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Kultur

Ösi-"Tatort" über Crystal Meth

Mein Opa, der Dealer

"Breaking Bad" in der Steiermark? Im neuen "Tatort" haben es die Kommissare mit Rentnern zu tun, die als Drogenkuriere chemische Substanzen schmuggeln. Das Ergebnis ist leider nicht berauschend.

ARD
Von
Freitag, 29.08.2014   15:10 Uhr

Die Renten fallen, der Crystal-Meth-Konsum steigt: Wer darauf Wert legt, dass im "Tatort" möglichst viele, möglichst weit auseinanderliegende brisante gesellschaftliche Phänomene aufgegriffen und miteinander verknüpft werden, dürfte sich bei der neuen Episode aus Österreich um Altersarmut und Drogenhandel bestens bedient fühlen. Der Rest der Zuschauer, um keine falschen Illusionen aufkommen zu lassen, wird eher enttäuscht.

Dabei ziehen zumindest die ersten Minuten dieses "Tatorts" direkt in die Handlung. Vor der Abreise in Urlaub, direkt am Flughafen, erfährt Kommissarin Fellner (Adele Neuhauser), dass ihr Vater gestorben ist. Die Trauer hält sich in Grenzen, der Alte hat sie als Kind im Suff geschlagen, ihre eigenen Problemen mit dem Schnaps sind eine Folge der Misshandlung. Soll der verdammte Leichnam doch irgendwo verscharrt werden. Nur durch Zureden des Kollegen Eisner (Harald Krassnitzer) fährt Fellner ins Altersheim in die Steiermark, um die Beerdigung zu regeln.

Ein weiterer großer Auftritt für Neuhauser als bedingt trockene Alkoholikerin Fellner: großartig, wie sie sich erst kalt gibt in Anbetracht des Todes des verhassten Alten, dann in Tränen ausbricht, um schließlich die Einladung zum Schnaps von Eisner mit den Worten abzulehnen: "Diesen Triumph gönne ich ihm nicht." Die Enthaltsamkeit der Säuferin als Rache am Suffvater: Ein paar stille, harte, subtile Szenen reichen, um eine ganze unheilvolle, verdrängte Familiengeschichte an die Oberfläche zu bringen.

Butterfahrt mit Nebenwirkungen

Doch dann wird der Plot um so lauter, schräger, unsubtiler vorangesponnen: 30.000 Euro hat der Vater Fellner hinterlassen, obwohl er doch zuvor seine Schankwirtschaft in den Ruin getrieben hat, und auch die anderen Senioren im Altenheim haben Schotter unterm Kopfkissen. Unter Führung des rüstigen Paul Ransmeyer (Peter Weck) fährt die Truppe mit dem Reisebus regelmäßig ins benachbarte Ungarn, um von dort Medikamente und illegale Substanzen zu schmuggeln. Ransmayr war früher Unternehmer, dann hat er seiner Tochter die Firma überschrieben, die ihn direkt ins Altenheim abschob. Und nun lässt sich der geschäftstüchtige Alte eben vom noch geschäftstüchtigeren Enkel als Muli für den Crystal-Meth-Verkehr einspannen.

"Breaking Bad" in der Steiermark? Nicht wirklich. Während in der Serie der abwirtschaftete US-Mittelstand schlüssig mit der Elendsdroge in Verbindung gesetzt wird, bleibt im "Tatort" die bizarre geschäftliche Kooperation von den abgewirtschafteten Alten und Crystal-Meth-Dealern Behauptung.

Drehbuchautor Uli Brée und Regisseur Harald Sicheritz haben 2011 gemeinsam die ORF-Episode "Ausgelöscht" entwickelt und in Szene gesetzt, die in ihrer brillant getakteten Tragikomik an die Coen-Brüder erinnerte und in dem das Doppel Fellner/Eisner zum ersten Mal richtig Fahrt aufgenommen hatte. Damals wurden die Grundlagen gelegt für diesen ganz speziellen Tonfall im Ösi-"Tatort", bei dem harte gesellschaftliche Themen mit grimmigem Humor erzählt werden können und der unlängst in der mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Episode "Angezählt" über bulgarische Sexsklavinnen und die sozioökonomischen Voraussetzungen für dieses Milieu auf die Spitze getrieben wurde. Beim neuen ORF-"Tatort" indes fehlt jede Schärfentiefe beim Ausleuchten der Schattenwirtschaft.

Dabei gab es schon mal einen wirklich tollen "Tatort" über Altenkriminalität und Drogentransaktionen: In der Münchner Folge "Nicht jugendfrei" stiegen 2004 der unlängst verstorbene Dietmar Schönherr und Eva Pflug als verarmte Rentner in Apotheken ein, um danach bekifft und beglückt den Mond anzusingen. Die österreichische Butterfahrt ins Drogenmilieu lässt den Zuschauer indes eher unberauscht zurück.


"Tatort: Paradies", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor

Saima Altunkaya

Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 8 Beiträge
Traudhild 29.08.2014
1.
Die begnadete Adele Neuhauser kenne ich noch durch ihre Engangements im Regensburger Theater. Auf diesen Film freue ich mich schon
Die begnadete Adele Neuhauser kenne ich noch durch ihre Engangements im Regensburger Theater. Auf diesen Film freue ich mich schon
Zauberlehrling 29.08.2014
2. An die Tatort-Drehbuchautoren!
Sehr geehrte (okay…) Damen und Herren! Warum nur…, warum müssen in (gefühlt) neunundneunzig von hundert Geschichten die Kommissare und Polizei-Mitarbeiter persönlich von dem Kriminalfall betroffen sein?! In der Realität [...]
Sehr geehrte (okay…) Damen und Herren! Warum nur…, warum müssen in (gefühlt) neunundneunzig von hundert Geschichten die Kommissare und Polizei-Mitarbeiter persönlich von dem Kriminalfall betroffen sein?! In der Realität sieht das so aus: Das gibt es praktisch nie. Ein Polizist kann locker über 30 Jahre lang Dienst tun (und zwar nicht nur im großstädtischen Bereich), ohne dass er (oder ein Familienangehöriger, oder ein Bekannter) *jemals* einen Täter, Verdächtigen oder ein Opfer persönlich kennen würde. Sollte es jemals zu einem solch äußerst seltenen Fall kommen, würde der Beamte sofort von dem Fall abgezogen. Okay. Beim Bullen von Tölz war das ja noch irgendwie lustig (und gehörte zum Running Gag), dass die Mama (in dem praktisch seit Jahrzehnten kriminalfallfreien Landkreis) stets über die Leichen stolperte. Der Witz hat sooo einen Bart! Beim Kottan war's der Stadtstreicher (Sandler), und damals konnte ich darüber noch schmunzeln. Aber normalerweise geht das gar nicht. Bei mir dauern die Tatorte genau so lang, bis in einer Einstellung (meistens bereits innerhalb der ersten fünf Minuten) die trunksüchtige Staatsanwältin zusammen in trauter Zweisamkeit mit dem Hauptverdächtigen in flagranti vom Kommissar "erwischt" wird (zu sehen in einem deutschen Tatort vor ca. einem halben Jahr, als ich es das letzte Mal testweise "wagte"). ZAP! Und weg! Es ist einfach zu blöd und zu einfach! Unerträglich. Ich meine: In echt gibt es das nie, und auch Columbo kam durch dutzende Folgen, ohne jemals intime oder familäre Verhältnisse zur "Kundschaft" gehabt zu haben. (Ihr totalen Versager. Aber für höhere Entlohnung und verbesserte Arbeitsbedingungen dicke Luft machen wie alle Jahre wieder. Sorry für die harschen Worte.) Danke dem Spiegel für die Vorwarnung. Heute also wieder Tatort-frei, zudem finde ich das völlig unverständliche Genuschel des bladen Herrn K. zum K. (Dagegen konnte der fast gleichförmige Otti ja Burgtheaterdeutsch.)
rodplaukrün 29.08.2014
3. Kritik
Die Kritik lese ich nicht, sie trifft zu selten meinen Geschmack. Allein danke für den Programmhinweis, dass wieder ein Tatort aus Österreich ("Ösi" aus der Head passt mMn ja eher zu Bild als zum Spiegel) kommt, [...]
Die Kritik lese ich nicht, sie trifft zu selten meinen Geschmack. Allein danke für den Programmhinweis, dass wieder ein Tatort aus Österreich ("Ösi" aus der Head passt mMn ja eher zu Bild als zum Spiegel) kommt, erfreut mich, sehe ich Krassnitzer-Tatorte immer wider gern, was ja leider nur einmal im Jahr der Fall ist. Der wird schon gut sein, die Atmosphäre und Bilder sind es jedenfalls bislang immer gewesen.
rodplaukrün 29.08.2014
4. Kritik
Die Kritik lese ich nicht, sie trifft zu selten meinen Geschmack. Allein danke für den Programmhinweis, dass wieder ein Tatort aus Österreich ("Ösi" aus der Head passt mMn ja eher zu Bild als zum Spiegel) kommt, [...]
Die Kritik lese ich nicht, sie trifft zu selten meinen Geschmack. Allein danke für den Programmhinweis, dass wieder ein Tatort aus Österreich ("Ösi" aus der Head passt mMn ja eher zu Bild als zum Spiegel) kommt, erfreut mich, sehe ich Krassnitzer-Tatorte immer wider gern, was ja leider nur einmal im Jahr der Fall ist. Der wird schon gut sein, die Atmosphäre und Bilder sind es jedenfalls bislang immer gewesen.
krautrockfreak 29.08.2014
5. Danke Zauberlehrling!
Und ich dachte, ich wäre der Einzige, dem es auffällt, dass in fast jeder Folge Tatort der Kommissar, ein Vorgesetzter oder ein Verwandter in den Fall verwickelt ist. Totaler Nonsens und unlogisch! Scheinbar aber braucht man [...]
Und ich dachte, ich wäre der Einzige, dem es auffällt, dass in fast jeder Folge Tatort der Kommissar, ein Vorgesetzter oder ein Verwandter in den Fall verwickelt ist. Totaler Nonsens und unlogisch! Scheinbar aber braucht man das, um den Fall irgendwie "außergewöhnlich" zu machen, dabei ist es mittlerweile Realität und bringt mich nur noch zum Gähnen. Tatort hat seinen Zenit überschritten und immer absurdere Fälle und besondere Effekte mit Kamera und Ton können da auch nichts mehr ändern. Tatort würde eine mehrjährige Pause gut tun!

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