Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Prostitutions-"Tatort" aus Wien

Der kleine Puff in unserer Straße

Rotlichtkriminalität im grünen Gürtel von Wien: Eisner und Fellner werden erneut mit dem Prostitutionselend konfrontiert. Ein "Tatort", der für sein Thema ein bisschen zu süß daherkommt.

ARD/ Klaus Pichler
Von
Freitag, 02.09.2016   12:11 Uhr

Alles so niedlich hier. Auf drei Stockwerken erstrecken sich verwinkelte Zimmerchen mit Puppenstubencharme, draußen zwitschern die Vögel in den grünen Bäumen. Wer würde so ein hübsches Vororteigenheim für eine Außenstelle des Wiener Rotlichtgewerbes halten? Im Wohnzimmer aber hängt eine Leiche mit herausgeschnittener Zunge und abgeschnittenen Fingern über einer Wohnzimmerkommode und tropft den Teppich voll. Der süße Hund des Toten hat die Nachbarn zusammengebellt.

Oberstleutnant Eisner (Harald Krassnitzer) und Kollegin Fellner (Adele Neuhauser) erkennen sogleich eine Tat des organisierten Verbrechens. In den Puppenstuben wurde angeschafft, in jedem Zimmer steht ein überdimensioniertes Doppelbett, davor reihen sich High Heels in Signalfarben. Der Tote ohne Zunge war ein türkischer Zuhälter.

Harte Milieu-Recherche also für Eisner und Fellner? Eher nicht. Statt die Konfrontation mit den Ausbeutern und Nutznießern der Branche zu suchen, gehen die beiden im Verlauf der neuen Folge auf Schmusekurs. Zum Beispiel mit dem Hündchen des ermordeten Luden; der wird von Kommissar in Obhut genommen und hockt bald mit unschuldigem Blick und wedelndem Schwanz auf dem Rücksitz von Eisner und Fellner. Aber wie soll man sich auf das Prostitutionselend von Wien konzentrieren, wenn die ganze Zeit ein Vorstadtwauwau winselt?

Für die Prostitution rückt die Gesellschaft zusammen

Dabei ist es eigentlich ein starker Dreh, den Prostitutionskrimi aus den üblichen Rotlichtzonen der Innenstadt in den verkehrsberuhigten grünen Gürtel von Wien zu holen. Der kleine Puff in unserer Straße, so wird schon topografisch angezeigt: Frau als Ware ist ein Phänomen, bei dem die Ränder und die Mitte der Gesellschaft ganz eng zusammenrücken. Eine brutale Schattenwirtschaft, am Laufen gehalten auch von bürgerlichen Freiern.

Wie wenig Autor und Regisseur Thomas Roth jedoch aus dieser Erkenntnis macht. Roth hat zuletzt die Wiener "Tatort"-Folge "Deckname Kidon" gedreht, in der exakt recherchierte Details über das iranische Atomprogramm zu einem gewagten Spionage-Thriller verdichtet wurden. Im aktuellen "Tatort" nun wirken die Informationen wie hingeworfen, und die Figuren sind reine Freudenhausfolklore.

Statt die unübersichtliche Gemengelage von albanischen, türkischen und tschetschenischen Mafioso im Wiener Rotlichtmilieu in einer komplexen Story aufzuschlüsseln, bekommen die Ermittler einfach einen deutschen Paten mit dem Namen Andy Mittermeier (Michael Fuith) vor die Nase gesetzt, der in seinem pelzbesetzten Mantel ein bisschen so aussieht, wie sich der Regisseur einer Schultheateraufführung Mackie Messer vorstellen mag. Der Wiener Mackie Messer stößt raunend Drohungen aus, während er sich kulinarisch und, uiuiui, erotisch in Restaurants und Saunen verwöhnen lässt.

Diese Schlichtheit ist besonders enttäuschend, weil der ORF vor drei Jahren die erschütterndste Folge überhaupt zum "Tatort"-Dauerthema Zwangsprostitution vorgelegt hat, "Angezählt" lautete der Titel. Damals stiegen Fellner und Eisner tief hinab ins türkisch-bulgarische Milieu der Tischmädchenlokale Wiens, wo Sexsklavinnen gezwungen werden, für 30 Euro ihre Körper zu verkaufen; Wien war hier ein riesiger Sex-Discounter. Präzise wurde das Geflecht aus sozialen und wirtschaftlichen Verbindungen nachgezeichnet - in dem sich schließlich auch die beiden Ermittler verfingen.

"Die Kunst des Krieges" wirkt nun in vielerlei Hinsicht wie der Versuch einer Fortsetzung dieses mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Vorzeige-"Tatort". Wieder trifft Fellner, die früher bei der Sitte gearbeitet hat, auf zwielichtige Bekannte - was zu sarkastischen Dialogen über die guten alten Zeiten führt. Wieder nimmt sich die Ermittlerin persönlich eines Opfers der Menschenhandelmafia an und bringt es in ihrer eigenen Wohnung unter. Doch die Backstory der jungen Ukrainerin (Janina Rudenska), die zwei Jahre lang im Bordell des toten Türken anschaffen musste, ohne vor die Tür gehen zu dürfen, bleibt dünn.

Sie darf ein bisschen traurig in die Kamera blicken - gegen den herzerweichenden Blick des Ludenhundes hat sie so aber keine Chance. Alles so niedlich hier.

Bewertung: 4 von 10 Punkten

"Tatort: Die Kunst des Krieges", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor

Saima Altunkaya

Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

Mehr Artikel von Christian Buß

insgesamt 20 Beiträge
troy_mcclure 02.09.2016
1. Warten wir's mal ab
Die Wiener Tatorte haben mich bisher mit am seltensten enttäuscht.
Die Wiener Tatorte haben mich bisher mit am seltensten enttäuscht.
günterjoachim 02.09.2016
2. Mal testen...
Nur 4 Punkte von dem Kulturpapst Buß. Anschauen lohnt sich wahrscheinlich.
Nur 4 Punkte von dem Kulturpapst Buß. Anschauen lohnt sich wahrscheinlich.
karl-felix 02.09.2016
3. Ich
schaue immer gerne, wenn Spon schlecht bewertet. In der Regel handelt es sich dann um sehenswerte Unterhaltung . Schaugn wir mal. Hoffentlich haben die nen vernünftigen Tontechniker. Bei manchen deutschen Tatörtern [...]
schaue immer gerne, wenn Spon schlecht bewertet. In der Regel handelt es sich dann um sehenswerte Unterhaltung . Schaugn wir mal. Hoffentlich haben die nen vernünftigen Tontechniker. Bei manchen deutschen Tatörtern scheint man die vorher gemeuchelt zu haben ohne dass das in der Sendung erwähnt wird, bei manch anderem Tatort könnte man die nachher meucheln wenn einem die Ohren von der Musik nicht so weh täten .
hrlange 02.09.2016
4. ansehen
Die schlechte Bewertung durch den SPON Kritiker zeigt wahrscheinlich nur dessen Dilettantismus.Daher:Den Film ansehen!
Die schlechte Bewertung durch den SPON Kritiker zeigt wahrscheinlich nur dessen Dilettantismus.Daher:Den Film ansehen!
chr 02.09.2016
5. Unbedingt einschalten!
Richtig Angst um die Sonntag Abend Unterhaltung muss man eigentlich nur haben, wenn Herr Buß 7 oder 8 Punkte vergibt, wie für den Schwachsinn vom vergangenen Sonntag.
Richtig Angst um die Sonntag Abend Unterhaltung muss man eigentlich nur haben, wenn Herr Buß 7 oder 8 Punkte vergibt, wie für den Schwachsinn vom vergangenen Sonntag.

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP