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Kultur

Medienkunst aus China

Klingklong, hier geht's in die Gaminghölle

Videokunst ist in China eine relativ junge, aber enorm vielfältige Form - eine Ausstellung im Kulturforum Berlin zeigt den Alltag eines Paketfahrers neben der Superheldenfantasie "Uterus Man".

Lu Yang
Von
Montag, 09.09.2019   19:16 Uhr

Erstaunlich, dass diese Räume (noch?) ohne Epilepsiewarnung auskommen: Hier flirren die Neon- und Bilderströme, derweil die Ohren mit einem Mix aus Computerspiele-Klingklong, China-Pop und Metalcore malträtiert werden. Ein fast schon zu gutes Klischee für das, was man sich im Westen als Fernost-Gaminghölle vorstellt.

Doch die insgesamt neun Videoarbeiten von Lu Yang wollen nicht bloß Schritt halten mit dem Wahnsinn. Kurze Spielfilme, Animationen und Collagen über Cyborgs oder elektromagnetische Hirnstimulationen jagen über die Bildschirme - aber die Künstlerin hat sogar ganze Pseudo-Games kreiert. Das vorerst Schönste: Der "Uterus Man", ein Post-Gender-Superheld mit weiblicher Gebärmutter, der einige Spezialtricks parat hat - von der "DNA Attack" über die "Deep Throat Laser Cannon" bis zur Geburt eines Monster-Babys, das als Wurfwaffe durch die Luft geschleudert werden kann.

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Ausstellung "Micro Era": Hirnstimulation aus Fernost

Virtuos verwebt Yang das ästhetische Erbe der Neunzigerjahre bis heute und strickt daraus schwarzhumorige Geschichten vom Schlage einer "Göttlichen Komödie": Werbung und chinesische Popkultur, Manga und Zombies, Tod und Geburt, Religion und Esoterik, Quacksalberei und seriöse Medizin treffen hier auf jene fiebrige Aufregung, die das Internet noch vor gar nicht allzu langer Zeit mit sich brachte, bevor plötzlich alle zu Digital Natives wurden.

Mit "Micro Era. Medienkunst aus China" präsentiert das Berliner Kulturforum nun eine große Übersichtsausstellung über das dort noch vergleichsweise junge Kunstformat. Statt möglichst viele Positionen zu zeigen, hat man sich hier auf vier Künstler konzentriert. Das leuchtet ein, denn auch so kann ein voller Rundgang gut ein paar Stunden in Anspruch nehmen.

Je zwei Künstler teilen sich eine Ausstellungshalle: Lu Yang, geboren 1984, hat sich ihren einstigen Professor Zhang Peili, geboren 1957, als Gegenpart ausgesucht. Eine ganze Generation liegt zwischen beiden Künstlern - als Peili 1988 mit seinem Film "30x30", einem mehrstündigen Loop über das Zersplittern und Wiederzusammenkleben einer Spiegelfliese, die Medienkunst in China aus der Taufe hob, war Yang gerade wenige Jahre alt.

Die üblichen Ausreden lässt der Museumsdirektor nicht gelten

Die obere Etage teilt sich die zuletzt auf der Berlinale präsente Filmemacherin Cao Fei, geboren 1978, mit Fang Di, geboren 1987. Das passt auch formal gut zusammen: Während Yang und Peili die Grenzen des Medienformats austesten, greifen Fei und Di hier auf eher narrative, dokumentarische Formen zurück.

Eine ganze Schau allein mit Videokunst zu bestreiten, erfordert entsprechende Vorsorge, die Ausstellungshäusern erstaunlich oft gerade nicht gelingt. Ein berüchtigtes Problem zeitbasierter Kunst: Wenn weder Bild- noch Tonqualität stimmen, hat der Durchschnittsbesucher wenig Lust, länger als ein paar Minuten vorm einzelnen Werk auszuharren. Ausreden will der scheidende Museumsdirektor Udo Kittelmann diesmal nicht gelten lassen. Die Kritik, dass Videoarbeiten oft viel zu lang seien, könne er "nicht mehr akzeptieren".

Beim Ton hapert es aber halt manchmal: Während man dem einen Werk über Kopfhörer folgen will, dröhnt die Musik des anderen schon im Hintergrund. Dafür wurde sitztechnisch alles richtig gemacht. Plastikstuhlreihen und Bürostühle laden dazu ein, die bis zu einstündigen Arbeiten von Cao Fei und Fang Di in Ruhe anzuschauen. So wie den Film "11.11", Feis kommentarlose Begleitung jener Fahrer, die fürs chinesische Amazon-Pendant JD bis zu achtzehn Stunden am Tag in Peking die Pakete ausliefern.

Kleinteilige Recherchen, globale Themen

Oder Fang Dis "Minister", in dem er die weitreichende Korruption in Papua-Neuguinea offenlegt - möglich dank einer bizarren Berufskombi: Di ist nicht nur Künstler, sondern zugleich auch Angestellter eines Staatsunternehmens, das dort angesiedelt ist. Als solcher erhält er tiefe Einblicke, die ihm sonst verwehrt geblieben wären.

Während Peilis konzeptionelle Videoarbeiten immer wieder um autoritäre Machtausübung und Überwachung kreisen, geht es bei seinen jüngeren Kollegen allgemeiner zu: soziale Gerechtigkeit, Geschlechterfragen, Digitalisierung und Vereinsamung, an anderen Stellen auch Umweltschutz und Nachhaltigkeit - Themen fernab der Tagespolitik, die auch in jedem anderen Land der Welt relevant wären. Ein globales Phänomen, man wird zugleich kleinteiliger und auch universeller.

Die Ausstellung schließt mit den experimentellen Arbeiten von Peili und Yang: Wenn der Vater chinesischer Medienkunst eine simple Kammer aufstellt, in der sich zwei Besucher unabhängig voneinander beobachten können, ohne sich selbst jemals zu sehen, dann erzeugt dies unweigerlich ein Bewusstsein dafür, wie sich reale Überwachung anfühlt.

Lu Yang wiederum liefert mit ihren immerfort rein- und rauszoomenden Perspektiven die passenden Bilder für die Generation Post-Internet: Digitaler Eskapismus hat zumindest lange nicht mehr so aufregend ausgesehen wie in der "Luyanghell".


"Micro Era: Medienkunst aus China", bis 26.01.2020 im Kulturforum Berlin

insgesamt 1 Beitrag
jf252358 09.09.2019
1. na ja nicht für den westlichen Markt
Zu schrill zu abgedreht das ist Chinesische Kunst für den westlichen Markt teilweise nicht nachvollbar.
Zu schrill zu abgedreht das ist Chinesische Kunst für den westlichen Markt teilweise nicht nachvollbar.

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