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Kultur

Entfesselter "Polizeiruf" aus Rostock

Schnell essen, schnell vögeln

Gesellschaftliche Not, körperlicher Notstand: Mit hohem physischem Einsatz nehmen Bukow und König in diesem "Polizeiruf" die Missstände in Jugendheimen ins Visier.

NDR/ Christine Schroeder
Von
Freitag, 05.04.2019   13:50 Uhr

Essen und Sex werden von vielen Menschen als lästige Notwendigkeiten empfunden, die man optimalerweise schnell im Stehen verrichtet. So sieht es offenbar auch Kommissarin König (Anneke Kim Sarnau): Erst schiebt sie sich an einem Imbiss einen Burger in den Mund, dessen Veggie-Bulette groß wie ein Gullideckel ist, dann empfängt sie am Stehtisch ihr Date. Der Gullideckel sollte die Stärkung für den Quickie liefern, den König im Auto auf dem Parkplatz hinter einer Disco anvisiert hat.

Die Hosen sind kaum runter, da explodiert etwas vor der Disco. Zwei Halbwüchsige, die vom Türsteher abgewiesen wurden, machen Ärger. Einer von ihnen ist der Sohn von Kommissar Bukow (Charly Hübner). Nicht mal die Zeit, den Quickie hinter sich zu bringen, bleibt König, die nun erst mal abwägen muss, wie sie dem Kollegen und dessen schwierigem Sohn helfen kann. Hosen hoch, schon sind die beiden Ermittler in ihrem neuen Fall.

Körperlicher Notstand und gesellschaftliche Not, das geht im oft rabiat beschleunigten Rostocker "Polizeiruf" Hand in Hand. In der neuen Folge führt die Handlung vom abgebrochenen Sexdate hin zu Missständen in Jugendheimen. Denn Bukows Sohn (Jack Owen Berglund) ist befreundet mit Keno (Junis Marlon), einem verhaltensauffälligen 17-Jährigen, der im Heim lebt.

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"Polizeiruf" mit Charly Hübner: Der Cop mit dem Kopfnussblick

Nach dem Disco-Krawall bekommt Keno Hausarrest, doch er bricht aus und erschießt seinen Erzieher. Mit Bukows Sohn flieht er Richtung Polen, dort lebt Kenos kleiner Halbbruder bei Pflegeeltern auf einem Bauernhof. Und hier sind wir dann beim großen gesellschaftlichen Thema dieses "Polizeiruf" (Drehbuch: Christina Sothmann und Elke Schuch): wie deutsche Behörden die Arbeit mit schwer erziehbaren Jugendlichen zu Familien im Ausland outsourcen.

Auf diese Weise ist ein neuer kleiner Grenzverkehr zwischen Deutschland und Polen entstanden, billige Pflegekräfte ziehen Richtung Westen, teuer zu verwaltende Heimkinder werden Richtung Osten geschoben. Regisseur und Co-Autor Lars Jessen, der im Bereich des Fernsehkrimis zuletzt einen voll verkifften "Tatort" über die Skulptur.Projekte-Schau in Münster gedreht hat, inszeniert den "Polizeiruf" als entfesselte Jagd nach den beiden ausgerissenen Teenagern.

Bukow-Show mit Kopfnussblick

Dabei verschiebt sich der emotionale Schwerpunkt beim Ermittlerteam mal wieder auf Hübners Bukow, der sich auf der Suche nach seinem Sohn mit Kopfnussblick den Weg durchs deutsch-polnische Verwaltungs- und Verwahrungsdickicht schlägt. Dem Schnell-essen-schnell-vögeln-Credo von Kollegin König fügt er ein Schnell-Zuschlagen hinzu. Das ist alles angemessen physisch dargestellt. Und doch stört, dass bei der großen Bukow-Show Katrin König mal wieder unweigerlich ins Hintertreffen gerät.

Während bei Bukow die biografischen Details relativ stimmig von Folge zu Folge weiterentwickelt worden sind, geriet bei König die lineare Entwicklung ins Schlingern. Jetzt ist sie oft nur noch eine Randfigur, was angesichts der darstellerischen Präsenz der sensationellen Schauspielerin Anneke Kim Sarnau unangemessen ist, aber auch angesichts des Potenzials der Rolle.

Eingeführt wurde die Figur König 2010 als Karrierefrau mit Biofimmel und Achtsamkeitsgestus, die einen komplizierten biografischen Hintergrund hat: Ihre Eltern sind ihr bei einem Fluchtversuch aus der damaligen DDR abhandengekommen, sie wuchs bei Adoptiveltern auf. Leicht hätte man dieses rollenbiografische Detail ausspielen können - das Gesellschaftsstück über notverwaltete Kinder hätte dadurch nur an Tiefe gewinnen können.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Polizeiruf 110: Kindeswohl", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Textes behaupteten wir, Kommissarin König würde einen Burger mit Beefbulette essen. Darstellerin Anneke Kim Sarnau informierte uns, dass es sich in Wirklichkeit um einen Veggie-Burger handelte. Kitty King, wie Sarnau ihre Figur nennt, ist also weiterhin Vegetarierin. Wir haben den Fehler korrigiert.

insgesamt 23 Beiträge
a-cause-de 05.04.2019
1. Warum?
Warum muss in allen Krimis, die auf sich halten, erst mal ein Geschlechtsakt gezeigt werden? Immer hoplahop und immer an möglist unmöglichen Orten. Für mich ein Grund, abzuschalten. Wenn ich einen Krimi sehen will, will ich [...]
Warum muss in allen Krimis, die auf sich halten, erst mal ein Geschlechtsakt gezeigt werden? Immer hoplahop und immer an möglist unmöglichen Orten. Für mich ein Grund, abzuschalten. Wenn ich einen Krimi sehen will, will ich einen - wenn’s geht logisch aufgebauten - Krimi sehen und keinen Sexfilm. Glauben die Produzenten wirklich, dass es für Jeden hochinteressant ist, anderen beim Quicky zuzuschauen? In diesem Film gab es ein gutes Thema, das vollkommen ohne diese voyeuristischen Einlagen ausgekommen wäre.
K. Larname 05.04.2019
2.
Man versucht sich an Schablonen, Realismus und am Erreichen möglichst vieler Zielgruppen. Alleinstellungsmerkmale sind gefährlich, man könnte Zielgruppen verpassen und Quotenleid erfahren.
Zitat von a-cause-deWarum muss in allen Krimis, die auf sich halten, erst mal ein Geschlechtsakt gezeigt werden? Immer hoplahop und immer an möglist unmöglichen Orten. Für mich ein Grund, abzuschalten. Wenn ich einen Krimi sehen will, will ich einen - wenn’s geht logisch aufgebauten - Krimi sehen und keinen Sexfilm. Glauben die Produzenten wirklich, dass es für Jeden hochinteressant ist, anderen beim Quicky zuzuschauen? In diesem Film gab es ein gutes Thema, das vollkommen ohne diese voyeuristischen Einlagen ausgekommen wäre.
Man versucht sich an Schablonen, Realismus und am Erreichen möglichst vieler Zielgruppen. Alleinstellungsmerkmale sind gefährlich, man könnte Zielgruppen verpassen und Quotenleid erfahren.
hausi_gdr 05.04.2019
3. Weitermachen...
ich bin so froh das das noch läuft mit den Beiden. Immer schön aus der Hüfte, bitte weiter so Fr. Sarnau / Hr. Hübner. Da identifizieren sich einige, bzw. symphatisieren. Vielleicht schaffe ich es mal zum Bier mit Bukow, [...]
ich bin so froh das das noch läuft mit den Beiden. Immer schön aus der Hüfte, bitte weiter so Fr. Sarnau / Hr. Hübner. Da identifizieren sich einige, bzw. symphatisieren. Vielleicht schaffe ich es mal zum Bier mit Bukow, später kommt Fr. König dazu, sie ist noch was "essen". feix.
claro_maa 05.04.2019
4. Wie so oft...
...ist die Kritik zum Tatort/Polizeiruf völlig an den Haaren herbei gezogen. Erst wird in einem anderen Tatort/Polizeiruf kritisiert, dass zu viel Privatleben der Ermittler einfließt (was ich im Übrigen auch als sehr nervend [...]
...ist die Kritik zum Tatort/Polizeiruf völlig an den Haaren herbei gezogen. Erst wird in einem anderen Tatort/Polizeiruf kritisiert, dass zu viel Privatleben der Ermittler einfließt (was ich im Übrigen auch als sehr nervend empfinde) nun, dass zu wenig einfließt. Was denn nun? Bei so einem Thema ist es doch umso besser, wenn die Darsteller der Jugendlichen und deren Geschichte im Fokus stehen und nicht wieder die Kindheit der Ermittlerin. Die wurde doch zu Genüge thematisiert, zumal sie ja auch nicht die gesamte Kindheit im Heim verbracht hat. Aber es kommt immer wieder das Gefühl auf, dass Spiegel zwingend etwas Negatives finden muss und nicht mal ein Tatort/Polizeiruf einfach gut sein darf.
peter_rot 05.04.2019
5. Grausam
An sich habe ich die Filme der Polizeirufserie mit Sarnau und Hübner ganz gerne gesehen. Aber was Herr Buß hier schildert, ist für mich ein Grund diesen Polizeiruf nicht anzusehen. Da lob ich mir doch Kriminalfilme die auf [...]
An sich habe ich die Filme der Polizeirufserie mit Sarnau und Hübner ganz gerne gesehen. Aber was Herr Buß hier schildert, ist für mich ein Grund diesen Polizeiruf nicht anzusehen. Da lob ich mir doch Kriminalfilme die auf erfolgreichen Romanen basieren. Die sind meist originell und intelligent. Die gegenwärtigen Drehbuchautoren stellen doch den Inhalt von Tatort und Polizeiruf am Computer her. Hier ein Prise Sex, dann ein kleiner Mord, ein bißchen gestörtes Familienleben und fertig ist der Krimi. Nicht mit mir.
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