Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Film über Rockband Mötley Crüe

Geht's noch?

Viel Anschauungsmaterial für toxische Männlichkeit, wenn auch unfreiwillig: Der Film "The Dirt" erzählt sehr generisch und gestrig von den Exzessen der in den Achtzigern populären Rockband Mötley Crüe.

Netflix
Von
Samstag, 23.03.2019   14:45 Uhr

Wer kommt eigentlich auf die Idee, einen Film über Mötley Crüe zu drehen? Mötley Crüe!

"The Dirt", ein US-Spielfilm, der seit Freitag bei Netflix verfügbar ist, entstand nach der gleichnamigen Autobiografie der in den Achtzigerjahren populären Glam-Metal-Band, die darin die übliche Geschichte von Sex, Drogen und Rock'n'Roll erzählte. Das war 2001. Als ausführende Produzenten zeichnet die damals federführende Urbesetzung - Nikki Sixx, Vince Neil, Mick Mars und Tommy Lee - auch für dieses Biopic verantwortlich, das nun, nach allerlei Produktionsquerelen, im Jahr 2019 von Kokain und Heroin, vor allem aber von Groupies, Chicks und anderen "Bitches" erzählt. Geht's noch?

Nun sollte jede Frage, die mit "Darf man heute eigentlich noch" beginnt, generell mit einem donnernden "Ja, verdammt!" beantwortet werden, bevor sie zu Ende gestellt ist.

Selbstverständlich "darf" man noch aus dem Rockgeschäft der Achtziger erzählen und so tun, als hätte es HIV nie gegeben. Natürlich "darf" dies streng und allein aus den wechselnden Perspektiven der Musiker selbst geschildert werden. Und selbstredend "darf" man dafür auch Jeff Tremaine engagieren, der sich als Regisseur der berüchtigten "Jackass"-Reihe auf MTV einen entsprechenden Namen gemacht hat.

Rauschhafte Bilder

Tremaine weiß, mit welchem Timing man eine Orgie am Pool oder einen Blowjob hinter der Bühne inszeniert. Umso miserabler ist das Timing des Films selbst, weil #MeToo inzwischen den Blick auf die bisher gängigen Heldengeschichten männlicher Selbstverwirklichung verändert hat.

Fotostrecke

"The Dirt": Von alten Jungs für ewige Jungs

Ganz im Gängigen bleibt auch "The Dirt". Es geht, wie eigentlich immer im musikalischen Biopic, mit rauschhaften Bildern los. Von der hoffnungsvollen Armseligkeit im Proberaum über den ganz großen Zirkus in der Boeing 747 über viele weiße Linien auf silbernen Tabletts führt die Handlung schnurstracks in die Entzugsklinik. Im Fall von Mötley Crüe endet die Geschichte nicht auf dem Friedhof, auch wenn es wohl knapp war - und ist daher auch eine Erzählung von Läuterung und Freundschaft. Unter Jungs.

Die erste Frau, die auftritt, ist die trinkende und qualmende Mutter von Bassist Nikki Sixx (Douglas Booth). Aus Sicht des rebellierenden Teenagers ist sie eine "Bitch!". Damit ist der Ton für den übrigen Film gesetzt. Frauen bleiben, wie die Songs ("Kickstart My Heart", "Girls, Girls, Girls") übrigens auch, aufputschendes Stilmittel im Hintergrund. Ihre Anwesenheit illustriert den ausschweifenden Lebensstil der Musiker, von denen sie konsumiert werden wie Koks - das in einer Szene direkt vom nackten Hinterteil weggeschnupft wird ("Hey, zappel mal nicht so!").

Irgendwann verkündet Sixx, während ihm eine weitere Nackte die Utensilien reicht, er habe sich "Hals über Kopf verliebt in das süßeste Ding, das ich je gekannt habe. Es gab mir all die Wärme und das Glück, das ich als Kind nie gespürt hatte. Es hieß Heroin". Die Herren haben eben alle ein großes, mutterförmiges Loch im Herzen, das nur von Heiligen gefüllt werden kann. Überbrückungsweise tun es auch eine Hure und ein Blowjob unterm Tisch. Oder eine Stripperin, auf deren Rücken der Schlagzeuger sich im Drogenrausch übergibt.

Bezeichnend ist eine Szene, in der die Freundin von Vince Neil (Daniel Webber) bei einer Probe protestiert, die Jungs spielten "zu laut". Bandleader Sixx instruiert den Sänger über seine Texte und deutet dann auf die Freundin: "Mach das still!", bevor die Gruppe besonders laut "losrockt". Heavy Metal, lernen wir, ist auch in seiner Glamrock-Inkarnation reine Männersache. Später gibt's für weibliche Widerworte auch mal eine Ohrfeige.

Endstation Katzenjammer

Nun waren Mötley Crüe - anders als Queen, die zuletzt mit "Bohemian Rhapsody" gefeiert wurden - schon zu ihrer Hochzeit lächerliche Abziehbilder und fade Aufgüsse dutzendfach durchgespielter Klischees dessen, was das Leben als Rockstar mit sich bringt - vom hysterischen Hedonismus, der im Film durchaus mit komödiantischer "Spinal Tap"-Verve inszeniert ist, bis zur folgenden Depression, die ebenso konsequent zur Tragödie stilisiert wird.

Wohin ihre zwanghafte Vergnügungslust sie führt, wird durch Auftritte von Ozzy Osbourne (Tony Cavalero), der seinen eigenen Urin schlürft und eine Ameisenstraße aufschnupft, oder des lethargischen David Lee Roth (Christian Gehring) präfiguriert. Genau dort, im umnebelten Katzenjammer, landen auch Mötley Crüe.

Sehenswert ist, wie Douglas Booth, der einstmals den Pop-Gegenentwurf Boy George verkörperte, das Abgleiten von Nikki Sixx verkörpert. Erfrischend ist auch die naive Unbeschwertheit, mit der Colson Baker (unter dem Namen Machine Gun Kelly als Rapper bekannt) den Schlagzeuger Tommy Lee verkörpert, der das TV-Sternchen Heather Locklear (Rebekah Graf) heiraten und verlieren wird. Als Gitarrist Mick Mars ist "Game of Thrones"-Psychopath Iwan Rheon zu sehen.

"The Dirt" - Trailer ansehen:

Der Aufstieg dieser Band erfolgt auf dem Rücken von Frauen. Ihr Abstieg zeigt sich daran, dass sie ihren Groupies, Ehefrauen und Müttern irgendwann den Buckel runterrutschen können. Wer noch nie über toxische Männlichkeit nachgedacht hat, der findet in diesem Film, der von jungen Jungs auf Basis von alten Jungs für ein Publikum von ewigen Jungs gedreht wurde, also allerlei Anschauungsmaterial. Unfreiwillig, wenn man so will. "The Dirt" ist kein Beitrag für den Feminismus, er will auch keine tradierten Rock'n'Roll-Narrative entlarven und modern ausdeuten, er soll ausschließlich die Legende ihrer gealterten Urheber zementieren.

Bei aller ausgestellten Ehrlichkeit bleibt der Verdacht, dass bei diesen "Confessions of the World's Most Notorious Rock Band", wie die protzige Unterzeile des Biografie-Buchs lautete, einiges an "Dirt" unter den Teppich gekehrt wurde. Am Ende ziehen sich die Männer an ihren eigenen langen Haaren aus dem Dreck - sie erinnern sich ihrer Freundschaft und erneuern den bluts- und spermabrüderlichen Bund. Und weil sie nicht gestorben sind, spielten sie "noch 20 Jahre zusammen".

"The Dirt" ist, wie Mötley Crüe selbst, ein wenig lächerlich und aus der Zeit gefallen. Einen solchen Film kann und "darf" man machen. Nur anschauen muss man ihn nicht.

insgesamt 60 Beiträge
House_of_Sobryansky 23.03.2019
1. Fatigué
Nichts ist schlimmer als die Partys von gestern, von welchen Oma und Opa ständig erzählen. Ob in Babylon Berlin, am Hofe Caligulas, 60er London, Mitt70er Schwabing, Früh80er NYC und Echnatons Tempelsausen für alle Ewigkeit. [...]
Nichts ist schlimmer als die Partys von gestern, von welchen Oma und Opa ständig erzählen. Ob in Babylon Berlin, am Hofe Caligulas, 60er London, Mitt70er Schwabing, Früh80er NYC und Echnatons Tempelsausen für alle Ewigkeit. Wir halten uns an die Hostien aus Kristall und ziehen vielleicht noch Christiane F. ins Kalkül. Fatigué.
1911 23.03.2019
2. Wenn man die Band
Nicht mag sollte man vielleicht keine „Rezension“ schreiben. Man kann sicherlich geteilter Meinung über den Film und die Musik/Band sein aber sicher nicht in diesem Stil.
Nicht mag sollte man vielleicht keine „Rezension“ schreiben. Man kann sicherlich geteilter Meinung über den Film und die Musik/Band sein aber sicher nicht in diesem Stil.
vera gehlkiel 23.03.2019
3.
All diese Biopics entwerten im Endeffekt irgendwie. Sogar bei Klassemusikern und sehr berühmten bemühten Regisseuren (Dylan/Scorsese) und egal, welche Grundform. Ein Hauptopfer dieser Ichsucht, die nicht mehr Motor für irgend [...]
All diese Biopics entwerten im Endeffekt irgendwie. Sogar bei Klassemusikern und sehr berühmten bemühten Regisseuren (Dylan/Scorsese) und egal, welche Grundform. Ein Hauptopfer dieser Ichsucht, die nicht mehr Motor für irgend etwas außerhalb des konsumistischen Ichaufessens ist, war für mich immer Ozzy Osborne. Der sich und die Seinen zum Glück mit dem weltbewegenden "Thirteen" noch rettete, und seither eigentlich sagen und tun oder lassen kann, was er will. Oder Axl Rose, dessen Stimme mal eine reine androgyne Sexmaschine war - wann kommt dessen Biopic? Oder hab ich es etwa verpasst? Musiker, die den Namen verdienen, hängen am Tropf einer Welt, in welcher die Zeit für Augenblicke still stehen kann, und wenn wir wieder gemeinsam erwachen, bleiben nervtötend kindische und dependente Himbeerbubis übrig. So tot wie das Holz, aus dem ihre filigranen Gitarren geschreinert sind. Notwendig, eins gibt es nicht ohne das andere. Das Lineup des ewig Weiblichen leistete hier anno dunnemals die eigentliche Arbeit, was sich heute aber auswaescht, respektive schon ausgewaschen hat. Heute wird der Idealfall anspruchsvollen Musizierens wohl, und das wird noch länger so bleiben, vom offen autoerotischen Konzept definiert. Schon bei Mötley Crüe ging es ja im Endeffekt um die uneingestandenen Schwulitaeten, die alles Maennerbuendische tief in sich an sich hat. Wie beim Gangbang, bei dem am Verzichtbarsten eigentlich die anwesende Frau wäre, wäre toxische Männlichkeit halt nicht so im Kern verlogen. Was übrig bleibt sind onanierende Autisten mit Drogensucht. Denen man ganz schnell was Handwerkliches zu tun geben muss, wenn man sie erfolgreich ausgenuechtert hat. Bauernhof mit Schafen, aber ohne die Attitüde "...da fand er zu sich selbst..."! Sondern mit dieser hier: "...da gelang ihm, sich selbst endlich loszuwerden..."
daniel209 23.03.2019
4. Naja
muss schon hart sein, für den selbst ernannten politisch korrekten #MeToo Fetischisten Arno Frank sowas anzuschauen. Ich kann sein Mimimimi über toxische Männlichkeit die in jedem 2. seiner Beiträge Platz findet bis hierher [...]
muss schon hart sein, für den selbst ernannten politisch korrekten #MeToo Fetischisten Arno Frank sowas anzuschauen. Ich kann sein Mimimimi über toxische Männlichkeit die in jedem 2. seiner Beiträge Platz findet bis hierher hören. Aber wie er selbst feststellt muss man es ja nicht anschauen.
vera gehlkiel 23.03.2019
5.
Und warum nicht? Die werfen diesen Film schließlich unter die Leute!? Welche Stilvorgaben sollte das seitens der Rezension überhaupt erforderlich machen?! Und warum sollte das eine Geschmacksfrage wie "welche Musik mag [...]
Zitat von 1911Nicht mag sollte man vielleicht keine „Rezension“ schreiben. Man kann sicherlich geteilter Meinung über den Film und die Musik/Band sein aber sicher nicht in diesem Stil.
Und warum nicht? Die werfen diesen Film schließlich unter die Leute!? Welche Stilvorgaben sollte das seitens der Rezension überhaupt erforderlich machen?! Und warum sollte das eine Geschmacksfrage wie "welche Musik mag ich eigentlich?" mit umfassen? Kapier ich nicht! Der Autor findet den Film antiquiert und überflüssig, das ist keine Geschmacksfrage, sondern eine Annahme zur Legitimität eines kontextuell gesetzten Unterhaltungsangebotes (lies: Zweitverwertung). Wer sollte dafür zuständiger sein können als ein Kulturredakteur, und von wem sollte man mehr erwarten dürfen, dazu ein meinungsstarkes Urteil abzugeben?! Der Mann tut nur seine Pflicht, und dieses äußerst achtbar. Klar, als Fan von denen wäre ich vermutlich momentan ja auch sauer, aber zu Unrecht.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP