gut gefallen, nur sein Gedruckse als es um seine Meinung zu den Grünen ging habe ich nicht verstanden. Herr Huber war m.E. auch ganz klar in seiner Haltung nur leider hat Frau Maischberger ihn etwas zu früh abgewürgt, als er anhand der SmartPhone-Produktion erläutern wollte warum die meisten afrikanischen Länder keine Chance zur wirtschaftlichen Entwicklung hatten und haben.

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