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Kultur

Amazon-Serie "Modern Love"

Kniefall vor der Schönheit New Yorks

Die Serie "Modern Love" schildert Beziehungsdramen wie aus dem echten Leben. Kein Wunder: Das starbesetzte Glamourprodukt von Amazon basiert auf einer populären Zeitungskolumne.

Amazon
Von
Freitag, 18.10.2019   08:17 Uhr

Die leidenschaftlichste Liebesbekundung, von der die Serie "Modern Love" handelt, findet erstaunlicherweise nicht zwischen zwei Menschen statt. Es ist der Kniefall der Regisseurinnen und Regisseure vor der Schönheit der Stadt New York. Die Spazierwege im Central Park sind malerisch sonnenbeschienen und unrealistisch menschenleer; die Treppenaufgänge in den Straßen von Brooklyn führen zu Haustüren, hinter denen das Licht wohlig scheint; lebensabschnittsentscheidende Gespräche finden vorzugsweise am Ufer des East River mit Blick auf die Skyline von Manhattan statt. Und es scheint fast so, als solle man sich als Zuschauer möglichst oft an Leinwandklassiker wie Leo McCareys "Die große Liebe meines Lebens", Woody Allens "Manhattan" oder Spike Lees "She's Gotta Have It" erinnert fühlen.

"Modern Love" soll offensichtlich großes Kino zeigen, auch wenn die Serie aus acht in sich abgeschlossenen und maximal 35 Minuten langen Episoden besteht, die sich allesamt um Sehnsucht, Schmerz und das ganze Gefühlszeug drehen. Kurz bevor die Konzerne Apple und Disney im November mit eigenen Angeboten auf den Serienmarkt drängen, präsentiert Amazon den Liebesdramenreigen als Glamourprodukt, das weltweit am Freitag startet.

Der irische Regisseur John Carney, bekannt geworden durch Musikfilme wie "Once" (2007) und "Can a Song Save Your Life?" (2013), tritt als Hauptregisseur auf, allerlei prominente Darsteller sind unter den Stars des Projekts. So spielt die grandiose Comedyfrau Tina Fey in einer der Folgen eine von ihrem Gatten unendlich angeödete und deshalb mit ihm zähnefletschend zur Ehetherapie antretende Wohlstandsbürgerin. Und der von vielen Kinobesucherinnen angehimmelte Dev Patel gibt in einer "Modern Love"-Episode einen zotteligen Nerd, der vor lauter App-Entwicklungsarbeit und Start-up-Unternehmer-Coolness nicht mitbekommt, dass ihm die Liebe seines Lebens abhandengekommen ist.

Es ist eine Zeitungsjournalistin, die dem von Patel gespielten Burschen während eines Interviews zu Klarheit über das eigene Lebensdesaster verhilft - und aus einer Zeitungskolumne ist auch die ganze Serie entstanden. Unter der Rubrik "Modern Love" veröffentlicht die "New York Times" seit 2004 allwöchentlich Beziehungsfallstudien, Selbstfindungsberichte und Liebesgeständnisse aus der realen Welt. Meist schreiben Journalisten des Hauses die Texte auf der Grundlage von Zuschriften oder Gesprächen auf, mitunter sind es von einem Beteiligten selbst verfertigte Liebeslebensbilanzen, manchmal Besinnungsaufsätze. Die Begeisterung der Leserinnen und Leser für "Modern Love" war von Anfang an enorm, auch der zugehörige Podcast ist ein Hit.

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"Modern Love": Amerikanische Glückskeks-Weisheiten

Die Idee der Zeitungsleute ist es, sämtliche Spielarten der Liebe durchzunehmen, ob gleichgeschlechtlich oder platonisch, in Pubertätswirren oder im Greisenalter, nur aufs eigene Ego gerichtet oder als große Weltumarmung. Gegenstand der Kolumnenarbeit, so lautet die Definition der "New York Times", seien "relationships, feelings, betrayals, and revelations", Beziehungen, Gefühle, Treuebrüche und Enthüllungen.

Natürlich sind die Freuden und Beschwernisse des Liebesgeschäfts, die sich der Regisseur Carney und sein Team aus den inzwischen mehr als 500 "Modern Love"-Zeitungstexten ausgesucht haben, tendenziell außergewöhnliche. In der Startepisode sieht man die Darstellerin Cristin Milioti in der Rolle einer reichen jungen Frau, die im aufregenden Großstadtleben von New York vom nicht mehr jungen Doorman ihres Apartmenthauses übergriffig-väterlich behütet wird, was zu vielen komischen Verwicklungen führt.

In der dritten Folge hat die Schauspielerin Anne Hathaway einen hinreißenden Jekyll-und-Hyde-Auftritt. Weil sie frisch verliebt ist, tanzt die Heldin zu Beginn im Stil von "West Side Story" und "La La Land" mit ein paar Dutzend Frauen und Männern über den Asphalt eines Supermarktparkplatzes. Doch als das erste ernste Rendezvous mit ihrem Traummann (Gary Carr) bevorsteht, zerfließt ihr Strahlegesicht plötzlich in Panik, sie sagt ab und verkriecht sich ins Bett. Nach und nach erweist sich, dass die von Hathaway gespielte Frau manisch-depressiv ist. In "Modern Love" ist der Horror grundsätzlich immer nur einen Schritt vom Liebeshimmel entfernt.

Es ist eine sympathisch umgängliche, sorgfältig divers besetzte, sich stets lässig durch die Straßen und Bars bewegende Großstadtgemeinschaft, in der die Serie spielt. Vielleicht laufen die Geschichten, die hier erzählt werden, ein wenig zu oft auf die glorreiche amerikanische Glückskeks-Weisheit hinaus, dass Selbstakzeptanz der Schlüssel zu Anerkennung, Spaß und einem gelungenen Leben sei. Und doch entsteht der Charme von "Modern Love" gerade daraus, dass hier selbst die traurigsten Liebesdesaster mit Lernbereitschaft, Witz und dem Vergnügen an aberwitzigen Wendungen abgehandelt werden.

Erstaunlicherweise kommt die Serie fast ohne Sex aus. Das liegt vermutlich daran, dass schon die Zeitungskolumne darauf angelegt ist, von der Verwirrung der Gefühle und der Ungeduld des Herzens zu erzählen, nicht vom Beischlaf mit Unterstützung von Tinder oder Parship. Der Blitz der Erkenntnis in "Modern Love" schlägt erst dann ein, wenn die Erregung der Körper sich längst gelegt hat.


"Modern Love" ist ab dem 18. Oktober auf Amazon Prime verfügbar.

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