Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

ORF-"Tatort" über Sexsklavinnen

Wiens verkaufte Seelen

Wien, ein einziger großer Sex-Discounter: Im neuen ORF-"Tatort" steigen die Kommissare Eisner und Fellner tief hinab in die Elendszonen der Sexindustrie, wo sich Bulgarinnen für 30 Euro verkaufen müssen. Ein nachtschwarzes Prostitutionspanaroma, das die Regeln des Krimis auf den Kopf stellt.

ARD
Von
Freitag, 13.09.2013   14:58 Uhr

Der alte Mann mit dem roten Kopf tätschelt über den Rücken der Frau. Fragt Preise und Sexpraktiken ab, fordert Rabatt und ausgefallene Techniken. Die Frau sträubt sich, verhandelt nach. Irgendwann ist die Hand des Freiers am Po angekommen und ertastet - Handschellen! Die klicken dann auch wenig später zu. Die belästigte Frau ist keine bulgarische Prostituierte, sondern Bibi Fellner (Adele Neuhauser), Major beim Wiener Morddezernat. Der notgeile Alte wird von der Polizistin mit einem Schrecken nach Hause geschickt; dazu gibt es die strenge Ermahnung, nächstes Mal gefälligst 150 Euro für den Liebesdienst zu zahlen, statt sein Gegenüber auf 30 runterhandeln zu wollen.

Alles eine Frage der korrekten Bezahlung? Alles im Lot auf Wiens Billigstrich? Natürlich nicht. Die nur scheinbar unverwüstliche Bibi Fellner legt in diesem "Tatort" spontane Undercover-Einsätze hin, durchstreift wütend die Tischmädchenlokale Wiens, wo die Prostituierten ihre Geschäfte mit Freiern anbahnen, und geht mit bulgarischen Zuhältern in den Clinch. Am Ende bleibt die Donau-Stadt trotzdem ein einziger Sex-Discounter, in dem die Preise für Triebabfuhrhilfleistungen immer wieder aufs Neue unterboten werden. Fellner, die zu allem bereite Ex-Sitte-Ermittlerin, Ex-Alkoholikerin und Ex-Strizzi-Freundin, bleibt machtlos.

Am Anfang sieht man die Fünfzigjährige, wie sie ihrer Therapeutin erzählt, dass sie einfach nicht mehr mitfühlen kann mit anderen Menschen: "Ich brauche wahrscheinlich zehn Leichen, um was zu spüren." Aber dann bedarf es doch nur einer einzigen Toten, um Fellner die Tränen in die Augen treiben - einer ermordeten bulgarischen Ex-Prostituierten nämlich, die von der Polizistin dazu überredet worden war, gegen einen Zuhälter auszusagen, um ihn in den Knast zu bringen.

Trieb trifft auf Kapitalismus

Den Tod der Ex-Prostituierten sehen wir ebenfalls gleich am Anfang: Ein Junge radelt mit dem Fahrrad lächelnd auf sie zu, zieht eine Wasserpistole und bespritzt die junge rauchende Frau mit Benzin. Flammen schlagen an ihr hoch, im Krankenhaus erliegt sie später ihren Verbrennungen.

Es sind sehr explizite Bilder, mit denen dieser "Tatort" die Billigzonen der Wiener Sexindustrie ausleuchtet. Sabine Derflinger, eine der risikofreudigsten deutschsprachigen Regisseurinnen, hatte schon 2010 in ihrem Drama "Tag und Nacht" einen Teil des Wiener Rotlichtmilieus gezeigt. In dem Kinofilm erzählte sie von zwei Studentinnen, die sich aus Abenteuerlust einem Escort-Service anschließen, sich aber schließlich in einem Sog aus Gewalt und Selbstentfremdung verlieren. Die Sexarbeit wurde so dezidiert beleuchtet, dass der vom ORF mitfinanzierte Film bislang noch keine Fernsehausstrahlung gefunden hat. Wird er wahrscheinlich auch nie bekommen.

Der neue ORF-"Tatort" schließt in seiner Schonungslosigkeit nun an Derflingers Hurenpsychogramm an - zeigt allerdings eine ganz andere Seite der Sexindustrie und öffnet das Thema in ein nachtschwarzes Panorama: Es geht um die etwa 6000 ohne Papiere in Wien lebenden Migrantinnen, die anschaffen gehen, zum Großteil unter Zwang. Viele von ihnen Roma-Mädchen, die aus bulgarischen Dörfern verschleppt wurden und sich in türkisch-bulgarisch geführten Tischmädchenlokalen für 30 Euro andienen müssen.

Mehr als ein Milieuschocker mit Echtheitszertifikat

"So was nenne ich nicht Prostituierte, so was nenne ich Sklavin", sagt im "Tatort" Bibi Fellner. Prostitution unter dem Vorzeichen des Preiskriegs: So was nennen wir die schlimmste Form des Aufeinandertreffens von Trieb und Kapitalismus.

Das Drehbuch von Martin Ambrosch, der mit Regisseurin Derflinger schon den furiosen Wiener Geflügelmafia-"Tatort" "Falsch verpackt" gedreht hatte, schlüsselt die sozioökonomischen Verstrickungen zwischen dem Balkan und dem Rotlichtmilieu um den Prater genau auf. Und Derflinger inszeniert die Elendssegmente der Wiener Sexindustrie mit trockener Härte; sie weidet sich nicht am Leid der jungen Frauen, sie zeigt dieses Leid in seiner brutalen Alltäglichkeit. Nur einmal erklingt kurz ein aufwühlender bulgarischer Frauenchor im Soundtrack. Gedreht wurde an authentischen Orten. Bei den Szenen in den Tischmädchenlokalen laufen zum Teil echte Freier als Statisten durchs Bild. Das ist schon ein Unterschied zu den früheren Eisner-Fellner-Krimis, bei denen es schon mal grotesk-komische Verwicklungen zwischen den Ermittlern und dem schwulen Luden "Inkasso-Heinzi" gab (mit dessen Flitzer Bibi übrigens immer noch durch Wien fährt). Fern sind die Zeiten der drolligen Puff-Zoten.

Trotzdem ist der neue österreichische "Tatort" mehr als ein Milieuschocker mit Echtheitszertifikat. Den Filmemachern gelingt es, geschickt die dramaturgischen Regeln des Krimis auf den Kopf zu stellen. Denn Fellner und Eisner (Harald Krassnitzer) übernehmen bald die Sorge für den Minderjährigen, der die Prostituierte getötet hat - und nun wiederum von jenen verfolgt wird, die ihn zur Tat angestiftet haben. Ausgerechnet über diesen Elfjährigen mit schwarzen Knopfaugen lernt Fellner menschliche Anteilnahme. Der Polizistin werden schließlich von bulgarischen Menschenhändlern alle Knochen im Leib gebrochen, der Junge aber kommt mit dem Leben davon.

Das ist die grimmige Pointe dieses außergewöhnlichen "Tatort": Der Mörder, hier muss er nicht gejagt werden, sondern beschützt.


"Tatort: Angezählt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 53 Beiträge
secret77 13.09.2013
1.
Schön dass der Tatort immer öfter mutiger wird. Nicht schön, dass der Spiegel das Ende des Films ausplappert.
Schön dass der Tatort immer öfter mutiger wird. Nicht schön, dass der Spiegel das Ende des Films ausplappert.
zaam 13.09.2013
2. Tatort-Saison reloaded
Es ging ja langsam los mit den Tatorten nach dem Sommer - mit diesem sind wir aber mittendrin im unangenehmen Sonntagabend. Und trotz aller Bemühen mit Mediatheken / fernsehstrom oder sonst etwas: Hier kann man mal live zugucken, [...]
Es ging ja langsam los mit den Tatorten nach dem Sommer - mit diesem sind wir aber mittendrin im unangenehmen Sonntagabend. Und trotz aller Bemühen mit Mediatheken / fernsehstrom oder sonst etwas: Hier kann man mal live zugucken, damit man am Montag mitreden kann.
WhereIsMyMoney 13.09.2013
3.
Wieso wird eigentlich in Filmen und Medien überhaupt es immer so dargestellt als wäre dieses Milieu das absolute Elend? Lange Zeit habe auch ich das geglaubt, dank den Medien. Doch dann sah ich einige Studien. Und die Wahrheit [...]
Wieso wird eigentlich in Filmen und Medien überhaupt es immer so dargestellt als wäre dieses Milieu das absolute Elend? Lange Zeit habe auch ich das geglaubt, dank den Medien. Doch dann sah ich einige Studien. Und die Wahrheit ist eher, dass in diesem Milieu sehr gut verdient wird.
doug_quaid 13.09.2013
4. ......wo sich Bulgarinnen für 30 Euro verkaufen müssen
im frankfurter BHV gibt es die 20 min geschlechtsverkehr inklusive französisch schon ab 20 euro, mir selbst wurde schon für 25 euro AO (alles ohne) angeboten.
im frankfurter BHV gibt es die 20 min geschlechtsverkehr inklusive französisch schon ab 20 euro, mir selbst wurde schon für 25 euro AO (alles ohne) angeboten.
wusel8 13.09.2013
5. Rezension
War es früher nicht so, dass Rezensionen NACH der Ausstrahlung einer Sendung geschrieben wurden? Euch Journalisten gehen anscheinend wirklich die Themen aus!
War es früher nicht so, dass Rezensionen NACH der Ausstrahlung einer Sendung geschrieben wurden? Euch Journalisten gehen anscheinend wirklich die Themen aus!

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP