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Kultur

Transgender-"Polizeiruf" aus Magdeburg

Mordmotiv Vagina-Neid

Zwei junge Frauen wurden ermordet und rituell verschnürt - der Verdacht fällt auf eine Blumenverkäuferin. Ein Magdeburger "Polizeiruf", der überrascht und anrührt.

MDR/ Stefan Erhard
Von
Freitag, 08.02.2019   11:46 Uhr

Als sie vor drei Jahren das erste Mal verhaftet wurde, war sie laut ihren Papieren noch ein Mann. Als sie sie nun das zweite Mal in Kontakt mit der Polizei gerät, ist sie eine Frau. Die Unschuldsvermutung galt und gilt bei ihr nur bedingt. Die Blumenverkäuferin Pauline Schilling (Alessija Lause) ist es gewohnt, dass Spekulationen befeuert werden, wo der Körper Geschlechtergrenzen übertritt. Wer für das Gegenüber nicht fassbar erscheint, auf die oder den lässt sich leicht jeder Verdacht projizieren.

Im Falle von Pauline Schilling ist das der Verdacht, zwei junge Frauen getötet zu haben. Vor drei Jahren wurde eine Prostituierte ermordet aufgefunden, jetzt die Arzthelferin einer psychiatrischen Praxis. Bei beiden Frauen wurden nach dem Tod die Beine verschnürt, so als wollte der Täter oder die Täterin das Geschlechtsorgan der Opfer zudrücken.

Mit der Prostituierten pflegte Schilling damals Kontakt, weil diese die Frau verkörperte, die sie selber werden wollte. Die Arzthelferin arbeitete bei der Therapeutin, die Schilling bei der Geschlechtsangleichung begleitete. Für die Polizei ist die Transfrau die ideale Täterin, schon weil die rituell anmutende Inszenierung der beiden Opfer die Tat sexuell lesbar macht: Mordmotiv Vagina-Neid?

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Magdeburg-"Polizeiruf": Die Liebe einer Frau

Dieser Transgender-"Polizeiruf" ist sehr plastisch. Vor allem in seinen Dialogen. Am besten aber sind die kurzen Gesprächsszenen zwischen Kommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und der Hauptverdächtigen, weil sie die Projektionsmechanismen der einen als auch die Selbstbehauptung der anderen auf den Punkt bringen.

Kommissarin: "Warum haben Sie Prostituierte besucht?"

Verdächtige: "Um Frauengespräche zu führen. Am Anfang habe ich sogar dafür bezahlt. Und dann waren Jessi und ich irgendwann Freunde."

Kommissarin: "Sie haben gesagt, dass Jessica Peschke Ihnen den einen oder anderen experimentierfreudigen Freier abgetreten hat."

Verdächtige: "Weil man mir das geglaubt hat."

Brasch pathologisiert und kriminalisiert ihr Gegenüber, Schilling besteht auf ihr Frausein, auf ihre sexuelle Strahlkraft. Die Auseinandersetzung zwischen Spekulation und Selbstbehauptung geht in eine zweite Runde:

Kommissarin: "Waren Sie neidisch auf Jessica Peschke, auf das, was sie hatte, auf das Echte?"

Verdächtige: "Bitte was?"

Kommissarin: "Na ja, wenn jemand eine Frau war, dann war das Jessica Peschke, und wenn jemand, damals jedenfalls, noch keine Frau war, dann waren Sie das."

Verdächtige: "Sie haben keine Ahnung, mein Körper war damals vielleicht noch nicht soweit, aber mein Kopf war es immer."

Dieser "Polizeiruf" ist der bislang anspruchsvollste aus dem lange Zeit glücklosen TV-Revier in Sachsen-Anhalt. Drehbuchautor Wolfgang Stauch und Regisseur Torsten C. Fischer hatten schon in der vorherigen Folge milde innovative Akzente gesetzt, hier finden sie einen Weg, das Transgender-Thema in den Sonntagskrimi zu bringen, ohne dass da ein allwissender Erklärbär den Sachverhalt für die ganz Blöden erläutern muss. Die Therapeutin (Birge Schade), die der Verdächtigen bei ihrer Geschlechtsangleichung begleitet hat und der Polizei Auskunft gibt, ist ebenfalls transgender. Sie argumentiert sehr plastisch - und nicht aus der im Sonntagskrimi üblichen Expertinnen-Distanz.

Wie besetzt man so eine Transgender-Geschichte? In der Serie "Pose", die in New Yorks fabulöser queerer Ballroom-Szene der Achtziger spielt und gerade bei Netflix zu sehen ist, werden die Transfrauen von Trans-Darstellerinnen gespielt. Das Filmprojekt "Rub und Tug" über einen transgender Unterweltkönig wurde letztes Jahr auf Eis gelegt, nachdem die vorgesehene Hauptdarstellerin Scarlett Johansson erkannt hatte, dass sich ihre Figur als Mann identifiziert.

Eine Frau, schon immer

Auch die Verantwortlichen des "Polizeiruf" haben bei der Besetzungsfrage mit sich gerungen. Ursprünglich war für die Hauptrolle eine Trans-Schauspielerin angedacht; weil die Suche erfolglos blieb, wurde eine nicht-transgender Schauspielerin engagiert. Das mag nicht ideal erscheinen, entspricht aber der Logik der Figur: Weil diese sich immer als Frau gefühlt hat, wird sie von einer Frau verkörpert und nicht von einem Mann, der sich als eine verkleidet.

Die Schauspielerin Alessija Lause ringt der Sehnsucht ihrer Pauline, endlich auch im Spiegel der anderen als das wahrgenommen zu werden, was sie ist, einige starke Szenen ab. Etwa in der Beziehung zu einem Sparkassen-Angestellten, der unfähig ist, seine Anziehung in offene Liebe zu verwandeln - ein Motiv, das auch im Transgender-Spektakel "Pose" eine zentrale Rolle spielt.

Zugegeben, der in Raucherkneipen, Bordellen und Sparkassen-Restaurants spielende "Polizeiruf" ist kein Spektakel; es gibt Momente, da quietscht es im Getriebe, um den identitätspolitischen Subtext in den Krimi-Plot zu bringen. Doch als Grußadresse des Mainstream-Fernsehens an eine Gesellschaft der offenen Geschlechtsentwürfe hält er einige überraschend glaubwürdige, überraschend zärtliche Momente parat.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Polizeiruf 110: Zehn Rosen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 21 Beiträge
Lontrax 08.02.2019
1. SPOILERALARM kennzeichnen bitte!
Wieso besprecht Ihr eigentlich einen Krimi bevor er gesendet wird und gebt dabei ca. 90% der Geschichte preis? Wer den Krimi sehen will, der liest die Besprechung nicht, denn sonst braucht er ihn sich nicht mehr angucken. Und wer [...]
Wieso besprecht Ihr eigentlich einen Krimi bevor er gesendet wird und gebt dabei ca. 90% der Geschichte preis? Wer den Krimi sehen will, der liest die Besprechung nicht, denn sonst braucht er ihn sich nicht mehr angucken. Und wer solche Krimis eh nicht anguckt, den interessiert die Besprechung sowieso nicht. Vielleicht solltet ihr die Sendungen lieber im Nachhinein besprechen? Dann könnten die Zuschauer sogar mitreden.
maipiu 08.02.2019
2. Eine Frage:
kann mir jemand erklären, was ein Sparkassen-Restaurant ist? Ich weiß das echt nicht.
kann mir jemand erklären, was ein Sparkassen-Restaurant ist? Ich weiß das echt nicht.
romeov 08.02.2019
3. Vagina-Alarm
...ich war in meinem Leben schon auf einiges neidisch, aber auf eine Vagina wäre ich jetzt nicht gekommen. Aber dieses Thema scheint jetzt der Schenkelklopfer bei SPON zu sein. Warte jetzt schon auf die kommenden BENTO Artikel zu [...]
...ich war in meinem Leben schon auf einiges neidisch, aber auf eine Vagina wäre ich jetzt nicht gekommen. Aber dieses Thema scheint jetzt der Schenkelklopfer bei SPON zu sein. Warte jetzt schon auf die kommenden BENTO Artikel zu diesem Thema.
testuser2 08.02.2019
4. Main-Stream-Frauenfilm
Ich lese (oder überfliege zumindest) schon solche Artikel, auch wenn ich nicht Zielgruppe eines solchen Main-stream-Frauenfilms bin. Warum ist das meiner Meinung nach ein Frauenfilm ? Weil zu dem klassischen Frauenfilm [...]
Ich lese (oder überfliege zumindest) schon solche Artikel, auch wenn ich nicht Zielgruppe eines solchen Main-stream-Frauenfilms bin. Warum ist das meiner Meinung nach ein Frauenfilm ? Weil zu dem klassischen Frauenfilm (Herzschmerz-Schnulzen) inzwischen die 2. Kategorie "politisch-korrekter Frauenfilm mit LGBT-Inhalten gekommen ist, die in der Regel Frauen als Hauptdarstellerin oder starke Ermittlerinnen haben und gerne bevorzugt mit Preisen ausgezeichnet werden. "Dieser "Polizeiruf" ist der bislang anspruchsvollste". Vermutlich nicht, er bedient nur die Erwartungen und Nachfrage der politisch korrekten Medien und Kultur-"schaffenden".
Mindbender 08.02.2019
5. ...
"10 Gründe, warum die Vagina besser ist als der Penis". Bento traue ich das glatt zu... naja, dem Spon mittlerweile auch.
Zitat von romeov...ich war in meinem Leben schon auf einiges neidisch, aber auf eine Vagina wäre ich jetzt nicht gekommen. Aber dieses Thema scheint jetzt der Schenkelklopfer bei SPON zu sein. Warte jetzt schon auf die kommenden BENTO Artikel zu diesem Thema.
"10 Gründe, warum die Vagina besser ist als der Penis". Bento traue ich das glatt zu... naja, dem Spon mittlerweile auch.

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