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Kultur
Schöner fernsehen

"Das große Fest der Besten" mit Florian Silbereisen

"Volksmusik ist wieder sexy"

DPA

Silbereisen und Gäste beim großen Finale

Von
Sonntag, 11.01.2015   15:39 Uhr

"Das große Fest der Besten" erweist sich als Dauerwerbesendung für etwas, das es nicht gibt - eine volkstümliche Musik, die sexy, cool und jung ist. Und für Florian Silbereisen, der an dieser Quadratur des Kreises arbeitet. Immerhin gibt es ihn wirklich.

Ein propellerbetriebenes Schwebefahrzeug, auch Hovercraft genannt, kann eine vollendete Metapher sein. Vor allem, wenn es Florian Silbereisen ist, der da auf einem Kissen aus heißer Luft in die Halle geknattert kommt. Gekleidet in dezent existenzialistisches Schwarz singt er sodann mit großer Peteralexanderhaftigkeit den Song zur Show: "Wer war letztes Jahr erste Wahl? / Wen fanden wir phänomenal?", denn nur die "ganz besonders erfolgreichen" Gestalten bekommen hier einen ganz besonders grotesken Preis verliehen, die "Eins der Besten".

Nach jedem dritten Auftritt wird der kantige Goldphallus von einer nicht unschmierigen, gleichwohl ganz in Weiß gekleideten "TV-Tanzgruppe" die Showtreppe heruntergetragen. Zuerst bekommt ihn Voxxclub überreicht, eine bajuwarische Schuhplattler-Bumm-Bumm-Boyband, die nur deshalb in schwarzen Anzügen auf die Bühne kommt, um sie sich sogleich vom Leib zu reißen und in Lederhosen den wippenden Handstand auf nur einem Arm zu zeigen. Zumindest das Athletische hat Einzug gehalten in die Welt der Volksmusik, oder das, was auf der Skihütte nach dem vierten Korn dafür gehalten wird.

Schon hält man die Luft an, denn von "Atemlos" ist die Rede, wir sehen Helene Fischer mit der Nationalmannschaft am Brandenburger Tor. Dann tritt aber nur eine gewisse Kristina Bach auf und erzählt zum umpfzigsten Mal, wie sie damals den Hit in ihrer Küche auf Mallorca geschrieben hat. Und während man sich noch vorstellt, wie schön das wäre, hätte man doch nur eine Küche auf Mallorca, singt Cassandra Steen zusammen mit einem Kinderchor "Ich geh mit meiner Laterne". Rabimmel, rabammel, rabumm.

Schlüpfrigkeit und Kontrollverlust

Maite Kelly hingegen ist immer für einen kleinen Kontrollverlust gut. Nachdem Silbereisen dem Schwergewicht galant auf den Hocker geholfen hat, möchte er gerne über ihr süßes Neugeborenes reden. Kelly: "Du kannst auch gerne Kinder mit Helene machen, die werden bestimmt süß!" Silbereisen: "Jaja, jetzt lass und erst mal über dich reden." Denn Maite Kelly hat für Roland Kaiser einen Song geschrieben, der wie aus einer anderen Zeit hereingewankt kommt. Nach der Schlüpfrigkeit seiner Texte gefragt, klärt Kaiser auf, es gehe eben im Schlager auch um "Situationen, die sich nicht nur hier oben abspielen", wozu er mit der Hand vor der Stirn herumflattert, "sondern ein bisschen weiter hier unten", wobei er die Hand zum Entzücken des Publikums auf Hüfthöhe senkt, der Schwerenöter.

Überhaupt, das Publikum im Berliner Tempodrom. So sehnsüchtig bis verzweifelt die Kameras auch über einen Wolfgangsee aus ergrauten Häuptern schweifen, es sind kaum zurechnungsfähige Menschen unter 50 zu sehen. Weshalb Silbereisens womöglich ansteckende Begeisterung auch ein wenig ins Leere läuft: "Volksmusik ist wieder sexy, ja, da ist wirklich was los!", wo doch augenscheinlich rein gar nichts los ist in der Halle. Kein Wunder, bewegt auf einer jetzt sehr kargen Bühne gerade Michelle die Lippen ("Wir steigen bis hinauf ins All bei 30.000 Grad"). Michelle war mal so was wie Helene Fischer, bevor Helene Fischer kam.

Danach darf Beatrice Egli, Schweizer Schlagerstar und gelernte Friseurin, dem Silbereisen ein wenig an den Schläfen herumschnippeln: "Das wird nämlich so silber hier, kommt zu Hause gut an!" In der Halle auch. Es folgt Lucy, die mal bei den No Angels war, die es auch mal gab, und singt ein russisches Volkslied auf Speed. Als Entschädigung gibt es "Chiquitita" von Abba, weil das immer geht. Aber dann kommt DJ Ötzi mit Seventies-Perücke auf die Bühne, und plötzlich geht auch Abba nicht mehr.

Volksmusik, Breakdance und Seriendarsteller

Es war dies einer der vielen Augenblicke, in dem man sich wünschte, im viel beschworenen "Ausland" möge nun bitte niemand ausgerechnet ARD einschalten. Turntanztruppen in Lederhosen tischten zu fröhlicher Stampfmusik etwa 35 Jahre alte Breakdance-Moves auf, das Ensemble von "Riverdance" ließ sich von Silbereisen auf dem Akkordeon begleiten und das Ensemble von "Der König der Löwen" verbreitete ein wenig Exotismus. Zwischendurch wurden Sternchen aus "In aller Freundschaft" und "Verbotene Liebe" hergezeigt, wohl der Jugend wegen und um zu zeigen, "wie cool Volksmusik ist".

Ganz auf dieser Linie rauscht derzeit Heino durch die Charts. Neuerdings macht er etwas, das man für Metal halten könnte. Zwischen gotischen Spitzbögen liefert er eine Black-Sabbath-Version von "La Paloma" zu schweren Gitarrenriffs und Feuerfontänen. Heinos Konzept ist so durchdacht und die Corporate Identity" so vollendet, dass sogar seine Frau Hannelore mit Nieten-Applikationen auf den Schultern aufkreuzt.

Zur Beruhigung gibt es Désirée Nick mit einer "Im weißen Rössl"-Revue und Silbereisen am Akkordeon. Nick meint, niemand wähle diesen Beruf aus finanziellen Gründen: "Letztendlich ist es doch immer diese Sehnsucht, den Menschen eine Freude zu bereiten." Ein schöner Anlass für den Moderator, zum wiederholten Mal für seine anstehende All-Stars-Tournee mit dem treffenden Titel "Das Fest der Feste" zu werben. Da gibt es auch "Volksmusik", denn die ist "kraftvoll, spaßvoll und sexy". Leider, bedauert Silbereisen, seien "noch nicht alle Stars aus allen Musikrichtungen dazu bereit", die Grenzen zwischen den Genres "einfach zu ignorieren". Und ehe er sich's versieht, wird - pardautz! - Silbereisen für seinen Einsatz selbst mit der kraftvollen und sexy Trophäe geehrt.

Zeit für das große Finale mit - Trommelwirbel - Helene Fischer. Die ist, "Bunte"-Leser werden's geahnt haben, die Freundin von Florian Silbereisen, und so werden wir fürs Warten auf diese Sternstunde mit einstudiertem Geturtel belohnt: "Für viele Männer bist du die ideale Frau. Was sagst du dazu?" - "Ich wusste das vorher alles gar nicht!" Das große Finale bestreitet Fischer im rückenfreien Abendkleid, für das noch größere Superfinale dürfen alle - wirklich ausnahmslos alle - noch mal ran und müssen aufpassen, nicht in irgendeine Feuerfontäne zu geraten.

Doch, nach mehr als drei Stunden ist die Botschaft angekommen: "Volksmusik macht Spaß, auch wenn's nicht jeder zugibt." Auch wenn nach dieser Sendung manche Ignoranten mehr denn je die volkstümliche Musik für den giftigen Schlick halten könnten, in dem sich falsche Sentimente zu Sedimenten schichten.

insgesamt 27 Beiträge
karlsiegfried 11.01.2015
1.
Es soll jeder nach seiner Facon selig werden. Meine Facon ist es noch nie gewesen.
Es soll jeder nach seiner Facon selig werden. Meine Facon ist es noch nie gewesen.
schilling246 11.01.2015
2.
Ich hab noch nie eine Volksmusiksendung gesehen und kenne Helene Fischer nur aus irgendeinem Werbespot, aber ich kann nur hoffen und beten, dass solche Sendungen niemals enden mögen. Ich möchte auf gar keinen Fall auf Artikel, [...]
Ich hab noch nie eine Volksmusiksendung gesehen und kenne Helene Fischer nur aus irgendeinem Werbespot, aber ich kann nur hoffen und beten, dass solche Sendungen niemals enden mögen. Ich möchte auf gar keinen Fall auf Artikel, wie den von Herrn Arno Frank zu der gestrigen Sendung, verzichten. Denn die sind wahre gute Unterhaltung. Danke und weiter so!!!
barlog 11.01.2015
3.
Zitat: "So sehnsüchtig bis verzweifelt die Kameras auch über einen Wolfgangsee aus ergrauten Häuptern schweifen, es sind kaum zurechnungsfähige Menschen unter 50 zu sehen." Zwar ein böser Satz, aber es ist [...]
Zitat: "So sehnsüchtig bis verzweifelt die Kameras auch über einen Wolfgangsee aus ergrauten Häuptern schweifen, es sind kaum zurechnungsfähige Menschen unter 50 zu sehen." Zwar ein böser Satz, aber es ist tatsächlich auffällig, welcher Menschentyp unter 50 solche Art von, nun ja, Musik so lieb hat. Man klicke nur mal auf die Bildergalerie auf der HP von irgendeinem Andrea-Fischer-oder-ähnlich-Fanclub - viel Spass!
de vriend 11.01.2015
4.
Ist halt typisch ARD/ZDF. Am Wochenende hat man die Wahl zwischen Mutantenstadel/Herzkino- Schmonzetten Irland/Norwegen/Schweden und Tatort/Pilcher. Obwohl schon über 50 blende ich da aus und hoffe, da das jetzige Programm wohl [...]
Ist halt typisch ARD/ZDF. Am Wochenende hat man die Wahl zwischen Mutantenstadel/Herzkino- Schmonzetten Irland/Norwegen/Schweden und Tatort/Pilcher. Obwohl schon über 50 blende ich da aus und hoffe, da das jetzige Programm wohl eher für die 70-80 jährigen konzipiert ist, in 20 Jahren dabei zu sein oder wenigstens den Zustand der Senilität erreicht zu haben, um das jetzige Programm zu ertragen
spiegelfrauchen 11.01.2015
5. Nein !
Das ist überhaupt nicht sexy oder cool . Gelackt , albern , spießig und langweilig und sehr verkrampft bemüht eben sexy und cool zu sein . Es klappt nicht , also bleibt einfach nur Volksmusiker . Ihr werdet nie lässig sein .
Das ist überhaupt nicht sexy oder cool . Gelackt , albern , spießig und langweilig und sehr verkrampft bemüht eben sexy und cool zu sein . Es klappt nicht , also bleibt einfach nur Volksmusiker . Ihr werdet nie lässig sein .

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