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Kultur

Neues Solo-Album von Thom Yorke

Was bleibt, wenn nicht die Liebe?

Neues Album plus begleitender Netflix-Film: Radiohead-Sänger Thom Yorke taucht auf "Anima" wieder in den schwarzen Schlund der Seele, im Film tanzt er sich von Ängsten frei. Große Kunst mit einfachen Mitteln.

Netflix

Thom Yorke und die Tänzerin Dajana Roncione in "Anima"

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Donnerstag, 27.06.2019   14:46 Uhr

Da sitzen sie in der U-Bahn. Müde Gestalten auf dem Weg zur Arbeit, denen immer wieder die Augen zufallen und der Kopf auf die Brust sinkt oder zur Seite knickt. Unter ihnen ein nicht mehr ganz junger Mann mit melancholischer Miene und hängendem Augenlid. Immerhin, in ihm steckt anscheinend noch ein wenig Leben: Sein kleiner Dutt wackelt lustig mit, als er Teil der Choreografie wird, in die sich das ständige Wegnicken und Wiederaufwachen verwandelt.

Thom Yorke spielt und tanzt diesen müden Arbeiter, der Sänger der Band Radiohead, der am 27. Juni sein drittes Soloalbum "Anima" veröffentlicht. Dazu hat Meisterregisseur Paul Thomas Anderson ("Der seidene Faden") ein 15 Minuten langes Stück gedreht, das am selben Tag auf Netflix Premiere feiert. Der Konzern kündigte es vollmundig als Kurzfilm an, als musikalisch-visuelles Meisterwerk gar.

Tatsächlich ist "Anima" ganz wunderbar geworden, aber das kann man sagen und trotzdem die Kirche im Dorf lassen. Auch als verlängertes Musikvideo, das aus drei Albumtracks eine kleine, berührende Geschichte formt, überzeugt "Anima".

Yorkes neue Platte folgt auf eine Phase, in der der Musiker - nicht zum ersten Mal - von Angstattacken und einer Schreibblockade geplagt wurde, wie er dem britischen Magazin "Crack" in einem langen Interview erzählte. Insofern passt das Bild vom müden Mann, der zurück ins Leben findet. Im Fall des Films ist es der Blick einer Frau, der einen Energieschub verursacht, aus dem heraus der Mann sich auf die Suche nach ihr macht.

Anderson nutzt die Mittel des Tanztheaters, um diese Geschichte zu erzählen: In einer langen Kolonne wanken die Arbeiter zu Yorkes Song "Not the News" an ihre Wirkungsstätte und sehen dabei aus und bewegen sich wie die ausgemergelten Gestalten aus dem Stummfilmklassiker "Metropolis".

Auf einer schiefen Ebene versucht Thom Yorkes Figur dann zum Song "Traffic" verzweifelt, die Frau wiederzufinden, die er unterwegs verloren hat. Im dritten Teil "Dawn Chorus" findet er sie schließlich, die eckigen Bewegungen werden fließender, der Weg der beiden führt jetzt durch ein nächtliches Prag, sie tanzen bald gar und sitzen schließlich in einer Straßenbahn, wo sie liebevoll gegenseitig ihre Gesichter betasten.

Netflix

Reise vom Dunkel ins Licht: Radiohead-Sänger Thom Yorke in "Anima".

Von der Dystopie zur sanften Poetik der Liebe - Anderson und Yorke übersetzen prägnant die Stimmung des Albums in Bilder. Auf "Anima" erforscht Yorke erneut sein Unterbewusstes und die (Alb)-Träume, die ihn beschäftigen und beeinflussen. Der Titel seines dritten Solowerks bezieht sich auf die Begriffe Animus und Anima, die C.G. Jung in seiner Analytischen Psychologie verwendete, um im kollektiven Unterbewussten angelegte Archetypen zu bezeichnen.

Es geht also wieder in den schwarzen Schlund der Seele, Yorkes Stimme geistert über Drones und düstere Loops, Störgeräusche und ätherisches Rauschen. Yorkes Version von elektronischer Musik schöpft noch immer aus dem Quell, der 2001 der Radiohead-Meilenstein "Kid A" war, als die Band mit klassischer Rockmusik brach und Klaustrophobie, Weltangst und Überforderungsgefühle mit den Möglichkeiten digitaler Klangsphären illustrierte.

Auf "Anima" werden daraus minimalistisch instrumentierte Songs, düster immer noch, aber den Teufel hat Yorke schon mit dem 2018 erschienen Soundtrack zum Horrofilm "Suspiria" ausgetrieben. "Anima" ist sanfter, melancholischer, zugänglicher. "Dawn Chorus" etwa entwickelt aus dem simpelsten Keyboard-Motiv ein ergreifend melancholisches Stück, das zum Ende in ätherische Zwischenwelten entschwebt.

Die Botschaft ist nicht gerade subtil

"Anima" ist aber mehr als nur Nabelschau. Brexit-Chaos, neoliberaler Irrsinn, inkompetente Politiker, bedrohlicher Klimawandel, all das sind Themen, die Yorke bewegen und wütend machen. Und sie irrlichtern durch die Songs. "Show me the Money/Party with a rich Zombie" singt Yorke in "Traffic", und in Paul Thomas Andersons Begleitfilm wird daraus die "Metropolis"-Analogie.

Was in der Musik größtenteils wabert und sich ungesagt mitteilt, muss Anderson notgedrungen in Bilder umsetzen. Da ist zwar das Verfremdungselement des Tanztheaters, trotzdem ist die Botschaft des "Anima"-Films alles andere als subtil: In einer Welt des kalten Kapitalismus rettet uns nur der human touch. Das ist nun keine bahnbrechend neue Erkenntnis. Aber wer soll immer wieder daran erinnern, wenn nicht Künstler? Am Ende geht in "Anima" gar die Sonne auf, und Thom Yorke singt: "But you're free". Wenn selbst er das sagt - wer weiß, ob nicht doch was dran ist?

insgesamt 7 Beiträge
mariomeyer 27.06.2019
1. Yo!
Sollte das wirklich die Botschaft sein, der "human touch", dann finde ich das sehr, sehr dünn.
Sollte das wirklich die Botschaft sein, der "human touch", dann finde ich das sehr, sehr dünn.
klogschieter 27.06.2019
2. Nicht der schon wieder
Thom Yorke hat aus Prätention eine ganze Karriere gemacht, nicht den winzigsten Deut weniger schmierig als der große Gottesanbeter Bono, nur dass der mit seinen Jungs wenigstens noch einige memorable Schlager hingekriegt hat. [...]
Thom Yorke hat aus Prätention eine ganze Karriere gemacht, nicht den winzigsten Deut weniger schmierig als der große Gottesanbeter Bono, nur dass der mit seinen Jungs wenigstens noch einige memorable Schlager hingekriegt hat. Störgeräusche in der Popmusik sind die tollste Erfindung seit allem, es sei denn, sie sind nichts weiter als Ornamente für larmoyante Jammerlappenkleinkunst für Leute, die sich die "Rolling Stone"-Lesercharts rauf und runter anhören, inklusive Besuch auf dem Weekender, versteht sich. File auch under: The Notwist.
Papazaca 27.06.2019
3. Ein musikalisch Benachteiligter meldet sich aus dem Untergrund
Ja, ich bin auch auf Tom York reingefallen und habe das Album gerade bestellt. Und um das Fass noch voller zu machen, ich lese den Rolling Stones und habe auch Golden Neon von Notwist früher mal gekauft. Tolles Geschrammel. [...]
Zitat von klogschieterThom Yorke hat aus Prätention eine ganze Karriere gemacht, nicht den winzigsten Deut weniger schmierig als der große Gottesanbeter Bono, nur dass der mit seinen Jungs wenigstens noch einige memorable Schlager hingekriegt hat. Störgeräusche in der Popmusik sind die tollste Erfindung seit allem, es sei denn, sie sind nichts weiter als Ornamente für larmoyante Jammerlappenkleinkunst für Leute, die sich die "Rolling Stone"-Lesercharts rauf und runter anhören, inklusive Besuch auf dem Weekender, versteht sich. File auch under: The Notwist.
Ja, ich bin auch auf Tom York reingefallen und habe das Album gerade bestellt. Und um das Fass noch voller zu machen, ich lese den Rolling Stones und habe auch Golden Neon von Notwist früher mal gekauft. Tolles Geschrammel. Der Ausdruck Jammerlappenkunst hat fast literarische Qualität, den muß ich mir merken. Zum Weekender gehe ich allerdings nicht. Sollte ich? Ansonsten würde ich Ihnen gerne was empfehlen, aber ich will Ihnen nicht den Tag versauen. Gerade höre ich übrigens alten Kram: The Strokes, Is this it, Elliott Smith, XO und Sigur Ros. Ich werde trotzdem versuchen, weiter zu leben , obwohl mich diese Kritik sehr nachdenklich macht. Trinke vielleicht ein Glas .......... zur Ablenkung ...
klogschieter 27.06.2019
4. @papazaca Nr.2
Sehr geehrte Frau papazaca oder sehr geehrter Herr papazaca, je nachdem, mir war nach Gestänker, nehmen Sie mich bloß nicht zu ernst. Natürlich ist lärmendes Geschrammel mindestens die zweitbeste Erfindung nach [...]
Sehr geehrte Frau papazaca oder sehr geehrter Herr papazaca, je nachdem, mir war nach Gestänker, nehmen Sie mich bloß nicht zu ernst. Natürlich ist lärmendes Geschrammel mindestens die zweitbeste Erfindung nach Störgeräuschen, und, wenn büschn offensives Namedropping ausnahmsweise erlaubt ist, ich würde flennen wie ein kleines Kind, nähme mir irgendwer meine Velvet Underground-Platten, "Bizarro" von Wedding Present und, jawohlja, meine Smiths-Liveplatte weg... und, Achtung, selbstkritische Pointe, meine Erinnerung an dieses eine Notwist-Festivalkonzert, anlässlich dessen mir der wunderbare Krch eine erstklassige Gänsehaut gegen die Hitze bescherte. Dass Sie mir obendrein eine Herkunft aus dem Untergrund bescheinigen, das macht mich ganz rührselig, dankeschön. Über Thom Yorke und Radiohead lasse ich allerdings nicht mit mir verhandeln, der Mann ist wahrlich der nackte Kaiser, und es ist lange an der Zeit, dass mal jemand Berufeneres als ich nachhaltig rausposaunt, dass der nichts anhat.
Papazaca 27.06.2019
5.
Lieber Klugschieter, mit "Ein musikalisch Benachteiligter meldet sich aus dem Untergrund" sprach ich von mir. So anmaßend, Ihnen das zu unterstellen, bin ich nicht. Und Papazaca ist kein Mann und keine Frau sondern ein [...]
Lieber Klugschieter, mit "Ein musikalisch Benachteiligter meldet sich aus dem Untergrund" sprach ich von mir. So anmaßend, Ihnen das zu unterstellen, bin ich nicht. Und Papazaca ist kein Mann und keine Frau sondern ein geistähnliches Wesen aus dem Voodoo, man könnte grob von einem männlichem Voodoogott sprechen. Soweit ich weiß bin ich der einzige Voodoogott in den SPON-Foren .... lach ..... Zur Musik: Velvet Underground ist natürlich eine Supergruppe, ebenso The Smith. Notwist ist, glaube ich, aus Weiiheim, eine ganz spezielle Gruppe. Ja, Das Radiohead nicht jedermanns Sache ist, ist mir schon klar. Aber mir gefällt vieles, was nicht massenkompatibel ist, damit kann ich gut leben. Und gut finde ich es auch, wenn es im Forum locker zu geht, besonders an so heißen Tagen wie heute....

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