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Kultur

"Tatort" über Berliner Wohnungsmarkt

Entmietung per Genickschuss?

Alte Verbrechen aus der DDR-Zeit, neue Zumutungen auf dem Wohnungsmarkt: Der "Berlin"-Tatort verschränkt gekonnt das eine mit dem anderen - und berührt durch ungewohnt emotionale Dialoge.

Marcus Glahn/ rbb
Von
Freitag, 08.11.2019   11:25 Uhr

Fliegen an den Gardinen, Larven auf dem Fußboden, es herrscht ein großes Surren und Krabbeln in der Nachbarwohnung des Kommissars. Wochenlang lebte Robert Karow (Mark Waschke) Wand an Wand mit einem toten Rentner. Als er dessen zum Teil mumifizierte Leiche sieht, lässt er die Wohnung sofort als Tatort absperren - sehr zum Ärger der Vermieterin, die mal schnell eine Putzkolonne durch die Zimmer jagen wollte und nun angesichts des Verwesungsszenarios stöhnt: "Wenn Blut und Darminhalt in den Estrich geflossen sind, haben wir ein richtiges Problem." Also schnell die Bude reinemachen, um sie dann für ein Vielfaches neu zu vermieten.

Willkommen auf dem Berliner Wohnungsmarkt. Karows Kollegin Nina Rubin (Meret Becker) spekuliert beim Anblick des toten Rentners und der ambitionierten Vermieterin, dass da vielleicht jemand den wenig lukrativen Hausbewohner vom Hals haben wollte. Karow: "Glauben Sie wirklich an eine Entmietung per Genickschuss?" Rubin: "Wer weiß, alte Mieter, alte Mietverträge, Sie wissen doch, was heute auf dem Berliner Wohnungsmarkt los ist."

Dieser "Tatort" beginnt mit seinen sarkastischen Einwürfen zum Wohnungskrieg in der Hauptstadt hochaktuell - und führt von da aus gekonnt in ein wenig ausgeleuchtetes Kapitel der DDR-Geschichte: der dort bis in die Achtzigerjahre praktizierten Todesstrafe. Der Alte aus Karows Mietshaus war einst wegen dreifachen Mordes zum Tode verurteilt worden und, so scheinen es zumindest Akten zu belegen, 1972 tatsächlich auch in einem DDR-Gefängnis hingerichtet worden. Kann ein Mensch zweimal sterben? Gibt es ein Leben nach dem Tode?

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Berlin-"Tatort": Jesus wird nicht mehr gebraucht

Nach all den staubigen Ost-Geschichtsstunden im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen, nach dem allzu schlichten Spionagethriller "Wendezeit" in der ARD und dem allzu didaktischen Dreiteiler "Preis der Freiheit" im ZDF findet der "Tatort" einen interessanteren Weg, sich mit dem DDR-Regime zu beschäftigen. Das tut er rigoros aus dem Hier und Jetzt, mit klug ineinander verschränkten Erzählebenen (Buch: Sarah Schnier) und mit Charakteren, die ihre Anliegen erst nach und nach preisgeben.

Ein-Mann-Lynchmob

So folgen wir am Anfang einem weiteren Hochbetagten, der von zwei kriminellen Mädchen in seiner Wohnung niedergeschlagen wird und der später mit einer Pistole auf einen riskanten Feldzug gegen seine Angreiferinnen geht. Da der Senior vom grandiosen Otto Mellies, 88, gespielt wird, glaubt man die Verwandlung vom seh- und gehbehinderten Greis zum Ein-Mann-Lynchmob. Der Alte war einst Richter in der DDR, den Überfall auf seine Person kommentiert er mit den Worten: "Damals wäre das nicht passiert. Damals lebten wir in Sicherheit."

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Alte Verbrechen aus der DDR-Zeit, neue Zumutungen auf dem Wohnungsmarkt: Regisseur Florian Baxmeyer, der viele der experimentierfreudigen Bremer "Tatorte" mit Sabine Postel und Oliver Mommsen gedreht hat, bringt diese beiden Bedeutungsebenen souverän zusammen. Zudem führt er die beiden Ermittlerfiguren Karow und Rubin, die sonst oft eher neben- als miteinander agierten, auf völlig kitschfreie Art und Weise zusammen.

In einer der bewegendsten Szenen sinniert die Ermittlerin über ein Leben nach dem Tod. Rubin: "Die Zeit zwischen Leben und Tod ist für die Seele verwirrend. Sie ist von der Vergangenheit und von der Zukunft getrennt. So hab ich das jedenfalls mal gelernt. Für die Seele des Toten ist es tröstlich, wenn die Lebenden Anteil nehmen, dann ist sie nicht so verloren." Karow ungewohnt emotional: "Machen Sie das denn auch für mich, wenn ich nicht mehr da bin?"

Da haben sich endlich zwei gefunden, die sich nie gesucht haben. Das Glück wird nicht lange halten. Meret Becker hat im Sommer bekannt gegeben, dass sie das Berliner TV-Revier verlassen wird. Dann ist Karow wieder allein mit seinen toten Nachbarn.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Das Leben nach dem Tod", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 9 Beiträge
cybernic 08.11.2019
1. Baxmeyer - Becker - Waschke
Äußerst vielversprechend!
Äußerst vielversprechend!
troy_mcclure 08.11.2019
2.
Klingt nach all den schlechten Tatorten der letzten Wochen (Schweiz, HR) äußerst vielversprechend.
Klingt nach all den schlechten Tatorten der letzten Wochen (Schweiz, HR) äußerst vielversprechend.
yoda56 08.11.2019
3. Ich hoffe, dass Herr Buß diesmal...
...mit seiner positiven Bewertung auch endlich mal meine (natürlich unwichtige) Meinung trifft. Ich werde mir den Tatort jedenfalls anschauen, was ich bei solchen Bewertungen des Verfassers ansonsten grundsätzlich lasse.
...mit seiner positiven Bewertung auch endlich mal meine (natürlich unwichtige) Meinung trifft. Ich werde mir den Tatort jedenfalls anschauen, was ich bei solchen Bewertungen des Verfassers ansonsten grundsätzlich lasse.
t.bickle 08.11.2019
4. Waschke heißt Mark
Mark Waschke heißt Mark Waschke. - - - - - -Danke für den Hinweis, wir haben es korrigiert. MfG Redaktion Forum
Mark Waschke heißt Mark Waschke. - - - - - -Danke für den Hinweis, wir haben es korrigiert. MfG Redaktion Forum
Ekkehard Grube 10.11.2019
5. Gut gemacht
Ich kann mich der Vorabkritik von Christian Buß voll anschließen. Dieser Film bettete Themen, die in fast allen Krimis vorkommen (unverarbeitetes Leid, Schuld, Selbstjustiz, der Fluch der bösen Tat, die fortzeugend Böses [...]
Ich kann mich der Vorabkritik von Christian Buß voll anschließen. Dieser Film bettete Themen, die in fast allen Krimis vorkommen (unverarbeitetes Leid, Schuld, Selbstjustiz, der Fluch der bösen Tat, die fortzeugend Böses gebären muss) auf geschickte Weise sowohl in die Gegenwart (Berliner Mietmarkt) als auch in die Vergangenheit (DDR-Justiz) ein. Das wirkte nicht an den Haaren herbeigezogen und konstruiert, sondern ergab ein organisches Ganzes. Besonders hervorzuheben ist Otto Mellies. Wie oft kommt es vor, dass Schauspieler in diesem Alter noch so eindrücklich spielen können? Eine bewundernswerte Darstellung des pensionierten Richters Böhnke, der einerseits auch in hohem Alter geistig voll präsent ist und ohne Alterssentimentalität fast immer nüchtern, sachlich und selbstbeherrscht agiert und argumentiert, andererseits so von seinem Drang nach Bestrafung getrieben ist, dass er noch in diesem hohen Alter, selbst dem Grabe ganz nahe, zum Mörder wird. So konventionell das Thema "Selbstjustiz" in Krimis ist, eine Darstellung dieser Intensität hallt lange nach. Schade nur, dass Berlin der nächste Tatort-Drehort ist, an dem uns eine hervorragende Ermittlerpersönlichkeit (Meret Becker) verloren geht.

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